BERLINALE 2021 – TAG 2

Al­les an­ders – dies­mal gibt es (zum ers­ten Mal) kei­ne ein­zi­ge US-ame­ri­ka­ni­sche Pro­duk­ti­on im Wett­be­werb. Da­für ei­nen Film mit den Wor­ten "Sau" und "Por­no" im Ti­tel, das ist Ent­schä­di­gung ge­nug.

WETTBEWERB

TERMÉSZETES FÉNY

Der un­ga­ri­sche Re­gis­seur Dé­nes Na­gy er­zählt ei­ne win­ter­li­che Ge­schich­te aus dem Zwei­ten Welt­krieg. "Na­tu­ral Light" ist ein fil­mi­sches Ge­mäl­de, schlamm­far­ben, fahl und stim­mungs­voll. Ein Film über wort­kar­ge Sol­da­ten im Wald, die von ei­nem mo­ra­li­schen Di­lem­ma ins nächs­te ge­ra­ten. Schwe­re Kost für die Sich­tung am hei­mi­schen Com­pu­ter, so was ge­hört ins dunk­le Ki­no auf die gro­ße Lein­wand. Me­an­while wächst die Sehn­sucht nach leich­ter Un­ter­hal­tung.

Eng­li­scher Ti­tel "Na­tu­ral Light"
Un­garn / Lett­land / Frank­reich / Deutsch­land 2020
103 min
Re­gie Dé­nes Na­gy

WETTBEWERB

BABARDEALĂ CU BUCLUC SAU PORNO BALAMUC

"Schlam­pe!", die Em­pö­rungs­wel­le der El­tern schlägt hoch. Ein Vi­deo, das ei­ne jun­ge Leh­re­rin beim Sex mit ih­rem Ehe­mann zeigt, ist vi­ral ge­gan­gen. Kein ech­ter Skan­dal, eher ei­ne pri­va­te Pein­lich­keit. Doch schon Dir­ty Har­ry wuss­te: Mei­nun­gen sind wie Arsch­lö­cher, je­der­mann hat eins. Das trifft in ei­ner von So­cial-Me­dia ver­zerr­ten Welt um­so mehr zu. Je­der kann al­les sa­gen, pos­ten und kom­men­tie­ren, die nächs­te gro­ße Ver­schwö­rungs­theo­rie lau­ert schon um die Ecke.
"Bad Luck Ban­ging or Lo­o­ny Porn", so der eng­li­sche Ti­tel, zeich­net ein düs­te­res Bild von un­se­rer mo­der­nen, über­se­xua­li­sier­ten Ge­sell­schaft. In drei Ka­pi­teln – de­pri­mie­rend und lus­tig zu­gleich – hält Re­gis­seur Ju­de sei­nen ru­mä­ni­schen Mit­bür­gern gna­den­los den Spie­gel vors Ge­sicht.

Eng­li­scher Ti­tel "Bad Luck Ban­ging or Lo­o­ny Porn"
Ru­mä­ni­en / Lu­xem­burg / Kroa­ti­en / Tsche­chi­sche Re­pu­blik 2021
106 min
Re­gie Ra­du Ju­de

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ALBATROS

Étretat, ei­ne ma­le­ri­sche Ge­mein­de in der Nor­man­die: Lau­rent (aus­ge­zeich­net: Jé­ré­mie Re­ni­er) ist Vor­ge­setz­ter ei­ner Po­li­zei­ein­heit und hat täg­lich vom Ver­si­che­rungs­be­trug über Kin­des­miss­brauch bis zum Mo­ped­fah­ren oh­ne Helm mit ei­nem bun­ten Pro­gramm an De­lik­ten zu tun. Als er ei­nen ver­zwei­fel­ten Land­wirt vom Selbst­mord ab­hal­ten will, kommt es zur Ka­ta­stro­phe.

Gleich zu Be­ginn gibt es ei­ne Sze­ne, die als Omen für das Schick­sal von Lau­rent ge­deu­tet wer­den kann: Ein le­bens­mü­der Mann springt vom Fels­pla­teau und kracht in ei­ne ge­ra­de am Strand statt­fin­den­de Fo­to­ses­si­on. Ge­ra­de noch ba­na­le Nor­ma­li­tät, die ur­plötz­lich zer­stört wird. So stark die ers­te Hälf­te mit den All­tags­be­schrei­bun­gen der Po­li­zis­ten, so ein­schlä­fernd die zwei­te. Nach­dem die Tra­gö­die ge­sche­hen ist, switcht der Film in ei­ne selt­sam me­lan­cho­li­sche "Der Mann und das Meer"-Studie, die in ei­nem scha­len Hap­py End aus­franst.

Eng­li­scher Ti­tel "Drift Away"
Frank­reich 2020
115 min
Re­gie Xa­vier Be­au­vois

WETTBEWERB

INTEURODEOKSYEON

Da setzt der ers­te Kopf­schmerz ein: Der neue Film von Hong Sang-soo sieht aus, als wä­re er auf U‑Matic Low­band mit ei­ner Ka­me­ra ge­dreht wor­den, bei der das Auf­la­ge­maß nicht rich­tig ein­ge­stellt ist. Zu se­hen sind Ko­rea­ner, die viel rau­chen – in Ko­rea und an Ber­lins häss­lichs­tem Ort, dem Pots­da­mer Platz. Ist schwarz/​weiß und nur 66 Mi­nu­ten lang – muss Kunst sein.

Eng­li­scher Ti­tel "In­tro­duc­tion"
Re­pu­blik Ko­rea 2020
66 min
Re­gie Hong Sang-soo

ENCOUNTERS

THE SCARY OF SIXTY-FIRST

Über Ver­stor­be­ne soll man nichts Schlech­tes sa­gen – ei­ne Emp­feh­lung, die Re­gis­seu­rin Da­sha Ne­kra­so­va herz­lich we­nig juckt. Das De­büt der Pod­cast-Mo­de­ra­to­rin ist ei­ne Ab­rech­nung mit dem Mil­li­ar­där Jef­frey Epstein – und gleich­zei­tig ei­ne Re­mi­nis­zenz an die grob­kör­ni­gen Psycho-Hor­ror-Fil­me der 1970er-Jah­re. "The Sca­ry of Six­ty-First" be­sticht durch sei­nen hand­ge­mach­ten (um nicht zu sa­gen ama­teur­haf­ten) In­de­pen­dent-Look. Kru­de, wirr und trotz­dem ei­ni­ger­ma­ßen un­ter­halt­sam.

USA 2020
81 min
Re­gie Da­sha Ne­kra­so­va

PANORAMA

LE MONDE APRÈS NOUS

Die Welt nach uns – nein, das ist kei­ne apo­ka­lyp­ti­sche Zu­kunfts­vi­si­on, son­dern der Ti­tel von La­bi­dis Erst­lings­ro­man. Als sich der bit­ter­ar­me Jung-Schrift­stel­ler in die nied­li­che Schau­spiel­schü­le­rin Eli­sa ver­liebt, träumt er von der gro­ßen Lie­be. Sehr ent­spannt er­zählt Lou­da Ben Sa­lah-Caz­a­nas in sei­nem Spiel­film­de­büt von ei­ner jun­gen Mi­gran­ten-Ge­ne­ra­ti­on in Frank­reich, hin- und her­ge­ris­sen zwi­schen dem Kampf ums ba­na­le Über­le­ben und der gro­ßen Sehn­sucht nach mehr. Lie­ben, le­ben, rau­chen – très fran­çais.

Eng­li­scher Ti­tel " The World Af­ter Us"
Frank­reich 2021
85 min
Re­gie Lou­da Ben Sa­lah-Caz­a­nas

PERSPEKTIVE DEUTSCHES KINO

DIE SAAT

Rai­ner ist Bau­ar­bei­ter und muss mit sei­ner Fa­mi­lie aufs Land zie­hen, die Stadt ist zu teu­er ge­wor­den. Sei­ne 13-jäh­ri­ge Toch­ter Do­reen lernt dort Ma­ra ken­nen, die kei­nen gu­ten Ein­fluss aus­übt und ih­re neue Freun­din so­gar zum Dieb­stahl ver­führt. Auch bei Rai­ner auf der Ar­beit läuft es zu­neh­mend schlech­ter. Als sein neu­er Vor­ge­setz­ter ei­nen äl­te­ren Mit­ar­bei­ter feu­ert, bren­nen bei Rai­ner die Si­che­run­gen durch. Ei­ne Fa­mi­lie un­ter Druck: Han­no Koff­ler, An­na Blo­mei­er und Do­ra Zy­gou­ri spie­len die Klein­fa­mi­lie im zwei­ten Spiel­film von Mia Ma­a­ri­el Mey­er. Das Dreh­buch zu die­sem in­ten­si­ven und se­hens­wer­ten Fa­mi­li­en­dra­ma hat die Re­gis­seu­rin ge­mein­sam mit Haupt­dar­stel­ler Han­no Koff­ler ge­schrie­ben.

Eng­li­scher Ti­tel " The Seed"
Deutsch­land 2021
100 min
Re­gie Mia Ma­a­ri­el Mey­er