BERLINALE 2023 – TAG 5

BERLINALE 2023 – TAG 5

Am Pots­da­mer Platz hat nach vier­hun­dert­jäh­ri­ger Um­bau­zeit THE PLAY­CE er­öff­net. Die Vor­kriegs­ge­nera­ti­on wird sich er­in­nern, da wa­ren mal die Ar­ka­den, ei­ne Shop­ping­mall mit den üb­li­chen Ver­däch­ti­gen von H&M bis Me­dia­Markt, die so auch in Gel­sen­kir­chen hät­te ste­hen kön­nen. Nun al­so THE PLAY­CE. Ei­ne Wort­schöp­fung aus Play und Place: ein Spiel­platz. Da­zu passt, dass sich im 1. OG ei­ne „Ar­ca­de“ be­fin­det, ei­ne lär­men­de Spiel­hal­le, als hät­te man sich di­rekt ins Ame­ri­ka der 1980er-Jah­re zu­rück­ge­be­amt. Auch der Sinn des gi­gan­ti­schen NBA-Stores im Erd­ge­schoss er­schließt sich wohl nur ech­ten Bas­ket­ball-Fans. Vie­le gibts da­von schein­bar nicht – bis­her über­wiegt die Ver­käu­fer­zahl die der Kund­schaft. Da­ne­ben er­öff­net dem­nächst ein Bar­bie-Mat­tel-Store. Hin­ter der Ame­ri­ka­ni­sie­rung scheint Sys­tem zu ste­cken. Haupt­an­zie­hungs­punkt soll der gi­gan­ti­sche Food-Hub sein, er­dacht und um­ge­setzt von – rich­tig – ei­nem Ame­ri­ka­ner, der mit dem glei­chen Kon­zept in Prag an­geb­lich Er­folg fei­ert. Man mag es kaum glau­ben. Wenn es in der Höl­le ei­ne Kan­ti­ne gibt, dann sieht sie so aus. Ein rie­si­ges, fens­ter­lo­ses Ver­lies mit 22 Re­stau­rants und dem Charme ei­ner Tief­ga­ra­ge. Was das al­les mit der Ber­li­na­le zu tun hat? Ei­ni­ges, denn die Zeit zwi­schen den Fil­men will ge­füllt wer­den, am liebs­ten mit Nah­rungs­auf­nah­me. Nur kann ei­nem bei all der neu­en Trost­lo­sig­keit der Ap­pe­tit ver­ge­hen.

WETTBEWERB

TÓTEM

To­na hat Ge­burts­tag, es wird wohl sein letz­ter sein. Der jun­ge Va­ter ist tod­krank. Fa­mi­lie und Freund tref­fen sich zu ei­nem Ab­schieds­fest. Mit­ten­drin: To­nas sie­ben­jäh­ri­ge Toch­ter Sol.

Der me­xi­ka­ni­schen Au­torin und Re­gis­seu­rin Li­la Avilés ge­lingt das Kunst­stück, ih­ren Film und vor al­lem die jun­ge Schau­spie­le­rin Naí­ma Sen­tí­es ab­so­lut au­then­tisch und mit gro­ßer Na­tür­lich­keit in Sze­ne zu set­zen.

TÓ­TEM ist ei­ne Lie­bes­er­klä­rung an die Fa­mi­lie, das Le­ben und den Tod. Kei­ne ganz leich­te Kost, aber wer sich dar­auf ein­lässt, wird mit ei­nem spi­ri­tu­el­len, be­rüh­ren­den und oft ko­mi­schen Film be­lohnt. Bis jetzt der stärks­te Wett­be­werbs­bei­trag.

Me­xi­ko / Dä­ne­mark / Frank­reich 2023
95 min
Re­gie Li­la Avilés
Bild © Li­me­ren­cia

PANORAMA

PASSAGES

Rai­ner Wer­ner Fass­bin­der is back! In kör­per­lich bes­se­rer Ver­fas­sung zwar, aber mit ähn­lich un­aus­steh­li­chem Ver­hal­ten hin­ter der Ka­me­ra. RWF heißt hier To­mas (Franz Ro­gow­ski) und ist ein deut­scher Re­gis­seur in Pa­ris. Schwul. Ei­gent­lich. Denn nach dem letz­ten Dreh­tag ver­bringt er die Nacht mit ei­ner jun­gen Frau (Adè­le Ex­ar­cho­pou­lous). Er beich­tet den Sei­ten­sprung am nächs­ten Mor­gen sei­nem Ehe­mann (Ben Whis­haw). Doch dann wird aus der Af­fä­re mehr. Nicht nur To­mas muss sich ent­schei­den, wie es wei­ter­ge­hen soll.

Fa­mos, mit wel­chem Tem­po Re­gis­seur Ira Sachs durch die Ge­schich­te saust. Es wird zwar gen­re­be­dingt viel ge­re­det, aber nie zu viel. Kein Tod­la­bern – wenn das Nö­tigs­te ge­sagt ist, prescht die Hand­lung wei­ter. Das macht PAS­SA­GES ex­trem kurz­wei­lig. Wo Ben Whis­haw drauf­steht, ist sel­ten was Schlech­tes drin. So auch hier. Der Bri­te ist ein Ga­rant für gu­te Fil­me, von PAD­DING­TON bis BOND (er spielt in der Da­ni­el Craig-Ära den Q). Glän­zend auch, wie Franz Ro­gow­ski ab­so­lut glaub­wür­dig zwi­schen un­sym­pa­thi­schem Kotz­bro­cken, sen­si­blem Mann und ge­nerv­ter Zi­cke wech­selt.

Frank­reich 2023
91 min
Re­gie Ira Sachs
Bild © SBS Po­duc­tions

PERSPEKTIVE DEUTSCHES KINO

GERANIEN

Schau­spie­le­rin Ni­na kehrt in ih­re Hei­mat­stadt zu­rück, um ih­re ge­lieb­te Groß­mutter zu be­er­di­gen. Trotz or­ga­ni­sa­to­ri­scher Pro­ble­me und emo­tio­na­ler Schwie­rig­kei­ten mit ih­rer ent­frem­de­ten Mut­ter fin­det die Fa­mi­lie in ih­rer un­ter­schied­lich aus­ge­leb­ten Trau­er (fast) zu­ein­an­der. Und dann muss sich Ni­na noch ent­schei­den: Cha­rak­ter­schau­spie­le­rin blei­ben oder doch ei­ne gut be­zahl­te Rol­le im TRAUM­SCHIFF an­neh­men?

GE­RA­NI­EN ist ein kon­ven­tio­nell ge­mach­ter, aber durch­aus lie­bens­wer­ter Film. Re­gis­seu­rin Tan­ja Eden hat die ehr­li­che Art der Ruhr­pott­ler in­klu­si­ve Trink­hal­len und spie­ßi­ger Rei­hen­haus­kul­tur glaub­wür­dig ein­ge­fan­gen. Durch­weg gut ge­spiel­tes Dra­ma mit ko­mi­schen Ele­men­ten.

Deutsch­land 2023
84 min
Re­gie Tan­ja Eden
Bild © Clau­dia Schroe­der

PANORAMA

HEROICO

Un­ter­ge­be­ne an­schrei­en, nach oben bu­ckeln und nach un­ten tre­ten. Die­se Ver­hal­tens­mus­ter kennt man sonst nur von der Un­ter­neh­mens­kul­tur ei­nes gro­ßen Au­to­mo­bil­kon­zerns, in HE­ROI­CO ist es der All­tag in ei­ner Ka­ser­ne. Der 18-jäh­ri­ge Lu­is ver­pflich­tet sich als Sol­dat, haupt­säch­lich we­gen der Kran­ken­ver­si­che­rung für sich und sei­ne kran­ke Mut­ter. Sein neu­es Le­ben an der na­tio­na­len Mi­li­tär­aka­de­mie Me­xi­kos wird zur Qual.

Re­gis­seur Da­vid Zona­nas Film be­ginnt als klas­si­sches Sol­da­ten-Aus­bil­dungs­dra­ma, wie man es seit FULL ME­TAL JA­CKET schon oft ge­se­hen hat. Doch nach und nach ent­wi­ckelt sich die Ge­schich­te zu ei­nem Hor­ror­trip. Was ist wahr, was ist Ein­bil­dung? Alp­traum und Rea­li­tät ver­mi­schen sich im­mer mehr. Gu­ter Film und ein wei­te­rer Be­weis, dass am Sol­da­ten­le­ben rein gar nichts schön ist.

Me­xi­ko / Schwe­den 2023
88 min
Re­gie Da­vid Zona­na
Bild © Teo­re­ma