BERLINALE 2021 – TAG 1

Kur­zes Jam­mern: Buh­uhu – Die Ber­li­na­le fin­det in die­sem Jahr nur im Wohn­zim­mer statt, we­nigs­tens der ers­te Teil, das so­ge­nann­te "In­dus­try Event". Kei­ne gro­ße Lein­wand, kein Grup­pen­er­leb­nis, kei­ne schlech­ten Snacks im Food­court. Da­für muss man sich nicht mehr scham­voll aus dem Ki­no schlei­chen, son­dern kann ein­fach vor­spu­len, wenn es zu lang­wei­lig wird.
Das gro­ße Pu­bli­kums­fes­ti­val folgt im Ju­ni – dann hof­fent­lich oh­ne Co­ro­na­ein­schrän­kun­gen.

WETTBEWERB

ICH BIN DEIN MENSCH

Frau­en ar­bei­ten in deut­schen Ber­li­na­le-Bei­trä­gen of­fen­bar ger­ne im Mu­se­um: Letz­tes Jahr gab Pau­la Beer als Un­di­ne die His­to­ri­ke­rin, dies­mal ar­bei­tet Ma­ren Eg­gert als Al­ma am Per­ga­mon­mu­se­um. Um För­der­mit­tel zu er­gat­tern, nimmt sie an ei­nem au­ßer­ge­wöhn­li­chen Ex­pe­ri­ment teil: Drei Wo­chen lang muss sie mit Tom (Dan "Down­ton Ab­bey" Ste­vens), ei­nem sehr mensch­li­chen Ro­bo­ter zu­sam­men le­ben. Der soll sich dank KI in den per­fek­ten Le­bens­part­ner ver­wan­deln. Doch ei­nen gu­ten Flirt zu pro­gram­mie­ren, bleibt auch in die­ser Zu­kunfts­vi­si­on schwie­rig. "Dei­ne Au­gen sind wie Berg­seen, in de­nen ich ver­sin­ken möch­te." Mit Poe­sie aus der Mot­ten­kis­te kann Tom das ver­här­te­te Herz von Al­ma nicht öff­nen. Ma­ria Schr­a­d­ers nicht un­char­man­ter Film mä­an­dert zwi­schen thea­ter­haf­ter Künst­lich­keit und lei­sem, in­tel­li­gen­tem Hu­mor. Das ist un­ter­halt­sam, packt aber nie so ganz.
"Ich bin dein Mensch" ist ei­ner von vier (!) deut­schen Wett­be­werbs­bei­trä­gen, am Frei­tag gibt es noch "Herr Bach­mann und sei­ne Klas­se" zu be­spre­chen. “Fa­bi­an oder Der Gang vor die Hun­de” mit Tom Schil­ling und “Ne­ben­an”, das Re­gie­de­but von Da­ni­el Brühl, ste­hen im Stream lei­der nicht zur Ver­fü­gung.

Eng­li­scher Ti­tel "I'm Your Man"
Deutsch­land 2021
105 min
Re­gie Ma­ria Schr­a­der

WETTBEWERB

MEMORY BOX

Seit "Bridges of Madi­son Coun­ty" ein be­lieb­ter Dreh­buch­kniff: Die Kin­der kra­men in den Hin­ter­las­sen­schaf­ten der El­tern und fin­den da­bei her­aus, dass die auch mal ein Le­ben jen­seits der be­kann­ten Fa­mi­li­en­struk­tu­ren hat­ten. "Me­mo­ry Box" ist ei­ne Fort­ent­wick­lung, ei­ne tie­fer ge­hen­de, so­zu­sa­gen 2.0‑Version die­ser Idee. Die li­ba­ne­si­sche Re­gis­seu­rin und Künst­le­rin Jo­a­na Had­ji­tho­mas schickt zwi­schen 1982 und 1988, im Al­ter von 13 bis 18 Jah­ren ih­rer bes­ten Freun­din re­gel­mä­ßig Kas­set­ten, Brie­fe und Fo­tos nach Frank­reich. Sechs Jah­re lang er­zäh­len sich die Mäd­chen bis ins kleins­te De­tail von ih­rem Le­ben. Die ei­ne aus Pa­ris, die an­de­re aus dem li­ba­ne­si­schen Bür­ger­krieg. Aus die­ser wah­ren Ge­schich­te ist nun "Me­mo­ry Box" ent­stan­den. In ih­rem teils ex­pe­ri­men­tel­len Dra­ma ver­bin­den die Re­gis­seu­rin­nen do­ku­men­ta­ri­sche mit fik­tio­na­len und re­kon­stru­ier­ten Ele­men­ten zu ei­nem vi­su­ell auf­re­gen­den Mix. Her­aus­ge­kom­men ist ein er­grei­fen­der und er­kennt­nis­rei­cher Film, der sich mit den ele­men­ta­ren Fra­gen be­schäf­tigt: Wie wich­tig sind Er­in­ne­run­gen? Wie be­ein­flusst die Ver­gan­gen­heit die Ge­gen­wart? Se­hens­wert.

Frank­reich / Li­ba­non / Ka­na­da / Ka­tar 2021
100 min
Re­gie Jo­a­na Had­ji­tho­mas, Kha­lil Jorei­ge

ENCOUNTERS

Vị

Ein ni­ge­ria­ni­scher Mann lebt mit vier Viet­na­me­sin­nen in den Slums von Ho-Chi-Minh-Ci­ty. Die Ta­ge dröp­peln so vor sich hin: Die meis­te Zeit sind al­le nackt, be­rei­ten Spei­sen zu oder wa­schen sich ge­gen­sei­tig. Ein­mal sitzt ei­ne Schne­cke auf dem Pe­nis des Man­nes. Zwi­schen­durch es­sen er und sein Sohn Was­ser­me­lo­ne im Vi­deo­chat. 
Lê Bảos Erst­lings­werk wirkt wie ein film­ge­wor­de­nes Kunst­pro­jekt und ist ei­ne Kon­tem­pla­ti­on in Blau und Braun. Je­den­falls schön an­zu­se­hen.

Eng­li­scher Ti­tel "Tas­te"
Viet­nam / Sin­ga­pur / Frank­reich / Thai­land / Deutsch­land / Tai­wan 2021
97 min
Re­gie Lê Bảo

BERLINALE SPEZIAL

TIDES

Mad Max im Wat­ten­meer: Schreck­li­che Ge­heim­nis­se und schick­sal­haf­te Ent­schei­dun­gen – ver­packt in ei­nem Sci-Fi-Thril­ler mit Öko-Kri­tik – pro­du­ziert vom Hol­ly­wood-Schwa­ben Ro­land Em­me­rich. Das lässt nichts Gu­tes er­ah­nen.
Die Men­schen ha­ben die Er­de end­gül­tig ka­putt ge­macht. Des­halb flie­hen ein paar Rei­che auf den must-have-Pla­ne­ten al­ler mo­der­nen Sci­ence-Fic­tion-Fil­me "Kep­ler" (gu­ter Hun­de­na­me). Zwei Ge­ne­ra­tio­nen spä­ter kehrt ei­ne Grup­pe Aus­er­wähl­ter zur mitt­ler­wei­le über­flu­te­ten Er­de zu­rück, denn da soll wie­der Le­ben mög­lich sein.
In­halt­lich wer­den di­cke Bret­ter ge­bohrt: Ko­lo­nia­lis­mus, Aus­beu­tung, das Brand­schat­zen der Er­de, der Kli­ma­kol­laps, das En­de des Pa­tri­ar­chats und na­tür­lich der elen­dig­li­che Über­le­bens­wil­le der Mensch­heit. Re­la­tiv rasch ver­flacht der Film zum kon­ven­tio­nel­len Gut-ge­gen-Bö­se-Dra­ma mit ab­seh­ba­rem En­de. Dass "Ti­des" trotz­dem ganz okay ge­wor­den ist, liegt vor al­lem an der stim­mungs­vol­len Ka­me­ra von Mar­kus För­de­rer und der sou­ve­rä­nen Re­gie von Tim Fehl­baum.

Deutsch­land / Schweiz 2021
104 min
Re­gie Tim Fehl­baum