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Kinostart 17. November 2022

„Die im Feu­er al­ter Bu­chen­stäm­me vier­zehn Stun­den ge­räu­cher­te Hip­pe wird von ei­nem Schmand be­glei­tet, den wir von Bau­er Wil­liam aus Schott­land be­zie­hen. Sei­ne Kuh Mat­hil­da gibt nur ei­nen Li­ter Milch pro Wo­che, wel­cher ex­klu­siv für die­sen Gang in os­ma­ni­scher Salz­la­ke fer­men­tiert wur­de“.
So klingt die nicht er­fun­de­ne Be­schrei­bung ei­nes ver­brann­ten Stück Teigs mit sau­rer Sah­ne in ei­nem Ber­li­ner Ster­ne-Re­stau­rant. Man sitzt da, hört sich's an und staunt. Je­de Zu­tat wird mit ei­ner Ge­schich­te auf­ge­la­den, al­les ist Kunst. Wer schon mal das zwei­fel­haf­te Ver­gnü­gen hat­te, in die­sem nicht nä­her ge­nann­ten Lo­kal zu di­nie­ren, der ahnt, dass die im Film „the ME­NU“ ge­zeig­te Welt der Su­per­foo­dies ziem­lich nah an der Rea­li­tät ist.

Sel­ten wur­de Grau­sam­keit so äs­the­tisch ser­viert

Ei­ne Grup­pe rei­cher und be­rühm­ter Men­schen reist auf ei­ne In­sel, um dort im ul­tra-ex­klu­si­ven Re­stau­rant Hawt­hor­ne zu spei­sen. Spaß kos­tet Geld: Für das Me­nü des le­gen­dä­ren Chef­kochs Slo­wik (Ralph Fi­en­nes) sind 1.250 $ pro Kopf fäl­lig. Doch was als un­ver­gess­li­ches Gour­met-Er­leb­nis ge­plant war, wan­delt sich im Lau­fe des Abends zum Höl­len­trip.

Me­nu sur­pri­se: Re­gis­seur My­lod spannt ei­nen ele­gan­ten Bo­gen von sa­ti­ri­scher Ko­mö­die über aus­ge­wach­se­nen Thril­ler bis hin zum blan­ken Hor­ror. Man weiß nie, was als Nächs­tes pas­siert, es bleibt bis zum En­de wun­der­bar über­ra­schend. Das in­tel­li­gen­te, mit scharf­zün­gi­gen Dia­lo­gen ge­spick­te Dreh­buch von Seth Reiss und Will Tra­cy nimmt da­bei ge­konnt die Aus­wüch­se des Ka­pi­ta­lis­mus aufs Korn. In­so­fern ist „the ME­NU“ dem os­car­ge­krön­ten „Pa­ra­si­te“ nicht un­ähn­lich.

Sel­ten wur­de Grau­sam­keit so äs­the­tisch ser­viert. „the ME­NU“ nutzt den vi­su­el­len Stil der au­gen­schmau­si­gen NET­FLIX-Se­rie „Chef’s Ta­ble“, in­klu­si­ve iro­ni­scher Zwi­schen­ti­tel mit pseu­do-poe­ti­schen Wort­schöp­fun­gen für den je­wei­li­gen Gang. Aus der rund­um de­li­ka­ten Be­set­zung ste­chen vor al­lem der im­mer fa­bel­haf­te Ralph Fi­en­nes als Chef­koch und Hong Chau als eis­kalt pro­fes­sio­nel­le Ober­kell­ne­rin El­sa her­vor. „the ME­NU“ ist ei­ne zu­gleich ko­mi­sche und bit­ter­bö­se Ab­rech­nung mit der gro­tes­ken Welt der Spit­zen­gas­tro­no­mie. Gu­ten Ap­pe­tit.

INFOS ZUM FILM

Ori­gi­nal­ti­tel „The Me­nu“
USA 2022
107 min
Re­gie Mark My­lod

al­le Bil­der © Walt Dis­ney Stu­di­os Mo­ti­on Pic­tures Ger­ma­ny

THE KING’S MAN – THE BEGINNING

THE KING’S MAN – THE BEGINNING

Kinostart 06. Januar 2022

Re­den wir nicht lan­ge um den hei­ßen Brei: „The King’s Man – The Be­gin­ning“ ist to­ta­ler Schrott. Al­ler­dings ex­trem un­ter­halt­sa­mer Schrott. Die Grund­idee, ein „Worst of Bö­se­wich­ter“ - u. a. Ras­pu­tin, Ma­ta Ha­ri und Le­nin (sic!) – ge­gen ei­ne Grup­pe von bri­ti­schen Ge­heim­agen­ten an­tre­ten zu las­sen, weckt un­gu­te Er­in­ne­run­gen an den 2003er Flop „The Le­ague of Ex­tra­or­di­na­ry Gen­tle­men“ – ein Film so schlecht, dass Sean Con­nery da­nach sei­nen end­gül­ti­gen Ab­schied von der Schau­spie­le­rei be­kannt gab.

„King­s­man: The Se­cret Ser­vice" konn­te 2014 vor al­lem mit an­ar­chi­scher En­er­gie und tro­cke­nem Hu­mor über­zeu­gen. „The Gol­den Cir­cle“, drei Jah­re spä­ter, war dann die höchst al­ber­ne, mit mi­se­ra­blen Com­pu­ter­ef­fek­ten über­la­de­ne Fort­set­zung. Good­bye Co­lin Firth & Ta­ron Eger­ton, Hel­lo Ralph Fi­en­nes. Das Pre­quel „The Be­gin­ning“ springt ein paar Jahr­zehn­te zu­rück und er­zählt von der Grün­dung der King­s­man-Agen­cy, An­fang des 20. Jahr­hun­derts. Da­bei wer­den ganz ne­ben­bei die po­li­ti­schen Ver­stri­ckun­gen auf­ge­drö­selt, die Aus­lö­ser für den 1. Welt­krieg wa­ren. Die Ge­schichts­stun­de be­wegt sich al­ler­dings auf dem Ni­veau ei­ner Te­le­tub­by-Fol­ge – Ver­ein­fa­chung ist Trumpf.

Matthew Vaughn, der ewi­ge Zwei­te un­ter den bri­ti­schen Ac­tion-Re­gis­seu­ren, bleibt sei­nem ar­ti­fi­zi­el­len Stil auch im drit­ten Teil der Agen­ten­sa­ga treu. Wie sein gro­ßes Vor­bild Guy Rit­chie, be­müht er sich zwar in ein paar Sze­nen um et­was mehr Er­dung (die Gra­ben­kämp­fe im 1. Welt­krieg er­in­nern fast an "1917"), doch be­son­ders die Ac­tion­se­quen­zen sind der­art über­trie­ben in­sze­niert, dass sie oft wie aus ei­nem leicht ver­al­te­ten Com­pu­ter­spiel aus­se­hen. Die Schau­spie­ler (bzw. ih­re di­gi­ta­len Dop­pel­gän­ger) schla­gen, tre­ten, schie­ßen und flie­gen durch die Luft, oh­ne sich da­bei um ir­gend­wel­che Ge­set­ze der Phy­sik zu sche­ren.

Aber was soll's. „The King’s Man“ ist schließ­lich ei­ne Co­mic­ver­fil­mung und kann so­gar mit ein paar star­ken emo­tio­na­len Mo­men­ten auf­war­ten. Et­was, was in die­ser­art fil­mi­scher Kir­mes­at­trak­ti­on an­ge­nehm über­rascht. Die eh­ren­wer­ten Ver­su­che, den Cha­rak­te­ren Le­ben ein­zu­hau­chen und ih­nen ein we­nig Drei­di­men­sio­na­li­tät zu ver­lei­hen, wer­den zwar ver­läss­lich von kom­plett durch­ge­knall­ten Dreh­buch­ideen wie­der zu­nich­te­ge­macht, doch we­nigs­tens kommt durch die­sen Wun­der­tü­ten­mix kei­ne Lan­ge­wei­le auf. Und ge­gen zwei Stun­den Es­ka­pis­mus hat im trü­ben Ja­nu­ar nie­mand et­was ein­zu­wen­den.

INFOS ZUM FILM

Ori­gi­nal­ti­tel „The King’s Man – The Be­gin­ning“
USA / GB 2021
131 min
Re­gie Matthew Vaughn

al­le Bil­der © Walt Dis­ney Stu­di­os Mo­ti­on Pic­tures Ger­ma­ny

JAMES BOND – KEINE ZEIT ZU STERBEN

JAMES BOND – KEINE ZEIT ZU STERBEN

Sag zum Ab­schied lei­se Ser­vus. Da­ni­el Craig hat die Schnau­ze voll, dies ist un­wi­der­ruf­lich sein letz­ter Bond. Mit et­was Glück wird aus dem Ab­schieds­schmerz im Lau­fe der Zeit Ver­mis­sen und dann ei­ne schö­ne Er­in­ne­rung. Durch die zahl­rei­chen Ver­schie­bun­gen hat­ten die Bond-Fans knapp an­dert­halb Jah­re Zeit, in­ner­lich Ab­schied zu neh­men. Ur­sprüng­lich soll­te es be­reits im April 2020 ge­schüt­tel­te Mar­ti­nis ge­ben. We­nigs­tens für Da­ni­el Craig ei­ne Er­lö­sung, denn der woll­te sich nach sei­nem letz­ten Auf­tritt in „Spect­re“ „lie­ber die Puls­adern auf­schnei­den, als noch ein­mal als Bond vor der Ka­me­ra zu ste­hen“. Erst schma­le 50 Mil­lio­nen Pfund Ga­ge konn­ten ihn über­zeu­gen, ein al­ler­letz­tes Mal die Walt­her PPK zu zü­cken.

Hat sich das lan­ge War­ten ge­lohnt? Gro­ßes JA und klei­nes nein. Es ist na­tür­lich ein Er­leb­nis, den Film im Ki­no zu se­hen. Die ers­ten zwei Drit­tel sind auch wirk­lich toll. Es gibt zahl­rei­che char­man­te Hin­wei­se auf die letz­ten 24 Fil­me, der Hu­mor stimmt, Bil­der und Mu­sik sind groß. Al­les noch bes­ser als er­war­tet. Nur das letz­te Drit­tel ist, wie schon bei "Spect­re", der Schwach­punkt des Films und macht ihn ge­fühl­te 45 Mi­nu­ten zu lang.

Zum In­halt nur so viel: Ja­mes Bond kommt ei­nem ge­heim­nis­vol­len Bö­se­wicht auf die Spur, der im Be­sitz ei­ner brand­ge­fähr­li­chen neu­en Tech­no­lo­gie ist. Die Welt muss ein wei­te­res Mal ge­ret­tet wer­den. 

Fast drei Stun­den Zeit nimmt sich Re­gis­seur Ca­ry Jo­ji Fu­ku­na­ga, die Ge­schich­te von Bond zu En­de zu er­zäh­len. Da­ni­el Craig, der die Rol­le des Su­per­spi­ons an­fangs mit düs­te­rer Bru­ta­li­tät ge­spielt hat, nä­hert sich auf sei­ne al­ten Ta­ge er­fri­schen­der­wei­se der ge­ho­be­nen Au­gen­brau­en-Iro­nie von Ro­ger Moo­re an. Im 25. Ka­pi­tel der Film­rei­he hat ne­ben ei­nem we­nig über­zeu­gen­den Ra­mi Ma­lek als Ober-Schur­ke auch der in „Spect­re“ sträf­lich un­ter­for­der­te Chris­toph "Blo­feld" Waltz ei­nen Kurz­auf­tritt. Die Lo­ca­ti­ons sind wie im­mer atem­be­rau­bend, die Stunts irr­wit­zig, die Bond-Frau­en schön (dass sie nicht mehr Bond-Girls hei­ßen, ist Mit-Dreh­buch­au­to­rin Phoe­be Wal­ler-Bridge zu ver­dan­ken) und die Sprü­che ge­wohnt läs­sig. In ei­ner Top 5 der Craig-Bonds wür­de „Sky­fall“ im­mer noch Platz 1 be­le­gen. Sil­ber für „Ca­si­no Roya­le“ und „No Time to Die“ di­rekt da­hin­ter. Ins­ge­samt ein ful­mi­nan­ter und wür­di­ger Ab­schied aus dem Ge­heim­dienst ih­rer Ma­jes­tät.

INFOS ZUM FILM

Ori­gi­nal­ti­tel „Ja­mes Bond – No Time To Die“
GB / USA 2020
163 min
Re­gie Ca­ry Jo­ji Fu­ku­na­ga
Ki­no­start 30. Sep­tem­ber 2021

al­le Bil­der © Uni­ver­sal Pic­tures In­ter­na­tio­nal

NUREJEW – THE WHITE CROW

Pa­ris, An­fang der 60er Jah­re: Wäh­rend des Kal­ten Krie­ges schickt die So­wjet­uni­on ih­re bes­te Tanz­kom­pa­nie zu Pro­pa­gan­da­zwe­cken in den Wes­ten. Das fran­zö­si­sche Pu­bli­kum liebt vor al­lem den 23-jäh­ri­gen Ru­dolf Nu­re­jew. In sei­ner Frei­zeit streift der jun­ge Tän­zer durch die Mu­se­en und Jazz-Klubs der Stadt. Bald fin­det er Ge­schmack an der neu­en Frei­heit und be­schließt, po­li­ti­sches Asyl zu be­an­tra­gen.

„Nu­re­jew – The White Crow“ er­in­nert an ei­nen Tän­zer, der das Rol­len­ver­ständ­nis und die Cho­reo­gra­fie des mo­der­nen Bal­letts re­vo­lu­tio­nier­te. Rück­sichts­lo­ser Ego­ist, Ge­nie, Cho­le­ri­ker – bis­wei­len ein rich­ti­ges Arsch­loch. Re­gis­seur Ralph Fi­en­nes zeigt auch die un­schö­nen Sei­ten des 1993 an AIDS ver­stor­be­nen Künst­lers. Der Film er­zählt Nu­re­jews Le­ben von der Ge­burt in der Trans­si­bi­ri­schen Ei­sen­bahn bis zu sei­ner Flucht im Ju­ni 1961. 

In der Ti­tel­rol­le bril­liert an­ge­mes­sen un­sym­pa­thisch ein New­co­mer: Oleg Iven­ko tanzt seit sei­nem 5. Le­bens­jahr pro­fes­sio­nell, macht al­so nicht nur als Schau­spie­ler, son­dern auch als Bal­lett­tän­zer ei­ne über­zeu­gen­de Fi­gur.

FAZIT

Viel­schich­ti­ge Bio­gra­fie – schön re­tro auf 16 mm ge­dreht.

Ori­gi­nal­ti­tel "The White Crow"
GB / Frank­reich / Ser­bi­en 2018
122 min
Re­gie Ralph Fi­en­nes
Ki­no­start 26. Sep­tem­ber 2019