
Geschafft. Die 76. Berlinale geht zu Ende. Es war nicht the best of times, aber auch nicht the worst of times. Durchwachsen mit klarer Tendenz ins Positive. Wobei – nach Jahren cineastischer Folter unter Rissenbeek/Chatrian lag die Latte auch nicht besonders hoch.
Die entscheidende Frage bleibt: Welchen der gezeigten Filme würde man sich freiwillig noch einmal anschauen? Oder guten Gewissens weiterempfehlen? Da wird’s dann doch dünn. Immerhin abwechslungsreich war es. Und mit QUEEN AT SEA, MOSCAS und JOSEPHINE gab es drei starke Wettbewerbsbeiträge, die vermutlich nichts gewinnen werden – weil: zu gut.
Herzlichen Dank fürs Lesen und bis nächste Woche. Dann unter anderem mit den Kritiken zum neuen Jim-Jarmusch-Film (meh) und zum neunfachen Oscarnominee MARTY SUPREME (❤️).
Es ist eine schöne Tradition, dass im Berlinale-Palast – dem Haus, das sonst Musicaltouristen beherbergt – während des Festivals die Porträts der Stars hängen. In diesem Jahr zeigen die Bilder sympathisch aussehende Menschen, die man noch nie im Leben gesehen hat. Das bekannteste Gesicht ist das von Jurypräsident Wim Wenders. Doch das könnte sich heute ändern, denn zum Abschluss gibt’s noch einen Hauch Hollywood: Channing Tatum und Gemma Chan werden auf dem roten Teppich erwartet.
Die beiden spielen die Eltern der achtjährigen Josephine. Bei einem Ausflug in den Park wird das Mädchen Zeugin einer Vergewaltigung – ein Erlebnis, das ihr Weltbild erschüttert. Der Vater reagiert denkbar falsch: Statt professionelle Hilfe zu suchen, predigt er Härte und Angstfreiheit. Die Mutter setzt auf Empathie. Josephine selbst wird zunehmend aggressiver, verloren zwischen den widersprüchlichen Erwartungen ihrer Eltern.
Was? Wo? Wie? Als Letztes noch ein richtig guter Spielfilm im Wettbewerb! Mit Handlung, Schauspielern, Dramaturgie und Gefühlen. Dass JOSEPHINE am letzten Festivaltag läuft, dürfte kein Zufall sein – wenn die Stars schon in der Stadt sind, kann man ihnen auch gleich einen Bären in die Hand drücken. Tatum spielt den körperlich präsenten, emotional überforderten Vater nuanciert, Chan überzeugt als ruhiger Gegenpol. Den Darstellerpreis verdient allerdings die junge Mason Reeves. Erschreckend gut, das Kind.
JOSEPHINE ist harte Kost, ein echtes Feel-bad-Movie – aber ein spätes Highlight im Wettbewerb.
USA 2025
119 min
Regie Beth de Araújo
Bild © Josephine Film Holdings LLC
Da isser wieder: der Film, der im Museum als Begleitung für eine Ausstellung perfekt wäre. Als Beitrag im Wettbewerb eines internationalen Filmfestivals aber nichts verloren hat. Wobei – was heißt das schon? 2024 hat mit Dahomey schließlich noch so ein kunstbegleitender Dokfilm den Goldenen Bären gewonnen.
Im Zentrum von YO (LOVE IS A REBELLIOUS BIRD) steht Yolanda „Yo“ Shea. Sie ist 73 Jahre alt, als sie die gerade einmal 24-jährige Anna kennenlernt. Ungeachtet des großen Altersunterschieds entwickelt sich zwischen den beiden Frauen eine tiefe Verbundenheit. Sechzehn Jahre dauert diese Freundschaft. Nach Yos Tod verarbeitet Anna sie in einem ungewöhnlichen Projekt: In einem detailgetreuen Modell ihres Hauses im Maßstab 1:3 lässt sie Yo als Puppe wiederauferstehen – ein Ort, der Erinnerung konservieren und Nähe festhalten soll. Und ja: Ein bisschen creepy ist das schon.
Der Film – und Annas Projekt – haben aber durchaus ihren Reiz. Yo ist eine faszinierende, freigeistige Persönlichkeit mit bewegter Geschichte. Interviews, alte Familienfotos und Szenen aus dem realen Haus verschränken sich mit Kamerafahrten durch die Miniaturwelt. Das ist ästhetisch reizvoll, stellenweise fast magisch, leicht surreal. Perfekt als halbstündiger Forums-Beitrag oder eben als Hintergrundsinformation zu einer Ausstellung.
USA 2026
78 min
Regie Anna Fitch
Bild © Mirabel Pictures