AZNAVOUR BY CHARLES

AZNAVOUR BY CHARLES

Der ab­so­lu­te Alb­traum für je­den In­fluen­cer: Jahr­zehn­te­lang Auf­nah­men ma­chen und dann sieht sie kei­ner. Bei heu­ti­gen In­sta­gram-Stars wä­re das nicht wei­ter tra­gisch, bil­den sie doch ent­we­der den schnö­den All­tag ab, den man eh selbst er­lebt, oder zei­gen die im­mer glei­chen Strand‑, Body‑, Party‑, Food-Ar­ran­ge­ments.

Ganz an­ders Charles Az­na­vour. Der ar­me­nisch-fran­zö­si­sche Schau­spie­ler und Chan­son­nier hat wirk­lich was er­lebt und war sei­ner Zeit weit vor­aus: Seit En­de der 1940er-Jah­re führ­te er ein fil­mi­sches Ta­ge­buch auf Schmal­film und 16 mm. Der Le­gen­de nach be­kam er sei­ne ers­te Ka­me­ra von Édith Piaf ge­schenkt, de­ren Se­kre­tär er da­mals war.

Az­na­vour ent­puppt sich im Nach­hin­ein nicht nur als fa­bel­haf­ter Sän­ger und Schau­spie­ler, son­dern auch als ta­len­tier­ter Chro­nist. Bei­na­he hät­te die Nach­welt von all dem nichts er­fah­ren, denn bis kurz vor sei­nem Tod la­ger­ten die Film­schät­ze in ei­ner ge­hei­men Kam­mer in Az­na­vours Haus. 2017 über­gab er das bis da­hin un­ge­sich­te­te Ma­te­ri­al dem Fil­me­ma­cher Marc di Do­me­ni­co und ge­währ­te ihm freie Hand.

Die über 40 Stun­den ge­film­tes Le­ben wur­den ge­schnit­ten, mit Az­na­vours Mu­sik und Aus­zü­gen aus sei­nen Me­moi­ren un­ter­legt, ge­spro­chen von Schau­spie­ler Ro­main Du­ris. Das hat den Charme ei­nes pri­va­ten Ki­no­abends, bei dem Opa von frü­her er­zählt. Al­ler­dings ein for­mi­da­bler Opa mit ei­ner auf­re­gen­den Ver­gan­gen­heit.

Wie im wah­ren Le­ben hat der Blick zu­rück zwi­schen­durch auch mal zä­he Mo­men­te, vor al­lem wenn die Bil­der zu ar­tig aufs Wort ge­schnit­ten sind oder wenn sich der Be­gleit­text in zu all­ge­mei­nen Le­bens­weis­hei­ten er­geht.

Um­so fes­seln­der sind die Bil­der von un­wi­der­ruf­lich ver­gan­ge­nen Zei­ten im Pa­ris oder New York der 60er-Jah­re und (na­tür­lich) die sehr pri­va­ten Er­in­ne­run­gen: Az­na­vour, ein Meis­ter der Eu­phan­co­lie (© Be­ne­dict Wells), ana­ly­siert sei­ne Be­zie­hun­gen zu den Frau­en – den Weg vom ers­ten eu­pho­ri­schen Ver­liebt­sein bis zum me­lan­cho­li­schen En­de.

Az­na­vours Kar­rie­re war ei­ne der be­stän­digs­ten des 20. Jahr­hun­derts. Er stand in zahl­rei­chen Fil­men vor der Ka­me­ra, un­ter an­de­rem für Truf­f­aut und Schlön­dorff. Bis heu­te ver­kauf­te er fast 200 Mil­lio­nen Plat­ten und war Au­tor von über 1.000 Chan­sons. Sein letz­tes Kon­zert gab er 2018 in Ja­pan, nur we­ni­ge Wo­chen vor sei­nem Tod.

FAZIT

„Az­na­vour by Charles“ – ein un­ge­wöhn­lich in­ti­mer Ein­blick in das Le­ben ei­nes gro­ßen En­ter­tai­ners.

INFOS ZUM FILM

Ori­gi­nal­ti­tel „Le re­gard de Charles“
Frank­reich 2019
83 min
OmU
Re­gie Charles Az­na­vour und Marc di Do­me­ni­co
Ki­no­start 17. Ju­ni 2021

al­le Bil­der © Ar­se­nal Film­ver­leih