NARZISS UND GOLDMUND

Was für Un­wis­sen­de wie ei­ne hip­pe Bar in Ber­lin Neu­kölln klingt, ist na­tür­lich ein Klas­si­ker der deut­schen Li­te­ra­tur – Her­mann Hes­ses be­rühm­tes­te Er­zäh­lung aus dem Jahr 1930.

Die Ge­schich­te spielt in der Klos­ter­schu­le Ma­ria­bronn im Mit­tel­al­ter und han­delt von der Freund­schaft zwi­schen den Schü­lern Nar­ziß (im Buch im­mer noch mit ß) und Gold­mund. Nar­ziß ist streng gläu­big, lebt in As­ke­se und fühlt sich mehr als freund­schaft­lich zu Gold­mund hin­ge­zo­gen. Der ist das ge­naue Ge­gen­teil, ein Frei­geist und Künst­ler, der der klös­ter­li­chen En­ge bald ent­flie­hen will.

Gre­go­ria­ni­sche Cho­rä­le, wol­lüs­ti­ge Hu­ren, zahn­lo­se We­ge­la­ge­rer und hol­de Jung­fern, die mit blu­men­ge­schmück­tem Haar über die Wie­se lau­fen – Ste­fan Ru­zowitz­kys Ver­fil­mung strotzt vor aus­ge­lutsch­ten Mit­tel­al­ter-Kli­schees. Da­mit sich auch die heu­ti­ge Ju­gend an­ge­spro­chen fühlt, wird zwi­schen­durch selt­sam mo­dern ge­spro­chen: „Echt?“, fragt der kind­li­che Gold­mund ein­mal. Be­son­ders Ki­da Khor Ra­ma­dans Auf­trit­te sor­gen für un­frei­wil­li­ge La­cher, wenn der „4 Blocks“-Schauspieler sei­ne Dia­lo­ge in kaum un­ter­drück­tem Get­to­deutsch spricht. Die An­pas­sung an ei­ne zeit­ge­mä­ße Spra­che bleibt in­kon­se­quent, ist des­halb um­so stö­ren­der.

Lob für die bei­den Haupt­dar­stel­ler, die tap­fer ge­gen die schwa­che In­sze­nie­rung an­spie­len. Sa­bin Tam­brea, be­kannt als de­pres­si­ver Ehe­mann aus "Ku’damm 5659", taucht glaub­haft in die düs­te­re Welt der Ton­su­ren und Selbst­gei­ße­lung ein – ihm nimmt man un­ein­ge­schränkt den von un­ter­drück­ten Ge­füh­len ge­pei­nig­ten Nar­ziß ab. Jan­nis Nie­wöh­ner zieht so oft es geht sein Hemd (und manch­mal auch die Ho­se) aus und emp­fiehlt sich mit ge­stähl­tem Bo­dy, blon­dier­ten Haa­ren und an­ge­kleb­tem Bart als deut­sche Ant­wort auf Char­lie Hun­nam. Mit sei­ner le­ben­di­gen Aus­strah­lung und Kör­per­lich­keit ver­leiht er dem Aben­teu­rer Gold­mund die nö­ti­ge Por­ti­on Wild­heit.

FAZIT

Ob man mit die­ser Ver­fil­mung zu­künf­ti­gen Schü­ler­ge­nera­tio­nen ei­nen Ge­fal­len tut? Bes­ser noch mal das Buch le­sen.

Deutsch­land 2020
118 min
Re­gie Ste­fan Ru­zowitz­ky
Ki­no­start 12. März 2020