
Es gibt Fernsehmomente, bei denen man sich fragt, wieso niemand im Studio aufgestanden und rausgegangen ist. Ingo Appelt erklärt einer jungen Frau, sie solle den Mund lieber nicht zu voll nehmen – das könne sie später tun, wenn sie mit ihm allein sei. Das Publikum johlt. Thomas Gottschalk lässt sich von einer sichtbar verlegenen Steffi Graf den nackten Oberschenkel massieren und stöhnt dazu, als ob es ihm gleich kommt. Noch vor 20 oder 30 Jahren galt das als Unterhaltung. Heute wirkt es wie ein Blick in eine misogyne Männerwelt.
Eva Müller und Isabel Schneider haben sich durch Jahrzehnte deutscher Fernsehgeschichte geackert und zeigen in ihrem aufschlussreichen Dokumentarfilm, wie selbstverständlich Frauen in Shows, Sketchen und Comedy auf ihr Äußeres reduziert wurden. Assistentinnen standen dekorativ rum, Kandidatinnen wurden wie auf einem Viehmarkt vorgeführt, übergriffiges Verhalten als Charme verkauft. Besonders entlarvend: Wim Thoelkes angeblich schüchterne Assistentin Beate war nach dem Großen Preis Unterhaltungschefin des SFB – vor der Kamera durfte sie bis dahin hauptsächlich hübsch lächeln.
In WAS HABEN WIR GELACHT kommentieren fünf Komödiantinnen und Moderatorinnen dieses dunkle Kapitel deutscher Unterhaltungsgeschichte: Bettina Böttinger, Esther Schweins, Hella von Sinnen, Gaby Köster und vor allem Maren Kroymann. Das Ganze ist ausgesprochen unterhaltsam, denn statt erhobenem Zeigefinger dominieren Witz, Intelligenz und gelegentliches Entsetzen. Wenn Esther Schweins nach einem übergriffigen Gag Harald Schmidts das Studio verlässt und ins vermeintlich abgeschaltete Mikrofon zischt: „Was für ein Wichser!“, bringt das alles, was gesagt werden muss, schön auf den Punkt.
WAS HABEN WIR GELACHT läuft überraschenderweise im Kino, schon von der Machart ist das eher Fernsehware: Interviews wechseln sich mit Archivmaterial ab. Mehr braucht es aber auch nicht. Denn die eigentliche Wucht entsteht aus der Fassungslosigkeit über die Unverschämtheiten, die sich Männer in der Prä-#MeToo-Zeit herausgenommen haben. Und über das Publikum, dass das alles beklatscht hat.
Deutschland 2026
98 min
Regie: Eva Müller und Isabel Schneider
alle Bilder © Port au Prince Pictures