BERLIN ALEXANDERPLATZ ● THE ROADS NOT TAKEN ● DAU. NATASHA ● SUK SUK

Liebs­tes Fo­to­ob­jekt bei der Ber­li­na­le ist we­der Si­gour­ney Wea­ver noch John­ny Depp, son­dern (Tusch!) der ge­schlos­se­ne Vor­hang im Ki­no. Be­vor er sich ver­läss­lich zur nächs­ten Pre­mie­re öff­net, wer­den Hun­der­te Han­dys im Saal ge­zückt, um den wahl­wei­se ro­ten oder wei­ßen Stoff­lap­pen di­gi­tal zu ver­ewi­gen. Die Bil­der wer­den dann um­ge­hend auf den üb­li­chen so­zia­len Platt­for­men ge­pos­tet, schließ­lich sol­len die Fol­lower nei­disch wer­den. Aber auf was ge­nau? Jetzt mal ehr­lich: Fo­tos von ge­schlos­se­nen Vor­hän­gen will kei­ner se­hen! Dann doch lie­ber hüb­sche Da­ckel­bil­der...

BERLIN ALEXANDERPLATZ

(Wett­be­werb)

„Ber­lin Alex­an­der­platz“ ist ein Film mit Ei­ern! Wä­re Rai­ner Wer­ner Fass­bin­der noch am Le­ben und wür­de Al­fred Dö­b­lins Ro­man zum zwei­ten Mal ver­fil­men – viel­leicht kä­me et­was ähn­lich Auf­re­gen­des da­bei her­aus.

In fünf Ka­pi­teln (plus Epi­log) er­zählt das Dra­ma die düs­te­re Ge­schich­te vom Flücht­ling Fran­cis aus West­afri­ka. Im heu­ti­gen Ber­lin trifft er auf den durch­ge­knall­ten Dro­gen­dea­ler Rein­hold und die Le­ben der bei­den Män­ner ver­bin­den sich zu ei­ner ver­häng­nis­vol­len Schick­sals­ge­mein­schaft. Im­mer wie­der ver­sucht Rein­hold, Fran­cis für sei­ne Zwe­cke ein­zu­span­nen, im­mer wie­der wi­der­steht er. Als sich Franz (so hat ihn Rein­hold in­zwi­schen zwecks „Ger­ma­ni­sie­rung“ ge­tauft) in das Es­cort-Girl Mie­ze ver­liebt, ver­spürt er seit Lan­gem so et­was wie Glück.

„Ber­lin Alex­an­der­platz“ wird spal­ten. Re­gis­seur Qur­ba­ni wen­det sich mit sei­ner Ver­fil­mung nicht an die brei­te Mas­se. So wie es Men­schen gibt, die Freu­de an ei­ner 3‑stündigen Volks­büh­nen-In­sze­nie­rung ha­ben, so wird es (hof­fent­lich) auch Zu­schau­er ge­ben, die die­sen Film lie­ben. An­de­re, die nach 20 Mi­nu­ten ent­nervt aus dem Ki­no flie­hen, ver­pas­sen ei­nen der in­ter­es­san­tes­ten deut­schen Fil­me der letz­ten Zeit.

Wel­ket Bun­gué, Jel­la Haa­se, Joa­chim Król – durch­weg groß­ar­ti­ge Schau­spie­ler. Aber vor al­lem Al­brecht Schuch als Rein­hold stiehlt mit sei­ner Prä­senz je­de Sze­ne. Der Film glänzt: Ka­me­ra, Schnitt, Mu­sik, Aus­stat­tung – das ist al­les ge­konnt, von höchs­ter Qua­li­tät und pa­ckend in­sze­niert. Selbst an die in der Jetzt­zeit be­fremd­lich wir­ken­den Dia­lo­ge – Qur­ba­ni lässt sei­ne Fi­gu­ren im­mer wie­der Ori­gi­nal­sät­ze aus dem Ro­man spre­chen – hat man sich rasch ge­wöhnt. 

„Ber­lin Alex­an­der­platz“ ist Kunst, film­ge­wor­de­nes Thea­ter, kraft­strot­zen­des Ki­no. Ein ernst zu neh­men­der An­wär­ter auf den Gol­de­nen Bä­ren.

Deutsch­land / Nie­der­lan­de 2020
183 min
Re­gie Bur­han Qur­ba­ni

THE ROADS NOT TAKEN

(Wett­be­werb)

Life is not fair. Wenn man wo­chen­lang täg­lich meh­re­re künst­le­risch wert­vol­le Art­house-Fil­me sieht, wird man zwangs­läu­fig ir­gend­wann mü­de. Wä­re Sal­ly Pot­ters am­bi­tio­nier­ter Film doch nur zu An­fang der Ber­li­na­le ge­lau­fen!

Leo hin­ge­gen ist am En­de – hilf­los, sprach­los, apa­thisch. Er weiß nicht, wer er ist, sei­ne sich lie­be­voll küm­mern­de Toch­ter Mol­ly er­kennt er auch nicht mehr. Plötz­lich springt die Hand­lung: Leo ist mit Do­lo­res in Me­xi­ko ver­hei­ra­tet, bei­de trau­ern um ih­ren to­ten Sohn. Dann wie­der ein Sprung: Leo als Schrift­stel­ler auf ei­ner grie­chi­schen In­sel, der kein En­de für sei­nen Ro­man fin­det.

„The Roads Not Ta­ken“ ist ei­ne Mon­ta­ge ver­schie­de­ner Par­al­lel­ent­wür­fe ei­nes Le­bens, die Leo in sei­nem Kopf durch­wan­dert. Sal­ly Pot­ter ver­mischt die ver­schie­de­nen Ver­sio­nen, die Leo in sich trägt, mit der ent­glit­te­nen Rea­li­tät sei­nes Da­seins. Klingt ver­kopft? Ist es auch. Aber Ja­vier Bar­dem spielt – was auch sonst? – gran­di­os.

GB 2020
85 min
Re­gie Sal­ly Pot­ter

DAU. NATASHA

(Wett­be­werb)

DAU? Was issn das ei­gent­lich? Laut Goog­le „die scherz­haf­te Ab­kür­zung für dümms­ter anzu­neh­men­der Besu­cher“ Nein, das kann es nicht sein. Damen Arm­band Uhr? Das klingt auch nicht nach Kunst. 
Die ZEIT er­klär­te im Herbst 2018: „DAU ist der Ti­tel ei­nes Kunst-Grö­ßen­wahn-Pro­jek­tes, das aus 700 Stun­den Film­roh­ma­te­ri­al be­steht, aber weit mehr ist als ein Film, näm­lich ei­ne Le­bens­form, ein Re­al­ex­pe­ri­ment, ei­ne Liv­e­instal­la­ti­on.“

DAU ist al­so so ei­ne Art gi­gan­ti­sches „Big Brother“-Projekt. Im Fal­le des Wett­be­werbs­bei­trags „DAU. Na­ta­sha“ ei­ne Si­mu­la­ti­on des to­ta­li­tä­ren Sys­tems un­ter Sta­lin: Na­ta­sha und Ol­ga ar­bei­ten in der Kan­ti­ne ei­nes ge­hei­men so­wje­ti­schen For­schungs­in­sti­tuts. Hier tref­fen sich die An­ge­stell­ten des In­sti­tuts und aus­län­di­sche Gäs­te wie Luc Bi­gé. Mit ihm be­ginnt Na­ta­sha ei­ne Af­fä­re – das hat Kon­se­quen­zen.

Ech­te Schlä­ge, ech­ter Sex, ech­te Kot­ze – mit ei­nem her­kömm­li­chen Spiel­film hat Ilya Khrzha­novs­kiys DAU-Pro­jekt we­nig zu tun. Die im­pro­vi­sie­ren­den Lai­en­dar­stel­ler ge­ben ei­nen un­ge­schön­ten Ein­blick in die mensch­li­che Psy­che. Das ist we­ni­ger spek­ta­ku­lär als er­war­tet, aber auch nicht un­in­ter­es­sant.

Deutsch­land / Ukrai­ne / GB / Russ­land 2020
145 min
Re­gie Ilya Khrzha­novs­kiy + Je­ka­te­ri­na Oer­tel

SUK SUK

(Pan­ora­ma)

Pak steht am En­de sei­nes Be­rufs­le­bens. Bei der Su­che nach an­ony­mem Sex trifft der Ta­xi­fah­rer auf Hoi. Mit dem Pen­sio­när be­ginnt er ei­ne zärt­li­che Lie­bes­af­fä­re.

Alt, ver­hei­ra­tet, Groß­va­ter und schwul. Und das in Chi­na, wo Ho­mo­se­xua­li­tät von Sei­ten der Fa­mi­lie und Ge­sell­schaft im­mer noch stig­ma­ti­siert wer­den.

„Suk Suk“ ba­siert auf Oral-Histo­ry-Auf­zeich­nun­gen. Die Dis­kri­mi­nie­rung und Iso­la­ti­on äl­te­rer Men­schen wird fein­füh­lig und hu­mor­voll dar­ge­stellt. Ei­ne sub­ti­le, gut be­ob­ach­te­te Stu­die, die nur von ih­rem kit­schi­gen Sound­track un­ter­mi­niert wird.

Hong­kong / Chi­na 2019
92 min
Re­gie Ray Yeung