The Mule

Ein me­xi­ka­ni­sches Dro­gen­kar­tell will He­ro­in schmug­geln. Da liegt es na­he, den neun­zig­jäh­ri­gen Blu­men­züch­ter Earl zu fra­gen, ob er even­tu­ell so nett wä­re, die Wa­re von A nach B zu fah­ren. Schließ­lich hat er noch nie ei­nen Straf­zet­tel be­kom­men, das ist Qua­li­fi­ka­ti­on ge­nug.
Auf­tritt Clint East­wood.
Die Ge­schich­te vom al­ten wei­ßen Mann, der ganz un­ver­mit­telt zum ge­frag­ten und gut be­zahl­ten Dro­gen­schmugg­ler wird, ist leid­lich un­ter­halt­sam er­zählt. Ei­ne Ku­rier­fahrt folgt auf die Nächs­te – es plät­schert so vor sich hin. Die Ent­schleu­ni­gung passt, denn im Her­zen ist The Mu­le kein Ac­tion­film, son­dern ein Ap­pel an den Fa­mi­li­en­sinn. Für den alt­ge­dien­ten Ko­rea-Ve­te­ran sind die bis un­ter die Au­gen­brau­en tä­to­wier­ten Me­xi­ka­ner-Gangs­ter kei­ne Be­dro­hung. Sein größ­ter Wunsch ist es, sich auf sei­ne al­ten Ta­ge mit sei­ner Toch­ter aus­zu­söh­nen. 

Zum ers­ten Mal seit Gran To­ri­no (2009) steht Clint East­wood wie­der gleich­zei­tig vor und hin­ter der Ka­me­ra. Als Re­gis­seur ist der 88-Jäh­ri­ge be­rühmt da­für, ex­trem ef­fi­zi­ent zu ar­bei­ten und Sze­nen oft nur ein­mal zu dre­hen. Das hat über vie­le Jah­re gut funk­tio­niert, er­weist sich hier aber als pro­ble­ma­tisch. Sel­ten wirk­ten die bei­den Os­car­ge­win­ner Brad­ley Coo­per und Dia­ne Wiest ver­lo­re­ner und ha­ben we­ni­ger Ein­druck hin­ter­las­sen.
Aus­ser den pro­mi­nen­ten, aber blas­sen Ne­ben­dar­stel­lern gibt es noch reich­lich Alt­män­ner­fan­ta­sien zu be­wun­dern: so klebt die Ka­me­ra mi­nu­ten­lang ge­nüss­lich an den halb­nack­ten Hin­tern von tan­zen­den, na­tür­lich jun­gen Mäd­chen, die sich be­gie­rig an Clint East­wood rei­ben. Und – viel­leicht zu viel In­for­ma­ti­on – auch der grei­se Earl hat noch re­gel­mä­ßig Sex (be­vor­zugt flot­te Drei­er).

FAZIT

The Mu­le ist ein halb­ga­res Al­ters­werk mit ei­nem un­aus­ge­reif­ten, un­glaub­wür­di­gen Dreh­buch. Nicht ge­ra­de ein High­light in Clint East­woods Ge­samt­werk.

USA, 2018
117 min
Re­gie Clint East­wood
Ki­no­start 31. Ja­nu­ar 2019

Vollblüter

FAS­ZI­NIE­REN­DER THRIL­LER

Teen­ager Lil­ly ist freund­lich, hilfs­be­reit und hat das Aus­se­hen ei­ner Por­zel­lan­pup­pe. Zu­sam­men mit ih­rer Mut­ter lebt sie im Lu­xus­an­we­sen ih­res rei­chen Stief­va­ters. Ih­re bes­te Freun­din heißt Aman­da: gro­ße Au­gen, nied­li­ches Ge­sicht, hoch­in­tel­li­gent. Per­fek­te Up­per­class-Welt in Con­nec­ti­cut. So­weit der ers­te Ein­druck.

Doch hin­ter der re­prä­sen­ta­ti­ven Fas­sa­de ver­birgt sich ei­ne dys­funk­tio­na­le Fa­mi­lie. Stief­va­ter Mark schleicht wie ein Sitt­lich­keits­ver­bre­cher durchs Haus und macht Lil­ly das Le­ben schwer. Nicht wei­ter ver­wun­der­lich, dass sie ihn zu­tiefst ver­ach­tet. Die Mut­ter brät stun­den­lang im So­la­ri­um, da der Gat­te "ei­nen dunk­le­ren Teint be­vor­zugt". Und Aman­da hat in Wahr­heit das Ge­fühls­le­ben ei­nes Ro­bo­ters. Pro­blem­los kann sie wahl­wei­se Trä­nen oder ein per­fekt ein­stu­dier­tes Lä­cheln ab­ru­fen. Je mehr Zeit die bei­den Freun­din­nen mit­ein­an­der ver­brin­gen, des­to mehr ver­su­chen sie, sich ge­gen­sei­tig zu ma­ni­pu­lie­ren. In vier Ka­pi­teln legt der Film Schicht um Schicht den ver­rot­te­ten Kern frei, bis es zur Ka­ta­stro­phe kommt.

MACHART

Schon mit der ers­ten Sze­ne ent­wi­ckelt "Voll­blü­ter" sei­ne düs­te­re Sog­kraft. Nachts, ein Mäd­chen, ein Pferd, ein Mes­ser. Un­heil­voll. Da­mit ist die Stim­mung für den gan­zen Film ge­setzt. Stän­di­ge Be­dro­hung liegt in der Luft. Die ru­hi­gen, ele­gan­ten Ka­me­ra­ein­stel­lun­gen, kom­bi­niert mit dem Knis­tern und Kna­cken der ner­ven­auf­rei­ben­den Mu­sik er­zeu­gen ei­ne kon­stan­te Span­nung.

"Voll­blü­ter" funk­tio­niert glei­cher­ma­ßen als dunk­le Ko­mö­die und Thril­ler. Die wah­re Be­dro­hung ist nicht der Stief­va­ter, son­dern ver­steckt sich hin­ter den mas­ken­haft-hüb­schen Ge­sich­tern der Haupt­dar­stel­le­rin­nen. So­mit ist die Ge­schich­te per­fekt auf Oli­via Coo­ke und Anya Tay­lor-Joy zu­ge­schnit­ten, de­nen in ih­ren Rol­len jeg­li­che Emo­ti­on und Em­pa­thie ab­geht. Zwei eis­kal­te Mör­de­rin­nen in hüb­scher Ver­pa­ckung.

FAZIT

Co­ry Fin­ley lie­fert mit der Ver­fil­mung des von ihm ver­fass­ten Büh­nen­stücks "Tho­roughbreds" sein be­ein­dru­cken­des Re­gie­de­büt ab. Prä­zi­se und sou­ve­rän in­sze­niert. Ei­ne Ent­de­ckung.

USA 2018
Regie Cory Finley
92 min
Kinostart 09. August 2018