In die Sonne schauen

IN DIE SONNE SCHAUEN

In die Sonne schauen

IN DIE SONNE SCHAUEN

Das Filmfestival in Cannes und der deutsche Film – das war lange keine Erfolgsgeschichte. Doch in diesem Jahr ist plötzlich alles anders.

Ab 28. August 2025 im Kino

Zählt man Fatih Akins Amrum und Christian Petzolds Miroirs No. 3 dazu – beide liefen in Nebenreihen –, dann war der deutsche Film mit gleich drei Produktionen an der Croisette vertreten. Die größte Überraschung: Mascha Schilinskis IN DIE SONNE SCHAUEN, die für ihr Werk mit dem Preis der Jury ausgezeichnet wurde – eine doppelte Premiere. Erstmals ging diese Auszeichnung an eine deutsche Regisseurin.

In die Sonne schauen

IN DIE SONNE SCHAUEN ist kein gefälliger Film. Die komplexe Erzählweise mit ihren abrupten Zeitsprüngen verlangt dem Publikum einiges an Aufmerksamkeit ab. Auch der Verzicht auf eine lineare Handlung oder einen klassischen dramaturgischen Bogen macht den Zugang nicht leichter. Und doch – oder gerade deshalb – ist dieser Film ein Gesamtkunstwerk. Oder, um Wikipedia zu zitieren: „ein assoziativer Erinnerungsstrom“.

Kamera, Musik, Billie Minds’ präzises Sounddesign und das durchweg herausragende Ensemble – mit Luise Heyer, Lena Urzendowsky, Susanne Wuest, Laeni Geiseler und Hanna Heckt als die siebenjährige Alma – rufen Erinnerungen wach an Das weiße Band oder Edgar Reitz’ große Heimat-Chronik.

In die Sonne schauen

Tod und weibliche Verzweiflung durchziehen Mascha Schilinskis einzigartigen Film, der ein ganzes Jahrhundert umspannt und dabei trotzdem intim bleibt. Im Zentrum stehen vier junge Frauen – Alma, Erika, Angelika und Lenka –, deren Leben von Abhängigkeiten, Brüchen und den Erwartungen der Männer geprägt ist.

Derselbe Hof, irgendwo in Deutschland, später DDR, dieselben Räume, derselbe Stall – und doch andere Menschen. Oder dieselben in anderen Gestalten? Die Figuren spiegeln einander, über Jahrzehnte hinweg, manchmal auf unheimliche Weise.

In die Sonne schauen

Wer in einem alten Haus, oder auch nur in einer Altbauwohnung lebt, hat sich vielleicht schon mal gefragt: Wer war vor mir hier? Was hat sich zwischen diesen Wänden abgespielt? Mascha Schilinski gibt die filmische Antwort auf solche Fragen. Und inszeniert dabei jede Zeitebene so überzeugend, dass man sich unmittelbar hineinversetzt fühlt: in die 1910er-Jahre, in die 40er, die 80er, bis ins Heute.

IN DIE SONNE SCHAUEN ist ein mutiger Film. Eine sinnliche Erfahrung. Eine poetische Mischung aus Geistergeschichte, Frauenporträt und Zeitreise. Und verdientermaßen preisgekrönt.

INFOS ZUM FILM

Deutschland 2025
149 min
Regie Mascha Schilinski

In die Sonne schauen

alle Bilder © Neue Visionen Filmverleih

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KOKON

Bitch! Spermarutsche! – Es herrscht ein rauer Umgangston zwischen den Berliner Teenagern Nora (Lena Urzendowsky) und Jule (Lena Klenke). Die beiden Schwestern hängen mit ihrer besten Freundin im Jahrhundert-Sommer 2018 in Kreuzberg ab. Mittendrin, am Kottbusser Tor. Noras und Jules Mutter verbringt die Abende betrunken in der Eckkneipe, die Mädchen sind auf sich alleine gestellt. 

Im Sportunterricht, auf dem Schwebebalken: Es gibt für Nora kaum einen ungünstigeren Moment, ihre erste Periode zu bekommen. Während sich die Mitschüler*innen peinlich berührt abwenden, erweist sich „die Neue“, Romy, (Jella Hase) als patente Hilfe. Sie wäscht die blutige Hose kurzerhand aus und bietet dem verunsicherten Mädchen einen Joint „gegen die Schmerzen“ an. Nora ist spontanverliebt. Heimliches Schwimmen nachts im Prinzenbad, Tanzen auf dem CSD, der erste Sex: Unter Romys Einfluss entwickelt sich die schüchterne Nora bald von der grauen Maus zum wilden Mädchen.

Kameramann Martin Neumeyer fängt die sommerliche Kreuzberg-Liebesgeschichte stimmungsvoll ein. Vom Handyhochformat über beengtes 4:3 bis zum – mit der Entdeckung der Liebe einhergehenden – Öffnen ins Breitwandbild: Fast schon ein Muss in jedem neueren Arthousefilm ist auch hier das Spiel mit den verschiedenen Bildformaten. Regisseurin und Drehbuchautorin Leonie Krippendorff hat dabei ein gutes Gehör für authentische Dialoge und inszeniert ihre Darsteller glaubhaft und ohne jede Peinlichkeit. Jella Haase mag für ihre Rolle als bezirzende Schülerin ein paar Jahre zu alt sein – das wird mit einem lakonischen „sie ist zweimal sitzen geblieben“ erklärt – doch das schaut sich weg. Zentrum und Herz des Films ist ohnehin Lena Urzendowsky: eine Entdeckung, die demnächst in der Neuverfilmung von „Christiane F. – Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“ zu sehen ist.

FAZIT

Schöne Coming-of-Age-Geschichte über sexuelles Erwachen und die erste große Liebe.

Deutschland 2020
94 min
Regie Leonie Krippendorff
Kinostart 13. August 2020