SCHACHNOVELLE

Die gym­na­sia­le Ober­stu­fe kann sich freu­en: Wenn in Zu­kunft Ste­fan Zweigs Welt­best­sel­ler „Schach­no­vel­le“ durch­ge­nom­men wird und der Leh­rer den 4:3 Röh­ren­fern­se­her auf dem quiet­schen­den Roll­wa­gen ins Klas­sen­zim­mer fährt, dann wird (hof­fent­lich) nicht mehr die zä­he 1960er-Ver­fil­mung mit Curd Jür­gens und Ma­rio Adorf ge­zeigt, son­dern die­se fa­bel­haf­te Neu­ver­fil­mung von Phil­ipp Stölzl.

Die Ma­cher ha­ben sich ent­schie­den, aus der 1942 von Zweig im Exil ge­schrie­be­nen Ge­schich­te lie­ber ein Stück pral­les Ki­no als lang­wei­li­ges Art­house zu ma­chen. Die Bil­der von Ka­me­ra­mann Tho­mas W. Ki­en­na­st sind groß und ci­ne­as­tisch, der Schnitt von Sven Bu­del­mann vir­tu­os und In­go Lud­wig Fren­zels Sound­track kann lo­cker mit je­der Hol­ly­wood­pro­duk­ti­on mit­hal­ten. Und erst die Schau­spie­ler: Oli­ver Ma­suc­ci trägt den Film, spielt die viel­schich­ti­ge Fi­gur des Dr. Bar­tok prä­zi­se, wech­selt mü­he­los zwi­schen iro­nisch-süf­fi­san­tem Wie­ner Schmäh und bis zum Irr­sinn ge­quäl­tem Op­fer. Sein Kon­tra­hent Al­brecht Schuch zeigt in ei­ner Dop­pel­rol­le er­neut, dass er zu den bes­ten Schau­spie­lern der jün­ge­ren Ge­ne­ra­ti­on ge­hört.

Stölzl und Dreh­buch­au­tor El­dar Gri­go­ri­an in­ter­es­sie­ren sich nicht für ei­ne ar­ti­ge Buch­ver­fil­mung, sie ver­mi­schen und ord­nen die Ge­schich­te neu. Das mo­na­te­lan­ge Ver­hör Bar­toks im Ho­tel Me­tro­pol durch den Ge­sta­po-Lei­ter Böhm, in dem der An­walt ge­hei­me Num­mern­kon­ten preis­ge­ben soll, ist la­by­rin­thisch mit der Schiffs­rei­se Bar­toks von Eu­ro­pa nach New York ver­wo­ben. Als Zu­schau­er kann man bald nicht mehr zwi­schen Rea­li­tät, Ein­bil­dung, Wahr­heit und Wahn­sinn un­ter­schei­den. Ein sur­rea­ler Psy­cho­thril­ler, ein gro­ßer Wurf.

INFOS ZUM FILM

Deutsch­land 2020
111 min
Re­gie Phil­ipp Stölzl
Ki­no­start 23. Sep­tem­ber 2021

al­le Bil­der © STU­DIO­CA­NAL

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