BERLINALE 2023 – TAG 4

BERLINALE 2023 – TAG 4

Ech­te Fans be­haup­ten, nur im Ber­li­na­le-Pa­last kä­me wah­res Fes­ti­val­fe­e­ling auf. Ihr Ah­nungs­lo­sen. Im frisch re­no­vier­ten Ci­ne­ma­xX gibt es neue, wun­der­bar wei­che Le­der­ses­sel, die sich fast in Lie­ge­po­si­ti­on fah­ren las­sen. Herr­lich! Fast wünscht man sich, der nächs­te Film mö­ge schön lang­wei­lig sein, um sich ei­nem er­qui­cken­den Schlum­mer hin­zu­ge­ben.

WETTBEWERB

DISCO BOY

Gar nicht zum Ein­schla­fen, aber trotz­dem traum­haft: DIS­CO BOY.

Al­ek­s­ei, ein jun­ger Be­la­rus­se auf der Flucht, schließt sich der Frem­den­le­gi­on an, um die fran­zö­si­sche Staats­bür­ger­schaft zu be­kom­men. Ir­gend­wo im Ni­ger­del­ta ver­tei­digt Jo­mo als Ak­ti­vist im be­waff­ne­ten Kampf sein Dorf. Al­ek­s­ei ist Sol­dat, Jo­mo Gue­ril­la­kämp­fer. In ei­nem wei­te­ren sinn­lo­sen Krieg ver­flech­ten sich ih­re Schick­sa­le.

Wer zu den Glück­li­chen (oder Un­glück­li­chen) zählt, die nachts leb­haft träu­men, dürf­te das ken­nen: Al­les wirkt re­al, nichts macht Sinn und trotz­dem er­gibt al­les ei­nen Sinn. DIS­CO BOY ist ein ver­film­ter Fie­ber­traum. Es geht um Männ­lich­keit (wie so oft bei die­ser Ber­li­na­le), Trau­ma­ta, geis­ti­ge Ver­schmel­zung und Tanz. Die frag­men­ta­risch er­zähl­te Ge­schich­te wird von ei­nem groß­ar­ti­gen Franz Ro­gow­ski ge­tra­gen, schon sein zwei­ter be­ein­dru­cken­der Auf­tritt bei die­ser Ber­li­na­le. Da­zu ein eben­so be­fremd­li­cher wie gran­di­os pas­sen­der Elek­tro­score. Es ist al­les selt­sam im Lang­film­de­büt des ita­lie­ni­schen Re­gis­seurs Gi­a­co­mo Ab­bruz­ze­se. Aber selt­sam heißt in die­sem Fall gut.

Frank­reich / Ita­li­en / Bel­gi­en / Po­len 2023
91 min
Re­gie Gi­a­co­mo Ab­bruz­ze­se
Bild © Films Grand Huit

PANORAMA

SISI UND ICH

Si­si hier, Si­si da, Si­si wo man hin­schaut. Ih­re kai­ser­li­che Om­ni­prä­senz gibt sich schon wie­der die Eh­re. Ne­ben di­ver­sen Net­flix- und RTL-Se­ri­en war zum The­ma zu­letzt der ös­ter­rei­chi­sche Os­c­ar­bei­trag COR­SA­GE im Ki­no zu se­hen.

Ir­ma Grä­fin von Sz­tá­ray be­wirbt sich als Hof­da­me von Kai­se­rin Eli­sa­beth von Ös­ter­reich-Un­garn. Doch das Cas­ting ist nicht oh­ne: Erst schlägt ihr die ge­stren­ge Mut­ter die Na­se blu­tig, dann wird sie wie ein Stück Vieh un­ter­sucht und ver­hört. End­lich aus­er­wählt, kom­men sich die Grä­fin und die Kai­se­rin auf Sis­is Som­mer­sitz auf Kor­fu schnell nah.

SI­SI UND ICH ist all das, was COR­SA­GE ger­ne ge­we­sen wä­re. Ei­ne wil­de Neu­in­ter­pre­ta­ti­on des viel­erzähl­ten My­thos. Gro­tesk und sehr ko­misch. Su­san­ne Wolff und San­dra Hül­ler sind schlicht­weg gran­di­os, Lo­ca­ti­ons und Kos­tü­me er­le­sen, und das Gan­ze wird von ei­nem über­ra­schend mo­der­nen Sound­track zwi­schen Ni­co und Port­is­head be­glei­tet. Sehr ge­lun­gen.

Deutsch­land / Schweiz / Ös­ter­reich 2023
132 min
Re­gie Frau­ke Fins­ter­wal­der
Bild © Bernd Spau­ke

WETTBEWERB

INGEBORG BACHMANN – REISE IN DIE WÜSTE

Apro­pos COR­SA­GE, bzw. Vicky Krieps. Die spielt die Haupt­rol­le in Mar­ga­re­the von Trot­tas Wett­be­werbs­bei­trag IN­GE­BORG BACH­MANN – REI­SE IN DIE WÜS­TE.

In­ge­borg Bach­mann und Max Frisch. Die bei­den welt­be­rühm­ten Au­toren be­geg­nen sich 1958, ver­lie­ben sich, zie­hen zu­sam­men, er­tra­gen sich bald nicht mehr. Er nei­det ihr den Ruhm; Sie ist ge­nervt von sei­nem Schreib­ma­schi­nen­ge­rat­ter und sei­ner Ei­fer­sucht so­wie­so. Bach­mann zieht nach Rom, ver­fällt im­mer mehr ih­rer Ta­blet­ten- und Al­ko­hol­sucht. Bei ei­ner Rei­se mit ih­rem Freund Adolf Opel in die Wüs­te re­flek­tiert sie ih­re ge­schei­ter­te Be­zie­hung zu Frisch.

Der Ta­ges­spie­gel schreibt über den chi­ne­si­schen Wett­be­werbs­bei­trag THE SHADOW­LESS TOWER: „Die Ka­me­ra scheint eher zu­fäl­lig da­bei zu sein“. Bei IN­GE­BORG BACH­MANN – REI­SE IN DIE WÜS­TE ist das ge­naue Ge­gen­teil der Fall. Al­les wirkt aus­drück­lich für die Ka­me­ra in­sze­niert und aus­ge­stat­tet. Den Sta­tis­ten ste­hen die Re­gie­an­wei­sun­gen ins Ge­sicht ge­schrie­ben, die 50er-Jah­re-Welt ist im Stu­dio nach­ge­baut. Vicky Krieps spielt die drauf­gän­ge­ri­sche Au­torin mit ge­brems­ter En­er­gie, da­für mit Kos­tüm­wech­sel in je­der Sze­ne. Ro­nald Zehr­feld ist nach an­fäng­li­cher Ir­ri­ta­ti­on als pfei­fen­rau­chen­der Max Frisch ei­ne er­staun­lich über­zeu­gen­de Be­set­zung. Mar­ga­re­the von Trot­tas un­mo­der­ne In­ge­borg-Bach­mann-Hom­mage ist ein Film nur für Er­wach­se­ne, sehr ernst, sehr ma­ni­riert.

Schweiz / Ös­ter­reich / Deutsch­land / Lu­xem­burg 2023
110 min
Re­gie Mar­ga­re­the von Trot­ta
Bild © Wolf­gang En­nen­bach

PERSPEKTIVE DEUTSCHES KINO

KNOCHEN UND NAMEN

Schau­spie­ler Bo­ris und Schrift­stel­ler Jo­na­than sind seit vie­len Jah­ren ein Paar. Die bei­den le­ben mitt­ler­wei­le ein we­nig an­ein­an­der vor­bei. Wäh­rend der ei­ne im Bett liegt und Dreh­bü­cher liest, ar­bei­tet der an­de­re im Ne­ben­raum am Schreib­tisch. Als Jo­na­than sich für sei­nen neu­en Ro­man im­mer in­ten­si­ver mit dem Tod aus­ein­an­der­setzt und Bo­ris bei Film­pro­ben sei­nem jün­ge­ren Kol­le­gen Tim nä­her kommt, be­gin­nen sie, ih­re Lie­be zu hin­ter­fra­gen.

Re­gis­seur Fa­bi­an Stumm er­zählt in sei­nem Lang­film­de­büt ei­ne un­ter­halt­sa­me Be­zie­hungs­ge­schich­te im Stil von Tom Tykwers DREI. Ne­ben vie­len ge­lun­ge­nen Sze­nen – Bo­ris bei den Pro­ben mit ei­ner an­stren­gen­den fran­zö­si­schen Re­gis­seu­rin – gibt es auch ei­ne un­nö­ti­ge Sei­ten­ge­schich­te mit Jo­na­t­hans 10-jäh­ri­ger Nich­te.

Deutsch­land 2023
104 min
Re­gie Fa­bi­an Stumm
Bild © Po­s­to­film

GENERATION

L‘AMOUR DU MONDE

Mar­gaux ist ei­ne ech­te Tran­suse, eu­phe­mis­tisch könn­te man sie auch als sanft­mü­tig be­zeich­nen. Die 14-Jäh­ri­ge schleppt sich un­be­tei­ligt durchs Le­ben, ein Prak­ti­kum in ei­nem Kin­der­heim ab­sol­viert sie oh­ne Lei­den­schaft. Erst die Freund­schaft zur klei­nen Ju­li­et­te (Esin Demir­can, stiehlt den er­wach­se­nen Dar­stel­lern die Schau) und dem stoi­schen Fi­scher Jo­ël weckt sie (vor­über­ge­hend) aus ih­rer Le­thar­gie. 

Co­ming of Age Film aus der Schweiz, un­ge­fähr so be­le­bend wie das Ge­spräch mit ei­nem mür­ri­schen Teen­ager. Da kön­nen so­gar 76 Mi­nu­ten lang sein.

Schweiz 2023
76 min
Re­gie Jen­na Has­se
Bild © Lang­film