Di jiu tian chang ● Photograph ● Lampenfieber

Der Fluss der Zeit ist re­la­tiv: Mit Fort­schrei­ten der Ber­li­na­le wer­den die Fil­me im­mer län­ger – so fühlt es sich je­den­falls an. Man schaut auf die Uhr und er­schreckt – ge­ra­de erst 45 Mi­nu­ten sind ver­gan­gen. Dies­be­züg­li­cher Hö­he­punkt: Cel­le que vous croyez mit Ju­li­et­te Bi­no­che. Nach knapp ei­ner Stun­de hat die Ge­schich­te ein be­frie­di­gen­des En­de ge­fun­den, gleich muss der Ab­spann kommen...doch dann geht's erst rich­tig los!
Ki­no­zeit läuft al­so lang­sa­mer.
Ei­ner­seits.
An­de­rer­seits war der nar­ko­lep­ti­sche Se­kun­den­schlaf wäh­rend Ön­döng so er­fri­schend, wie sonst nur ein drei­stün­di­ger Mit­tags­schlaf sein kann.

Di jiu tian chang (So Long, My Son)

Na al­so! Am vor­letz­ten Tag hat die Ber­li­na­le 2019 noch ein­mal ei­nen rich­tig gu­ten Film im Pro­gramm. Das drei­stün­di­ge Me­lo­dram von Wang Xia­o­shuai er­zählt mit be­ein­dru­cken­der Bei­läu­fig­keit und gro­ßer Ru­he ei­ne Fa­mi­li­en­ge­schich­te, die sich über 30 Jah­re er­streckt.
Der Weg vom Glück ins bo­den­lo­se Un­glück dau­ert oft nur ei­nen Au­gen­blick. Für Yao­jun und sei­ne Frau Li­y­un ist es der Mo­ment, in dem sie ih­ren Sohn Xin­gxing ver­lie­ren. Der Jun­ge er­trinkt beim Spie­len am Ufer ei­nes Stau­sees. Nach die­ser Tra­gö­die zieht das Paar in die süd­chi­ne­si­sche Pro­vinz und ad­op­tiert dort ei­nen Jun­gen, so­zu­sa­gen als Er­satz­kind. Doch die un­aus­ge­spro­che­nen Schuld­ge­füh­le und die be­täu­ben­de Trau­er las­sen auch die­ses neue Le­ben bei­na­he schei­tern.
Di jiu ti­an chang ist ein ver­schach­telt er­zähl­tes Por­trät chi­ne­si­scher Ge­schich­te, von den 1980er-Jah­ren bis zum an­stren­gen­den Tur­bo­ka­pi­ta­lis­mus der Ge­gen­wart rei­chend. Ge­konnt wird hier die pri­va­te Tra­gö­die der El­tern mit der gi­gan­ti­schen ge­sell­schaft­li­chen Ver­än­de­rung Chi­nas ver­knüpft. Ein klei­ner gro­ßer Film, der zu­tiefst be­rührt.

Volks­re­pu­blik Chi­na 2019
180 min
Re­gie Wang Xia­o­shuai

Photograph

Der neue Film von Ri­tesh Ba­tra. Im ver­gan­ge­nen Jahr über­zeug­te der Re­gis­seur mit der sehr ge­lun­ge­nen Ro­man­ver­fil­mung "A sen­se of an en­ding", sei­nem zwei­ten eng­lisch­spra­chi­gen Film nach "Lunch­box" (2013). Mit Pho­to­graph kehrt er nun zu sei­nen in­di­schen Wur­zeln zu­rück. Stra­ßen­fo­to­graf Ra­mi soll von sei­ner Groß­mutter zwangs­ver­hei­ra­tet wer­den. Als er ei­nes Ta­ges zu­fäl­lig die jun­ge Mi­lo­ni trifft, fragt er sie, ob sie sich als sei­ne Freun­din aus­ge­ben könn­te. Das schüch­ter­ne Mäd­chen wil­ligt ein.
Pho­to­graph ist ei­ne bit­ter­sü­ße, aber recht harm­lo­se Ro­man­ze über zwei Men­schen von un­ter­schied­li­cher Her­kunft. Ge­wöh­nungs­be­dürf­tig ist die Be­set­zung der bei­den Haupt­dar­stel­ler: "Ra­fi" Na­wa­zuddin Sid­di­qui, sonst in In­di­en eher als Ac­tion­star be­kannt, könn­te lo­cker als Va­ter von Sanya Mal­ho­tras "Mi­lo­ni" durch­ge­hen.

In­di­en / Deutsch­land / USA 2019 
110 min
Re­gie Ri­tesh Ba­tra

Lampenfieber

Da, wo man so un­be­quem wie nir­gends sonst bei der Ber­li­na­le sitzt, spielt der neue Do­ku­men­tar­film von Ali­ce Agnes­kirch­ner: im Ber­li­ner Fried­rich­stadt-Pa­last. Die Fil­me­ma­che­rin wirft ei­nen Blick hin­ter die Ku­lis­sen der größ­ten Thea­ter­büh­ne der Welt. (Der Welt! Is so, isch schwö­re!)
Lam­pen­fie­ber ist ein sehr kon­ven­tio­nell ge­mach­ter Film, der die Her­aus­for­de­run­gen bei der Ar­beit mit Kin­dern ar­tig ab­ar­bei­tet: das ers­te Cas­ting, die in­ten­si­ve Pro­ben­zeit, die be­ju­bel­te Pre­mie­re der Kin­der- und Ju­gend­show „Spiel mit der Zeit“. Da­zwi­schen ge­streut gibt's die üb­li­chen Be­su­che zu Hau­se und ein paar In­ter­views. "Rhythm is it!" oder die Lang­zeit­do­ku "Adri­ans gro­ßer Traum" hat­ten da deut­lich mehr Tie­fe und wa­ren mu­ti­ger ge­macht. Im­mer­hin sind die sechs an­ge­hen­den Kin­der­stars, de­ren per­sön­li­che Ent­wick­lung, Frust und Freu­de der Film zeigt, gut aus­ge­wählt. Von un­be­darft über herz­er­wär­mend bis alt­klug ist al­les da­bei. Heim­li­cher Star ist je­doch die Tanz­leh­re­rin Chris­ti­na Tar­el­kin – so pa­tent, mit der möch­te man abends mal ein Bier trin­ken ge­hen.

Deutsch­land 2019 
92 min
Re­gie Ali­ce Agnes­kirch­ner