
Ein Schinkenknacker, ein Apfel, eine trockene Schrippe, eine Tafel Schokolade und eine große Flasche Mate: ein typisches Studenten-Abendbrot – und zugleich das Menü des Zuschauers auf dem Nachbarsitz während der 18.30-Uhr-Vorstellung. Nicht nur olfaktorisch, auch auditiv ein überzeugendes Argument für ein striktes Essensverbot im Kino. Nein, bitte auch kein Popcorn mehr. Seit das in Fünf-Kilo-Eimern ausgegeben wird, dauert das Gemampfe oft bis zum Abspann. Esst zu Hause. Oder im wunderschönen Foodcourt im Playce (Scherz).
Altkanzler Schmidt hätte die 17-jährige Kellou wohl zum Arzt geschickt, denn das Mädchen hat Visionen. SOUMSOUM könnte auf Deutsch heißen: Muss man nicht gesehen haben. Denn nur weil der Film aus dem Tschad stammt und eine Frauengeschichte erzählt, sollte man nicht in falscher Ehrfurcht erstarren. Ganz nüchtern betrachtet ist dies ein weiterer Film, der nichts im Wettbewerb verloren hat, sondern besser im Forum aufgehoben wäre.
Mit wenig Eleganz inszeniert und nicht besonders gut gespielt, erinnert das Ganze an eine bemühte Hochschularbeit aus dem zweiten Studienjahr. Vielleicht ist aber auch nur die eigene Zündschnur nach acht Tagen Berlinale sehr kurz geworden. Die Sehnsucht nach „richtigen“ Spielfilmen mit Handlung, dramaturgischem Bogen, visuellen Einfällen und guten Schauspielern wächst jedenfalls. Warum schließt sich das seit Jahren mit dem Wettbewerbsprogramm der Berlinale aus?
Englischer Titel „Soumsoum, the Night of the Stars“
Frankreich / Tschad 2026
101 min
Regie Mahamat-Saleh Haroun
Bild © Pili Films
Klingt wie ein Johnny-Cash-Biopic – ist aber ein echter Österreicher. Und mit 86 Minuten zugleich einer der kürzesten Filme im Wettbewerb.
Al Cook war in den 70er-Jahren ein Weltstar. Zumindest in Österreich. Nachdem Alois Koch – so sein bürgerlicher Name – im Alter von 15 Jahren den Elvis-Film Gold aus heißer Kehle gesehen hatte, war es um ihn geschehen. Er brachte sich selbst Gitarre, Klavier und Gesang bei. Schon bald stand er auf der Bühne. Fast forward, 65 Jahre später: Alois ist der letzte Mieter in einem Wiener Jugendstilwohnhaus, das die neuen Besitzer – eine „Holding“ – lieber gestern als heute abgerissen hätten.
Alois steht vor einer schwerwiegenden Entscheidung: Soll er seine Heimatstadt für immer verlassen, vielleicht sogar nach Mississippi auswandern? Und wohin mit all seinem Hab und Gut – unzähligen Bildern, Schallplatten und einem kompletten Tonstudio?
THE LONELIEST MAN IN TOWN lakonisch zu nennen, wäre eine Untertreibung. Der fast dokumentarische Film über den Blues-Musiker Al Cook ist – genau wie sein Protagonist – ein Lehrstück in wienerischer Coolness. Die Elvistolle mit Haarspray fixiert, die silberne Gitarre umgeschnallt – jo, passt scho. Es ist einer dieser Filme, in denen das Anzünden der Kerzen am Weihnachtsbaum, das Durchblättern der Plattensammlung oder das Prüfen der Sicherungen nach einem Stromausfall reichlich Screentime bekommen. Das mag für den einen oder anderen langweilig sein, führt aber dazu, dass man sich als Zuschauer sehr unmittelbar in die Welt von Alois Koch einfindet. Umso stärker wirken dann die furztrocken hingenuschelten Kommentare und Lebensweisheiten des 81-Jährigen.
THE LONELIEST MAN IN TOWN ist mehr als das Porträt eines Musikers; es ist auch ein wehmütiger Blick auf das Alte, Analoge, das immer mehr verschwindet. Dem Bagger dabei zuzusehen, wie er die schönen alten Mietshäuser niederreißt, ist mindestens so traurig wie das Schicksal des einsamsten Mannes der Stadt. Zum Glück gibt es auch hier einen Hoffnungsschimmer am Ende. Trotzdem bleibt die immer gleiche Frage: Gehört so etwas in den Wettbewerb oder doch eher in ein Nebenprogramm? Aber das kann man sich in diesem Jahr bei fast jedem Film fragen. THE LONELIEST MAN IN TOWN hätte zumindest den Bären für den lässigsten Hauptdarsteller verdient.
Englischer Titel „Home Stories“
Österreich 2026
86 min
Regie Tizza Covi, Rainer Frimmel
Bild © Vento Film
Manchmal ist es einfach schön, wenn ein Film weiß, was er sein will. THE ONLY LIVING PICKPOCKET IN NEW YORK ist ein altmodischer Gangsterfilm, nicht mehr und nicht weniger. Im Zentrum steht Taschendieb Harry Lehman, ein Relikt aus einer analogeren Zeit. Sein größtes Problem: Die Menschen tragen kaum noch Bargeld bei sich. Alles digital, alles unsichtbar – und für ihn damit wertlos. Bei einem „ganz normalen Diebstahl“ gerät er in den Besitz eines wertvollen USB-Sticks – und merkt zu spät, dass er sich mit einem mächtigen Verbrechersyndikat angelegt hat.
Das ist über weite Strecken ebenso kurzweilig wie souverän inszeniert, mit einem wunderbar retrohaften New-York-Bild. John Turturro trägt das mit melancholischer Würde, Steve Buscemi ist sowieso immer eine Bank. Nur gegen Ende wird es dann doch sehr sentimental – und nicht unbedingt glaubwürdig. Von 91 Minuten sind die letzten 15 ein bisschen too much. Der Rest allerdings: ziemlich gelungen. Läuft natürlich bei der Berlinale Special Gala, für den Wettbewerb viel zu unterhaltsam. Zwinklersmiley.
USA 2026
88 min
Regie Noah Segan
Bild © MRC II Distribution Company L.P.