Weekly Update 02

Toi­let­ten­pa­pier­wit­ze kann jetzt lang­sam auch kei­ner mehr hö­ren. Des­glei­chen Kla­gen über zu we­nig Nu­deln, Mehl oder He­fe im lo­ka­len Su­per­markt. Ist jetzt halt so, kauft eu­er Brot doch ein­fach wei­ter beim Bä­cker, so wie in den letz­ten 50 Jah­ren vor Co­ro­na.

Ein viel grö­ße­res Pro­blem (für frame­ra­te) sind die wei­ter­hin ge­schlos­se­nen Ki­nos. Die Ver­lei­her ge­hen aber mitt­ler­wei­le da­zu über, vor al­lem klei­ne­re Fil­me nicht mehr ir­gend­wann im Ki­no, son­dern jetzt on­line zu zei­gen – per Vi­deo On De­mand. Zum Glück, denn die schon vor Wo­chen ver­fass­ten Kri­ti­ken wür­den sonst in der Schub­la­de ver­schim­meln – und das wä­re ja scha­de.

Den An­fang macht "Kopf­plat­zen", den die Edi­ti­on Salz­ge­ber in ih­rem neu ge­grün­de­ten „Salz­ge­ber Club“ ab 2. April an­bie­tet.

Auch loh­nens­wert ist der be­reits be­spro­che­ne Hor­ror­thril­ler „Der Un­sicht­ba­re“ – den gibts im deut­schen iTu­nes-Store ab so­fort für schlap­pe 17,99 € zu lei­hen.

KOPFPLATZEN

Grau, grau, grau sind al­le mei­ne Klei­der,
grau, grau, grau ist al­les, was ich hab’.
Wie vie­le Shades of Grey gibt es ei­gent­lich? Mo­re than 50? „Kopf­plat­zen“ zeigt sie al­le. Vom Hemd über die Wand­far­be bis zur all­ge­mei­nen Grund­stim­mung. Grau auch das Be­fin­den des Zu­schau­ers. Wenn drau­ßen die Welt un­ter­geht, war­um sich nicht mal zwei ex­tra-düs­te­re Stun­den zu Hau­se ma­chen?

Der 29-jäh­ri­ge Mar­kus ist Ar­chi­tekt, hat schö­ne blaue (!) Au­gen, ist im­mer schick ge­klei­det. Ein net­ter Kerl, der auf Kin­der steht. Auf klei­ne Jungs, um ge­nau­er zu sein. Er kann den gan­zen Tag an nichts an­de­res den­ken, fo­to­gra­fiert sie im Schwimm­bad, wirft ih­nen ver­stoh­le­ne Bli­cke im Bus zu, läuft ih­nen im Park hin­ter­her. Er lei­det un­ter sei­ner Ver­an­la­gung, sucht Hil­fe.
„Ver­las­sen Sie so­fort mei­ne Pra­xis!“ Sein Haus­arzt will mit so ei­nem wie ihm nichts zu tun ha­ben. Und auch der Psych­ia­ter macht we­nig Hoff­nung. Heil­bar sei die Nei­gung lei­der nicht. Da er­scheint es als ver­hee­ren­der Wink des Schick­sals, dass Jes­si­ca mit ih­rem acht­jäh­ri­gen Sohn in die Nach­bar­woh­nung ein­zieht. Der Mann und der Jun­ge freun­den sich an, die Mut­ter ver­liebt sich in den hilfs­be­rei­ten Mar­kus.

Die Dia­lo­ge hö­ren sich zwi­schen­durch wie die vor­ge­tra­ge­nen Pro­to­kol­le ei­ner Sit­zung beim Psy­cho­the­ra­peu­ten an. Und auch wenn der Film im­mer wie­der auf kli­schee­haf­te Sym­bo­lik zu­rück­greift, schau­spie­le­risch ist „Kopf­plat­zen“ her­aus­ra­gend. Haupt­dar­stel­ler Max Rie­melt sagt im In­ter­view la­ko­nisch, dass es kei­nen Un­ter­schied ma­che, ob er ei­nen Mör­der, ei­nen Na­zi oder ei­nen Pä­do­se­xu­el­len spie­le. Stimmt, denn in Rol­len schlüp­fen ist schließ­lich sein Job. Trotz­dem ver­dient er gro­ßes Lob für sei­nen Mut und die In­ten­si­tät, mit der er die­se Fi­gur spielt. Sa­vaş Ce­viz' Dra­ma fällt kein Ur­teil, bleibt am­bi­va­lent. Es wä­re ein­fa­cher, kä­me Mar­kus als auf­ge­dun­se­nes, schwit­zen­des Ekel­pa­ket da­her, das im Cam­ping­wa­gen klei­ne Kin­der ver­führt. Rie­melt er­zeugt mit der Dar­stel­lung des ein­sa­men, bin­dungs­un­fä­hi­gen Mar­kus ver­stö­ren­der­wei­se Mit­ge­fühl, oh­ne ei­ne mög­li­che Schuld zu ver­harm­lo­sen.

FAZIT

Kein hei­te­res The­ma, kein hei­te­rer Film.

Deutsch­land 2019
99 min
Re­gie Sa­vaş Ce­vi­zn 
Ab so­fort als VoD im Salz­ge­ber Club für 4,90 €

DER UNSICHTBARE

Uni­ver­sal Pic­tures hat sei­ne Plä­ne, ein „Dark Uni­vers“ mit Vam­pi­ren, Wer­wöl­fen und an­de­ren Mons­tern zu kre­ieren nach dem Tom-Crui­se-Flop „The Mum­my“ zu Gra­be ge­tra­gen. Nun hat sich das Stu­dio zu ei­nem kom­plet­ten Re­boot ent­schie­den. Und so wie es aus­sieht, war das ei­ne gold­rich­ti­ge Ent­schei­dung. Die Neu­ver­fil­mung des H. G. Wells Ro­mans „Der Un­sicht­ba­re“ ist ein sehr ge­lun­ge­ner Hor­ror­thril­ler ge­wor­den, ex­trem span­nend von der ers­ten bis zur letz­ten Mi­nu­te. 

Ce­ci­lia Kass (Eli­sa­beth Moss) flieht mit­ten in der Nacht aus dem Haus ih­res kon­troll­süch­ti­gen Freun­des Adri­an. Sie taucht bei ih­rem Kind­heits­freund Ja­mes und des­sen Toch­ter un­ter. Zwei Wo­chen spä­ter er­fährt sie, dass ihr mil­lio­nen­schwe­rer Ex Selbst­mord be­gan­gen hat. Doch Ce­ci­li­as Er­leich­te­rung währt nicht lan­ge. Bald ist sie si­cher, von ei­nem un­sicht­ba­ren Mann ver­folgt zu wer­den. Na­tür­lich glaubt ihr nie­mand, sie wird für ver­rückt er­klärt.

Die Idee des Films, statt der Ge­schich­te des Un­sicht­ba­ren die sei­nes Op­fers in den Mit­tel­punkt zu stel­len geht voll auf. Der Per­spek­ti­ven­wech­sel lässt den oft er­zähl­ten Hor­ror­klas­si­ker neu und frisch wir­ken. Ganz ne­ben­bei zeigt Re­gis­seur und Dreh­buch­au­tor Whan­nell glaub­haft die Angst und Aus­wir­kun­gen ei­ner Be­zie­hung des Miss­brauchs. Eli­sa­beth Moss lie­fert als drang­sa­lier­te Ex-Freun­din wie­der mal ei­ne Top-Leis­tung ab. Der Score von Ben­ja­min Wall­fisch ist wir­kungs­voll, Aus­stat­tung und Ka­me­ra auf dem Punkt. Un­glaub­lich, dass der Film mit ei­nem Mi­ni­bud­get von 7 Mil­lio­nen Dol­lar rea­li­siert wur­de.

FAZIT

Ner­ven­auf­rei­bend.

Ori­gi­nal­ti­tel: "The In­vi­si­ble Man"
USA 2020
110 min
Re­gie Leigh Whan­nell
Ab so­fort als VoD auf iTu­nes für 17,99 €