
So geht’s natürlich auch: Statt die rund 1.400 Seiten von Victor Hugos Klassikwälzer Les Misérables zu verfilmen, beschränkt sich Regisseur Éric Besnard auf die ersten hundertfünfzig. Das ist ungefähr so, als würde eine Verfilmung von Die unendliche Geschichte mit der Szene enden: „Bastian Balthasar Bux stößt in einer Bibliothek auf ein geheimnisvolles Buch.“
Nach neunzehn Jahren Haft kehrt Jean Valjean (durchgehend grummelig: Grégory Gadebois) nach Frankreich zurück. Der gütige Bischof Bienvenu (Bernard Campan) nimmt ihn bei sich auf – und steht sogar noch zu ihm, nachdem Valjean das Tafelsilber gemopst hat.
Auch eine Kunst: Obwohl die eigentliche Geschichte von Jean Valjeans neuer Identität, seinem späteren Reichtum, der Rettung der todkranken Fantine und ihrer Tochter Cosette fehlt, zieht sich der Film sehr – vor allem die erste Hälfte wird zur Geduldsprobe.
Von Hugos gewaltigem Epos bleibt herzlich wenig übrig. Besnard verzichtet fast vollständig auf Schauwerte, die Handlung spielt überwiegend in engen Räumen, dominiert von endlosen Dialogen und zürnenden Blicken. Dazu Bilder, so entsättigt, dass sie fast wie Schwarzweiß wirken – leider eben nur fast. Grauschleier statt Ästhetik. Wie es konsequenter und mutiger geht, hat zuletzt François Ozon mit seiner hervorragenden Camus-Verfilmung Der Fremde gezeigt.
Schraubt man seine Erwartungen runter und vergisst die Dramatik der Buchvorlage, bleibt ein ordentlich gemachtes Kammerspiel mit guter Besetzung. Geduld wird sogar belohnt: In der zweiten Hälfte punkten einige Rückblenden ins Gefangenenlager sowie eine düstere Gewaltfantasie Valjeans. Da nimmt der Film endlich Fahrt auf.
Im Original schlicht „Jean Valjean“, kommt der Film in Deutschland unter dem Titel LES MISÉRABLES – DIE GESCHICHTE VON JEAN VALJEAN in die Kinos. Das weckt Erwartungen, die nicht erfüllt werden – und grenzt an Etikettenschwindel. Ehrlicher wäre „Les Misérables – Teil 1 von 10“.
Originaltitel „Jean Valjean“
Frankreich 2025
98 min
Regie Éric Besnard
alle Bilder © Happy Entertainment