Berlinale 2026 Tag 5

BERLINALE 2026 – TAG 5

Heute schon wieder mit Potsdamer Platz und: NINA ROZA, WO MEN BU SHI MO SHENG REN, AT THE SEA und DIE BLUTGRÄFIN

17. Februar 2026

Man kann die Potsdamer Platz Arkaden in „The Playce“ umtaufen, man kann das Sony Center komplett entkernen, um es dann als unglaublich furchtbaren Foodcourt wiederzueröffnen, und man kann statt eines anheimelnden Ortes mit Kaffeebar und Loungemöbeln auch einen Stasi-Verhörraum als WLAN-Lounge an die Pressemitarbeiter verkaufen.

Man kann vor allem sagen, dass der Potsdamer Platz als Berlinale-Location ausgedient hat. Jurypräsident Wim Wenders hat es ja schon gesagt: Das alte Berlin ist weg, das neue ist immer noch nicht zusammengewachsen.

Warum also die Uhr nicht einfach um ein paar Jahre zurückdrehen, in bessere Zeiten: Hauptspielort wird wieder der Zoopalast (wo auch die Sitze deutlich bequemer sind), die akkreditierte Presse trifft sich im Bikini-Haus. Das ist hübsch saniert, steht aber ohnehin die meiste Zeit leer, da Shoppingmalls ohne Saturn oder MediaMarkt scheinbar nicht laufen.

Das Beste aber: Die Anfahrt wäre deutlich einfacher (nur einmal umsteigen), und in den langen Pausen zwischen den Filmen könnte man im KaDeWe shoppen und Kaffee & Kuchen genießen. Herrlich. Man muss ja nicht gleich die Mauer wieder aufbauen, aber manches war früher wirklich besser!

Wettbewerb

Nina Roza

NINA ROZA

Wer beim Stichwort „bulgarisches Dorfleben“ keinen Depressionsschub erleidet, darf weiterlesen: Im Internet geht ein Video viral, das ein achtjähriges Mädchen beim Malen zeigt. Allerdings entstehen keine Strichmännchen oder Einhörner, sondern komplexe Werke aus Farben und Formen. Der Kunsthändler Mihail reist in seine alte Heimat Bulgarien, um zu prüfen, ob es sich um einen Fake handelt – oder ob das Mädchen tatsächlich ein Wunderkind ist.

Ein Film aus der Kategorie: Man kann nichts dagegen sagen. Nur: Was genau soll das alles bedeuten? Beim gemeinsamen Raki-Trinken mit den Dorfbewohnern und in der Begegnung mit der erstaunlich reifen (zum Glück nur mental) Achtjährigen erinnert sich Mihail an seine eigene Tochter Roza, inzwischen erwachsen und mit Beziehungsproblemen. Es folgt ein Besuch bei der entfremdeten Schwester – erst frostig, dann versöhnlich. Ende. Tat nicht weh, hinterlässt aber auch keinen bleibenden Eindruck.

INFOS ZUM FILM

Kanada / Italien / Bulgarien / Belgien 2026
103 min
Regie Geneviève Dulude-de Celles
Bild © Alexandre Nour Desjardins

Wettbewerb

Wo Men Bu Shi Mo Sheng Ren

WO MEN BU SHI MO SHENG REN

Hungrig oder durstig sollte man in diesen Film besser nicht gehen. Gleich zu Beginn werden Woknudeln gebraten und eiskaltes Tiger-Bier getrunken – da läuft einem das Wasser im Munde zusammen und der Magen knurrt. Irrsinnig viel Aufregenderes passiert in „We Are All Strangers“ auch danach nicht: Alltag in Singapur, abseits der geleckt-sauberen Fassaden. Ein Vater, seine neue Frau, der Sohn, die schwangere Freundin. Ein paar Sorgen, ein paar Problemchen, ein bisschen Spaß und Freude. Aus dem Leben halt. Der Film plätschert sagenhafte 157 Minuten vor sich hin, dazwischen Szenen wie aus einer Teeny-Soap. Weder künstlerisch wertvoll noch sonderlich spannend. Klassisches Festival-Füllmaterial.

INFOS ZUM FILM

Englischer Titel „We Are All Strangers“
Singapur 2026
157 min
Regie Anthony Chen
Bild © Giraffe Pictures

Wettbewerb

At the Sea

AT THE SEA

Du meine Güte. Jetzt wird’s künstlerisch wertvoll. AT THE SEA ist ein oft unfreiwillig komischer Film aus Amerika, in dem Tänzerin Laura (Amy Adams) aus der Reha entlassen wird – sie hatte einen Autounfall im Vollsuff – und zu Hause in Cape Cod versucht, sich ihrer entfremdeten Familie wieder anzunähern. Amy Adams sieht dabei aus wie eine normalgewichtige Nicole Kidman, die eine Botoxpause eingelegt hat. Apropos Nicole Kidman: AT THE SEA wirkt wie der Pilot zu einer nie gesendeten Serie im „Big Little Lies“-Stil – allerdings ohne ungeklärtes Verbrechen.

Stattdessen: Traumata, verletzte Seelen, Daddy Issues. Und weil das noch nicht deep genug ist, beginnen einige Figuren wie aus dem Nichts zu tanzen. Im Stile von Pina Bausch. Ob das unter Tänzern üblich ist? Kann sein. Man will es lieber nicht wissen. Die Darsteller spielen, als müssten sie in einem Workshop beweisen, wie großartig sie sind – alles stets ein bisschen drüber. Höhepunkt ist eine Sexszene, in der Lauras Mann (Murray Bartlett) nach seinem Höhepunkt so lange weiterkeucht, dass man sich ernsthaft sorgt. Lautes Atmen war schon zu Derrick-Zeiten die höchste Form der Schauspielkunst.

Die Probleme sehr reicher Menschen mit Häusern am Meer bleiben naturgemäß nur begrenzt nachvollziehbar, also muss die Musik umso stärker auf die Tube drücken. Besonders lachhaft: Der kleine Sohn wird von einer Qualle gebissen, Laura trägt ihn Richtung Krankenhaus, und das Orchester gerät völlig außer sich. Aus einer Mücke wird ein Elefant, aus einer Kleinigkeit ein Riesendrama. Ein Film aus der Kategorie „schlecht gespielte Schmonzette“.

INFOS ZUM FILM

USA / Ungarn 2026
112 min
Regie Kornél Mundruczó
Bild © ATS Production LLC

Berlinale Special Gala

Die Blutgräfin

DIE BLUTGRÄFIN

Küss die Hand, gnädige Frau. Mehr Wiener Schmäh als Ulrike Ottingers DIE BLUTGRÄFIN geht kaum. Jahrelang hat die Regisseurin darum gekämpft, die Legende der Vampirin Elisabeth Báthory, die alle 25 Jahre den Wienern an den Hals geht, auf die Leinwand zu bringen.

Für Fans der ehemals morbiden Donaumetropole ist der Film ein Fest: In schaurig schönen Bildern zeigt Ottinger sagenhafte Locations wie die unterirdische Seegrotte Hinterbrühl, Kaiser Josephs Gugelhupf (den Narrenturm) oder die Nationalbibliothek. Zu schauen gibt es reichlich – dazu eine erlesene Besetzung mit Isabelle Huppert, Birgit Minichmayr, Thomas Schubert und Lars Eidinger.

Allein: DIE BLUTGRÄFIN lässt einem das Lachen im Halse stecken – und das ist wörtlich gemeint. In den ersten zehn Minuten kichert sich das Publikum noch dankbar durch jede noch so kleine Geste der Huppert und jeden Blick von Minichmayr. Alles so wunderbar schräg, gell? Doch nach und nach kehrt Stille ein. Die Gags werden müder, teils nur noch albern, und statt Lakonie dominiert der spürbare Wille, unbedingt originell zu sein. Spätestens mit dem Playback-Auftritt von ESC-Dragqueen Conchita Wurst in einer Gruft fliegt der Film vollends aus der Bahn. Schade. Denn rein visuell ist DIE BLUTGRÄFIN großes Kino.

INFOS ZUM FILM

Englischer Titel „The Blood Contess“
Österreich / Luxemburg / Deutschland 2026
119 min
Regie Ulrike Ottinger
Bild © Amour Fou Vienna, Amour Fou Luxembourg, Heimatfilm / P. Domenigg

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

JETZT ZUM NEWSLETTER ANMELDEN