FAREWELL 007

FAREWELL 007

Gast­au­torin: Bri­git­te Stein­metz

Da­ni­el Craig ist be­sof­fen. Er schwankt in sei­nem schwar­zen An­zug ne­ben ei­ner drei­stö­cki­gen Sah­ne­tor­te, die mit der ver­trau­ten Ja­mes Bond Sil­hou­et­te ver­ziert ist und je­mand hin­ter ihm hält mit der Han­dy­ka­me­ra drauf, wie der sonst so stoi­sche Bri­te ei­nen Ge­fühls­aus­bruch er­lei­det. „Ich lie­be euch al­le” stam­melt Craig „Das war die bes­te Zeit mei­nes Le­bens”. Be­trun­ke­ne und Kin­der sa­gen be­kannt­lich die Wahr­heit, des­halb wol­len wir ihm glau­ben. Die kur­ze Sze­ne ent­stand im Ok­to­ber 2019 auf der Wrap-Par­ty von „No Time To Die” in Ma­te­ra, Ita­li­en und wur­de seit­dem Mil­lio­nen Mal auf Twit­ter ge­teilt. Ein ge­rühr­ter Da­ni­el Craig ist bes­ser als je­des ge­schüt­tel­te Mar­ti­ni-Me­me, denn das kann nur hei­ßen: Hail The Queen, Ja­mes Bond hat den Brexit über­lebt.

Zu­letzt sah es gar nicht gut aus für die Fort­set­zung des sie­ben-Mil­li­ar­den-Dol­lar-Fran­chise. 2015 fluch­te Craig gar, dass er sich „lie­ber die Puls­adern auf­schlit­zen” wür­de, als noch mal 007 zu mi­men. Bond war seit „Spect­re” in Ren­te und Craig vol­ler Ra­ge. Wir er­in­nern uns, in der letz­ten Sze­ne von „Spect­re” fährt Bond mit Made­lei­ne Swann (Léa Sey­doux) in ei­ner Re­plik sei­nes al­ten As­ton Mar­tin DB5 der Frei­heit ent­ge­gen. Für die spä­te Lie­be lässt er M und Miss Mo­ney­pen­ny sit­zen und so­gar Blo­feld (Chris­toph Waltz) mit dem Le­ben da­von­kom­men. 
Craig war nicht zu­frie­den mit sei­nem letz­ten Ein­druck. Zwi­schen­zeit­lich hat­te er zwar ge­bellt, dass er ei­nen wei­te­ren Bond nur für ei­nen mons­trö­sen Ge­halts­scheck ma­chen wür­de. Doch nimmt der Mann aus Li­ver­pool sei­nen Be­ruf Schau­spie­ler viel zu ernst, um nach drei­zehn Jah­ren ei­nen lau­war­men Ab­gang zu ma­chen.

„Es fühl­te sich an, als müss­te ich noch ei­ne Rech­nung be­glei­chen. Wä­re mit „Spect­re” Schluss ge­we­sen, hät­te es in mei­nem Hin­ter­kopf ru­mort: “war­um ha­be ich nicht noch ei­nen ge­macht!”. Ich hat­te im­mer ei­ne heim­li­che Vor­stel­lung da­von, wo­hin ich mit der Fi­gur will. Spect­re war’s noch nicht… aber die­ser fühlt sich rich­tig an.”
Mys­te­riö­se Wor­te. Auch weil die Ge­ne­se von „No Time To Die” von Pro­ble­men ge­plagt war. Craig hielt den Be­trieb we­gen ei­ner Knö­chel­ver­let­zung mo­na­te­lang auf. Re­gis­seur Dan­ny Boyle warf mit­samt sei­nem Dreh­buch­au­tor we­gen „krea­ti­ver Dif­fe­ren­zen” hin und wur­de durch den sanft­mü­ti­gen Ca­ry Fu­ku­na­ga (True De­tec­ti­ve) er­setzt. Krea­ti­ve Dif­fe­ren­zen über was oder mit wem? Die Spe­ku­la­tio­nen reich­ten von: Boyle woll­te die bald 60 Jah­re al­te Agen­ten­sa­ga mit ei­nem töd­li­chen Fi­na­le be­en­den und Pro­du­zen­tin Bar­ba­ra Broc­co­li war da­ge­gen, bis: Da­ni­el Craig woll­te die­sen Bond end­lich ster­ben las­sen und Dan­ny Boyle wei­ger­te sich, der Hen­ker zu sein. Wir wer­den es nie er­fah­ren. Aber al­lein die Tat­sa­che, dass die Ge­rüch­te sich um den mög­li­chen Tod des un­sterb­li­chen Agen­ten ran­ken, sagt doch viel über die ge­gen­wär­ti­ge Geis­tes­hal­tung. Hat sich die Mar­ke Bond über­lebt?

Noch nie wa­ren die Zei­ten so kri­tisch für Bond. Der vor­nehms­te Auf­trag der 250 Mil­lio­nen Dol­lar Pro­duk­ti­on „No Time To Die” wird sein, den Arsch von Bond in die Post-#metoo-Ära zu ret­ten. Die Es­senz der Fi­gur ist längst auf­ge­löst. Bond ist ein Re­likt aus ei­nem Groß­bri­tan­ni­en, das sein Er­fin­der Ian Fle­ming sich in der Nach­kriegs­zeit er­träum­te. Groß­bri­tan­ni­en als Groß­macht, in der Spio­na­ge als ge­schick­tes­te Form von Au­ßen­po­li­tik gilt.

„Grö­ße: 183 Zen­ti­me­ter; Ge­wicht 76 Ki­lo­gramm; schlank, blaue Au­gen, schwar­zes Haar, auf der rech­ten Ba­cke ei­ne senk­rech­te Nar­be. Gu­ter Sport­ler, aus­ge­zeich­ne­ter Pis­to­len­schüt­ze, Bo­xer und Mes­ser­wer­fer. Star­ker Rau­cher (Spe­zi­al­zi­ga­ret­ten mit drei Gold­strei­fen). Lei­den­schaf­ten: Al­ko­hol (kei­ne Ex­zes­se) und Frau­en”.
Ca­ry Grant hät­te den Ide­al­vor­stel­lun­gen von Fle­ming ent­spro­chen, doch der war schon zu teu­er, als der Agent 1962, neun Jah­re nach sei­ner Rom­an­ge­burt, im Film auf die Jagd von „Dr. No” ge­schickt wur­de.
Und auch wenn 58 Jah­re spä­ter die meis­ten, so­gar Craig, im­mer noch Sean Con­nery ih­ren Lieb­lings-Bond nen­nen: Der Schot­te wur­de bei sei­nem An­tritt durch­aus nicht nur ge­fei­ert, son­dern von der Kri­tik als ras­sis­tisch und men­schen­ver­ach­tend be­schimpft.
Dem Pu­bli­kum wars frei­lich egal, der ge­schmei­di­ge Spi­on wur­de ne­ben den Beat­les zum er­folg­reichs­ten Bri­ten-Ex­port. Sean Con­nery galt als Gen­tle­man Agent, ob­wohl er „Ma­rie” in „Dia­monds are Fo­re­ver” mit ih­rem Bi­ki­ni­ober­teil er­würg­te und Pus­sy Ga­lo­res „Nein” in „Gold­fin­ger” mit bru­ta­len Küs­sen er­stick­te. Frau­en wa­ren wil­li­ge Ac­ces­soires, so aus­tausch­bar wie die Spiel­zeu­ge aus der Werk­statt von Q.

Der Bond des 20. Jahr­hun­derts war ein Char­meur oh­ne Ge­füh­le, ein un­ver­wund­ba­rer Kil­ler, der im Kampf um Le­ben und Tod al­len­falls ein paar Krat­zer da­von­trug. Ein Welt­rei­sen­der oh­ne Pass­pro­ble­me, mit der Li­zenz kon­se­quenz­los zu lie­ben und zu tö­ten, Bö­se­wich­ter aus fah­ren­den Zü­gen zu schmei­ßen, mit Har­pu­nen ab­zu­schie­ßen und ih­re Ge­heim­ver­ste­cke in ver­las­se­nen Vul­ka­nen in die Luft zu ja­gen Bond leb­te nicht nur zwei­mal, er war un­sterb­lich. Der ele­gan­te, skru­pel­lo­se Bond, schrieb Bond Ex­per­te Dr. Sieg­fried Te­sche vor 25 Jah­ren im Play­boy, war im Nach­kriegs­eu­ro­pa „wie ein Über­le­bens­pa­ket”.

Hel­den­fi­gu­ren er­zäh­len im­mer et­was über den am­tie­ren­den Zeit­geist. Auch wenn Ian Fle­ming stets be­teu­er­te, sei­ne Ro­ma­ne sei­en un­po­li­ti­sche Zer­streu­ung, spie­gel­ten sie doch sei­ne Ver­stö­rung über die ge­sell­schaft­li­chen Um­brü­che der Sech­zi­ger­jah­re wi­der: Die Eman­zi­pa­ti­on der Frau­en et­wa ver­steht er al­lein als freie Fahrt für Sex. Ge­or­ge La­zen­by, der ein­zi­ge Bond, der nur ein­mal im Diens­te ih­rer Ma­jes­tät in Er­schei­nung trat, schei­ter­te viel­leicht auch, weil er mit Tra­cy (Dia­na Rigg) zu sehr bond­e­te für den Ge­schmack von 1968. Bond ist zu cool für die Ehe, die Frau muss ster­ben. Dann doch lie­ber Ro­ger Moo­re „ich kann drei Ge­sichts­aus­drü­cke: Au­gen­brau­en hoch­zie­hen, Au­gen­brau­en run­zeln und ge­ra­de­aus schau­en” so lan­ge den Zy­ni­ker spie­len las­sen, bis er als „0070” zu pein­lich wur­de. Auf dem Hö­he­punkt der AIDS-Kri­se ver­such­te Ti­mo­thy Dal­ton mit Cha­rak­ter ge­gen Gad­gets zu ge­win­nen. Das Er­geb­nis über­zeug­te so we­nig wie Pier­ce Brosn­ans auf­ge­bla­se­ne Mo­del-Ver­si­on.
Als Bros­nan 1995 zu „Gol­den Eye” an­trat, be­grüß­te ihn Ju­dy Denchs M als „se­xis­ti­schen Di­no­sau­ri­er”. Das Pro­blem war er­kannt, doch än­der­te das nichts dar­an, dass Bond zu­neh­mend merk­wür­dig aus der Zeit ge­fal­len schien. 

„Ver­damm­te Schei­ße, wie soll ich das an­stel­len?” war Da­ni­el Craigs ers­ter Ge­dan­ke, als er 2005 die Her­aus­for­de­rung an­nahm, den gest­ri­gen Ac­tion­hel­den zu mo­der­ni­sie­ren.
„Es gab im­mer die­se un­an­ge­neh­me Sei­te an Bond – Sean Con­nery hat Frau­en ins Ge­sicht ge­schla­gen als 007!” Craig nä­her­te sich sei­ner Auf­ga­be als an­ge­schla­ge­ner Auf­trags­kil­ler. „Du kannst ihm nicht ver­zei­hen, aber we­nigs­tens ver­ste­hen, war­um er sich so ver­hält.” Das Pu­bli­kum woll­te ver­ste­hen.
Ca­si­no Roya­le spiel­te 2006 über 594 Mil­lio­nen Dol­lar welt­weit ein, was ihn – bis „Sky­fall” – zum er­folg­reichs­ten Bond Film al­ler Zei­ten mach­te. Kei­ner re­de­te mehr da­von, dass Craig zu klein oder zu blond für die Rol­le sei, als er wie einst Ur­su­la And­res in haut­enger La Per­la Ba­de­ho­se der Ka­ri­bik ent­stieg. Kann ein se­xy Bond Se­xist sein?

Fran­chise Fans mö­gen kei­ne Ver­än­de­run­gen. Ja­mes Bond war ei­ne ver­läss­li­che Kon­stan­te in der im­mer schnel­le­ren Welt. So auf­re­gend sei­ne Aben­teu­er sind, wir­ken sie in ih­rer For­mel­haf­tig­keit be­ru­hi­gend. Gro­ße Ein­gangs­sze­ne, Ti­tel­se­quenz mit bom­bas­ti­scher Mu­sik, Be­such bei M und Q, Mis­si­on in exo­ti­schen De­sti­na­tio­nen, Er­obe­rung ei­ner oder meh­re­re Schön­hei­ten, gro­ßes Fi­na­le, Welt ge­ret­tet.
Doch die Welt ist nicht ge­ret­tet. Wäh­rend selbst Mar­vel-Co­mic­hel­den längst ein In­nen­le­ben zu­ge­schrie­ben wird, ver­sucht Bond im­mer noch mit sei­ner neu­en Düs­ter­heit ei­nes zu mar­kie­ren. Der Wan­del ist nur ei­ne Po­se. Auch wenn Ves­per Lynd (Eva Green) Ja­mes Bond ganz selbst­be­wusst ei­nen hüb­schen Hin­tern be­schei­nigt, muss sie trotz­dem ster­ben, da­mit er frei für die nächs­te Er­obe­rung ist.

Wie schon in „Ca­si­no Roya­le” muss­te Craigs 007 auch in „Spect­re” al­les auf­ge­ben: sei­ne Woh­nung, sei­nen Job, sei­ne Kol­le­gen. Er hat nur ei­ne Wahl, als er mit der Waf­fe im An­schlag über dem wehr­lo­sen Blo­feld, Ur­he­ber al­les Bö­sen in Bonds Uni­ver­sum steht: Pflicht oder Lie­be, ab­drü­cken oder ... ab­hau­en? 
Dass wir kei­ne Ah­nung ha­ben, was die Al­ter­na­ti­ve sein könn­te, sagt al­les über das wah­re Ge­heim­nis von Ja­mes Bond: Wer ist die­ser Typ ei­gent­lich, wenn er nicht 007 ist?

Et toi, Da­ni­el Craig?
Wä­re er nicht Schau­spie­ler, wür­de Craig ei­nen ex­zel­len­ten Ge­heim­agen­ten ab­ge­ben, denn auch nach ei­nem gan­zen Le­ben in der Öf­fent­lich­keit und drei­zehn Jah­ren in ei­ner iko­ni­schen Rol­le weiß man über den Mann we­nig mehr als zu sei­nen An­fän­gen am Pro­vinz­thea­ter.

Ge­bo­ren in Ches­ter am 2. März 1968. Mut­ter Kunst­leh­re­rin, Va­ter Pub-Be­trei­ber. Da­her recht trink­fest.
„Im­mer schon die Ar­ro­ganz be­ses­sen”, nichts an­de­res als Schau­spie­ler sein zu wol­len; das Hand­werk lern­te er an der „Guild­hall School of Mu­sic and Dra­ma” an der Sei­te von Rhys Ifans, Ewan Mc­Gre­gor and Jo­seph Fi­en­nes. Mit 24 hei­ra­te­te er ei­ne schot­ti­sche Kol­le­gin, Fio­na Lou­don, die Ehe hielt vier Jah­re, die ge­mein­sa­me Toch­ter El­la ist längst er­wach­sen. Sie­ben Jah­re war er der un­be­kann­te Schau­spie­ler an der Sei­te von Hei­ke Ma­kat­sch. Da­nach wur­de es auf­re­gend. Sein Ti­cket nach Hol­ly­wood war 2001 „Tomb Rai­der” mit An­ge­li­na Jo­lie. Als Shake­speare-Schau­spie­ler recht­fer­tig­te er sei­ne Mit­wir­kung in der Ver­fil­mung ei­nes Vi­deo­spiels mit „dem Ge­halts­scheck”. We­nig spä­ter mach­te er als Ko­ka­in­dea­ler in „Lay­er Ca­ke” Ein­druck bei den Kri­ti­kern – und Ka­te Moss. Es ge­fiel ihm gar nicht, wie die Me­di­en sich 2004 auf sei­ne Af­fä­re mit dem Su­per­mo­del stürz­ten. „Ich ver­stand das In­ter­es­se an zwei öf­fent­li­chen Per­so­nen” wand er sich noch Jah­re spä­ter „aber ich wer­de nie­mals öf­fent­lich über ei­ne Be­zie­hung spre­chen, weil nur Scheiß­ty­pen so was tun wür­den.” Ein Gen­tle­man ge­nießt und schweigt – aber weil er das zu be­harr­lich auf Pres­se­kon­fe­ren­zen tat, be­schimpf­ten die bri­ti­schen Ta­bloids den neu­en Bond bald als „Ja­mes Bland (Lang­wei­lig)”.

In­ter­views mit Craig sind im­mer noch kein Feu­er­werk, be­son­ders, weil er sei­ne Ver­schwie­gen­heit mit ent­waff­nen­der Höf­lich­keit tarnt. Da­bei ist er scho­ckie­rend leicht zu er­hei­tern. Wenn man lan­ge ge­nug in Harm­lo­sig­kei­ten sto­chert, schiebt er ein paar Puz­zle­stü­cke rü­ber. Auf die Fra­ge et­wa, ob die mes­ser­schar­fen An­zü­ge, die Tom Ford sei­nem Bond auf den Leib mei­ßelt, sich auf sei­nen Stil aus­ge­wirkt hät­ten, muss er erst ki­chern. „Style, ich, hihi, al­so, ha­ha”. Pau­se. Und dann: „Mein Groß­va­ter war Maß­schnei­der. Von ihm ha­be ich schon als klei­ner Jun­ge ge­lernt, wie ein An­zug zu sit­zen hat, wie Stof­fe sich an­füh­len und wo die Näh­te hin­ge­hö­ren. Was Maß­an­zü­ge be­trifft, bin ich sehr ver­wöhnt.”

An­ders als Bond scheint Craig eher Se­ri­en-Mo­no­ga­mist als La­dy­kil­ler. Zwi­schen „Ein Quan­tum Trost” und „Sky­fall” ver­lieb­te er sich in sei­ne lang­jäh­ri­ge Be­kann­te Ra­chel Weisz bei ge­mein­sa­men Dreh­ar­bei­ten zu ei­nem psy­cho­lo­gi­schen Thril­ler. „Dream House” ver­schwand schnell in der Ver­sen­kung, Ra­chel Weisz wur­de sei­ne Frau und 2018 Mut­ter der ge­mein­sa­men Toch­ter. Von der klamm­heim­li­chen Hoch­zeit zwi­schen dem Bond­dar­stel­ler und der Os­car Preis­trä­ge­rin (The Con­stant Gar­de­ner) im De­zem­ber 2011 wuss­ten nur vier Leu­te. M hät­te sei­ne Freu­de ge­habt.

Na­tür­lich er­regt es Arg­wohn, dass Craig seit dem Dre­hen­de von „No Time To Die” so gut ge­launt, ja ge­ra­de­zu be­freit wirkt. Nach 13 Jah­ren Bond und Zwi­schen­spie­len in fins­te­ren Fil­men wie „De­fi­ance” und „Girl Wi­th The Dra­gon Tat­too” hat­te er zu­letzt end­lich mal Spaß als De­tek­tiv in der Kri­mi­ko­mö­die „Kni­ves Out”. Ei­ne „Mi­schung aus Co­lum­bo und Miss Mar­ple” mit brei­tem Süd­staa­ten­ak­zent spielt er da, und es ist bei­na­he be­lei­di­gend, wie über­rascht Kri­ti­ker von sei­ner blau­äu­gi­gen Schus­se­lig­keit sind. Hat­ten sie wirk­lich ver­ges­sen, was für ein gu­ter Schau­spie­ler Da­ni­el Craig schon im­mer war? Bond je­den­falls ist sei­ne Sor­ge nicht mehr. „Who the fuck ca­res” sagt Craig auf Spe­ku­la­tio­nen über sei­ne Nach­fol­ger­schaft. Fest steht im­mer­hin, dass es kei­ne Ja­ne Bond ge­ben wird. Auch wenn ei­ne Frau (Lasha­na Lynch) in Bonds Lie­bes­pau­se die iko­ni­sche 007 über­nom­men hat. Ja­mes Bonds Pro­blem ist nicht, was er in der Ho­se hat. Son­dern im Kopf. Sein Kö­nig­reich ist ka­putt. Sei­ne miso­gy­nis­ti­sche Geis­tes­hal­tung un­zeit­ge­mäß. Sei­ne Kalt­blü­tig­keit ein Fall für den Psych­ia­ter.

„No Time To Die” fährt al­le Mit­tel auf, um den Ge­heim­agen­ten zu ver­jün­gen. Pop Rum­pel­stilz­chen Bil­lie Ei­lish darf den Ti­tel­song sin­gen. Phoe­be Wal­ler-Bridge, Schöp­fe­rin und Haupt­dar­stel­le­rin der um­wer­fend ko­mi­schen BBC-Se­rie „Fle­a­bag”, schreibt am Dreh­buch mit. Doch wie weit kann man den Cha­rak­ter des alt­ge­dien­ten Agen­ten ver­wäs­sern, be­vor er sich voll­kom­men auf­ge­löst hat? Wird er für sei­nen nächs­ten Mar­ti­ni nach Zi­tro­nen­ab­rieb aus lo­ka­lem An­bau ver­lan­gen? Viel­leicht ist es Zeit, dem al­ten Bond Fa­re­well zu wün­schen. Viel­leicht wirkt Da­ni­el Craig des­halb wie er­löst. Viel­leicht wä­re das bes­te al­ler Fi­na­le ein bom­bas­ti­scher Ab­gang. Ja­mes Bond ist tot, es le­be ein neu­er 007.

Al­le Bil­der © Uni­ver­sal Pic­tures In­ter­na­tio­nal

JAMES BOND – KEINE ZEIT ZU STERBEN

JAMES BOND – KEINE ZEIT ZU STERBEN

Sag zum Ab­schied lei­se Ser­vus. Da­ni­el Craig hat die Schnau­ze voll, dies ist un­wi­der­ruf­lich sein letz­ter Bond. Mit et­was Glück wird aus dem Ab­schieds­schmerz im Lau­fe der Zeit Ver­mis­sen und dann ei­ne schö­ne Er­in­ne­rung. Durch die zahl­rei­chen Ver­schie­bun­gen hat­ten die Bond-Fans knapp an­dert­halb Jah­re Zeit, in­ner­lich Ab­schied zu neh­men. Ur­sprüng­lich soll­te es be­reits im April 2020 ge­schüt­tel­te Mar­ti­nis ge­ben. We­nigs­tens für Da­ni­el Craig ei­ne Er­lö­sung, denn der woll­te sich nach sei­nem letz­ten Auf­tritt in „Spect­re“ „lie­ber die Puls­adern auf­schnei­den, als noch ein­mal als Bond vor der Ka­me­ra zu ste­hen“. Erst schma­le 50 Mil­lio­nen Pfund Ga­ge konn­ten ihn über­zeu­gen, ein al­ler­letz­tes Mal die Walt­her PPK zu zü­cken.

Hat sich das lan­ge War­ten ge­lohnt? Gro­ßes JA und klei­nes nein. Es ist na­tür­lich ein Er­leb­nis, den Film im Ki­no zu se­hen. Die ers­ten zwei Drit­tel sind auch wirk­lich toll. Es gibt zahl­rei­che char­man­te Hin­wei­se auf die letz­ten 24 Fil­me, der Hu­mor stimmt, Bil­der und Mu­sik sind groß. Al­les noch bes­ser als er­war­tet. Nur das letz­te Drit­tel ist, wie schon bei "Spect­re", der Schwach­punkt des Films und macht ihn ge­fühl­te 45 Mi­nu­ten zu lang.

Zum In­halt nur so viel: Ja­mes Bond kommt ei­nem ge­heim­nis­vol­len Bö­se­wicht auf die Spur, der im Be­sitz ei­ner brand­ge­fähr­li­chen neu­en Tech­no­lo­gie ist. Die Welt muss ein wei­te­res Mal ge­ret­tet wer­den. 

Fast drei Stun­den Zeit nimmt sich Re­gis­seur Ca­ry Jo­ji Fu­ku­na­ga, die Ge­schich­te von Bond zu En­de zu er­zäh­len. Da­ni­el Craig, der die Rol­le des Su­per­spi­ons an­fangs mit düs­te­rer Bru­ta­li­tät ge­spielt hat, nä­hert sich auf sei­ne al­ten Ta­ge er­fri­schen­der­wei­se der ge­ho­be­nen Au­gen­brau­en-Iro­nie von Ro­ger Moo­re an. Im 25. Ka­pi­tel der Film­rei­he hat ne­ben ei­nem we­nig über­zeu­gen­den Ra­mi Ma­lek als Ober-Schur­ke auch der in „Spect­re“ sträf­lich un­ter­for­der­te Chris­toph "Blo­feld" Waltz ei­nen Kurz­auf­tritt. Die Lo­ca­ti­ons sind wie im­mer atem­be­rau­bend, die Stunts irr­wit­zig, die Bond-Frau­en schön (dass sie nicht mehr Bond-Girls hei­ßen, ist Mit-Dreh­buch­au­to­rin Phoe­be Wal­ler-Bridge zu ver­dan­ken) und die Sprü­che ge­wohnt läs­sig. In ei­ner Top 5 der Craig-Bonds wür­de „Sky­fall“ im­mer noch Platz 1 be­le­gen. Sil­ber für „Ca­si­no Roya­le“ und „No Time to Die“ di­rekt da­hin­ter. Ins­ge­samt ein ful­mi­nan­ter und wür­di­ger Ab­schied aus dem Ge­heim­dienst ih­rer Ma­jes­tät.

INFOS ZUM FILM

Ori­gi­nal­ti­tel „Ja­mes Bond – No Time To Die“
GB / USA 2020
163 min
Re­gie Ca­ry Jo­ji Fu­ku­na­ga
Ki­no­start 30. Sep­tem­ber 2021

al­le Bil­der © Uni­ver­sal Pic­tures In­ter­na­tio­nal