
Alleine durch Arbeit kommt heutzutage fast niemand mehr zu einem eigenen Grundstück oder Haus. Das meiste Vermögen wird vererbt. Doch Erbe kann auch belasten: Notare, Formulare, unterschwellige Familienkonflikte. Der Schweizer Dokumentarfilm WIR ERBEN macht daraus eine sehr persönliche, überraschend ehrliche Familiendiskussion – und stellt ganz nebenbei die Frage, wie viel Besitz es zum Glücklichsein braucht. Und wann es vielleicht einfach reicht.
Regisseur Simon Baumann begleitet mit der Kamera seine eigenen Eltern: früher politisch engagiert, später grüne Aussteiger mit Idealen und einem Hof in Südfrankreich. Nun soll dieses Lebenswerk weitergegeben werden – an zwei Söhne, die sehr unterschiedliche Wege eingeschlagen haben. Der eine führt die elterliche Linie fort, als Bauer und Politiker in der Schweiz. Der andere, Baumann selbst, ist freiberuflicher Filmemacher – und schaut lieber von außen drauf. Beide stellen sich die Frage: Was sollen wir mit einem riesigen landwirtschaftlichen Betrieb, 1.000 Kilometer entfernt?
Was zunächst nach klassischem Generationendrama klingt, wird schnell ein offenes Gespräch auf Augenhöhe. WIR ERBEN interessiert sich weniger für die Entscheidung selbst als für das, was sie auslöst – Erwartungen, Loyalitäten, leise Schuldgefühle bei Eltern und Kindern. Der Film bleibt dabei angenehm unaufgeregt, vertraut auf Zwischentöne, Widersprüche und einen leisen Humor.
So wird aus einer Familiengeschichte fast nebenbei eine kleine Gegenwartsdiagnose. WIR ERBEN erzählt von einer Generation, die gestalten konnte – und von einer nächsten, die sich fragt, ob „immer mehr“ wirklich die richtige Antwort ist. Regt zum Nachdenken an.
Schweiz 2024
96 min
Regie Simon Baumann
alle Bilder © mindjazz pictures