Bird Box

Bird Box er­zählt von ei­ner – wie­der mal – dys­to­pi­schen Zu­kunft: Ei­ne un­be­kann­te Macht treibt al­le Men­schen, die sie zu Ge­sicht be­kom­men, in den spon­ta­nen Selbst­mord. Die­se Macht ist über­all, nie­mand kann ihr ent­kom­men. Nur In­nen­räu­me mit zu­ge­kleb­ten Fens­tern bie­ten Schutz, oder ein­fach die Au­gen zu ma­chen. Das ist zwar nicht un­be­dingt lo­gisch, aber Lo­gik ist so­wie­so nicht die Stär­ke von Bird Box.

Zu Be­ginn des Films be­steigt Mal­orie, ge­spielt von San­dra Bul­lock, die im­mer mehr Mi­cha­el Jack­son in sei­ner aus­ope­rier­ten End­pha­se äh­nelt, mit zwei Kin­dern ein Boot (al­le mit ver­bun­den Au­gen, um sich vor dem An­blick der tod­brin­gen­den Macht zu schüt­zen). Die klei­ne Trup­pe pad­delt blind ei­nen Fluss her­un­ter, denn Mal­orie hat­te zu­vor über Funk er­fah­ren, dass es ein paar Ta­ges­rei­sen ent­fernt ei­nen si­che­ren Zu­fluchts­ort ge­be. Mit an Bord ist ein Papp­kar­ton mit zwei Sit­ti­chen dar­in, ei­ne Bird Box eben (wie sich her­aus­stellt, sind Vö­gel so ei­ne Art Früh­warn­sys­tem für die un­heim­li­che Macht).

Die Sze­nen mit den drei un­frei­wil­lig Blin­den auf dem en­gen Boot bil­den die Rah­men­hand­lung des Films und sind von Re­gis­seu­rin Su­san­ne Bier ge­konnt um­ge­setzt. Das ist schön klaus­tro­pho­bisch, be­klem­mend und un­ter­schwel­lig be­droh­lich. Wenn nur der Rest des Films ge­nau­so span­nend wä­re.

Die Par­al­lel­hand­lung, fünf Jah­re vor­her: Mal­orie ist hoch­schwan­ger. Von ei­ner Vor­sor­ge­un­ter­su­chung kom­mend, bricht um sie her­um plötz­lich das ab­so­lu­te Cha­os aus: Men­schen ver­lie­ren von ei­ner Se­kun­de auf die an­de­re den Ver­stand und be­ge­hen Mas­sen­selbst­mord (wer M. Night Shya­mal­ans The Hap­pe­ning ge­se­hen hat, dem wird das be­kannt vor­kom­men). Mal­orie kann sich in ein Haus ret­ten, wo sich be­reits ein ste­reo­ty­per Hol­ly­wood-Cast ver­sam­melt hat: ein zy­ni­scher Al­ter (ge­wohnt sou­ve­rän: John Mal­ko­vich), ein Dro­gen­dea­ler, ein gut­mü­ti­ger Schwar­zer, noch ei­ne Schwan­ge­re, usw. Nach ein paar Ta­gen mit den er­wart­ba­ren zwi­schen­mensch­li­chen Span­nun­gen und lahm an­bah­nen­den Lie­bes­ge­schich­ten stößt ein wei­te­rer, zu­nächst harm­los wir­ken­der Mann zu der Grup­pe der Über­le­ben­den. Vor al­lem Mal­ories Sit­ti­che re­agie­ren ner­vös auf den Neu­an­kömm­ling. Nicht lan­ge dar­auf es­ka­liert die Si­tua­ti­on, das vor­her­seh­ba­re Un­heil nimmt sei­nen Lauf...

Wer kennt das nicht: Man läuft se­hen­den Au­ges mit nack­ten Fü­ßen ge­gen den Bett­pfos­ten und reißt sich da­bei bei­na­he den klei­nen Zeh ab. Mit ver­bun­de­nen Au­gen wür­de man wahr­schein­lich schon im Roll­stuhl sit­zen. Folg­lich sind die „Ver­bun­de­ne-Au­gen-Chal­lenges“, die durch den Hype um Bird Box aus­ge­löst wur­den (80 Mio Ab­ru­fe in den ers­ten vier Wo­chen bei Net­flix), nicht emp­feh­lens­wert – Net­flix warn­te so­gar auf Twit­ter vor den Ver­let­zungs­ri­si­ken.

FAZIT

A Quiet Place ist der bes­se­re Film über ein­ge­schränk­te Sin­nes­or­ga­ne. Zu To­de rie­chen wä­re dann die nächs­te na­he­lie­gen­de Film­idee. Bird Box ist für ei­nen Hor­ror­thril­ler über lan­ge Stre­cken über­ra­schend lang­wei­lig. Nur am En­de wird’s dann doch noch­mal rich­tig gru­se­lig: Da sieht der Film plötz­lich wie ein kit­schi­ger Zeu­gen-Je­ho­va-Wer­be­spot aus.

USA, 2018
124 min
Re­gie Su­san­ne Bier
Net­flix