BERLINALE 2021 – TAG 4

Ein Wort zum Pla­kat- und Lo­go­de­sign: Bra­vo Kin­der! Hier hat­te ein­deu­tig die LO­BI-AG ih­re Tat­zen im Spiel. Hübsch und hand­ge­macht, um Klas­sen bes­ser, als das be­müht künst­le­ri­sche Gra­fik­fi­as­ko vom letz­ten Jahr.

WETTBEWERB

GUZEN TO SOZO

Zwi­schen­bi­lanz: In al­len – AL­LEN – Wett­be­werbs­fil­men wird ge­raucht. Manch­mal mehr (In­t­eu­ro­deok­sye­on), manch­mal we­ni­ger (Pe­ti­te Ma­man). Ge­raucht und ge­re­det, möch­te man sa­gen. Denn Ge­schwät­zig­keit ist das an­de­re Las­ter in die­sem Ber­li­na­le­jahr. Viel­leicht ei­ne neue Form der so­zia­len In­ter­ak­ti­on: Statt sich in Knei­pen zu tref­fen und zu re­den, schaut man Fil­me an, in de­nen die Schau­spie­ler re­den. Und re­den. Und re­den.
In drei ver­schie­de­nen, nicht mit­ein­an­der ver­knüpf­ten Epi­so­den er­zählt "Gu­zen To So­zo" von Frau­en und Män­ner, die über ih­re Be­zie­hun­gen spre­chen. Re­gis­seur Ry­u­suke Ha­ma­guchi scheint ein gro­ßer Be­wun­de­rer von Woo­dy Al­len zu sein. Wie sein un­er­reich­tes Vor­bild lässt auch er sei­ne Fi­gu­ren in teils skur­ri­le Si­tua­tio­nen stol­pern. Nur mit dem Un­ter­schied, dass "Gu­zen To So­zo" vi­su­ell sehr tra­nig da­her­kommt.

Eng­li­scher Ti­tel "Wheel of For­tu­ne and Fan­ta­sy"
Ja­pan 2021
121 min
Re­gie Ry­u­suke Ha­ma­guchi

WETTBEWERB

GHASIDEYEH GAVE SEFID

Der Mak­ler macht der jun­gen Mut­ter we­nig Hoff­nung: Wit­wen, Hun­de- oder Kat­zen­be­sit­zer und Jun­kies ha­ben in Te­he­ran kei­ne Chan­ce. Für ih­re Not­la­ge kann Mi­na nichts, denn ihr Ehe­mann Babak wur­de zu Un­recht für ein Ver­bre­chen hin­ge­rich­tet. Wie ein gu­ter Geist taucht da plötz­lich Re­za auf, der be­haup­tet, Schul­den bei Babak ge­habt zu ha­ben, die er jetzt be­glei­chen möch­te. Mi­na ahnt nicht, dass Re­za ein dunk­les Ge­heim­nis vor ihr ver­birgt.
Schuld und Süh­ne – ein klas­si­sches Film­su­jet, her­vor­ra­gend be­setzt und meis­ter­haft in­sze­niert. "Bal­lad of a White Cow" führt im Iran zu Kon­tro­ver­sen, schließ­lich hin­ter­fragt er kri­tisch das dor­ti­ge Jus­tiz­sys­tem und the­ma­ti­siert ne­ben­bei noch wei­te­re Ta­bus, wie Frau­en­feind­lich­keit und staat­li­che Un­ter­drü­ckung.
Haupt­dar­stel­le­rin Ma­ryam Mog­had­dam führ­te ge­mein­sam mit Beh­tash Sanae­e­ha die Re­gie bei die­sem stil­len und doch wuch­ti­gen Film.

Eng­li­scher Ti­tel "Bal­lad of a White Cow"
Iran / Frank­reich 2020
105 min
Re­gie Beh­tash Sanae­e­ha, Ma­ryam Mog­had­dam

BERLINALE SPEZIAL

JE SUIS KARL

Ge­nau so könn­te es in nicht all­zu fer­ner Zu­kunft kom­men: Die jun­ge Ge­ne­ra­ti­on hat es gründ­lich satt und tut sich zu­sam­men, um ein "neu­es Eu­ro­pa" zu grün­den. Dass das schein­bar nur mit rechts­po­pu­lis­ti­schen Pa­ro­len geht, ist die Kehr­sei­te der Me­dail­le.
Ma­xi ist nach ei­nem Ter­ror­an­schlag trau­ma­ti­siert, sie hat ih­re Mut­ter und ih­re bei­den Brü­der ver­lo­ren. Da tritt der cha­ris­ma­ti­sche Karl in ihr Le­ben. Der hat gro­ße Plä­ne, will ganz Eu­ro­pa ver­än­dern. "Was wä­re für dich das Schlimms­te?", fragt sie ihn. "Sinn­los zu ster­ben", ant­wor­tet er. "Und das Bes­te?" "Sinn­voll". Ma­xi ver­liebt sich Hals über Kopf in den cha­ris­ma­ti­schen Neo­na­zi und folgt ihm blind auf sei­ner Tour durch Eu­ro­pa. Das neue Un­heil ver­birgt sich hin­ter hüb­schen Ge­sich­tern und ist im So­cial Net­work prä­sent.
Chris­ti­an Scho­ch­ow zeigt rea­lis­tisch, wie die next ge­ne­ra­ti­on der rech­ten Sze­ne ih­re Fol­lower ver­füh­ren könn­te: Kon­zer­te, In­fluen­cer-Live­be­rich­te, auf­wie­geln­de Re­den und ein paar free T‑Shirts un­ters Volk ge­schmis­sen. Ba­by-Hit­ler ist ein Rock­star.
"Je Su­is Karl" er­zählt ei­ne in­ter­es­san­te Ge­schich­te, doch al­les pas­siert ein biss­chen zu schnell. Vor al­lem Ma­xis Ra­di­ka­li­sie­rung fin­det im Zeit­raf­fer­tem­po statt, der Stoff hät­te lo­cker für ein paar Fol­gen ei­ner Mi­ni­se­rie ge­reicht. Ge­gen En­de sind Dreh­buch­au­tor Tho­mas Wend­rich dann die Pfer­de durch­ge­gan­gen – die Zu­fäl­le häu­fen sich, die Hand­lung wirkt zu­se­hends kon­stru­ier­ter. Wirk­lich toll sind die Schau­spie­ler: Jan­nis Nie­wöh­ner kauft man das ma­ni­pu­la­ti­ve Neo­na­zi-Arsch­loch voll und ganz ab. Die Schwei­ze­rin Lu­na Wed­ler hat mit ih­ren 21 Jah­ren schon mehr­fach mit­tel­mä­ßi­ge Fil­me auf­ge­wer­tet. Und es ist schön, den un­ter­schätz­ten Mi­lan Pe­schel end­lich mal nicht in ei­ner Kla­mot­te zu se­hen.

Deutsch­land / Tsche­chi­sche Re­pu­blik 2021
126 min
Re­gie Chris­ti­an Schwo­chow

BERLINALE SHORTS

DEINE STRASSE

Zum Schluss noch ei­ne Kurz­film-Per­le: Die von Si­byl­le Berg er­zähl­te Ge­schich­te, wie es da­zu kam, dass es in Bonn ei­ne Stra­ße na­mens "Sai­me-Gen­çe-Ring" gibt.

Schweiz 2020
7 min
Re­gie Gü­zin Kar