Weekly Update 03 – diesmal mit *unbezahlter Werbung

Im zwei­ten Stock übt das un­be­gab­te Kind seit drei Stun­den die Ti­tel­me­lo­die von „Der Herr der Rin­ge“ auf der Trom­pe­te. Wer wird heu­te zu­erst ei­nen Schrei­an­fall be­kom­men, der Jun­ge oder sei­ne Mut­ter? Oben rollt die Psy­cho­lo­gin Wein­fäs­ser durch die Woh­nung. Das macht sie je­den Tag, oft bis 3 Uhr mor­gens. So laut, dass man kein Au­ge zu macht. „ZU“ ist üb­ri­gens das Un-Wort des Jah­res. Al­les ist zu, au­ßer den Au­gen. Auch die Ki­nos sind wei­ter­hin zu. Viel­leicht muss Frame­ra­te bald „die 5 bes­ten Sci­ence-Fic­tion-Fil­me auf Net­flix“ oder kurz und knapp ir­gend­wel­che Se­ri­en be­spre­chen. Bis es hof­fent­lich nie so weit ist, gibts erst­mal wei­te­re VoD Neu­erschei­nun­gen und Brot.

Brot? Ja KOM­MA Brot! Das al­ler­bes­te Brot der Stadt kann man der­zeit in „Die Wei­nerei“, ei­nem char­man­ten Wein­la­den in der Ve­te­ra­nen­stra­ße 17, Ber­lin-Mit­te kau­fen. Mehl, Salz, He­fe, Was­ser und viel Lie­be: Mehr In­halts­stof­fe braucht es nicht. In­nen saf­tig weich, au­ßen ei­ne herr­lich dunk­le Krus­te. Knurps, fünf Ster­ne! *

Zum Preis von et­was mehr als zwei Bro­ten (9,99 €) kann man ab so­fort den Ber­li­na­le Ge­win­ner 2019 „Syn­ony­mes“ strea­men und tut da­bei auch noch Gu­tes: Grand­film teilt den Ge­winn 50/50 mit den we­gen Co­ro­na ge­schlos­se­nen In­de­pen­dent-Ki­nos, die bis­her die Fil­me des Ver­lei­hers ge­zeigt ha­ben. Und der be­reits letz­te Wo­che er­wähn­te Club Salz­ge­ber er­wei­tert ab 09. April sein Port­fo­lio mit dem me­xi­ka­ni­schen Film "This is not Ber­lin". *

SYNONYMES

Schlech­ter kanns für Yo­av kaum lau­fen: Die Woh­nung, in der er un­ter­kom­men soll, ist kom­plett un­mö­bliert und leer. Weil es so kalt ist, nimmt er erst mal ein Bad. Kaum in der Wan­ne, wer­den ihm al­le sei­ne Sa­chen ge­stoh­len. Tom Mer­cier spielt Yo­av, ei­nen un­zu­frie­de­nen jun­gen Mann, der aus Tel Aviv nach Pa­ris flieht, um dort ein neu­es Le­ben zu be­gin­nen. Er will sei­ne Wur­zeln kap­pen, nichts soll ihn an sei­ne Ver­gan­gen­heit er­in­nern. Yo­av wei­gert sich, auch nur ein ein­zi­ges he­bräi­sches Wort zu spre­chen. Sein stän­di­ger Be­glei­ter ist ein fran­zö­si­sches Wör­ter­buch. So kom­mu­ni­ziert er mit den ver­schie­de­nen Men­schen, die sei­nen Weg kreu­zen. Wie er mit sei­nem nied­lich-de­bil-gei­len Ge­sichts­aus­druck, fran­zö­si­sche Vo­ka­beln brab­belnd, durch die Stra­ßen von Pa­ris irrt, er­in­nert er fast ein biss­chen an Trash-Kö­nig Joey Heind­le, der sich ver­lau­fen hat. 

Ein Plus­punkt des Films ist sein tro­cke­ner Hu­mor. Ner­vig da­ge­gen ist das un­über­hör­ba­re Ra­scheln der Dreh­buch­sei­ten. Das Ver­hal­ten der Fi­gu­ren dient oft nur der Ge­schich­te, wirkt da­durch ar­ti­fi­zi­ell und zu ge­wollt. „Syn­ony­mes“ ba­siert auf den ei­ge­nen Er­fah­run­gen von Au­tor und Re­gis­seur Na­dav La­pi­dist. Ei­ne An­ein­an­der­rei­hung von Mo­ment­auf­nah­men, man­che ge­glückt, man­che we­ni­ger. 

FAZIT

Die Ber­li­na­le-Ju­ry ent­schied, „Syn­ony­mes“ sei der bes­te Films des Fes­ti­vals 2019 und ver­lieh ihm den Gol­de­nen Bä­ren.

Ori­gi­nal­ti­tel „Syn­onyms“
Frank­reich / Is­ra­el / Deutsch­land 2019
123 min
Re­gie Na­dav La­pid 
Ab so­fort als VoD auf Grand­films für 9,99 €

THIS IS NOT BERLIN

Ein Jun­ge mit lan­gen Haa­ren steht ver­lo­ren in­mit­ten ei­ner hef­ti­gen Mas­sen­schlä­ge­rei. Der Blick geht ins Lee­re, er fällt in Ohn­macht. 

Me­xi­ko Ci­ty, 1986. Ein Au­ßen­sei­ter in der Schu­le, zu Hau­se nervt sei­ne in De­pres­sio­nen ver­sun­ke­ne Mut­ter: der 17-jäh­ri­ge Car­los ge­hört nir­gend­wo rich­tig da­zu. Das mit dem in Ohn­macht fal­len ist zwar un­cool, da­für ist er am Löt­kol­ben ein Held. Der klei­ne Da­ni­el Dü­sen­trieb bas­telt in sei­ner Frei­zeit die ver­rück­tes­ten Ma­schi­nen zu­sam­men. Als er den Syn­the­si­zer ei­ner Band re­pa­riert und da­mit de­ren Auf­tritt ret­tet, wird er zum Dank mit in den an­ge­sag­ten Klub „Az­te­ca“ ge­nom­men. Wäh­rend ganz Me­xi­ko der WM ent­ge­gen­fie­bert, ent­deckt Car­los dort zu­sam­men mit sei­nem bes­ten Freund Ge­za die Welt der Sub­kul­tur: Vi­deo-Art, Punk-Per­for­mance, se­xu­el­le Am­bi­va­lenz und Dro­gen. 
Klingt wie ein ge­wöhn­li­ches Abend­pro­gramm im Ber­lin der 80er Jah­re. But this is not Ber­lin, it’s Me­xi­ko! Wer hät­te ge­dacht, dass es da vor 35 Jah­ren ge­nau­so wild und künst­le­risch auf­re­gend zu­ging, wie in der da­mals noch ge­teil­ten Haupt­stadt? Die Un­der­ground-Kul­tur der Zeit ha­ben Re­gis­seur Sa­ma und sein Ka­me­ra­mann Al­ta­mi­ra­no per­fekt wie­der zum Le­ben er­weckt. Se­xu­ell frei­zü­gi­ge Nackt­kunst-Ak­tio­nen und Je­der-mit-je­dem-Her­um­ge­schla­fe sind er­fri­schend of­fen und un­ver­klemmt in­sze­niert.

„This is not Ber­lin“ mischt sehr viel – ein biss­chen zu viel – schrä­ge Kunst mit ei­ner et­was ge­ne­ri­schen Co­ming-Of-Age-Sto­ry über ei­nen Jun­gen, dem die Au­gen für ei­ne neue Welt ge­öff­net wer­den. Am En­de ver­stol­pert sich die Hand­lung zu sehr in Kli­schees von Ei­fer­sucht und be­tro­ge­ner Freund­schaft, das hät­te es gar nicht ge­braucht. Bis da­hin ist „This is not Ber­lin“ ein un­kon­ven­tio­nel­ler Film über Selbst­fin­dung, Freund­schaft, Lie­be und das Er­wach­sen­wer­den.

FAZIT

In­ter­es­san­te Zeit­rei­se in die 80er – wur­de be­reits auf meh­re­ren Fes­ti­vals aus­ge­zeich­net.

Ori­gi­nal­ti­tel „Es­to no es Ber­lín“
Me­xi­ko 2019
109 min
Re­gie Ha­ri Sa­ma
Spa­ni­sche OF mit deut­schen UT
Ab 09. April als VoD auf Club Salz­ge­ber für 4,90 €

Weekly Update 02

Toi­let­ten­pa­pier­wit­ze kann jetzt lang­sam auch kei­ner mehr hö­ren. Des­glei­chen Kla­gen über zu we­nig Nu­deln, Mehl oder He­fe im lo­ka­len Su­per­markt. Ist jetzt halt so, kauft eu­er Brot doch ein­fach wei­ter beim Bä­cker, so wie in den letz­ten 50 Jah­ren vor Co­ro­na.

Ein viel grö­ße­res Pro­blem (für frame­ra­te) sind die wei­ter­hin ge­schlos­se­nen Ki­nos. Die Ver­lei­her ge­hen aber mitt­ler­wei­le da­zu über, vor al­lem klei­ne­re Fil­me nicht mehr ir­gend­wann im Ki­no, son­dern jetzt on­line zu zei­gen – per Vi­deo On De­mand. Zum Glück, denn die schon vor Wo­chen ver­fass­ten Kri­ti­ken wür­den sonst in der Schub­la­de ver­schim­meln – und das wä­re ja scha­de.

Den An­fang macht "Kopf­plat­zen", den die Edi­ti­on Salz­ge­ber in ih­rem neu ge­grün­de­ten „Salz­ge­ber Club“ ab 2. April an­bie­tet.

Auch loh­nens­wert ist der be­reits be­spro­che­ne Hor­ror­thril­ler „Der Un­sicht­ba­re“ – den gibts im deut­schen iTu­nes-Store ab so­fort für schlap­pe 17,99 € zu lei­hen.

KOPFPLATZEN

Grau, grau, grau sind al­le mei­ne Klei­der,
grau, grau, grau ist al­les, was ich hab’.
Wie vie­le Shades of Grey gibt es ei­gent­lich? Mo­re than 50? „Kopf­plat­zen“ zeigt sie al­le. Vom Hemd über die Wand­far­be bis zur all­ge­mei­nen Grund­stim­mung. Grau auch das Be­fin­den des Zu­schau­ers. Wenn drau­ßen die Welt un­ter­geht, war­um sich nicht mal zwei ex­tra-düs­te­re Stun­den zu Hau­se ma­chen?

Der 29-jäh­ri­ge Mar­kus ist Ar­chi­tekt, hat schö­ne blaue (!) Au­gen, ist im­mer schick ge­klei­det. Ein net­ter Kerl, der auf Kin­der steht. Auf klei­ne Jungs, um ge­nau­er zu sein. Er kann den gan­zen Tag an nichts an­de­res den­ken, fo­to­gra­fiert sie im Schwimm­bad, wirft ih­nen ver­stoh­le­ne Bli­cke im Bus zu, läuft ih­nen im Park hin­ter­her. Er lei­det un­ter sei­ner Ver­an­la­gung, sucht Hil­fe.
„Ver­las­sen Sie so­fort mei­ne Pra­xis!“ Sein Haus­arzt will mit so ei­nem wie ihm nichts zu tun ha­ben. Und auch der Psych­ia­ter macht we­nig Hoff­nung. Heil­bar sei die Nei­gung lei­der nicht. Da er­scheint es als ver­hee­ren­der Wink des Schick­sals, dass Jes­si­ca mit ih­rem acht­jäh­ri­gen Sohn in die Nach­bar­woh­nung ein­zieht. Der Mann und der Jun­ge freun­den sich an, die Mut­ter ver­liebt sich in den hilfs­be­rei­ten Mar­kus.

Die Dia­lo­ge hö­ren sich zwi­schen­durch wie die vor­ge­tra­ge­nen Pro­to­kol­le ei­ner Sit­zung beim Psy­cho­the­ra­peu­ten an. Und auch wenn der Film im­mer wie­der auf kli­schee­haf­te Sym­bo­lik zu­rück­greift, schau­spie­le­risch ist „Kopf­plat­zen“ her­aus­ra­gend. Haupt­dar­stel­ler Max Rie­melt sagt im In­ter­view la­ko­nisch, dass es kei­nen Un­ter­schied ma­che, ob er ei­nen Mör­der, ei­nen Na­zi oder ei­nen Pä­do­se­xu­el­len spie­le. Stimmt, denn in Rol­len schlüp­fen ist schließ­lich sein Job. Trotz­dem ver­dient er gro­ßes Lob für sei­nen Mut und die In­ten­si­tät, mit der er die­se Fi­gur spielt. Sa­vaş Ce­viz' Dra­ma fällt kein Ur­teil, bleibt am­bi­va­lent. Es wä­re ein­fa­cher, kä­me Mar­kus als auf­ge­dun­se­nes, schwit­zen­des Ekel­pa­ket da­her, das im Cam­ping­wa­gen klei­ne Kin­der ver­führt. Rie­melt er­zeugt mit der Dar­stel­lung des ein­sa­men, bin­dungs­un­fä­hi­gen Mar­kus ver­stö­ren­der­wei­se Mit­ge­fühl, oh­ne ei­ne mög­li­che Schuld zu ver­harm­lo­sen.

FAZIT

Kein hei­te­res The­ma, kein hei­te­rer Film.

Deutsch­land 2019
99 min
Re­gie Sa­vaş Ce­vi­zn 
Ab so­fort als VoD im Salz­ge­ber Club für 4,90 €

DER UNSICHTBARE

Uni­ver­sal Pic­tures hat sei­ne Plä­ne, ein „Dark Uni­vers“ mit Vam­pi­ren, Wer­wöl­fen und an­de­ren Mons­tern zu kre­ieren nach dem Tom-Crui­se-Flop „The Mum­my“ zu Gra­be ge­tra­gen. Nun hat sich das Stu­dio zu ei­nem kom­plet­ten Re­boot ent­schie­den. Und so wie es aus­sieht, war das ei­ne gold­rich­ti­ge Ent­schei­dung. Die Neu­ver­fil­mung des H. G. Wells Ro­mans „Der Un­sicht­ba­re“ ist ein sehr ge­lun­ge­ner Hor­ror­thril­ler ge­wor­den, ex­trem span­nend von der ers­ten bis zur letz­ten Mi­nu­te. 

Ce­ci­lia Kass (Eli­sa­beth Moss) flieht mit­ten in der Nacht aus dem Haus ih­res kon­troll­süch­ti­gen Freun­des Adri­an. Sie taucht bei ih­rem Kind­heits­freund Ja­mes und des­sen Toch­ter un­ter. Zwei Wo­chen spä­ter er­fährt sie, dass ihr mil­lio­nen­schwe­rer Ex Selbst­mord be­gan­gen hat. Doch Ce­ci­li­as Er­leich­te­rung währt nicht lan­ge. Bald ist sie si­cher, von ei­nem un­sicht­ba­ren Mann ver­folgt zu wer­den. Na­tür­lich glaubt ihr nie­mand, sie wird für ver­rückt er­klärt.

Die Idee des Films, statt der Ge­schich­te des Un­sicht­ba­ren die sei­nes Op­fers in den Mit­tel­punkt zu stel­len geht voll auf. Der Per­spek­ti­ven­wech­sel lässt den oft er­zähl­ten Hor­ror­klas­si­ker neu und frisch wir­ken. Ganz ne­ben­bei zeigt Re­gis­seur und Dreh­buch­au­tor Whan­nell glaub­haft die Angst und Aus­wir­kun­gen ei­ner Be­zie­hung des Miss­brauchs. Eli­sa­beth Moss lie­fert als drang­sa­lier­te Ex-Freun­din wie­der mal ei­ne Top-Leis­tung ab. Der Score von Ben­ja­min Wall­fisch ist wir­kungs­voll, Aus­stat­tung und Ka­me­ra auf dem Punkt. Un­glaub­lich, dass der Film mit ei­nem Mi­ni­bud­get von 7 Mil­lio­nen Dol­lar rea­li­siert wur­de.

FAZIT

Ner­ven­auf­rei­bend.

Ori­gi­nal­ti­tel: "The In­vi­si­ble Man"
USA 2020
110 min
Re­gie Leigh Whan­nell
Ab so­fort als VoD auf iTu­nes für 17,99 €