THE SON

THE SON

Kinostart 26. Januar 2023

Depression: ein ernst zu nehmendes Thema. Gerade bei Jugendlichen. Die oft schamhaft verschwiegene Krankheit kann gar nicht genug mediale Aufmerksamkeit bekommen. Fragt sich nur, ob Regisseur Florian Zeller mit seinem durch und durch künstlich wirkenden Film den Betroffenen einen Gefallen getan hat. Denn THE SON ist das filmische Äquivalent zu einem Coffee Table Book aus der Psychiatrie.

Melodramatik statt Dramatik

Schöne Menschen in schöner Umgebung haben … Probleme. Ja, selbst sehr reiche New Yorker in perfekt eingerichteten Traumwohnungen machen sich beim Tragen frisch gebügelter Hemden Sorgen. Der geschiedene Anwalt Peter (Hugh Jackman) versteht das Verhalten seines 17-jährigen Sohns Nicholas (Zen McGrath) nicht mehr. Der schwänzt seit Wochen die Schule, hat keine Freunde und ist auch sonst ein schwieriger, verschlossener Junge. Für Peter kommen die Probleme mit dem Junior ungelegen, denn er richtet sich gerade ein neues Leben mit seiner Freundin Beth (Vanessa Kirby) und dem frisch geborenen Sohn Theo ein. Doch weil ihn das schlechte Gewissen plagt, bietet er Nicholas an, bei ihm einzuziehen. Er will beweisen, ein besserer Vater zu sein, als es sein eigener war. Der wiederum wird in einem Gastauftritt von Sir Anthony Hopkins als echtes Scheusal von Hannibal Lecterschen Ausmaßen verkörpert.

THE FATHER und THE SON. Zwei Filme über geistige Erkrankungen, die auf Theaterstücken von Florian Zeller basieren. Im Gegensatz zum künstlerisch anspruchsvollen THE FATHER ist dem französischen Regisseur mit seinem zweiten Spielfilm kein großer Wurf gelungen. Alles wirkt überinszeniert und unecht. Selbst gestandene Mimen wie Hugh Jackman spielen, als ständen sie auf einer Theaterbühne. Den papierraschelnden Dialogen kann auch er kein Leben einhauchen. Zudem greift Hans Zimmer in seinem Soundtrack auf penetrante Geigen zurück und erzeugt so Melodramatik statt Dramatik. Die Wendungen, mit denen Zeller in seinem Oscar®-Gewinner THE FATHER noch überraschen konnte, sind hier hohl und erwartbar. Der Regisseur kann sich nicht von seinen erprobten Inszenierungstricks befreien.

Nach dem grandiosen Vorgängerfilm eine echte Enttäuschung.

INFOS ZUM FILM

Originaltitel „The Son“
GB 2022
122 min
Regie Florian Zeller

alle Bilder © LEONINE

JURASSIC WORLD: EIN NEUES ZEITALTER

Kinostart 08. Juni 2022

„Die Dinosaurier werden immer trauriger
Denn die Saurier dürfen nicht an Bord“
In Lonzos abscheulichem Lied von 1980 durften sie nicht auf die Arche Noah und mussten deshalb jämmerlich ertrinken. Nun haben die Dinos tatsächlich Grund zur Trauer, denn mit dem überfrachteten Finale der Jurassic-World-Trilogie schlägt zumindest im Kino ihr endgültig letztes Stündlein.

„Jurassic Park war das Wichtigste, was der Paläontologie in den letzten Jahrzehnten widerfahren ist, denn dieser Film erweckte die Dinosaurier für eine neue Generation wieder zum Leben“, sagt Stephen Brusatte, Professor an der University of Edinburgh. 
Folgerichtig beginnt der mittlerweile sechste Teil der Saurierserie fast so wissenschaftlich wie eine Dokumentation auf dem National Geographic Channel: Eine Reporterin fasst für Neueinsteiger noch einmal zusammen, was bisher geschah. Eine von vielen uneleganten Ideen, die das holprige Drehbuch parat hält.

Seit die fossilen Tierchen im letzten Teil versehentlich in Freiheit gelangten, leben sie nun über den ganzen Planeten verteilt. „Ein gigantisches Ringen um die Herrschaft zwischen Mensch und Dinosaurier beginnt.“, wie es im bedrohlichen Marketingjargon heißt. Ein an Steve Jobs angelehnter Bösewicht (eine weitere lazy Scriptidee) plant den ökologischen Supergau. Es drohen also nicht nur T-Rex und Co sondern auch kapitalistischer Größenwahn. Für die Wiederherstellung der natürlichen Ordnung braucht es deshalb die vereinten Kräfte der Generationen: Chris Pratt und Bryce Dallas Howard kämpfen an der Seite der Originalbesetzung Laura Dern, Sam Neill und Jeff Goldblum.

Ob den Spitzenplatz in der Nahrungskette am Ende der Mensch oder der Saurier gewinnt, soll hier nicht verraten werden. Der Weg dahin ist eine feist produzierte, doch zu oft gesehene Blockbusterreise. Eine sechste Fahrt durch die immer gleiche Geisterbahn verliert eben irgendwann ihren Schrecken. Die Effekte sind top, nur die Geschichte scheint endgültig auserzählt, „Ein neues Zeitalter“ ist eine Zitatensammlung anderer Abenteuer-Action-Filme – gab’s schon, kennt man. Höchste Zeit, den Dinos mal wieder ein paar Millionen Jahre Pause zu gönnen.

INFOS ZUM FILM

Originaltitel „Jurassic World: Dominion“
USA 2022
147 min
Regie Colin Trevorrow

alle Bilder © Universal Pictures International Germany

LITTLE WOMEN

Wer Kostümschinken hasst, der kann sich „Little Women“ sparen. Für alle anderen ist Greta Gerwigs Film ein Muss. In ihrer erfrischenden Neu-Interpretation des Romans von Louisa May Alcott wechselt die Regisseurin virtuos zwischen verschiedenen Zeitebenen und verknüpft dabei elegant allerlei Handlungsstränge miteinander. Wie bei ihrem Vorgängerfilm „Lady Bird“ geht es auch hier um weibliches Selbstverständnis, die Wahl zwischen traditionellem oder selbstbestimmten Lebensentwurf. Dass daraus kein nerviges Emanzipations-Lehrstück, sondern ein kurzweiliges feel-good-movie geworden ist, ist der große Verdienst der Regisseurin und ihrer Darsteller. 

Reifröcke, Pferdekutschen und Herrenhäuser – es ist alles dabei. Die Erzählung von den vier March-Schwestern, die zusammen mit ihrem vermögenden Nachbarn Theodore ihren Weg ins Erwachsenenleben suchen, hätte auch leicht zu einer Schmonzette geraten können. Doch Greta Gerwig versteht es, die zeitlose Coming-of-age-Geschichte angenehm unkitschig zu inszenieren. Dem zuzusehen, ist ein großes Vergnügen. Dazu glänzt „Little Women“ mit einem beeindruckenden Ensemble: Saoirse Ronan, Emma Watson, Laura Dern, Meryl Streep und Timothée Chalamet. Ein echter Scene Stealer ist Florence Pugh, die schon letztes Jahr in „Midsommar“ positiv aufgefallen ist.  

FAZIT

Unterhaltsame Geschichte, interessante Figuren und kluger Humor. Empfehlenswert.

Originaltitel „Little Women“
USA 2019
134 min
Regie Greta Gerwig
Kinostart 30. Januar 2020