
Warum die Berlinale auch schrecklich sein kann: Zunächst einmal klingelt jeden Morgen der Wecker um 7 Uhr. Hier könnte der Text auch schon zu Ende sein.
Danach muss man sich ab 7.30 Uhr in die virtuelle Schlange stellen, um Tickets für übermorgen zu sichern. Eine antizipierende mentale Höchstleistung zu dieser Stunde. Vorbei die herrlichen Zeiten, als man noch mit Akkreditierung bewaffnet einfach so in die Pressevorstellungen durfte. Egal.
Straßenbahn und U-Bahn und S-Bahn zum Potsdamer Platz. „Und“, nicht „oder“. Zweimal umsteigen, Treppe hoch, Treppe runter, Treppe hoch. Um dann zuverlässig bei Minustemperaturen vor dem Eingangszelt des Berlinale-Palastes zu stehen, das jeden Tag zu einer anderen Zeit umständlich geöffnet wird. Bitte warten, die Plastikvorhänge müssen erst noch ordentlich zur Seite wegdrapiert werden. Mit Schleife.
Der erste Film startet um 9 Uhr, den nächsten gibt’s um 12. Ab halb drei ist Zwangspause bis 19.30 Uhr. Was also tun mit fünf Stunden Freizeit? Am Potsdamer Platz bleiben? Schreckliche Vorstellung. Ins Pressezentrum gehen? Es gibt kaum einen unattraktiveren Ort in dieser Stadt. Neonlicht, ein paar Tische und sonst – nichts. Jede Stasi-Kantine hat mehr Charme.
Also nach Hause fahren. Was wiederum bedeutet, dass man die ganze furchtbare Reise abends wieder antreten muss. Es gibt Menschen, die das halbe Wettbewerbsprogramm schwänzen, nur weil sie keine Lust haben, den Weg zweimal am Tag auf sich zu nehmen. Warum also, ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke zwischen 14.30 und 19.30 Uhr?
Die Berlinale-Leitung hat diese Frage angeblich so beantwortet: Weil das in Cannes genauso gemacht wird. Nur dass Cannes eben Cannes ist und man dort zwischendurch an den Strand gehen kann. Dabei gibt es doch zwei einfache Lösungen: Die Abendfilme schon um 17 Uhr starten – so bleibt genügend Zeit für Lunch und Kaffee, zur Not auch am Potsdamer Platz. Oder das Festival in den Sommer verlegen. War früher so, würde allen Beteiligten besser gefallen und Berlin stünde in deutlich besserem Licht da. Win-win.
LGBTQ – nach gefühlt jedem zweiten Wettbewerbsfilm mit LGB und Q fehlt nur noch das T. Wobei: So richtig T ist Rose ja nicht. Sie gibt sich nur als Mann aus. Und zwar schon seit Jahren. Hat sogar als Soldat im Dreißigjährigen Krieg gedient. Dort stibitzt sie einem gefallenen Kameraden eine Besitzurkunde für Land und Hof, nun steht sie im gottesfürchtigen Dorf und verlangt ihr Recht. Und weil sich das alles so gut anlässt und es ihr nach einem Jahr noch immer alle glauben, dass sie ein echter Kerl ist, geht sie den nächsten Schritt und heiratet ein Madl. Aber die und ihre Familie bestehen dummerweise auf der Erfüllung der ehelichen Pflichten.
Auf den ersten Blick ist das Schwarz-Weiß-Drama von Markus Schleinzer eine ernste Angelegenheit. Eine Frau, deren einziges Verbrechen es ist, sich als Mann auszugeben, dabei aber nur Gutes tut. Vor Gericht gefragt, warum sie es getan hat, antwortet sie schlicht: „Weil es geht“. ROSE hat überraschend komische Momente, spätestens wenn die zunächst schüchterne Braut hinter das Geheimnis ihres „Gatten“ kommt und mit neuem Selbstbewusstsein die Leitung des Hofs übernimmt. Bravo also an Caro Braun als Suzanna. Sandra Hüller spielt natürlich auch gut, einen Oscar wird für die Rolle des kugelkauenden, narbenentstellten „Mannes“ im 17. Jahrhundert wird sie eher nicht gewinnen. Das angenehm kurze Werk (94 Minuten) wird im Kino sicher kein Blockbuster, ist aber dank Besetzung und feiner Kameraarbeit durchaus sehenswert.
Englischer Titel „In A Whisper“
Österreich / Deutschland 2026
94 min
Regie Markus Schleinzer
Bild © Schubert, ROW Pictures, Walker+Worm Film, Gerald Kerkletz
WAS? Ein Queer-Film im Wettbewerb? Ja, schon wieder. Allerdings ist das für diese Geschichte vollkommen egal: Ende der 1990er Jahre, mitten im belgischen Technologieboom, implodiert das Imperium der Unternehmer Luc und Geert. Mit Hilfe von Scheinfirmen hatten sie den Aktienkurs hochgepeitscht, nun hat ein Journalist den Betrug aufgedeckt. Der Film zeigt den Tag vor Erscheinen des Artikels.
Der eine ist verheiratet, der andere schwul. Beide wohlhabend, erfolgreich – und plötzlich nervös. Wer bekommt noch schnell Insiderinformationen? Welche Dokumente müssen geschreddert, welche Summen verschoben werden? Inspiriert ist das Ganze vom realen Fall des Sprachtechnologieunternehmens Lernout & Hauspie, einst Milliardenunternehmen, dann spektakulärer Absturz.
Ungewöhnlich – und letztlich die Rettung dieses Wirtschaftskrimis – ist die fragmentarische Erzählweise. Die Zeitebenen springen vor und zurück, Szenen werden durcheinandergewürfelt. So entsteht ein Mosaik aus Schuld und aufziehender Panik; linear erzählt wäre das wohl zu banal geraten. Gut gespielt, atmosphärisch dicht. Nur die Symbolik ist stellenweise etwas dick aufgetragen: Wenn zwei Männer, die sprichwörtlich im Dreck stecken, tatsächlich durch tiefen Matsch waten und darin steckenbleiben, versteht es wirklich jeder.
Ein solider Fernsehfilm. Was DUST allerdings im Wettbewerb verloren hat, erschließt sich nicht.
Belgien / Polen / Griechenland / Vereinigtes Königreich 2026
109 min
Regie Anke Blondé
Bild © Private View – Toon Aerts
Zäh? Check. Langweilig? Check. Entschieden zu lang? Check. Hätte unter Rissenbeek/Chatrian garantiert den Goldenen Bären gewonnen.
Gerade wenn man denkt, das Wettbewerbsprogramm sei dieses Jahr zwar nicht lebensverändernd gut, aber immerhin abwechslungsreich und besser als in den letzten Jahren, läuft am frühen Sonntagmorgen ein durch und durch quälender Film: KURTULUŞ.
Zugegeben, die Lust, sich ein Drama über den Streit zwischen den Dörfern Villariba und Villabacho irgendwo im anatolischen Kargidistan anzuschauen, war schon vorher nicht allzu groß. Doch Emin Alpers Film begeht die Todsünde des Kinos: Er ist sterbenslangweilig. Und das, obwohl der Stoff im Grunde nach Şoap-Opera klingt: Eifersucht, Nachbarstreit, Liebesdrama.
Nur werden hier ausschließlich schlechte Zeiten erzählt – SZSZ sozusagen. Mit grimmigen Gesichtern sitzen die Männer des Dorfes beim Teetrinken, in der Moschee oder im Derwisch-Club und sind dauererzürnt. Lächeln oder Lachen Fehlanzeige. Dafür Rachefantasien und Gebete zu Allah. Ein kleines bisschen Leben kommt erst auf, wenn sich die Geschichte den Frauen zuwendet. So gesehen vielleicht doch ein typischer Berlinale-Film der Ära Tuttle. „Tragödie oder Erlösung?“, heißt es im Presseheft. Beides stimmt: Die Tragödie ist der Film. Die Erlösung sein Ende.
Englischer Titel „Salvation“
Türkei / Frankreich / Niederlande / Griechenland / Schweden / Saudi-Arabien 2026
120 min
Regie Emin Alper
Bild © Liman Film
Die oft erzählte Geschichte vom jungen Mädchen, das sich in seine Lehrerin verliebt und nach Zurückweisung einen Verleumdungsskandal lostritt, spielt in Sophie Heldmans Version in Edinburgh zu Zeiten der Romantik.
Eine wahre Geschichte von vor 200 Jahren, da darf man die Frage nach der Aktualität des Stoffes stellen. Nun ja – Rufmord taugt wohl zu jeder Zeit als Drama. Man ahnt recht früh, worauf das alles hinausläuft, und hofft dennoch, dass es diesmal anders kommt. Spoiler: Tut es nicht.
Handwerklich gibt es wenig zu meckern: Ausstattung, Kamera und Besetzung sind durchweg vorzüglich. Insgesamt ein sehenswerter Panoramabeitrag. Und natürlich perfekt passend in die Berlinale-Welt von Tricia Tuttle, in der sich intellektuell anspruchsvolles Kino zuverlässig mit lesbischen Themen verbindet.
Deutschland / Schweiz / Vereinigtes Königreich 2026
114 min
Regie Sophie Heldman
Bild © Heimatfilm
Ein Kommentar
Sehr erheiternd! Ich fühls geradezu beim Lesen!