ONWARD ● EL PRÓFUGO ● VOLEVO NASCONDERMI ● SA-NYANG-EUI-SI-GAN ● KIDS RUN ● H IS FOR HAPPINESS ● KØD & BLOD ● CIDADE PÁSSARO

Heu­te gibt's acht (!!) Fil­me bei frame­ra­te. Wer soll das bit­te al­les le­sen? Ganz ehr­lich, das ist doch UN­MENSCH­LICH! Aber an­de­re ha­ben auch Sor­gen, zum Bei­spiel Ma­ri­et­te Ris­sen­beek und Car­lo Cha­tri­an. Das Un­heil be­ginnt mit der Wahl des Ju­ry­prä­si­den­ten. Statt ei­ner Frau oder we­nigs­tens ei­ner hip­pen Per­son of Co­lour wird es doch nur wie­der ein al­ter wei­ßer Mann. Als nächs­tes schließt ei­ner der Haupt­spiel­or­te, das Ci­ne­star im So­ny-Cen­ter, sei­ne Pfor­ten. Das Cu­bix am Alex­an­der­platz ist da nur un­zu­rei­chen­der Er­satz. Dann wer­den die Ar­ka­den ent­kernt, nix mehr mit Shop­pen oder ei­nem Fischmäc zwi­schen den Vor­füh­run­gen. Und zur Krö­nung kommt auch noch raus, dass der ers­te Ber­li­na­le-Chef Al­fred Bau­er ein Na­zi war. Bit­te Mil­de und Nach­se­hen mit der neu­en Fes­ti­val­lei­tung, die bei­den haben's wirk­lich nicht leicht.

ONWARD: KEINE HALBEN SACHEN

(Ber­li­na­le Spe­cial)

„On­ward“ wirkt, als wür­de man ein Glas kal­te Co­la trin­ken, oder (ge­sün­der) ei­nen tie­fen Zug fri­scher Luft tan­ken. Der Film läuft bei der Ber­li­na­le au­ßer Kon­kur­renz und ist ei­ne ech­te Er­fri­schung zwi­schen all dem ver­kopf­ten Kunst­ki­no.

Wie in ei­nem gro­ßen Topf (oder hier pas­sen­der: Kes­sel) hat Re­gis­seur Dan Sc­an­lon die Zu­ta­ten aus so ziem­lich je­dem er­folg­rei­chen Fan­ta­sy-Film der letz­ten Jahr­zehn­te zu­sam­men­ge­rührt: Har­ry Pot­ter, Herr der Rin­ge, Grem­lins, Dra­chen­zäh­men leicht ge­macht, da­zu ein biss­chen Ava­tar und ei­ne Pri­se Trans­for­mers. Aber was er aus die­sem Brei ge­macht hat, ist über­ra­schend ori­gi­nell und schmeckt! Wie im­mer bei Pix­ar-Pro­duk­tio­nen legt das Dreh­buch gro­ßen Wert auf lie­be­voll aus­ge­ar­bei­te­te Fi­gu­ren. Die Va­ter-Sohn-Fa­mi­li­en-Ge­schich­te punk­tet be­son­ders mit selbst­iro­ni­schen Sei­ten­hie­ben auf die über­trie­be­ne Kom­mer­zia­li­sie­rung, wie sie Dis­ney in sei­nen di­ver­sen The­men­parks be­treibt. Der Film hat Herz, gu­ten Hu­mor und na­tür­lich ei­ne Bot­schaft. Die ist zwar auch re­cy­celt – sei Du selbst, dann kannst Du al­les schaf­fen – aber wie das prä­sen­tiert und in­sze­niert wird, ist aus­ge­macht un­ter­halt­sam.

Ori­gi­nal­ti­tel "On­ward"
USA 2019
112 min
Re­gie Dan Sc­an­lon

EL PRÓFUGO

(Wett­be­werb)

In­és lei­det un­ter Alb­träu­men. Kein Wun­der, dass sie ge­stresst ist. Nach dem Selbst­mord ih­res Freun­des be­ginnt sie Stim­men – nein – nicht zu hö­ren, son­dern zu er­zeu­gen. Schlecht, wenn man als Syn­chron­spre­che­rin ar­bei­tet. Die Geis­ter­stim­men ver­hun­zen je­den Ta­ke im Auf­nah­me­stu­dio. Doch da­bei bleibt es nicht. Bald neh­men die Stim­men Ge­stalt an und drin­gen im­mer mehr in In­és Le­ben ein, Rea­li­tät und Ein­bil­dung ver­schwim­men. Der Psycho-Thril­ler um Selbst- und Fremd­wahr­neh­mung stellt die Fra­ge, ob es zwi­schen Him­mel und Er­de viel­leicht mehr gibt, als mit blos­sem Au­ge zu se­hen ist.

"El Pró­fu­go" hät­te man mehr Mut zum Wahn­sinn ge­wünscht. Die in­ter­es­san­te Idee vom Ein­drin­gen der Alb­träu­me in die Rea­li­tät ha­ben an­de­re Fil­me schon deut­lich span­nen­der um­ge­setzt. Am En­de fragt man sich: Was hät­te wohl Da­vid Cro­nen­berg aus so ei­nem Stoff ge­macht?

Eng­li­scher Ti­tel "The In­tru­der"
Ar­gen­ti­ni­en / Me­xi­ko 2020
90 min
Re­gie Na­ta­lia Me­ta

VOLEVO NASCONDERMI

(Wett­be­werb)

Maunz! Fauch! Kreisch! Theo ist ka­putt im Kopf. Als Kind von ei­nem Leh­rer als le­bens­un­wür­dig ab­ge­wer­tet, von den Mit­schü­lern ge­quält und ver­spot­tet, wächst die Wai­se zu ei­nem ge­stör­ten, bei­na­he ani­ma­li­schen Mann her­an. Kein Wun­der, dass er sich mit Tie­ren bes­ser ver­steht als mit Men­schen. Von Ner­ven­heil­an­stal­ten zu Ar­men­häu­sern durch­ge­reicht, fin­det er erst spät zu sei­ner künst­le­ri­schen Be­ru­fung als Ma­ler.

Re­gis­seur Gi­or­gio Di­rit­ti schert sich we­nig um kon­ven­tio­nel­les Fil­me­ma­chen. "Vo­le­vo Nas­con­der­mi" springt et­was zu epi­so­disch durch das Le­ben des ita­lie­ni­schen Aus­nah­me­künst­lers An­to­nio Li­ga­bue, des­sen wah­res Kön­nen (wie so oft) erst nach sei­nem Tod rich­tig ge­wür­digt wur­de. Die Stim­mung des Films folgt den Lau­nen des Künst­lers: zwi­schen Ner­ven­sä­ge und Ge­nie wech­selnd. Auf Dau­er ist das mal an­stren­gend, mal groß­ar­tig, mal quä­lend und mal ko­misch. So ge­se­hen ein ech­ter Fes­ti­val­film.

Eng­li­scher Ti­tel "Hid­den Away"
Ita­li­en 2019
118 min
Re­gie Gi­or­gio Di­rit­ti

SA-NYANG-EUI-SI-GAN

(Ber­li­na­le Spe­cial Ga­la)

Ein ko­rea­ni­scher Film auf der Ber­li­na­le? Da er­war­ten na­tür­lich al­le gleich ei­nen zwei­ten „Pa­ra­si­te“.

Aber "Sa-Nyang-Eui-Si-Gan" – für den Le­se­fluss im Fol­gen­den der eng­li­sche Ti­tel "Time to Hunt" – ist dann doch nur gut ge­mach­tes Ac­tion-Ki­no.

Ko­rea in der na­hen Zu­kunft: Geld ist nichts mehr wert, die Stra­ßen ver­sin­ken im Müll. Jun-seok, ge­ra­de aus dem Knast ent­las­sen, plant mit sei­nen drei Kum­pels, ei­ne il­le­ga­le Spiel­bank aus­zu­rau­ben. Dumm nur, dass ih­nen nach dem ge­glück­ten Raub ein eis­kal­ter Be­rufs­kil­ler auf den Fer­sen ist.

Im ers­ten Drit­tel ein He­ist-Mo­vie, ent­wi­ckelt sich "Time to Hunt" an­schlie­ßend zu ei­ner ex­trem span­nen­den Katz- und Maus-Jagd. Doch wie so vie­le neue­re Fil­me weiß auch die­ser nicht, wann es ge­nug ist. Nach ei­ner ner­vi­gen, un­end­lich lan­gen Schie­ße­rei im letz­ten Drit­tel hört und hört die Ge­schich­te nicht auf. Da hät­ten gut 30 Mi­nu­ten ge­kürzt wer­den kön­nen. Scha­de, denn bis da­hin ist "Time to Hunt" rich­tig gut.

Nur ei­ne Fra­ge der Zeit, bis Hol­ly­wood ein Re­make da­von macht.

Eng­li­scher Ti­tel "Time to Hunt"
Ko­rea 2020
134 min
Re­gie Yoon Sung-hy­un

KIDS RUN

(Per­spek­ti­ve Deut­sches Ki­no)

Oh weh. De­pri­mie­ren­der geht’s kaum. Das Mo­dell der dys­funk­tio­na­len Fa­mi­lie wird hier auf die Spit­ze ge­trie­ben. Es ist ein­fach al­les schreck­lich – ein Le­ben nicht am Ran­de des Ab­grunds, son­dern am Bo­den.

An­di ist ein Loo­ser, der sei­ne Emo­tio­nen nicht im Griff hat und es nur mit Mü­he und Not schafft, sei­ne drei Kin­der durch­zu­brin­gen. Mor­gens hetzt er sie oh­ne Früh­stück zum Schul­bus, um an­schlies­send wie­der­mal aus ei­nem sei­ner Ta­ge­löh­ner­jobs zu flie­gen. So han­gelt er sich von ei­ner schlecht be­zahl­ten Ar­beit zur nächs­ten, das Ba­by wird zwi­schen­durch mit Erd­nuss­flips ge­füt­tert. An­di wit­tert ei­ne letz­te Chan­ce, als bei ei­nem Ama­teur-Box­tur­nier ein Preis­geld von 5.000 € aus­ge­schrie­ben wird.

Ge­gen „Kids Run“ sind Ken Loach-Fil­me ge­ra­de­zu Feel-Good Mo­vies. Ge­tra­gen wird die­se düs­te­re Stu­die in As­si von ih­ren her­aus­ra­gen­den Dar­stel­lern: Jan­nis Nie­wöh­ner ist auch als ka­put­ter Fa­mi­li­en­va­ter hot und sei­ne bei­den Film­kin­der spie­len er­schre­ckend über­zeu­gend.

Deutsch­land 2020
104 min
Re­gie Bar­ba­ra Ott

H IS FOR HAPPINESS

(Ge­ne­ra­ti­on Kplus)

Al­les so süß und bunt hier. Can­di­ce Phee hat ro­te Haa­re und das Ge­sicht vol­ler Som­mer­spros­sen. Die 12-jäh­ri­ge ist auf­ge­weckt und hilfs­be­reit, doch hin­ter der fröh­li­chen Fas­sa­de ver­birgt sich ei­ne Fa­mi­li­en­tra­gö­die. Dass sie kei­ne Wie­der­ge­burt von Pip­pi Lang­strumpf ist, wird schnell klar. Mit Hil­fe ih­res neu­en Freun­des Dou­glas, der von sich glaubt, aus ei­ner an­de­ren Di­men­si­on zu kom­men, ver­sucht Can­di­ce das Glück in ih­re Fa­mi­lie zu­rück­zu­ho­len. 

Auf Ba­sis des Er­folgs­ro­mans „My Life as an Al­pha­bet“ von Bar­ry Jons­berg nä­hert sich Re­gis­seur John Shee­dy be­hut­sam den The­men Tod und Trau­er an.

Aus­tra­li­en 2019
103 min
Re­gie John Shee­dy

KØD & BLOD

(Pan­ora­ma)

Die deut­sche und die dä­ni­sche Spra­che sind sich näm­lich gar nicht so ähnlich…was auf den ers­ten Blick wie der Ti­tel ei­nes Fe­tisch-SM-Films klingt, heisst wört­lich über­setzt ganz harm­los Fleisch + Blut.

Fleisch und Blut, das ist Fa­mi­lie. Die 17-jäh­ri­ge Ida lebt seit dem Un­fall­tod ih­rer Mut­ter bei ih­rer Tan­te und de­ren drei er­wach­se­nen Söh­nen. Schnell ent­puppt sich die über­für­sorg­li­che Ma­tri­ar­chin als kri­mi­nel­les Ober­haupt, das ge­mein­sam mit ih­ren Jungs so ei­ne Art Mi­ni­ma­fia be­treibt. Als der Clan mit der Po­li­zei in Kon­flikt ge­rät, muss sich Ida zwi­schen Loya­li­tät und ih­rem ei­ge­nen Wohl ent­schei­den.

Der Film fängt ziem­lich gut an: klar ge­zeich­ne­te Fi­gu­ren, mit we­ni­gen Ein­stel­lun­gen wer­den Si­tua­tio­nen und Ge­füh­le skiz­ziert. Doch je län­ger es dau­ert, des­to mehr über­trägt sich die mür­risch läh­men­de Hal­tung der Haupt­fi­gur Ida auf den Zu­schau­er. Am En­de kaum zu glau­ben, dass das nur 88 Mi­nu­ten wa­ren.

Eng­li­scher Ti­tel "Was­te­land"
Dä­ne­mark 2019
88 min
Re­gie Be­sir Ze­ci­ri

CIDADE PÁSSARO

(Pan­ora­ma)

Stär­ke liegt nicht in der Iso­la­ti­on, son­dern in der Kom­mu­ni­ka­ti­on. Leich­ter ge­sagt, als ge­tan. Ama­di reist aus Ni­ge­ria nach São Pau­lo, um sei­nen Bru­der Iken­na zu su­chen und bes­ten­falls wie­der mit nach Hau­se zu neh­men. Lei­der spricht er kein Wort Por­tu­gie­sisch, da ge­stal­tet sich die Kom­mu­ni­ka­ti­on mit­un­ter et­was schwie­rig. Dass es die Uni­ver­si­tät, an der das Ma­the­ge­nie an­geb­lich als Pro­fes­sor lehrt, gar nicht gibt, hilft da auch nicht wei­ter. So ent­wi­ckelt sich die Su­che Ama­dis nach sei­nem ver­schol­le­nen Bru­der zu ei­ner Ent­de­ckungs­rei­se durch den Hoch­haus­dschun­gel.

Wah­re Poe­sie gibt es nur in Pres­se­tex­ten: „Der ers­te Spiel­film des bra­si­lia­ni­schen Re­gis­seurs Ma­ti­as Ma­ria­ni ist ei­ne enig­ma­ti­sche, im 4:3‑Format kadrier­te Er­kun­dung auf meh­re­ren Ebe­nen.“

Oder we­ni­ger poe­tisch aus­ge­drückt: „Ci­da­de Pás­s­aro“ ist et­was zäh. Die Ge­schich­te schleppt sich müh­sam vor­an, die Su­che nach dem Bru­der wird zum Selbst­fin­dungs­trip Ama­dis – und das ist kei­ne be­son­ders span­nen­de oder ac­tion­rei­che An­ge­le­gen­heit. 

Eng­li­scher Ti­tel "Shi­ne Your Eyes“
Bra­si­li­en / Frank­reich 2019
102 min
Re­gie Ma­ti­as Ma­ria­ni