Berlinale 2026 Tag 2

BERLINALE 2026 – TAG 2

Heute mit verkleideten Städten und: GELBE BRIEFE, À VOIX BASSE, EVERYBODY DIGS BILL EVANS und THE MOMENT

14. Februar 2026

Dass Filme selten dort gedreht werden, wo sie spielen, ist nichts Neues. Selbst das Holländische Viertel in Potsdam musste schon für die Serie Homeland als Stand-in für Amsterdam herhalten. Während im Berlinale-Eröffnungsfilm NO GOOD MEN Hamburg als Kabul einspringt (wo man aus Gründen nicht drehen konnte, vor allem wenn man wie die Regisseurin von dort geflohen ist) und im Panorama-Beitrag ONLY REBELS WIN Paris zu Beirut wird, geht der Wettbewerbsfilm GELBE BRIEFE einen Schritt weiter: Kein Kulissenbau, keine Tarnung. Große Zwischentitel verkünden „BERLIN ALS ANKARA“ und später „HAMBURG ALS ISTANBUL“.

Und dann sieht man tatsächlich den Berliner Fernsehturm in „Ankara“ und den Hamburger Hafen in „Istanbul“. Deutsche Polizisten, deutsche Straßenschilder, deutsche U-Bahnen – nur gesprochen wird weiter Türkisch. Und die Taxen fahren nicht zum Potsdamer Platz, sondern zur İstiklal Caddesi. Erst irritierend, dann erstaunlich egal. Berlin als Ankara? Warum nicht. Da isses bestimmt wärmer als hier.

Wettbewerb

Gelbe Briefe

GELBE BRIEFE

Vor drei Jahren wurde es im Panorama-Beitrag Das Lehrerzimmer immer düsterer, bis jeder gegen jeden kämpfte. Mit GELBE BRIEFE überträgt İlker Çatak dieses Prinzip auf die politische Wirklichkeit der Türkei – und schafft damit den Sprung in den Wettbewerb.

Diesmal geht der Druck nicht von Eltern, sondern vom Staat aus. Akademiker Aziz verliert seinen Job, seine Frau, die Schauspielerin Derya, ihre Bühne. Einschüchterung wird System. Çatak zeigt das ruhig, ohne große Gesten – gerade in dieser Unaufgeregtheit liegt die Bedrohung. Im Zentrum steht weniger die große Politik als die Familie: Er klammert sich an Ideale, sie sucht pragmatische Wege, die 14-jährige Tochter gerät zwischen die Fronten.

Klug gebaut, stark gespielt – vor allem Özgü Namal und Tansu Biçer sind richtig gut. Das ambivalente Ende ist alles andere als tröstlich: Nicht der Standhafte setzt sich durch, sondern der Anpassungsfähige.

INFOS ZUM FILM

Englischer Titel „Yellow Letters“
Deutschland / Frankreich / Türkei 2026
128 min
Regie İlker Çatak
Bild © Ella Knorz_ifProductions_Alamode Film

Wettbewerb

À voix basse

À VOIX BASSE

Heutzutage kann (zum Glück) jeder Junge, jedes Mädchen und alles dazwischen und außerhalb sein, was er/sie/es will: him, her, it, them, they – egal. In Berlin hat eine klassische Coming-out-Geschichte deshalb wenig Dringlichkeit. Andere Länder, andere Gesetze: In Tunesien steht Homosexualität noch immer unter Strafe.

Lilia reist zur Beerdigung ihres Onkels in ihre Heimat zurück – die französische Freundin bleibt diskret im Hotel. Dass der Verstorbene selbst schwul war, gilt als Familiengeheimnis. Noch so eine „von der Sorte“ will man der fast 90-jährigen Großmutter nicht zumuten.

Ein Wettbewerbsfilm, der die Festival-Hashtags #queer und #furchtlosefrauen sauber erfüllt. Vor 30 Jahren wäre das eine Sensation gewesen, heute bleibt es eher bei respektvollem Schulterzucken. Schön gespielt, sanfter Humor, wichtiger Blick in eine andere Kultur und so weiter und so fort – aber auch eine halbe Stunde zu lang. Natürlich: Solange andersdenkende Menschen verfolgt werden, braucht es solche Filme. Aber ein bisschen mehr Wagnis in der Machart würde nicht schaden.

INFOS ZUM FILM

Englischer Titel „In A Whisper“
Frankreich / Tunesien 2026
113 min
Regie Leyla Bouzid
Bild © UNITE

Wettbewerb

Everybody Digs Bill Evans

EVERYBODY DIGS BILL EVANS

All that Jazz. Das Klischee vom heroinabhängigen Jazzpianisten ist so alt, dass es eigentlich nur noch für Persiflagen taugt. Und tatsächlich fühlt sich EVERYBODY DIGS BILL EVANS zwischendurch an, als hätte Saturday Night Live einen sehr stilvollen Sketch über das Leiden eines Genies gedreht: hartes Schwarz-Weiß, Doppelbelichtungen, Zigarettenqualm. Das ist kurz vor „unfreiwillig komisch“. Aber: Es sieht trotzdem fantastisch aus. Jede Einstellung könnte ein LP-Cover aus der Decca-Ära sein. Der Schnitt improvisiert wie ein gutes Solo – mal wild, mal zurückgenommen. Deshalb ein Lob: Dies ist der erste Film im Wettbewerb (inklusive des Eröffnungsfilms), der ästhetisch heraussticht.

Nur für die Geschichte sollte man Leidensfähigkeit mitbringen: Der gefeierte Jazzpianist Bill Evans (Anders Danielsen Lie, bekannt aus Der schlimmste Mensch der Welt – kaum wiederzuerkennen) verliert mit dem Tod seines musikalischen Seelenverwandten Scott LaFaro nicht nur einen Freund, sondern auch einen unersetzlichen Teil seines Trios. Sein Bruder versucht zu helfen, doch Bill versinkt immer tiefer in Drogenrausch, Trauer und Selbstzweifeln. Als letzten Ausweg sollen es die Eltern richten (gespielt von Laurie Metcalf und Bill Pullman), die endlich etwas Leben in ihren Sohn (und den Film) bringen. Vor allem Pullman sorgt mit seinem trocken-trotteligen Humor für ein paar Lacher. Apropos: Warum wurde die hervorragende, aber unterschätzte Serie The Sinner nie fortgesetzt?

INFOS ZUM FILM

Irland / Vereinigtes Königreich 2026
102 min
Regie Grant Gee
Bild © Shane O’Connor 2026 Cowtown Pictures_Hot Property

Panorama

The Moment

THE MOMENT

Charli XCX feierte 2024 ihren internationalen Durchbruch mit dem Album „Brat“. CHARLI wer, Brat was? Fragen sich Menschen Ü20. Aber bitte: Charli XCX ist ein britischer Superstar! Statt eines überlangen Promotionvideos hat sie nun ein überlanges Mockumentary zu ihrem Erfolgsalbum gemacht.

Ein Musikfilm ist THE MOMENT nicht – denn die Hits der 33-jährigen Singer-Songwriterin tauchen hier kaum auf. Vielmehr ein Blick hinter die Showkulissen, genauer gesagt: ein Film über den Streit, wie radikal und edgy so eine Bühnenshow überhaupt auszusehen hat.

Creative Director Celeste (Hailey Benton Gates) will Stroboskoplichter und das Wort „CUNT“ auf allen Screens. Der vom Label engagierte südafrikanische Regisseur Johannes (Alexander Skarsgård) setzt auf Schwebenummern, kitschige Kulissen und das gezähmte Wort BITC#. Raw vs. kommerziell. 

Überstar Charli XCX will mit dem ganzen Metaebenengedöhns natürlich etwas ganz Besonderes machen. Genau diesen leicht verkrampften Versuch spürt man permanent. Alles ist bemüht anders. Doch THE MOMENT ist weder Fisch noch Fleisch: Für eine tiefschürfende Charakterstudie zu flach, für eine Satire zu zahnlos.

Abgesehen von ein paar gelungenen Cameoauftritten (Kylie Jenner, Rosanna Arquette) bleibt nach 102 Minuten Streit, Geschrei und Intrigen vor allem eine Erkenntnis: Das Leben eines Popstars im Jahr 2026 muss die Hölle sein.

INFOS ZUM FILM

USA 2026
103 min
Regie Aidan Zamiri
Bild © A24

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