BERLINALE 2023 – TAG 7

Mor­gens auf dem Weg zum Pots­da­mer Platz beng­lisht die Tram­fah­re­rin die Fahr­gäs­te an: "Wir krie­jen die Tür nich zu, wenn­se am Hal­te­push klebn!“ Hal­te­push für Stop-Knopf! Das hat sich be­stimmt die BVG-Mar­ke­ting­ab­tei­lung aus­ge­dacht. Nie war Ber­lin in­ter­na­tio­na­ler!

WETTBEWERB

ROTER HIMMEL

Chris­ti­an Pet­zold sei Dank – end­lich ein Film, der mehr als nur okay ist. Im ex­tra trü­ben Wett­be­werb leuch­tet RO­TER HIM­MEL be­son­ders hell. Ein Top-Fa­vo­rit für den Gol­de­nen Bä­ren.

Zwei Freun­de, der ei­ne Fo­to­graf, der an­de­re Schrift­stel­ler, ma­chen ein paar Ta­ge Ur­laub an der Ost­see. In ih­rem Fe­ri­en­haus tref­fen sie Nad­ja, die sich nachts mit Devid (im Os­ten gab es nicht nur Maiks), dem ört­li­chen Ret­tungs­schwim­mer ver­gnügt. Vier jun­ge Men­schen, von de­nen drei Spaß ha­ben, nur Le­on, der Schrift­stel­ler quält sich. Die gu­te Lau­ne der an­de­ren lässt ihn im­mer mür­ri­scher wer­den. Es ist Som­mer, um das Haus her­um brennt der Wald, der Him­mel färbt sich rot, bald reg­net es Asche.

RO­TER HIM­MEL ist der zwei­te Teil ei­ner Tri­lo­gie. Wie schon in UN­DI­NE plat­ziert Pet­zold mo­der­ne Cha­rak­te­re in ein mär­chen­haf­tes Set­ting. Dies­mal ins deut­sches­te al­ler deut­schen Mär­chen­set­tings: den Wald. Die Sym­bo­lik des al­les ver­schlin­gen­den Feu­ers für die Qua­len des Au­tors er­drückt da­bei nicht, der Ton bleibt leicht. Da­zu ei­ne aus­ge­zeich­ne­te Be­set­zung, vor al­lem Pau­la Beer als le­bens­fro­he Nad­ja und Tho­mas Schu­bert als mie­se­pe­tri­ger Le­on.

Deutsch­land 2023
102 min
Re­gie Chris­ti­an Pet­zold
Bild © Chris­ti­an Schulz / Schramm Film

WETTBEWERB

20.000 SPECIES OF BEES

Der acht­jäh­ri­ge Ai­tor ist ge­nervt. Stän­dig wird es mit sei­nem Na­men an­ge­re­det. Viel lie­ber hät­te er ei­nen Mäd­chen­na­men. Im Som­mer­ur­laub auf dem Land ver­traut sich das Kind sei­ner bie­nen­züch­ten­den Tan­te an.

Die Ber­li­na­le neigt sich lang­sam ih­rem En­de ent­ge­gen und es gab bis­her noch kei­nen gen­der­flui­den Film im Wett­be­werb! Auf­tritt der 20.000 Bie­nen. Das Fea­ture­de­büt der Spa­nie­rin Es­ti­ba­liz Ur­re­so­la So­la­gu­ren ist ein net­ter Kin­der­film mit rei­zen­der Be­set­zung und lo­bens­wer­tem An­lie­gen. Die Nicht­hand­lung vom Jun­gen, der ein Mäd­chen sein möch­te, hät­te sich lo­cker in ei­nem Drit­tel der Zeit we­ger­zäh­len las­sen.

Ori­gi­nal­ti­tel „20.000 espe­ci­es de abe­jas“
Spa­ni­en 2023
125 min
Re­gie Es­ti­ba­liz Ur­re­so­la So­la­gu­ren
Bild © Ga­ri­za Films, Ini­cia Films

WETTBEWERB

MAL VIVER

MAL VI­VER heißt auf Deutsch über­setzt „Kaum Le­ben“. Das ist es auch, was der Zu­schau­er schon nach we­ni­gen Mi­nu­ten emp­fin­det, der die­sen Wett­be­werbs­bei­trag se­hen darf. Wor­um gehts? Um Müt­ter, die nicht fä­hig sind, ih­re Töch­ter zu lie­ben, die wie­der­um nicht fä­hig sind, Müt­ter zu sein.

In dem 127 Mi­nu­ten lan­gen Film­ju­wel aus Por­tu­gal gif­ten sich fünf un­sym­pa­thi­sche Frau­en in ei­nem leer ste­hen­den Ho­tel an. Am En­de sind al­le tot. Lei­der ganz oh­ne Witz oder we­nigs­tens Camp er­zählt.

Por­tu­gal / Frank­reich 2023
127 min
Re­gie João Ca­ni­jo
Bild © Mi­das Fil­mes

BERLINALE SPECIAL

GOLDA

Kip­pen und Kaf­fee. Die no­to­ri­sche Ket­ten­rau­che­rin Gol­da Meir war die ers­te Frau im is­rae­li­schen Mi­nis­ter­prä­si­di­al­amt. GOL­DA er­zählt vom Jom-Kip­pur-Krieg 1973. Un­ter Meirs Füh­rung ge­wann Is­ra­el zwar ge­gen Ägyp­ten und Sy­ri­en, doch Tau­sen­de be­zahl­ten da­für mit ih­rem Le­ben.

Ein or­dent­lich ge­mach­tes Ge­schichts­dra­ma, wie es sie dut­zend­fach gibt. GOL­DA ist ein klas­si­scher Fak­ten­film, oh­ne all­zu viel Ex­pe­ri­men­tier­freu­de in­sze­niert. Die größ­te Kri­tik: Re­gis­seur Guy Nat­tiv ver­traut nicht auf He­len Mir­rens Schau­spiel­kunst und ver­gräbt ihr Ge­sicht un­ter ei­ner di­cken La­tex­schicht. Als ob sich die Zu­schau­er auf Gol­da Meirs Kampf um Is­ra­el nur dann ein­las­sen könn­ten, wenn die Schau­spie­le­rin das Aus­se­hen des Ori­gi­nals bis in die letz­te Fal­te imi­tiert. Hö­he­punkt des Mum­men­schan­zes ist ei­ne FOR­REST GUMP-ar­ti­ge Sze­ne, in der die ver­klei­de­te He­len Mir­ren mit ech­ten Ar­chiv­auf­nah­men ver­schmilzt. Gum­mi­na­se und tech­ni­sche Spie­le­rei­en len­ken von der ei­gent­lich span­nen­den Ge­schich­te ab.

GB 2022
100 min
Re­gie Guy Nat­tiv
Bild © Jas­per Wolf

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