ENKEL FÜR ANFÄNGER

Titel, Plakat und Besetzung lassen Schlimmes vermuten, aber falsch gelegen: Nach „Das perfekte Geheimnis“ startet mit „Enkel für Anfänger“ schon wieder eine gelungene deutsche Komödie in den Kinos. Auf nichts ist mehr Verlass. 

Sie hat einen alten Griesgram zu Hause sitzen, ihm ist der Lebensgefährte vor ein paar Jahren weggestorben. Die befreundeten Rentner Karin (Maren Kroymann) und Gerhard (Heiner Lauterbach) langweilen sich. Auftritt Philippa (Barbara Sukowa): Die quirlige Hippie Frau überredet die beiden, Jobs als Leihoma und Leihopa anzunehmen. Das führt Anfangs zu Turbulenzen, bald aber zu der Einsicht, dass das Alter noch Überraschungen bereithalten kann.

„Enkel für Anfänger“ ist zwar ziemlich harmlose Kost, punktet aber mit einer durchweg komischen Geschichte und macht sich ausgiebig über Helikoptereltern und eingerostetes Rentnerdasein lustig. Dialoge und Timing sitzen, nicht selbstverständlich für eine deutsche Komödie. Dass aus dem Stoff keine alberne Klamotte geworden ist, verdankt der Film in erster Linie seiner Besetzung. Maren Kroymann, Barbara Sukowa und vor allem Heiner Lauterbach glänzen mit pointiertem, nuancierten Spiel.

FAZIT

Alte Profis, neu entdeckt in einer stimmigen Familienkomödie.

Deutschland 2020
104 min
Regie Wolfgang Groos
Kinostart 06. Februar 2020

LITTLE WOMEN

Wer Kostümschinken hasst, der kann sich „Little Women“ sparen. Für alle anderen ist Greta Gerwigs Film ein Muss. In ihrer erfrischenden Neu-Interpretation des Romans von Louisa May Alcott wechselt die Regisseurin virtuos zwischen verschiedenen Zeitebenen und verknüpft dabei elegant allerlei Handlungsstränge miteinander. Wie bei ihrem Vorgängerfilm „Lady Bird“ geht es auch hier um weibliches Selbstverständnis, die Wahl zwischen traditionellem oder selbstbestimmten Lebensentwurf. Dass daraus kein nerviges Emanzipations-Lehrstück, sondern ein kurzweiliges feel-good-movie geworden ist, ist der große Verdienst der Regisseurin und ihrer Darsteller. 

Reifröcke, Pferdekutschen und Herrenhäuser – es ist alles dabei. Die Erzählung von den vier March-Schwestern, die zusammen mit ihrem vermögenden Nachbarn Theodore ihren Weg ins Erwachsenenleben suchen, hätte auch leicht zu einer Schmonzette geraten können. Doch Greta Gerwig versteht es, die zeitlose Coming-of-age-Geschichte angenehm unkitschig zu inszenieren. Dem zuzusehen, ist ein großes Vergnügen. Dazu glänzt „Little Women“ mit einem beeindruckenden Ensemble: Saoirse Ronan, Emma Watson, Laura Dern, Meryl Streep und Timothée Chalamet. Ein echter Scene Stealer ist Florence Pugh, die schon letztes Jahr in „Midsommar“ positiv aufgefallen ist.  

FAZIT

Unterhaltsame Geschichte, interessante Figuren und kluger Humor. Empfehlenswert.

Originaltitel „Little Women“
USA 2019
134 min
Regie Greta Gerwig
Kinostart 30. Januar 2020

DAS GEHEIME LEBEN DER BÄUME

Literaturkritiker Denis Scheck sagt über das gleichnamige, 2015 erschienene Buch: „Ein (…) unprätentiöses Sachbuch, das daran erinnert, warum es kein besseres Medium für den Transfer von Wissen gibt als das Buch.“

Da ist was dran. Ein Dokumentarfilm zum Thema Bäume schadet zwar auch nicht, fraglich allerdings, ob man sich diesen hier im Kino ansehen muss. 

Regisseur Jörg Adolph handelt die einzelnen Kapitel des Bestsellers uninspiriert ab und findet dabei weder eine stringente noch besonders aufregende Bildsprache für sein eigentlich interessantes Sujet. Die 96 Minuten sind mit ein paar Zeitrafferaufnahmen, elegischer Musik und sehr, sehr viel Peter Wohlleben gefüllt. Der Autor ist zwar eloquent und unterhaltsam, doch das Best-of all seiner Talkshowauftritte, Vorträge und Interviews trägt zur Vertiefung des Themas wenig bei. Hauptanliegen scheint eher Peter Wohllebens Vermarktung als das Wohl des Waldes zu sein. 

FAZIT

Wie so oft: Lieber das Buch lesen. Oder gleich festes Schuhwerk und Regenjacke anziehen und einen Waldspaziergang machen.

Deutschland 2020
96 min
Regie Jörg Adolph
Kinostart 23. Januar 2020

JOJO RABBIT

Irgendwo in einem bayerischen Phantasiedorf, gegen Ende des Zweiten Weltkriegs: Die Welt des 10-jährigen Mini-Nazis Jojo wird auf den Kopf gestellt, als er entdeckt, dass seine Mutter ein jüdisches Mädchen im Haus versteckt hält. Mithilfe seines imaginären Freundes Adolf Hitler muss sich Jojo seinem blinden Nationalismus stellen.

Satire oder Drama? „Jojo Rabbit“ bleibt bis zum Schluss unentschieden. Für beides reicht es nicht so recht, der Film hat weder genug Tiefe, um wirklich zu berühren, noch ist er – bis auf ein paar Szenen – besonders lustig. Schauspielerisch gibt’s nichts auszusetzen: Sam Rockwell, Rebel Wilson und Stephen Merchant glänzen in Nebenrollen, Roman Griffin Davis als Jojo ist eine Entdeckung und Scarlett Johansson war lange nicht so gut wie in diesem Film. Regisseur Waititi in der Rolle des durchgedrehten Führers ist anfangs noch ganz spaßig, doch nach ein paar Auftritten zu viel nervt der clowneske Gröfaz. 

Hätte sich Wes Anderson des Stoffes angenommen, wäre daraus vielleicht ein richtig schräger, besserer Film geworden. So aber bleibt die Geschichte vom fanatischen Jungen, durch dessen Augen der Zuschauer den Zweiten Weltkrieg erlebt, gut gemeint, doch letztendlich enttäuschend.

FAZIT

Nach all dem Hype: ein herzliches „geht so“.

Originaltitel „Jojo Rabbit“
USA 2019
108 min
Regie Taika Waititi
Kinostart 23. Januar 2020

THE GRUDGE

So fängt das Kinojahr schon gleich ungut an: „The Grudge“ hat es geschafft, beim Bewertungsportal CinemaScore das selten vergebene „F“ zu erlangen. Schlechter geht’s nicht.

„The Grudge“ 2020 ist bereits die dritte Fortsetzung der amerikanischen Neuauflage des japanischen Originals „Ju-On“ von 2002. Wieder geht es um böse Geister, die sich in Häusern samt deren Bewohnern einnisten. Eine junge Mutter schleppt einen solchen Geist unwissentlich von Japan in die USA ein. Bald darauf tötet sie ihre Familie und sich selbst. Detective Muldoon versucht, den brutalen Familienmord aufzuklären. Im Rahmen ihrer Ermittlungen vor Ort betritt sie das verfluchte Haus und wird bald selbst von den Geistern verfolgt. Soweit, so unoriginell.

Regisseur Pesce bemüht sich, seine Geisterbahnfahrt durch verschachtelte Handlungs- und Zeitebenen mit ein wenig Bedeutung und Tiefe aufzuladen. Auch lobenswert: Statt perfekter CGI setzt der Filmemacher auf analoge Effekte. Viel geholfen hat die Mühe jedoch nicht. Der „Spukhaus“- und „Rache aus dem Totenreich“-Geschichte lässt sich als Nichtkenner der Filmserie nur schwer folgen. Da erlahmen das Interesse und die Sorge um die Figuren schnell. Und richtiger Horror will sich auch nicht einstellen: Die immer gleichen Jump-Scares, in denen entstellte Leichen und Geister urplötzlich aus dem Dunkel auftauchen, haben sich rasch abgeschliffen.

FAZIT

Hat ein paar gelungene Momente – alles in allem aber eher fade Gruselkost.

Originaltitel „The Grudge“
USA 2020
93 min
Regie Nicolas Pesce
Kinostart 09. Januar 2020

LITTLE JOE – GLÜCK IST EIN GESCHÄFT

Biogenetikerin Alice hat eine Wunderblume entwickelt. Die verlangt im Gegensatz zu anderen, pflegeleichteren Neuzüchtungen sehr viel Zuwendung, regelmäßiges Gießen und liebevolle Anrede. Als Belohnung für die Mühe versprüht sie einen glücklich machenden Duftstoff. Soweit die Theorie. Doch je weiter die geheimnisvolle Blume wächst, desto mehr verändern sich die Menschen in Alices Umfeld. Ihr Verdacht erhärtet sich, dass ihre Schöpfung womöglich nicht so harmlos und glücksverheißend ist, wie ursprünglich geplant.

Achtung, die Doppelgänger kommen! Im Sci-Fi-Klassiker „Invasion of the Body Snatchers“ übernehmen außerirdische Samenkapseln die Körper der Menschheit und machen aus ihnen empathielose, gleichgeschaltete Hüllen. „Little Joe“ erzählt eine ähnliche Geschichte, nur verlangsamt und ohne Aliens.

Interessant ist vor allem die Machart des Films: Rot, weiß und mintgrün sind vorherrschende Farben, das zieht sich von der Blume über die Laborkittel bis zur Haarfarbe der Hauptfigur durch. Das abstrakte Farbkonzept unterstützt den märchenhaften Aspekt der Geschichte. Die Bildführung passt sich dem zwanghaften Verhalten der Figuren an: Mehrfach fährt die Kamera bei Dialogszenen stoisch an den Protagonisten vorbei ins Nichts. Anstelle von Musik kommt ein nerviger, hochfrequenter Ton zum Einsatz. 

Die österreichische Regisseurin Jessica Hausner liefert mit ihrem ersten englischsprachigen Film ein irritierendes, oft beklemmendes Genrestück ab, das zeitweise an eine etwas zu lang geratene Folge der Netflix-Serie „Black Mirror“ erinnert.

FAZIT

Ungewöhnlicher Mysterythriller, mit Emily Beecham und Ben Whishaw ausgezeichnet besetzt.

Originaltitel „Little Joe“
Österreich 2019
105 min
Regie Jessica Hausner
Kinostart 09. Januar 2020

3 ENGEL FÜR CHARLIE

Was haben der neue „3 Engel für Charlie“-Film und ein Kropf gemeinsam? Genau.

Die dümmliche Geschichte um eine elektronische Handgranate im Applestyle sieht wie die zu lang geratene Folge einer mittelmäßigen Fernsehserie aus. Vielleicht ist das als Referenz ans Original aus den 70er-Jahren gedacht, aber ins Kino lockt man damit kaum jemanden. 
Die 3 Engel Dylan (Kristen Stewart – zeitgeistgerecht ein bisschen lesbisch), Natalie (Naomi Scott) und Alex (Ella Balinska) sind Teil der Charles Townsend Agency. Die Ermittlerinnen beschränken sich in globalisierten Zeiten schon längst nicht mehr aufs heimische Kalifornien, sondern sind nun in internationalen Gefilden unterwegs. Wirre Pseudo-007-Drehbuchidee: Diverse Engel-Teams, die von verschiedenen „Bosleys“ geleitet werden, übernehmen weltweit Spionagejobs.

Für wen wurde dieser Film gemacht? Sollen junge Mädchen das als feministisches Statement missverstehen? Wenn Feminismus bedeutet, dass alle Männer scheiße und Frauen cool und schlagfertig sind, dann bitte schön. Natürlich stehen die emanzipierten Mädels trotzdem total auf Klamotten, am liebsten was Glitzerndes. Seltsam, wenn erwachsene Frauen unentwegt Girl-Power-Klischees von sich geben und dabei in erster Linie perfekt gestylt und gut aussehend sein wollen. So löst dann auch die Entdeckung, dass es im Headquarter der Townsend Agency mehr als EINEN begehbaren Kleiderschrank gibt, multiple Orgasmen aus.

FAZIT

Albern, doof und schlecht gemacht – trotzdem auf trashige Art unterhaltsam.

Originaltitel „Charlie’s Angels“
USA 2019
118 min
Regie Elizabeth Banks
Kinostart 02. Januar 2020