
NÜRNBERG begleitet den US-Psychiater Douglas Kelley (Rami Malek), der die Psyche der verhafteten Nazis analysieren soll – allen voran der ehemalige Reichsmarschall Hermann Göring (Russell Crowe, so gut wie lange nicht). Ziel ist es, Suizide zu verhindern, bevor die Täter vor Gericht gestellt werden können.
Warum nicht mal eine Geschichtsstunde als großes Melodrama? Für Dummies gibt’s ein paar Wikipedia-Erklärdialoge, aber mal ehrlich, wer außer Historikern weiß heute noch, welche Posten wer im sogenannten „Dritten Reich“ bekleidet hat? Der Film zeigt vor allem die Phase vor dem Prozess: die bürokratischen Hürden, das politische Kalkül, die Sorge, dass ein Scheitern den Wiederaufstieg der Nationalsozialisten erleichtern könnte.
NÜRNBERG wirft interessante Fragen auf: Muss sich ein Arzt an die Schweigepflicht halten oder darf er sich angesichts der Dimensionen des Verbrechens darüber hinwegsetzen? Schließlich steht nicht weniger als die Zukunft der Zivilisation auf dem Spiel: Die Menschen müssen weltweit erkennen, was hier geschehen ist, dürfen nicht vergessen, damit so etwas nie wieder möglich ist. Das hat natürlich einen erschreckend aktuellen Bezug, denn genau dieses Vergessen setzt gerade wieder ein und erlaubt es den Neuen Rechten, zurück an die Macht zu kommen.
Das Ganze ist perfekt inszeniert: Kamera, Schnitt, Ausstattung – alles auf hohem Niveau. Die beiden Oscar-Preisträger liefern sich ein nervenaufreibendes psychologisches Duell. Malek spielt einen ruhigen, konzentrierten Beobachter, während Crowe voll in die Rolle einsteigt und Göring als charmanten Manipulator verkörpert. Vielleicht wäre NÜRNBERG trotzdem besser als Miniserie im Fernsehen aufgehoben gewesen, zu viele Geschichten, zu viele interessante Charaktere. Apropos Fernsehen: Zwischendurch neigt der Film zu leicht soapigen Momenten, die bei diesem Thema fehl am Platz wirken. Wenn ein jüdischer Flüchtling erzählt, wie seine Eltern in Auschwitz umgekommen sind, braucht es kein Geigenorchester zur Untermalung. Andererseits erleichtert die gelegentliche Zuckerhülle das Schlucken der bitteren Pillen.
Zum Schluss noch ein schlaues Zitat: „Diejenigen, die nicht aus der Geschichte lernen, sind dazu verdammt, sie zu wiederholen“. NÜRNBERG ist Hollywoodkino als historische Lehrstunde – packend, technisch brillant und immer noch erschreckend aktuell.
Originaltitel „Nuremberg“
USA 2025
148 min
Regie James Vanderbilt
alle Bilder © Weltkino