BERLINALE 2022 – TAG 2

Ach nö! Der per­fek­te Plan geht doch nicht auf. Für die Pres­se­scree­nings braucht es ne­ben Boos­ter­imp­fung ei­nen ne­ga­ti­ven Co­ro­na­test. Da die ers­te Vor­stel­lung be­reits zu un­mensch­lich frü­her Stun­de statt­fin­det (9 Uhr!!), ent­stand die ge­nia­le Idee, sich abends, NACH dem letz­ten Film, al­so um 23 Uhr tes­ten zu las­sen, um dann am nächs­ten Mor­gen mit Ne­ga­tiv­be­scheid ins Ki­no zu spa­zie­ren. Vor­bei, denn ab so­fort gilt: Es muss ein ta­ges­ak­tu­el­ler Test vor­lie­gen. 🙄 Na­ja, wenn es der Si­cher­heit dient… 

Nach­trag zum wü­ten­den Ak­ti­vis­ten von ges­tern: Der hat­te heu­te ei­nen wei­te­ren Auf­tritt im Ber­li­na­le Pa­last, man sol­le "der Fes­ti­val­lei­tung schrei­ben und sei­nen Un­mut über die au­to­ma­tisch zu­ge­wie­se­nen Plät­ze" kund­tun. Doch die Stim­mung hat sich ge­dreht. Buh­ru­fe aus dem Pu­bli­kum. Ei­ne Jour­na­lis­tin aus Rei­he 12 ruft: "Even if they hang us from the ce­i­ling to watch the films, you should be thank­ful to even be he­re!"

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BOTH SIDES OF THE BLADE

2.5÷5

Sa­ra und Jean sind glück­lich. Ver­liebt wie am ers­ten Tag. Doch ei­nes Ta­ges tritt Fran­çois in das per­fek­te Le­ben der bei­den. Sa­ra war frü­her mit Fran­çois zu­sam­men, Jean ist sein ehe­mals bes­ter Freund. Ei­ne kom­pli­zier­te Ver­wir­rung der Ge­füh­le be­ginnt.

Sze­nen ei­ner Ehe die Hun­derts­te. Das kom­pli­zier­te Be­zie­hungs­le­ben er­wach­se­ner Groß­städ­ter wur­de in der Ge­schich­te des Ki­nos schon oft er­zählt. Clai­re De­nis fran­zö­si­sches Dra­ma hat dem nicht viel Neu­es bei­zu­fü­gen. Se­hens­wert sind die Strei­te­rei­en und Lieb­ko­sun­gen dank der fa­bel­haf­ten Dar­stel­ler: Ju­li­et­te Bi­no­che und Vin­cent Lin­don spie­len mit gro­ßem Kön­nen die gan­ze Kla­via­tur der Emo­tio­nen.

Oro­gi­n­al­ti­tel "Avec amour et acharne­ment"
Frank­reich 2021
116 min
Re­gie Clai­re De­nis

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EVERYTHING WILL BE OK

1.5÷5

Charl­ton Hes­ton brauch­te sei­ner­zeit noch et­was län­ger, bis er am En­de vom "Pla­net der Af­fen" be­griff, dass er sich die gan­ze Zeit auf der Er­de be­fun­den hat­te. In Rithy Panhs Fi­gu­ren­film "Ever­y­thing will be ok" ist von An­fang an klar: Die Tie­re ha­ben die Macht über­nom­men. End­lich, möch­te man sa­gen. Was kann schon schief­ge­hen, wenn mil­de Läm­mer und sanf­te Schwei­ne die Zu­kunft der Er­de be­stim­men? Je­de Men­ge! Denn die Tie­re ha­ben in Ge­schich­te nicht auf­ge­passt und be­ge­hen die glei­chen Feh­ler wie die Men­schen.

Wo hört Ki­no auf und wo fängt ein Dia­vor­trag an? „Ever­y­thing will be ok“ ist (lei­der) kein Ani­ma­ti­ons­film, son­dern ein Ab­schwen­ken von Sze­nen­bil­dern bzw. "Di­ora­men". Un­be­weg­te Holz­fi­gu­ren star­ren auf Bild­schir­me, die ein Best of mensch­li­cher Gräu­el­ta­ten zei­gen. Ist das nun la­zy film­ma­king oder ei­ne neue Kunst­form? Im Mu­se­um wür­den die er­starr­ten Fi­gu­ren die Auf­merk­sam­keit des Be­trach­ters für un­ge­fähr 5 Mi­nu­ten hal­ten, im Ki­no auf 98 Mi­nu­ten ge­dehnt ist die Qual groß.

Frank­reich / Kam­bo­dscha 2021
98 min
Re­gie Rithy Panh

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THE LINE

35

Dies­mal ist Mar­ga­ret zu weit ge­gan­gen. Nach­dem sie ih­rer Mut­ter ins Ge­sicht ge­schla­gen hat, wird sie zu ei­nem mehr­mo­na­ti­gen Kon­takt­ver­bot ver­ur­teilt. Der 100-Me­ter-Bann­kreis, von der klei­nen Schwes­ter Mar­ga­rets mit blau­er Far­be um das Haus der Mut­ter ge­malt, ist die ti­tel­ge­ben­de Li­nie, die nicht über­schrit­ten wer­den darf. Doch der er­zwun­ge­ne Ab­stand lässt in Mar­g­art die Sehn­sucht nach ih­rer Fa­mi­lie nur wach­sen.

Für die Er­öff­nungs­sze­ne, in der ei­ne in Zeit­lu­pe ge­film­te Mar­ga­ret voll­kom­men au­ßer sich wie ein wil­des Tier um sich schlägt und die Ein­rich­tung des müt­ter­li­chen Wohn­zim­mers zer­legt, hat der Film 5 Ster­ne ver­dient. Nach und nach deckt Re­gis­seu­rin Ur­su­la Mei­er die Schich­ten der see­li­schen Grau­sam­keit auf. Mut­ter Chris­ti­na ent­puppt sich als ego­zen­tri­sches Scheu­sal, la­bil und in­fan­ti­ler als ih­re 12-jäh­ri­ge Toch­ter. Die Wut der äl­tes­ten Toch­ter Mar­ga­ret kommt al­so nicht von un­ge­fähr, doch fällt es schwer, Sym­pa­thien zu ent­wi­ckeln. Denn so­wohl die Mut­ter als auch ih­re drei Töch­ter sind we­nig lie­bens­wer­te We­sen.
Lust­spiel oder Dra­ma? "La li­gne" wech­selt im­mer wie­der die Stim­mung und springt oh­ne Vor­war­nung zwi­schen Ko­mö­die und Tra­gö­die hin und her. Groß­ar­ti­ger als der Film: Va­le­ria Bruni Te­de­schi und Sté­pha­nie Blan­choud als in tie­fer Hass­lie­be ver­bun­de­nes Mut­ter-Toch­ter-Ge­spann.

Ori­gi­nal­ti­tel "La li­gne"
Schweiz / Frank­reich / Bel­gi­en 2022
101 min
Re­gie Ur­su­la Mei­er

BERLINALE SPECIAL GALA

GOOD LUCK TO YOU, LEO GRANDE

45

Pe­ter Rühm­korf dich­te­te 1971 auf der le­gen­dä­ren Kin­der­plat­te War­um ist die Ba­na­ne krumm?: „Licht aus, Licht aus, Mut­ter zieht sich na­ckend aus, Va­ter holt den Di­cken raus, ein­mal rein, ein­mal raus, fer­tig ist der klei­ne Klaus." Das dürf­te Nan­cy Sto­kes aus der See­le spre­chen. Die Leh­re­rin im Ru­he­stand hat­te mit ih­rem mitt­ler­wei­le ver­stor­be­nen Ehe­mann nur stink­lang­wei­li­gen Blüm­chen­sex. Ei­nen Or­gas­mus hat­te sie da­bei nie. Be­zie­hungs­wei­se hat­te sie über­haupt noch nie ei­nen. Das soll sich jetzt mit­hil­fe des jun­gen Sex­ar­bei­ters Leo Gran­de än­dern.

Manch­mal kann der in­tel­lek­tu­el­le Kunst-Over­kill der Ber­li­na­le auch an­stren­gend sein. Wie gut, dass sich in den Ne­ben­pro­gram­men im­mer wie­der Er­fri­schun­gen ver­ste­cken, die auch das et­was main­strea­mi­ge­re Film­herz er­freu­en. So­phie Hydes Film schafft mit Leich­tig­keit, was Ka­ro­li­ne Her­furth ge­ra­de mit ih­rem Kli­schee­fest „Wun­der­schön“ ver­sucht hat: ei­ne lo­cke­re, ko­mi­sche, be­rüh­ren­de und gleich­zei­tig erns­te Aus­ein­an­der­set­zung mit der ei­ge­nen Kör­per­lich­keit und miss­ver­stan­de­nem Be­au­ty­wahn.

Ap­plaus für die Dar­stel­ler: Daryl Mc­Cormack spielt den nied­li­chen Sex­wor­ker mit je­der Men­ge läs­si­gem Charme und Em­ma Thomp­son (so­wie­so im­mer gut) prä­sen­tiert sich am En­de des Films selbst­be­wusst ganz oh­ne Fil­ter full fron­tal. Ein durch­weg be­frie­di­gen­der Film.

GB 2022
97 min
Re­gie So­phie Hyde

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