BERLINALE 2022 – TAG 1

Die­ses Jahr wird das Le­ben wild und ge­fähr­lich, denn die Ber­li­na­le fin­det wie­der live in den Ki­nos statt. Die ei­gent­lich ge­nia­le Auf­tei­lung von di­gi­ta­lem Event für die Film­in­dus­trie und Out­door-Som­mer­fest­spie­len für das Pu­bli­kum war ei­ne ein­ma­li­ge Sa­che, nun heißt es: ge­impft, ge­boos­tert, ge­tes­tet plus Mas­ke und hal­be Be­set­zung: 2G+++.

Noch be­vor es rich­tig los­geht, hat die Ber­li­na­le ihr ers­tes Skan­däl­chen: Das neue Sys­tem ver­langt, auch Pres­se-Ak­kre­di­tier­te müs­sen sich vor­her on­line Platz­kar­ten si­chern. Die Sit­ze im Ki­no­saal wer­den vom Sys­tem per Zu­fall ver­ge­ben, und dass Com­pu­ter nicht be­son­ders schlau sind, ist be­kannt. So kommt es, dass die hin­te­ren Rei­hen A bis F gut ge­füllt sind, wäh­rend die rest­li­chen 14 Rei­hen nach vor­ne kom­plett leer blei­ben. Gro­tesk. Vor Be­ginn des Er­öff­nungs­films er­hebt sich plötz­lich ein Zu­schau­er und ruft wut­ent­brannt: "This is cra­zy! Don't let them tre­at you li­ke this! Igno­re the ru­les! Choo­se your own se­at! The­re is not­hing they can do if we all stick tog­e­ther. Let's fight this!" Au­ßer ei­ner jun­gen Frau, die Bra­vo ru­fend nach vor­ne stol­pert, be­wegt sich nie­mand von sei­nem Platz. Denn es droht der Saal­ver­weis. Kein Thurs­day for Fu­ture. Aber recht hat der tap­fe­re De­mons­trant na­tür­lich (schein­bar hat­te er in Can­nes schon ei­nen ähn­li­chen Auf­tritt), lei­der bellt er den fal­schen Baum an. Viel­leicht soll­te er lie­ber bei der Fes­ti­val­lei­tung zur Re­vo­lu­ti­on auf­ru­fen...

WETTBEWERB

PETER VON KANT

3.5÷5

Fran­çois Ozon liebt Rai­ner Wer­ner Fass­bin­der. Nach der kon­ge­nia­len Ver­fil­mung des Fass­bin­der-Thea­ter­stücks "Trop­fen auf hei­ße Stei­ne" (2000) fei­ert nun sein Re­make des 1972 ent­stan­de­nen Films "Die bit­te­ren Trä­nen der Pe­tra von Kant" Pre­mie­re in Ber­lin.

Pe­ter von Kant, ein er­folg­rei­cher Film­re­gis­seur, ist ein ech­tes Scheu­sal. Sei­nen stum­men Die­ner und As­sis­ten­ten Karl be­han­delt er wie Dreck. Ei­nes Ta­ges lernt er den jun­gen Amir ken­nen. Pe­ter ver­liebt sich un­sterb­lich in den se­xy 24-Jäh­ri­gen. Er will Amir ei­ne Kar­rie­re im Film­ge­schäft er­mög­li­chen, lädt ihn ein, bei sich zu woh­nen. Neun Mo­na­te spä­ter ist aus dem schüch­ter­nen Jun­gen ein ma­ni­pu­la­ti­ver, lau­ni­scher Star ge­wor­den, der sich bald dar­auf von Pe­ter trennt. 

Das lieb ge­won­ne­ne Vor­ur­teil, Er­öff­nungs­fil­me der Ber­li­na­le wä­ren im­mer schlecht, wird die­ses Jahr nicht be­stä­tigt: "Pe­ter von Kant" ist ein ech­ter Ozon – stil­si­cher, ar­ti­fi­zi­ell und un­ge­wöhn­lich. An­ders als in Fass­bin­ders Film ist hier die Ti­tel­rol­le männ­lich be­setzt. Das be­schert der Ge­schich­te vom cho­le­ri­schen Film­re­gis­seur ei­ne neue Ebe­ne, denn Pe­ter von Kant ist ganz of­fen­sicht­lich dem ech­ten Fass­bin­der nach­emp­fun­den. Die Ti­tel­rol­le spielt De­nis Mé­no­chet, der be­reits zwei­mal für Ozon vor der Ka­me­ra stand. Der Er­öff­nungs­film ist ein et­was zu wort­rei­ches (we­ni­ger eu­phe­mis­tisch: ge­schwät­zi­ges) aber aus­ge­zeich­net ge­spiel­tes Kam­mer­spiel.

Frank­reich 2021
84 min
Re­gie Fran­çois Ozon

WETTBEWERB

RIMINI

35

Rex Gil­do und Wer­ner Böhm kön­nen da­von ein Lied sin­gen: Wenn sich Schla­ger­stars nicht ge­ra­de tot­sau­fen oder aus Ba­de­zim­mer­fens­tern sprin­gen, dann en­den sie ent­we­der im Mö­bel­markt oder am Bal­ler­mann. Nicht viel bes­ser ist das Schick­sal von Ri­chie Bra­vo, der ver­dient sein Geld in Ri­mi­ni.

Die bes­ten Jah­re lie­gen hin­ter ihm – das Ja­ckett passt nur noch mit Mie­der und sein Re­per­toire gibt er mitt­ler­wei­le in Ho­tel­hal­len zum Bes­ten. Doch Ri­chie weiß, was Fans (und Frau­en) wün­schen: viel öli­gen Charme und noch mehr kör­per­li­che Zu­wen­dung. Ei­nes Ta­ges steht sei­ne er­wach­se­ne Toch­ter vor ihm und ver­langt Geld, denn Pa­pa hat sich seit 18 Jah­ren nicht ge­mel­det, ge­schwei­ge denn Un­ter­halt ge­zahlt.

Was ist der Su­per­la­tiv von de­pri­mie­rend? Ri­mi­ni im Win­ter. Ei­ne Stim­mung, die der ös­ter­rei­chi­sche Film von Ul­rich Seidl per­fekt ein­fängt. Trau­ri­ger Ort, trau­ri­ger Typ: Ri­chie Bra­vo ist ein Wrack, er säuft und raucht Ket­te. Von den bemit­lei­dens­wer­ten Auf­trit­ten vor grei­sem Pu­bli­kum wech­selt die Ge­schich­te im­mer wie­der zu we­nig er­bau­li­chen Sex­sze­nen mit Ri­chie und äl­te­ren Da­men. Fan­ser­vice der be­son­de­ren Art. Da­ne­ben er­zählt der Re­gis­seur die Ge­schich­te von Ri­chies de­men­tem Va­ter, der in ei­nem Pfle­ge­heim da­hin­ve­ge­tiert und al­te Na­zi­lie­der singt. Tra­gisch und lus­tig zu­gleich.

Ös­ter­reich / Frank­reich / Deutsch­land 2022
114 min
Re­gie Ul­rich Seidl

BERLINALE SPECIAL GALA

INCREDIBLE BUT TRUE

25

Un­glaub­lich, aber wahr: Im Kel­ler von Ma­ries und Al­ans Haus ver­birgt sich et­was Rät­sel­haf­tes. Wenn man doch nur dar­über re­den könn­te! Doch Ma­rie will das Ge­heim­nis für sich be­hal­ten, be­son­ders vor Al­ans Chef. Der hat sich in Ja­pan ei­nen iPenis ein­pflan­zen las­sen. Klingt selt­sam? Ist es auch.

In der Fern­seh­se­rie "Black Mir­ror" wür­de Quen­tin Du­pieuxs sa­ti­ri­sche Zeit­rei­se­ge­schich­te nur als mit­tel­mä­ßi­ge Fol­ge durch­ge­hen. Ach­tung, SPOI­LER: Im Kel­ler des Hau­ses be­fin­det sich ei­ne Lu­ke zu ei­nem Schacht. Steigt man den hin­ab, lan­det man wie­der im Ober­ge­schoss des Hau­ses. So weit, so selt­sam. Klet­tert man dann wie­der zu­rück, so sind 12 Stun­den ver­gan­gen, gleich­zei­tig ist man aber 3 Ta­ge jün­ger ge­wor­den. Ma­rie be­schließt, die skal­pell­freie Ver­jün­gungs­kur um­fas­send zu nut­zen.

Bleibt die Fra­ge: Was soll das? Als Sa­ti­re auf den Be­au­ty­wahn ist der Film nicht scharf ge­nug, als Fan­ta­sy­ge­schich­te zu lahm und als Ko­mö­die zu un­lus­tig. Ein paar Sze­nen funk­tio­nie­ren – be­son­ders zu Be­ginn, als der Mak­ler dem Paar das Haus prä­sen­tiert und in höchs­ter Um­ständ­lich­keit das Kel­ler­ge­heim­nis er­klä­ren will. Doch je län­ger die Ge­schich­te läuft, des­to un­in­ter­es­san­ter wird sie. Zum Schluss gibt es ei­nen mi­nu­ten­lan­gen Zu­sam­men­schnitt, dia­log­los auf Mu­sik, fast so, als hät­ten die Ma­cher nicht mehr ge­wusst, was sie mit dem rest­li­chen Ma­te­ri­al an­fan­gen sol­len. Trotz sei­ner kur­zen 74 Mi­nu­ten ist das un­glaub­li­che, aber wah­re Ge­heim­nis vor al­lem ge­gen En­de er­staun­lich zäh.

Ori­gi­nal­ti­tel "In­croya­ble mais vrai"
Frank­reich / Bel­gi­en 2021
74 min
Re­gie Quen­tin Du­pieux

PANORAMA

BEAUTIFUL BEINGS

45

Für den 14-jäh­ri­gen Bal­li läuft es denk­bar schlecht: Er lebt in ei­nem run­ter­ge­kom­me­nen Haus bei sei­ner dro­gen­ab­hän­gi­gen Mut­ter, ein Au­ge wur­de ihm "ver­se­hent­lich" vom Stief­va­ter weg­ge­schos­sen, in der Schu­le wird er re­gel­mä­ßig ge­mobbt. Kein schö­nes Le­ben. Als Bal­li die gleich­alt­ri­gen Ad­di, Kon­ni und Sig­gi ken­nen­lernt, ent­wi­ckelt sich lang­sam ei­ne Freund­schaft zwi­schen den vier Jungs.

Der Film des is­län­di­schen Re­gis­seurs wirkt wie ei­ne zeit­ge­mä­ße In­ter­pre­ta­ti­on von "Stand By Me". Nur um ei­ni­ges roug­her und nä­her an der Wirk­lich­keit. Der Kon­trast könn­te nicht grö­ßer sein: Zu Hau­se do­mi­nie­ren die Vä­ter, al­le­samt Loo­ser – vom Trin­ker bis zum bru­ta­len Schlä­ger ist al­les da­bei. Auf der an­de­ren Sei­te steht die oft (ty­pisch pu­ber­tär) Gren­zen aus­tes­ten­de Freund­schaft zwi­schen den Jungs, die im­mer wie­der über­ra­schend zärt­li­che Mo­men­te hat.
Re­gis­seur Guð­munds­son ist ein be­we­gen­des, in stim­mungs­vol­len Bil­dern ge­dreh­tes Co­ming-Of-Age-Dra­ma ge­glückt mit vier tol­len New­co­mern.

Ori­gi­nal­ti­tel "Ber­drey­mi"
Is­land / Dä­ne­mark / Schwe­den / Nie­der­lan­de / Tsche­chi­sche Re­pu­blik 2022
123 min
Re­gie Guð­mun­dur Ar­nar Guð­munds­son

PANORAMA

NOBODY'S HERO

3.5÷5

In fran­zö­si­schen Cler­mont-Fer­rand ver­liebt sich der un­ge­len­ke Mé­dé­ric in Isa­do­ra, ei­ne 50-jäh­ri­ge Pro­sti­tu­ier­te. Als das Städt­chen Schau­platz ei­nes Ter­ror­an­schlags wird, flüch­tet sich der jun­ge Ob­dach­lo­se Se­lim in Mé­dé­rics Ge­bäu­de und löst da­mit ei­ne kol­lek­ti­ve Pa­ra­noia un­ter den Haus­be­woh­nern aus. Ist das der ge­such­te Is­la­mist? Mé­dé­ric ist hin- und her­ge­ris­sen zwi­schen sei­nem Mit­ge­fühl für Se­lim und dem Wunsch, die Af­fä­re mit Isa­do­ra fort­zu­set­zen.
Fi­gu­ren, Kon­struk­ti­on und Stim­mung er­in­nern an ei­nen Ro­man von Mi­chel Hou­el­le­becq. Ei­ne Ge­schich­te, wie aus dem Le­ben: so gro­tesk, dass sie sehr wahr­schein­lich ist.

Ori­gi­nal­ti­tel "Vi­ens je t'emmène"
Frank­reich 2022

100 min
Re­gie Ali­aks­ei Pa­lu­yan

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