TÁR

TÁR

Kinostart 02. März 2023

Dass Ca­te Blan­chett un­längst Film­preis­ver­lei­hun­gen als „Pfer­de­ren­nen“ kri­ti­sier­te, ist al­les an­de­re als Neid ei­ner Be­sitz­lo­sen. Für ih­re Ti­tel­rol­le in dem Mu­sik­dra­ma TÁR be­reits bei den Gol­den Glo­bes und der Bi­en­na­le als bes­te Dar­stel­le­rin aus­ge­zeich­net, ist die 53-Jäh­ri­ge er­neut viel­ver­spre­chen­de An­wär­te­rin auf den Os­car.

Auf­stieg und Fall ei­ner Di­va

Das Werk er­zählt die fik­ti­ve Ge­schich­te von Ly­dia Tár, die als ers­te Chef­di­ri­gen­tin der Ber­li­ner Phil­har­mo­ni­ker das Vor­spie­len weib­li­cher Ta­len­te mit ih­ren pri­va­ten In­ter­es­sen ver­mischt. Die­ser Macht­miss­brauch scha­det auf Dau­er so­wohl ih­rer ehe­li­chen Be­zie­hung zu Vio­li­nis­tin Sharon als auch ih­rer ein­ma­li­gen Kar­rie­re.

Die an­spruchs­vol­le Rol­le ist Ca­te Blan­chett auf den Leib ge­schrie­ben, sie do­mi­niert den Film. Gan­ze 158 Mi­nu­ten lang. TÁR ist in vie­ler­lei Hin­sicht an­zu­mer­ken, dass Todd Field in sei­ner drit­ten Re­gie­ar­beit nach 16-jäh­ri­ger Schaf­fens­pau­se ein im­menses Mit­tei­lungs­be­dürf­nis hat: Künst­ler­por­trät, #Me­Too-The­ma­tik, kon­zer­tan­tes Ma­king-of, Selbst­mord, Schul­hof­mob­bing, Al­ters­ar­mut – um nur ei­ni­ge The­men zu nen­nen. Das Gan­ze in­sze­niert in ver­meint­lich ori­gi­na­lem Ber­li­ner Lo­kal­ko­lo­rit zwi­schen ver­müll­tem Neu­köll­ner Hin­ter­hof und sty­lish kom­po­nier­tem Wasch­be­ton-Re­fu­gi­um. Da­zu Gus­tav Mahlers fünf­te Sym­pho­nie und zeit­ge­nös­si­sche Kom­po­si­tio­nen von Hil­dur Guðna­dót­tir so­wie ei­ne Rie­ge von Co-Dar­stel­lern, die das Uni­ver­sum der Ly­dia Tár be­völ­kern: Noé­mie Mer­lant, Ju­li­an Glover, Ni­na Hoss als ers­te Gei­ge und vor al­lem vie­le ech­te Or­ches­ter­mu­si­ker.

Ein in­tel­lek­tu­ell an­spruchs­vol­ler Film, der be­acht­li­chen Er­folg bei der Kri­tik, mut­maß­lich we­ni­ger beim un­ter­hal­tungs­af­fi­nen Pu­bli­kum ha­ben dürf­te. Da­für bie­tet TÁR buch­stäb­lich zu viel des Gu­ten.

Text: An­ja Besch

INFOS ZUM FILM

Ori­gi­nal­ti­tel „TÁR“
USA 2022
158 min
Re­gie Todd Field

al­le Bil­der © Uni­ver­sal Pic­tures In­ter­na­tio­nal Ger­ma­ny

SCHWESTERLEIN

Ni­na Hoss hät­te bei der dies­jäh­ri­gen Ber­li­na­le ei­gent­lich den sil­ber­nen Bä­ren für die bes­te weib­li­che Haupt­rol­le ver­dient. Als Schwester(lein) des krebs­kran­ken Thea­ter­schau­spie­lers Sven ent­fal­tet sie ei­ne gro­ße Kraft, der gan­ze Film kreist um sie. Ih­re Fi­gur, die Au­torin Li­sa, muss sich ge­gen ei­ne schier un­end­li­che Flut an Dra­men und Pro­ble­men stem­men: Ih­re Mut­ter ist ei­ne ge­fühls­kal­te Ego­is­tin, ihr Ehe­mann will lie­ber Kar­rie­re in der Schweiz ma­chen und der Re­gis­seur ih­res Bru­ders zwei­felt an des­sen Ge­ne­sung und plant schon mal die nächs­te Spiel­zeit oh­ne ihn.

Nach "Un­di­ne" (mit der tat­säch­li­chen Ge­win­ne­rin des Bä­rens, Pau­la Beer) noch ein Mär­chen: "Hän­sel und Gre­tel" zieht sich als ro­ter Fa­den durch den Film. Li­sa schreibt ih­rem Bru­der ei­ne Neu­in­ter­pre­ta­ti­on der Grimm'schen Ge­schich­te auf den Leib, gleich­zei­tig sind die ver­lo­re­nen Kin­der in der Ge­walt der He­xe ein all­zu of­fen­sicht­li­ches Sym­bol für den Kampf der Ge­schwis­ter ge­gen den Krebs.

"Schwes­ter­lein" chan­giert zwi­schen Il­lu­si­on und über­höh­tem Rea­lis­mus. Tho­mas Os­ter­mei­er spielt – was sonst ? – den Re­gis­seur, Lars Ei­din­ger ei­ne ster­bens­kran­ke Ver­si­on des Schau­spie­lers Lars Ei­din­ger. Über so viel Na­bel­schau muss man erst mal hin­weg­se­hen. Die Sta­ti­on des Ster­bens wer­den fast ar­tig ab­ge­hakt: der letz­te be­sof­fe­ne Tech­notanz, der ver­meint­lich frei­heits­brin­gen­de Pa­ra­gli­ding-Flug, die häss­li­chen Kran­ken­haus­sze­nen mit viel Blut und piep­sen­den Ma­schi­nen. Das sind be­kann­te Bil­der, da be­wegt sich das Dra­ma auf aus­ge­tre­te­nen Pfa­den.

FAZIT

"Schwes­ter­lein" ist har­te Kost. Als Film eher Mit­tel­maß, als De­mons­tra­ti­on schau­spie­le­ri­schen Kön­nens ei­ne Wucht.

Schweiz 2020
99 min
Re­gie Sté­pha­nie Chuat und Vé­ro­ni­que Rey­mond
Ki­no­start 29. Ok­to­ber 2020

al­le Bil­der © Welt­ki­no Film­ver­leih GmbH