
Willkommen in der Hauptstadt der immer guten Laune!
Sogar der grundsympathischen Festivalchefin Tricia Tuttle scheint nach zwei Jahren Berlin das Lachen vergangen zu sein. Bei der Pressekonferenz im Januar (zugegebenermaßen ein Monat, der ohnehin wenig Anlass zur Freude gibt) trägt sie das Programm der 76. Berlinale mit so ernstem Gesicht vor, als laste all das verkopfte Kunstkino der vergangenen Jahre schwer auf ihren Schultern.
Doch statt frischem Wind und Mut zum Kommerz scheint auch in diesem Jahr Anspruch vor Unterhaltung zu stehen. „Wer hier nichts zum Lieben findet, liebt das Kino nicht“, droht sie am Ende – und betreibt damit klassisches Blame Shifting: das Abwälzen der eigenen Verantwortung auf andere, in diesem Fall auf die Zuschauer.
Hoffen wir mal, dass es nicht so schlimm kommt und sich im Programm tatsächlich doch noch etwas findet, das man lieben kann. Mrs. Tuttle: Wir sind gespannt. Und hoffen, dass Sie recht behalten.
Männer sind Schweine. Finden nicht nur Die Ärzte, sondern auch die afghanische Kamerafrau Naru. NO GOOD MEN, der Eröffnungsfilm der diesjährigen Berlinale, erzählt von einer Frau, die kurz vor der Rückkehr der Taliban in Kabul um ihr berufliches wie privates Überleben kämpft.
Regisseurin und Hauptdarstellerin Shahrbanoo Sadat, selbst 2021 aus Afghanistan geflohen, verbindet persönliche Erfahrung mit politischer Dringlichkeit zu einem erstaunlich leichten, zugleich präzisen Film. Dass sich aus der Zusammenarbeit mit Star-Journalist Qodrat eine zarte Romanze entwickelt, wirkt nie kitschig, sondern wie ein leiser Hoffnungsschimmer. Sadat zeichnet das Bild eines Landes zwischen Alltagssorgen, struktureller Gewalt und patriarchalem Terror. Wenn Kabul schon damals so offen frauenfeindlich war, ahnt man, muss es heute die Hölle auf Erden sein.
Ein ungewohnt guter Berlinale-Auftakt und ein klares politisches Statement.
Deutschland / Frankreich / Norwegen / Dänemark / Afghanistan 2026
103 min
Regie Shahrbanoo Sadat
Bild © Virginie Surdej
Ein Film wie eine Black Mirror-Episode. Ja, der Vergleich ist nicht neu – und ungefähr so ermüdend wie die Zitierfreudigkeit der Drehbuchautoren. GOOD LUCK, HAVE FUN, DON’T DIE ist (wieder einmal) eine auf Spielfilmlänge gedehnte Folge der britischen Sci-Fi-Serie. Eigentlich sogar gleich eine ganze Staffel.
Der Überbau erinnert an Und täglich grüßt das Murmeltier: Ein „Mann aus der Zukunft“ taucht in einem Diner in Los Angeles auf und rekrutiert eine zufällige Gruppe, um die Welt vor einer Künstlichen Intelligenz zu retten. Dummerweise macht er das bereits zum 117. Mal. Unterbrochen wird die Handlung von zahlreichen Flashbacks, in denen die Vorgeschichten der Auserwählten erzählt werden. Dort begegnet man dann – ganz Black Mirror-like – handyzombifizierten Teenagern und frisch geklonten Verstorbenen.
GOOD LUCK, HAVE FUN, DON’T DIE lässt sich irgendwo zwischen 12 Monkeys und Terminator verorten und ist insgesamt ein bisschen zu sehr bemüht, originell zu sein. Immerhin: Am Ende ergibt das Ganze irgendwie Sinn und ist dabei sogar halbwegs unterhaltsam.
Deutschland / USA 2025
134 min
Regie Gore Verbinski
Bild © A24