Wir

1987 – ein Ver­gnü­gungs­park am Strand von San­ta Cruz. Die klei­ne Ade­lai­de läuft ih­ren El­tern weg und fin­det sich ganz al­lei­ne in ei­nem Spie­gel­ka­bi­nett wie­der. Wäh­rend sie durch das dunk­le La­by­rinth irrt, ent­deckt sie zu ih­rem Ent­set­zen, dass das, was zu­nächst ihr Spie­gel­bild zu sein scheint, in Wahr­heit ih­re Dop­pel­gän­ge­rin ist. 

Dreis­sig Jah­re spä­ter: Ade­lai­de macht mit ih­rem Mann und den bei­den Kin­dern Strand­ur­laub am Ort ih­res Kind­heits­trau­mas. In der Fa­mi­lie herrscht leicht an­ge­spann­te At­mo­sphä­re, denn Ade­lai­de be­un­ru­hi­gen ei­ne An­häu­fung selt­sa­mer Zu­fäl­le. Die Stim­mung kippt un­ver­mit­telt in blan­ken Hor­ror, als nachts plötz­lich vier un­heim­li­che Ge­stal­ten in der Ein­fahrt des Fe­ri­en­hau­ses ste­hen. Die Frem­den drin­gen nicht nur bru­tal in die hei­le Welt der Wil­sons ein, son­dern se­hen ih­nen auch noch ver­stö­rend ähn­lich. Die dop­pel­ten Lott­chen sind mit Sche­ren be­waff­net und ih­nen steht der Sinn nach Mord.

Wir - oder „US“, wie er schön dop­pel­deu­tig im Ori­gi­nal heißt, ist ein Film zum Zeit­geist: ei­ne Ab­rech­nung mit dem ak­tu­el­len, nicht nur US-ame­ri­ka­ni­schen Phä­no­men der ge­schür­ten Angst vor den An­de­ren. Weit­ge­hend funk­tio­niert der in­tel­li­gen­te Hor­ror. Be­son­ders bei den ner­ven­auf­rei­ben­den Sze­nen, die sich im Fe­ri­en­haus ab­spie­len, er­in­nert der Thril­ler an „Fun­ny Games“. Wie Mi­cha­el Ha­n­eke, ver­steht es auch Jor­dan Pee­le meis­ter­haft, per­ma­nen­te To­des­angst und Hu­mor in Ba­lan­ce zu hal­ten.

Aber der Re­gis­seur meint es zu gut und hat noch mehr mit­zu­tei­len. Wir  ver­lässt sich nicht auf sei­nen Hor­ror, son­dern be­las­tet mit im­mer aus­ufern­de­ren Er­klä­run­gen: Wo­her kom­men die Dop­pel­gän­ger? Was ist ih­re Vor­ge­schich­te? War­um tun sie, was sie tun? Doch durch zu viel In­for­ma­ti­on ver­liert der Schre­cken sei­ne Kraft.

FAZIT

„Wir selbst sind un­se­re schlimms­ten Fein­de“ – die­ser Satz ent­wi­ckelt hier ei­ne ganz neue Di­men­si­on.
Der Nach­fol­ge­film zu Pee­les bril­lan­ten „Get Out“ ist ein in­tel­li­gen­ter, größ­ten­teils un­heim­li­cher und über­ra­schend viel­schich­ti­ger Thril­ler, der aber vor al­lem ge­gen En­de un­ter aku­ter Er­klär­wut lei­det.

USA, 2019
117 min
Re­gie Jor­dan Pee­le 
Ki­no­start 21. März 2019