DIE SCHÖNHEIT DER GESTE

Kinostart 21. April 2022

Ein fran­zö­si­scher Film mit der groß­ar­ti­gen Na­tha­lie Baye in der Haupt­rol­le, der hin­ter die Ku­lis­sen der Pa­ri­ser Mo­de­welt blickt – was kann da schon schief ge­hen, fra­gen Sie? Lei­der ei­ni­ges. Dreh­buch­au­to­ren auf­ge­passt, so kon­stru­iert man zum Bei­spiel kei­ne gu­te Ge­schich­te: Es­ther lei­tet im Mo­de­haus Di­or ein Ate­lier für die Hau­te-Cou­ture-Kol­lek­ti­on. Durch ih­re Hän­de glei­ten die er­le­sens­ten Stof­fe, sie sorgt da­für, dass die Ent­wür­fe der De­si­gner als per­fekt ge­näh­te Uni­ka­te auf dem Lauf­steg ge­zeigt wer­den kön­nen. So weit, so in­ter­es­sant. Ei­nes schö­nen Ta­ges wird ihr in der Me­tro die Hand­ta­sche ge­klaut. Die Die­bin ist Ja­de, ein Mäd­chen mit Mi­gra­ti­ons­hin­ter­grund. Da die jun­ge Ara­be­rin ih­re Tat zwar nicht be­reut, aber von ih­rer Kom­pli­zin auf ei­nen guilt trip ge­schickt wird (Geld klau­en ist ok, aber ei­ne gol­de­ne Ket­te mit Da­vid­stern – das geht gar nicht!), bringt sie die Ta­sche samt In­halt der Be­stoh­le­nen zu­rück. Die ist dar­über so em­pört, dass sie die Die­bin in ein Re­stau­rant ein­lädt (?) und ihr ein Prak­ti­kum in ih­rer er­lauch­ten Näh­stu­be an­bie­tet (??). Dort wird Ja­de von den Kol­le­gin­nen teils herz­lich, teils mit Ver­ach­tung in Emp­fang ge­nom­men.

Muss noch er­wähnt wer­den, dass sich Ja­de, ob­wohl sie nicht ein­mal weiß, was ei­ne Steck­na­del ist („Sind das die mit den Köp­fen?“) als Wun­der­kind ent­puppt, de­ren Hän­de wie ge­schaf­fen sind zum Nä­hen? Mal vom kom­plett un­rea­lis­ti­schen Ver­hal­ten der Fi­gu­ren ab­ge­se­hen, be­nimmt sich die jun­ge Frau in ih­rer Aus­bil­dungs­zeit der­ma­ßen zi­ckig und un­ver­schämt, dass sie in der wah­ren Welt schon nach 2 Mi­nu­ten des Hau­ses ver­wie­sen wor­den wä­re. Hier al­ler­dings folgt ei­ne neue Chan­ce auf die nächs­te, bald ver­steht man gar nicht mehr, war­um sich nach dem letz­ten gro­ßen Streit plötz­lich al­le schon wie­der lieb ha­ben.

Wie es der Dreh­buch­zu­fall so will, hat Es­ther ein ge­stör­tes Ver­hält­nis zu ih­rer ei­ge­nen Toch­ter, wäh­rend Ja­des Mut­ter seit Jah­ren de­pres­siv zu Hau­se rum­sitzt. Ne­ben der Glu­cke-Kü­ken-An­nä­he­rung geht es in ers­ter Li­nie wie­der mal um ei­nen ge­bil­de­ten (wei­ßen) Men­tor, der ei­nen un­ge­schlif­fe­nen Roh­dia­man­ten un­ter sei­ne Fit­ti­che nimmt.

Mit ei­nem bes­se­ren Au­toren und ei­nem Re­gis­seur mit ei­ner kla­re­ren Vi­si­on hät­te „Hau­te Cou­ture“ ein wun­der­ba­rer Film wer­den kön­nen. Denn die Sto­ry und das Set­ting ha­ben Po­ten­zi­al, die Cha­rak­te­re sind in­ter­es­sant, die Sze­nen, die die Her­stel­lung der Edel­ro­ben zei­gen, sind toll. Aber es ge­lingt nicht, den Fi­gu­ren trotz der gran­dio­sen Be­set­zung ech­tes Le­ben ein­zu­hau­chen. Dem Film man­gelt es an Struk­tur, ein­zel­ne Hand­lungs­frag­men­te wir­ken ver­lo­ren, fü­gen sich nie zu ei­ner har­mo­ni­schen Ge­schich­te zu­sam­men. Und so schaff­te es „Hau­te Cou­ture“ über wei­te Stre­cken nicht, emo­tio­nal zu be­rüh­ren. Da nützt auch der wahl­lo­se Ein­satz von Pop­songs nichts. Scha­de drum.

INFOS ZUM FILM

Ori­gi­nal­ti­tel „Hau­te Cou­ture – La Be­au­té du ges­te“
Frank­reich 2021
101 min
Re­gie Syl­vie Ohayon

al­le Bil­der © Hap­py En­ter­tain­ment

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