
Das Historien-Drama (Originaltitel: Primavera) erzählt von Cecilias (Tecla Insolia) Alltag im Ospedale della Pietà, einem Waisenhaus für Mädchen, dessen Orchester europaweit gefeiert wird. Ein Ort voller Widersprüche: Auf der Bühne werden die jungen Musikerinnen bejubelt, hinter den Kulissen leben sie abgeschottet, diszipliniert – und ohne echte Perspektive. Für Cecilia spitzt sich die Lage zu, als eine Zwangsheirat droht: Es wäre das Ende ihrer Karriere als Musikerin.
Auftritt: Antonio Vivaldi (Michele Riondino). Der hustengeplagte Priester bringt frischen Wind ins System – und entfacht in Cecilia mehr als nur musikalische Begeisterung. Zwischen den beiden entwickelt sich eine künstlerische Seelenverwandtschaft.
Fleissigen Kinogängern dürften die aus ihrer Unterdrückung musikalisch aufbegehrenden Mädchen irgendwie bekannt vorkommen. Vor zwei Jahren lief im Wettbewerb der Berlinale ein Film mit sehr ähnlichem Setting: „Gloria!“. Hier bei Framerate fand der Film wenig Gefallen: Ein grässliches Schmalzfest mit nur einem Punkt bewertet. Zum Glück ist VIVALDI UND ICH der eindeutig bessere Film.
Was vor allem an Besetzung und Machart liegt. Das Coming-of-Age-Drama der jungen Frau, die durch die Kunst ihre eigene Stimme findet, ist mit Tecla Insolia hervorragend besetzt. Dazu inszeniert Regisseur Damiano Michieletto das barocke Venedig in oft düsteren, wunderschönen Bildern. Der Film verzichtet auf schwülstigen Prunk aus dem Theaterfundus und setzt stattdessen auf eine authentische, teils raue Atmosphäre. Dass Bilder und Musik so perfekt zusammenfinden, ist kein Zufall: Damiano Michieletto ist einer der gefragtesten Opernregisseure der Gegenwart, VIVALDI UND ICH ist sein Debüt als Filmregisseur. Fleißig: Fast zeitgleich zum Kinostart seines ersten Films inszenierte er Mozarts La clemenza di Tito in Zürich und war als Kreativdirektor für den künstlerischen Teil der Eröffnungsfeier der Olympischen Winterspiele 2026 in Mailand verantwortlich.
Emotionen liegen ihm also: Statt einer klassischen, trockenen Biografie wählt Michieletto einen persönlichen Zugang über die Schülerin Cecilia. Dadurch wirkt VIVALDI UND ICH moderner und emotionaler als viele herkömmliche Historienfilme, mit denen sonst Schulklassen gequält werden. Ein sehenswerter, stimmungsvoller Film, nicht nur für Vivaldi-Freunde eine Empfehlung.
Originaltitel „Primavera“
Italien / Frankreich2025
111 min
Regie Damiano Michieletto
alle Bilder © X-Verleih