Berlinale 2026 Tag 6

BERLINALE 2026 – TAG 6

Heute mit: QUEEN AT SEA, WOLFRAM und wiedermal qualvollem Kino von Angela Schanelec

18. Februar 2026

Wettbewerb

Queen at Sea

QUEEN AT SEA

Einmal harte Kost bitte: Es ist für jedes Kind schlimm genug, die eigenen Eltern beim Sex zu überraschen. Amanda (Juliette Binoche) trifft es härter: Sie erwischt ihre demenzkranke Mutter mit Stiefvater Martin im Bett. Der alte Herr beharrt darauf, dass sich seine Frau Nähe und Intimität wünscht. Amanda ist verstört und alarmiert die Polizei – eine verhängnisvolle Entscheidung mit schwerwiegenden Folgen.

Gebt Tom Courtenay bitte den Darstellerbären. Sein Martin schwankt zwischen Verletzlichkeit, Trauer und Sturheit und ist schlicht grandios. Dass er spielen kann, überrascht nicht: Der Mann steht seit fast 70 Jahren vor der Kamera und war schon 1965 in „Doktor Schiwago“ zu sehen. Auch Juliette Binoche, Anna Calder-Marshall und Florence Hunt überzeugen. Ein Feelgood-Movie ist QUEEN AT SEA zwar nicht – Windeln, Durchfall, viele Tränen – hat aber durchaus auch heitere Momente. Nachvollziehbar, dass parallel noch das sexuelle Erwachen von Amandas Tochter erzählt wird, sozusagen als lebensbejahender Kontrast. Nur zieht das den Film unnötig in die Länge und wäre vielleicht besser Stoff für einen eigenen, ebenso guten Film gewesen. Dennoch: schauspielerisch und inhaltlich ein Wettbewerbshighlight.

INFOS ZUM FILM

Vereinigtes Königreich / USA 2026
121 min
Regie Lance Hammer
Bild © Seafaring

Wettbewerb

Wolfram

WOLFRAM

Schließen sich meditatives und brutales Genre-Kino aus? Seit WOLFRAM nicht mehr. Im modernen Western sind Männer ungehobelte Dreckschweine, die vor Vergewaltigung und Mord nicht zurückschrecken. Man fragt sich, wie die Menschheit bei all den locker sitzenden Colts damals nicht ausgestorben ist. Diesmal spielt das Ganze im australischen Outback, geschürft wird nicht Gold, sondern Wolfram. Wolfram ist ein chemisches Element mit dem Elementsymbol W und der Ordnungszahl 74, bekannt als Glühwendel in Glühlampen. Wieder was gelernt – allerdings nicht im Film, sondern bei Wikipedia.

Ansonsten: ungewaschene Männer, durch die Bank Rassisten, indigene Kinder, die sich gegen das Unrecht der weißen Siedler behaupten müssen. Gewalt liegt in der staubigen Luft, Fliegen überall. Und doch erzählt der Film das alles erstaunlich unaufgeregt, fast kontemplativ. Am Ende gibt es noch einen kleinen Twist in Richtung „starke Frauen“, sonst hätte es WOLFRAM wohl kaum in Tricias Wettbewerbsprogramm geschafft.

INFOS ZUM FILM

Australien 2025
102 min
Regie Warwick Thornton
Bild © Bunya Productions

Wettbewerb

MEINE FRAU WEINT

Angela Schanelec ist eine deutsche Regisseurin und seit Jahren Stammgast auf der Berlinale. Egal, wer das Festival leitet – Frau Schanelec ist nicht weit. Und das, obwohl sie – milde formuliert – spaltet. Denn der Anteil derer, die ihre Filme ganz offen schrecklich finden, liegt bei ungefähr 98 Prozent. Trotzdem gewinnt sie hier regelmäßig Drehbuch- und Regiepreise. Auch der diesjährige Wettbewerbsbeitrag MEINE FRAU WEINT macht mit folgendem Pressetext (keine) Lust aufs Anschauen: „Den 40-jährigen Kranführer Thomas erreicht ein Anruf seiner Frau: Er soll sie im Krankenhaus abholen. Dort angekommen, findet er sie allein auf einer Parkbank sitzend vor. Sie weint.“

Dann lieber weinend zu Hause auf dem Sofa liegen. Hier noch zwei historische Auszüge aus den letzten beiden Framerate-Kritiken zu Schanelec-Filmen:

ICH WAR ZUHAUSE, ABER (2019)

Seit Tagen parkt ein Minibus von ZDFneo am Potsdamer Platz. Ist Jan Böhmermann vor Ort und plant einen Coup? Will er die Berlinaleverantwortlichen bloßstellen und sich über den Kulturbetrieb lustig machen? Wie hat er es nur geschafft, „Ich war zu Hause, aber“ in den Wettbewerb zu schleusen?
Anders ist es nicht zu erklären, dass diese Persiflage (als solche ist sie doch gemeint, oder?) ernsthaft als Beitrag auf der Berlinale läuft. Somnambule Schauspieler tragen mit hohler Stimme Sätze vor wie: „Dann erkannte ich, dass er ein Heizkörper ist. (Pause) Aber Heizkörper sehen anders aus…(Pause) Ich bin froh, dass Sie sein Lehrer sind…“. Nein, das muss man nicht verstehen.

nicht weniger schlimm war: 

MUSIC (2023)

Echtes Kopfkino. Im Sinne von: total verkopft. Angela Schanelecs Film rätselt sich elliptisch durch den verpuzzelten Mythos des Ödipus (steht jedenfalls so im Presseheft). Es geht von den 1980er-Jahren bis ins Heute, von den Stränden Griechenlands bis an die Seen um Berlin. Dazu spielt der Kassettenrekorder Barockmusik.

Wer es jetzt immer noch nicht glaubt, kann sich hier gerne den Trailer zu MEINE FRAU WEINT anschauen:

INFOS ZUM FILM

Englischer Titel „My Wife Cries“
Deutschland / Frankreich 2026
93 min
Regie Angela Schanelec
Bild © Blue Monticola Film

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