DER FREMDE
Ab 1. Januar 2026 im Kino
Ein Mann trauert nicht genug. Oder nicht so, wie es erwartet wird. Die Gesellschaft blickt auf die vermeintliche Unfähigkeit zum Gefühl – und genau hier beginnt Albert Camus’ „Der Fremde“.
Für alle, die im Deutsch-Grundkurs nicht aufgepasst haben: Der Roman erzählt von Meursault, einem jungen Mann, der in den 1930er-Jahren in Algier lebt. Ihn als emotional unterkühlt zu bezeichnen, wäre eine Untertreibung. Er zeigt keine Gefühle, nie. Auch nicht, als er seine Mutter beerdigt. Am Tag nach der Beisetzung beginnt er eine Affäre mit seiner Arbeitskollegin Marie und kehrt in sein alltägliches Leben als Büroangestellter zurück. Sein Nachbar Raymond Sintès, ein Zuhälter, zieht ihn jedoch in eine undurchsichtige Angelegenheit hinein. Am Ende ist ein Araber tot und Meursault steht vor Gericht.
Dies ist nach Luchino Viscontis „Der Fremde“ (1967) die zweite Verfilmung von Camus’ Roman. François Ozon macht mit seiner Interpretation keine Experimente – werksgetreuer geht es kaum. Vielleicht werden das zukünftige Schulklassen und ihre Lehrer zu schätzen wissen. Tatsächlich wirkt der Film, als würde man die Seiten des Romans umblättern. Stimmung, Sprache, Haltung: Ozon trifft sie alle sehr genau. Und vor allem wirkt DER FREMDE zeitlos. Ob in den 40ern, 50ern oder 2020ern gedreht – verraten wird es fast ausschließlich durch die Besetzung.
Benjamin Voisin ist dabei der ideale Meursault: ein stiller, schöner junger Mann, dessen Blick immer ein wenig in der Sonne hängt, als würde er Gedanken eher beobachten als empfinden. Rebecca Marder spielt seine Freundin Marie, die noch hofft, hinter all der Ruhe könnte sich doch ein Gefühl regen. Aber Meursault bleibt ungerührt, selbst als ihm die Guillotine droht. Pierre Lottin wiederum baut als Nachbar seine Reihe starker Nebenrollen weiter aus und behauptet seinen Platz in der Framerate-Lieblingsschauspieler Top 10.
Die Kamera von Manuel Dacosse ist schlicht sensationell. Seit der fabelhaften Miniserie Ripley sah Schwarz-Weiß nicht mehr so gut aus. Inhaltlich wie visuell gibt es ohnehin Verwandtschaft: junge Männer, die töten, ohne Reue zu empfinden. Im zweiten Teil, während der Gerichtsszenen, verliert DER FREMDE etwas an Spannung; 122 Minuten kontrollierte Unterkühlung fordern ihren Tribut. Zum Abspann setzt Ozon dann aber noch ein popkulturelles Ausrufezeichen: The Cures „Killing an Arab“ – ein Hinweis darauf, wie weit Camus’ Roman über die Literatur hinaus bis heute wirkt.
INFOS ZUM FILM
Originaltitel „L’Étranger“
Frankreich 2025
122 min
Regie François Ozon
alle Bilder © WELTKINO FILMVERLEIH







