DER MENSCHLICHE FAKTOR

Fünf bis sechs Fil­me am Tag sind eben doch zu viel. Des­halb hier ein klei­ner Ber­li­na­le-Nach­klapp: der se­hens­wer­te PAN­ORA­MA-Bei­trag "Der mensch­li­che Fak­tor" von Ron­ny Tro­cker.
Jan und Ni­na lei­ten ei­ne Wer­be­agen­tur in Ham­burg. Die Ge­schäf­te könn­ten bes­ser lau­fen, des­halb nimmt Jan, oh­ne es mit sei­ner Frau ab­zu­spre­chen, ei­nen Neu­kun­den an. Dop­pelt schlimm: Er miss­ach­tet nicht nur die "no politics"-Regel der Agen­tur, es han­delt sich auch noch um ei­ne po­pu­lis­ti­sche Par­tei – die AfD lässt grü­ßen. Ni­na ist sau­er. Um die Wo­gen zu glät­ten, fah­ren die bei­den mit ih­ren Kin­dern übers Wo­chen­en­de in ihr Fe­ri­en­haus an der bel­gi­schen Küs­te. Doch mit der Er­ho­lung ist es schnell vor­bei, als ein mys­te­riö­ser Ein­bruch das Fa­mi­li­en­ge­fü­ge emp­find­lich stört. Kei­ner kann ei­ne ge­naue Tä­ter­be­schrei­bung ge­ben – die Kin­der ha­ben nichts ge­se­hen, Jan war ein­kau­fen und Ni­na hat nur Schrit­te ge­hört.

"Der mensch­li­che Fak­tor" ist ein sub­ti­ler Psy­cho­thril­ler, der sei­ne Fi­gu­ren lang­sam in ein fei­nes Netz aus Ma­ni­pu­la­ti­on, wach­sen­dem Miss­trau­en und sub­jek­ti­ver Wahr­neh­mung spinnt. Klingt ver­kopft, ist aber span­nend. Der Ein­bruch wird aus ver­schie­de­nen in­ein­an­der­flie­ßen­den Per­spek­ti­ven ge­zeigt. Was ge­ra­de noch klar schien, ist durch die Sicht ei­nes an­de­ren Fa­mi­li­en­mit­glieds plötz­lich wie­der in­fra­ge ge­stellt. So be­haup­tet der acht­jäh­ri­ge Sohn Max, der Va­ter ha­be sich wäh­rend des Vor­falls ver­steckt. Und die va­gen Aus­sa­gen von Ni­na las­sen bei der Po­li­zei Zwei­fel auf­kom­men, ob es den Ein­bruch über­haupt ge­ge­ben hat.

Ron­ny Tro­cker ist ein fes­seln­des Fa­mi­li­en­dra­ma mit her­vor­ra­gen­der Be­set­zung ge­lun­gen: Mark Wasch­ke (im­mer gut) über­zeugt als ver­un­si­cher­tes Al­pha­tier Jan und die wun­der­ba­re Schwei­ze­rin Sa­bi­ne Ti­mo­teo als Ni­na möch­te man so­wie­so ger­ne öf­ters se­hen. Falls sich auch ir­gend­wer fragt: Wo­her ken­ne ich Sa­bi­ne Ti­mo­teo noch mal? Die hat in der An­dre­as Stein­hö­fel-Ro­man­ver­fil­mung "Die Mit­te der Welt" die Mut­ter ge­spielt.

FAZIT

"Der mensch­li­che Fak­tor" fei­er­te im Som­mer 2020 sei­ne Pre­mie­re beim Sun­dance Film Fes­ti­val. Da es sich um ei­ne Ko­pro­duk­ti­on des "Klei­nes Fern­seh­spiel" han­delt, ste­hen die Chan­cen gut, dass er dem­nächst im ZDF zu se­hen sein wird. Wahr­schein­lich um 23.30 Uhr – für ei­nen 20.15 Uhr-Sen­de­platz ist er ein­fach zu gut.

INFOS ZUM FILM

Deutsch­land / Ita­li­en / Dä­ne­mark 2021
102 min
Re­gie Ron­ny Tro­cker
Dem­nächst im Ki­no oder Fern­se­hen

al­le Bil­der © Kle­mens Huf­nagl / zisch­ler­mann film­pro­duk­ti­on