
AMERICA ist vielleicht das undramatischste Melodrama aller Zeiten. Von der verbotenen Liebe, dem Koma-Patienten, der zur rechten Zeit wieder erwacht und reichlich Gefühlsirrungen ist AMERICA prallvoll. Mit schmalziger Konservenmusik unterlegt und schlechteren Schauspielern besetzt, wäre das Ganze auch als Soap Opera zwischen GZSZ, NUR DIE LIEBE ZÄHLT oder GENERAL HOSPITAL im frühen Abendprogramm vorstellbar. Doch Ofir Raul Graizer ist trotz der kitschigen Zutaten eine zarte, poetische Dreiecksromanze gelungen.
Eli (Michael Moshonov), ein israelischer Schwimmtrainer, lebt in den USA. Als sein Vater stirbt und der Nachlass geregelt werden muss, reist er widerwillig nach Tel Aviv. Dort trifft er seinen alten Freund Yotam (Ofri Biterman), der zusammen mit seiner Verlobten Iris (Oshrat Ingedashet) einen kleinen Blumenladen betreibt. Elis Besuch löst eine Kette von Ereignissen aus, die längst verschüttet geglaubte Emotionen weckt und das Leben aller Beteiligten durcheinanderbringt.
Nicht nur schauspielerisch, auch visuell beeindruckt AMERICA: Kameramann Omri Aloni orientiert seine primärfarbigen Bilder an Iris‘ kunstvollen Blumenarrangements. Der Look ist stark von den Frühwerken Almodóvars beeinflusst – die warmen, kräftigen Farben werden als Symbol für Leben und Liebe gegen das triste Weiß von Elis Welt genutzt. Überhaupt: Mit Symbolhaftigkeit spart der Film nicht. Der Garten hinter Elis Haus, anfangs eine verwahrloste Ödnis, wird durch Iris‘ geschickte Hand (und ihre aufkeimende Liebe) in ein blühendes Paradies verwandelt.
Fragende Blicke und abwägende Pausen: Die bisexuelle Ménage-à-trois ergeht sich in Andeutungen, bleibt verhalten. Gelegentlich würde man vor allem den stoischen Eli gerne schütteln – da wünscht man sich etwas mehr Offenheit oder ein paar heftigere Emotionen. Doch zu laute Gefühle hätten AMERICA vielleicht wirklich zum edelkitschigen Melodrama gemacht.
Originaltitel „America“
Israel / Deutschland / Tschechien 2022
127 min
Regie Ofir Raul Graizer
alle Bilder © missingFILMs