DIE AUSSPRACHE

DIE AUSSPRACHE

Kinostart 09. Februar 2023

Sel­ten hat es ein Film­ti­tel so gut zu­sam­men­ge­fasst: DIE AUS­SPRA­CHE heißt im Ori­gi­nal WO­MEN TAL­KING. Und ge­nau das tun sie. Schließ­lich geht es um le­bens­wich­ti­ge Ent­schei­dun­gen. Wie span­nend so ein Dia­log­film sein kann, weiß man spä­tes­tens seit DIE ZWÖLF GE­SCHWO­RE­NEN.

Os­car­wür­di­ges Schau­spiel­ensem­ble

2010 – In ei­nem klei­nen Ort in den USA lebt ei­ne Grup­pe Men­no­ni­ten, die sich von der heu­ti­gen mo­der­nen Ge­sell­schaft ab­schot­tet. Doch seit ge­rau­mer Zeit liegt ein Schat­ten über der Re­li­gi­ons­ge­mein­schaft. Die Frau­en wer­den nachts be­täubt und ver­ge­wal­tigt. Nun müs­sen sie ent­schei­den, wie es wei­ter­ge­hen soll: Nichts tun? Im Dorf blei­ben und sich ge­gen die Män­ner weh­ren? Oder die Ge­mein­schaft mit den Kin­dern ver­las­sen?

DIE AUS­SPRA­CHE folgt we­ni­ger ei­ner klas­si­schen Hand­lung, ist mehr ei­ne An­re­gung zum Nach­den­ken, ein Ab­wä­gen des Für und Wi­der von Ra­che und Ver­ge­bung. In lan­gen Ge­sprä­chen dis­ku­tie­ren die Frau­en die mög­li­chen Kon­se­quen­zen ih­rer Ent­schei­dung. Re­gis­seu­rin Sa­rah Pol­ley ver­mei­det da­bei je­den Voy­eu­ris­mus: Die Ge­schich­te hin­ter den Er­eig­nis­sen mag zwar ge­walt­tä­tig sein, doch der Film zeigt nie die Ge­walt, die die Frau­en er­fah­ren. Nur kur­ze Aus­schnit­te des Da­nach sind zu se­hen.

Das Schau­spiel­ensem­ble ist os­car­wür­dig, al­len vor­an Roo­ney Ma­ra und Clai­re Foy. Bis in die kleins­te Ne­ben­rol­le aus­ge­zeich­net be­setzt, sor­gen un­ter an­de­rem Ben Whis­haw und Fran­ces Mc­Dor­mand für dra­ma­tur­gi­sches (Schwer-)Gewicht. Fast mo­no­chrom, Ge­sich­ter im Halb­schat­ten: Die Bil­der (Ka­me­ra: Luc Mont­pel­lier) und die Farb­ge­bung sind so düs­ter wie die Ge­schich­te selbst.

DIE AUS­SPRA­CHE er­in­nert an ei­ne Fol­ge der TV-Se­rie THE HANDMAID’S TA­LE mit dem Un­ter­schied, dass die Dys­to­pie von Mar­ga­ret At­wood Fik­ti­on ist und DIE AUS­SPRA­CHE auf wah­ren Be­ge­ben­hei­ten be­ruht.

INFOS ZUM FILM

Ori­gi­nal­ti­tel „Wo­men Tal­king“
USA 2021
104 min
Re­gie Sa­rah Pol­ley

al­le Bil­der © Uni­ver­sal Pic­tures In­ter­na­tio­nal Ger­ma­ny

JAMES BOND – KEINE ZEIT ZU STERBEN

JAMES BOND – KEINE ZEIT ZU STERBEN

Sag zum Ab­schied lei­se Ser­vus. Da­ni­el Craig hat die Schnau­ze voll, dies ist un­wi­der­ruf­lich sein letz­ter Bond. Mit et­was Glück wird aus dem Ab­schieds­schmerz im Lau­fe der Zeit Ver­mis­sen und dann ei­ne schö­ne Er­in­ne­rung. Durch die zahl­rei­chen Ver­schie­bun­gen hat­ten die Bond-Fans knapp an­dert­halb Jah­re Zeit, in­ner­lich Ab­schied zu neh­men. Ur­sprüng­lich soll­te es be­reits im April 2020 ge­schüt­tel­te Mar­ti­nis ge­ben. We­nigs­tens für Da­ni­el Craig ei­ne Er­lö­sung, denn der woll­te sich nach sei­nem letz­ten Auf­tritt in „Spect­re“ „lie­ber die Puls­adern auf­schnei­den, als noch ein­mal als Bond vor der Ka­me­ra zu ste­hen“. Erst schma­le 50 Mil­lio­nen Pfund Ga­ge konn­ten ihn über­zeu­gen, ein al­ler­letz­tes Mal die Walt­her PPK zu zü­cken.

Hat sich das lan­ge War­ten ge­lohnt? Gro­ßes JA und klei­nes nein. Es ist na­tür­lich ein Er­leb­nis, den Film im Ki­no zu se­hen. Die ers­ten zwei Drit­tel sind auch wirk­lich toll. Es gibt zahl­rei­che char­man­te Hin­wei­se auf die letz­ten 24 Fil­me, der Hu­mor stimmt, Bil­der und Mu­sik sind groß. Al­les noch bes­ser als er­war­tet. Nur das letz­te Drit­tel ist, wie schon bei "Spect­re", der Schwach­punkt des Films und macht ihn ge­fühl­te 45 Mi­nu­ten zu lang.

Zum In­halt nur so viel: Ja­mes Bond kommt ei­nem ge­heim­nis­vol­len Bö­se­wicht auf die Spur, der im Be­sitz ei­ner brand­ge­fähr­li­chen neu­en Tech­no­lo­gie ist. Die Welt muss ein wei­te­res Mal ge­ret­tet wer­den. 

Fast drei Stun­den Zeit nimmt sich Re­gis­seur Ca­ry Jo­ji Fu­ku­na­ga, die Ge­schich­te von Bond zu En­de zu er­zäh­len. Da­ni­el Craig, der die Rol­le des Su­per­spi­ons an­fangs mit düs­te­rer Bru­ta­li­tät ge­spielt hat, nä­hert sich auf sei­ne al­ten Ta­ge er­fri­schen­der­wei­se der ge­ho­be­nen Au­gen­brau­en-Iro­nie von Ro­ger Moo­re an. Im 25. Ka­pi­tel der Film­rei­he hat ne­ben ei­nem we­nig über­zeu­gen­den Ra­mi Ma­lek als Ober-Schur­ke auch der in „Spect­re“ sträf­lich un­ter­for­der­te Chris­toph "Blo­feld" Waltz ei­nen Kurz­auf­tritt. Die Lo­ca­ti­ons sind wie im­mer atem­be­rau­bend, die Stunts irr­wit­zig, die Bond-Frau­en schön (dass sie nicht mehr Bond-Girls hei­ßen, ist Mit-Dreh­buch­au­to­rin Phoe­be Wal­ler-Bridge zu ver­dan­ken) und die Sprü­che ge­wohnt läs­sig. In ei­ner Top 5 der Craig-Bonds wür­de „Sky­fall“ im­mer noch Platz 1 be­le­gen. Sil­ber für „Ca­si­no Roya­le“ und „No Time to Die“ di­rekt da­hin­ter. Ins­ge­samt ein ful­mi­nan­ter und wür­di­ger Ab­schied aus dem Ge­heim­dienst ih­rer Ma­jes­tät.

INFOS ZUM FILM

Ori­gi­nal­ti­tel „Ja­mes Bond – No Time To Die“
GB / USA 2020
163 min
Re­gie Ca­ry Jo­ji Fu­ku­na­ga
Ki­no­start 30. Sep­tem­ber 2021

al­le Bil­der © Uni­ver­sal Pic­tures In­ter­na­tio­nal

DAVID COPPERFIELD – EINMAL REICHTUM UND ZURÜCK

Charles Di­ckens be­saß ein über­ra­gen­des Ta­lent, die Ängs­te von Kin­dern in sei­nen Ro­ma­nen an­schau­lich zu be­schrei­ben. Das 600-Sei­ten-Werk „Da­vid Cop­per­field or The Per­so­nal Histo­ry, Ad­ven­tures, Ex­pe­ri­ence and Ob­ser­va­ti­on of Da­vid Cop­per­field the Youn­ger of Blun­der­stone Roo­kery (Which He Never Meant to Pu­blish on Any Ac­count)“, wie das Buch im Ori­gi­nal­ti­tel heißt, ist ne­ben „Oli­ver Twist“ sein be­kann­tes­ter Ro­man. Die au­to­bio­gra­fisch ge­präg­te Ge­schich­te vom ver­arm­ten Wai­sen­kind, das zum ge­fei­er­ten Schrift­stel­ler im vik­to­ria­ni­schen Eng­land auf­steigt, ist – ty­pisch Di­ckens – an­ge­füllt mit herr­lich schrul­li­gen Fi­gu­ren. Re­gis­seur Ar­man­do Ian­nuc­ci hat für sei­ne Neu­ver­fil­mung ei­ne ent­spre­chend be­herzt auf­spie­len­de Be­set­zung ver­sam­melt: Als Da­vid Cop­per­field über­zeugt der Os­car-no­mi­nier­te Dev Pa­tel ("Slum­dog Mil­lionaire“), in Ne­ben­rol­len sind un­ter an­de­rem Ben Whis­haw als ver­schla­ge­ner Uriah Heep und Til­da Swin­ton als schön ex­zen­tri­sche Tan­te Bet­sey Trot­wood zu se­hen. Ein ech­ter sce­ne-stealer ist der im­mer bril­lan­te Hugh Lau­rie („Dr. House“) als Mrs. Trot­woods Un­ter­mie­ter.

Er­wäh­nens­wert ist die un­be­fan­ge­ne Be­set­zung von klas­sisch wei­ßen Rol­len mit Schau­spie­lern jeg­li­cher Haut­far­be. Da ha­ben blas­se eng­li­sche Kin­der schwar­ze El­tern und der ei­gent­lich wei­ße Da­vid wird von ei­nem In­der ge­spielt. Das al­les ist dem Film wun­der­bar gleich­gül­tig – ei­ne als Tat­sa­che be­haup­te­te far­ben­blin­de Mul­ti­kul­ti-Welt. Man ge­wöhnt sich schnell an die­sen Kunst­griff, den schon das Mu­si­cal „Ha­mil­ton“ er­folg­reich ein­ge­setzt hat.

Das Dreh­buch setzt auf Tem­po und bis­wei­len schen­kel­klop­fen­den Hu­mor. Ei­ne schö­ne Idee ist das Spiel mit Hand­lungs- und Zeit­ebe­nen: So be­ob­ach­tet der er­wach­se­ne Da­vid sei­ne ei­ge­ne Ge­burt und Kind­heit, kom­men­tiert im­mer wie­der das Ge­sche­hen und schreibt, wenn es sein muss, Fi­gu­ren auch mal aus der Ge­schich­te, um ih­re Ab­we­sen­heit zu er­klä­ren. Das sind net­te Ideen, die den stel­len­wei­se et­was thea­ter­haf­ten Film da­vor be­wah­ren, all­zu sehr ins ko­mö­di­en­sta­del­haf­te ab­zu­rut­schen.

FAZIT

Far­ben­fro­he Neu­ver­fil­mung des un­ver­wüst­li­chen Klas­si­kers von 1850.

Ori­gi­nal­ti­tel „The Per­so­nal Histo­ry of Da­vid Cop­per­field“
116 min
Groß­bri­tan­ni­en / USA 2019
Re­gie Ar­man­do Ian­nuc­ci
Ki­no­start 24. Sep­tem­ber

LITTLE JOE – GLÜCK IST EIN GESCHÄFT

Bio­ge­ne­ti­ke­rin Ali­ce hat ei­ne Wun­der­blu­me ent­wi­ckelt. Die ver­langt im Ge­gen­satz zu an­de­ren, pfle­ge­leich­te­ren Neu­züch­tun­gen sehr viel Zu­wen­dung, re­gel­mä­ßi­ges Gie­ßen und lie­be­vol­le An­re­de. Als Be­loh­nung für die Mü­he ver­sprüht sie ei­nen glück­lich ma­chen­den Duft­stoff. So­weit die Theo­rie. Doch je wei­ter die ge­heim­nis­vol­le Blu­me wächst, des­to mehr ver­än­dern sich die Men­schen in Ali­ces Um­feld. Ihr Ver­dacht er­här­tet sich, dass ih­re Schöp­fung wo­mög­lich nicht so harm­los und glücks­ver­hei­ßend ist, wie ur­sprüng­lich ge­plant.

Ach­tung, die Dop­pel­gän­ger kom­men! Im Sci-Fi-Klas­si­ker „In­va­si­on of the Bo­dy Snat­chers“ über­neh­men au­ßer­ir­di­sche Sa­men­kap­seln die Kör­per der Mensch­heit und ma­chen aus ih­nen em­pa­thie­lo­se, gleich­ge­schal­te­te Hül­len. „Litt­le Joe“ er­zählt ei­ne ähn­li­che Ge­schich­te, nur ver­lang­samt und oh­ne Ali­ens.

In­ter­es­sant ist vor al­lem die Mach­art des Films: Rot, weiß und mint­grün sind vor­herr­schen­de Far­ben, das zieht sich von der Blu­me über die La­bor­kit­tel bis zur Haar­far­be der Haupt­fi­gur durch. Das abs­trak­te Farb­kon­zept un­ter­stützt den mär­chen­haf­ten Aspekt der Ge­schich­te. Die Bild­füh­rung passt sich dem zwang­haf­ten Ver­hal­ten der Fi­gu­ren an: Mehr­fach fährt die Ka­me­ra bei Dia­log­sze­nen sto­isch an den Prot­ago­nis­ten vor­bei ins Nichts. An­stel­le von Mu­sik kommt ein ner­vi­ger, hoch­fre­quen­ter Ton zum Ein­satz. 

Die ös­ter­rei­chi­sche Re­gis­seu­rin Jes­si­ca Haus­ner lie­fert mit ih­rem ers­ten eng­lisch­spra­chi­gen Film ein ir­ri­tie­ren­des, oft be­klem­men­des Gen­re­stück ab, das zeit­wei­se an ei­ne et­was zu lang ge­ra­te­ne Fol­ge der Net­flix-Se­rie „Black Mir­ror“ er­in­nert.

FAZIT

Un­ge­wöhn­li­cher Mys­tery­thril­ler, mit Emi­ly Bee­cham und Ben Whis­haw aus­ge­zeich­net be­setzt.

Ori­gi­nal­ti­tel "Litt­le Joe"
Ös­ter­reich 2019
105 min
Re­gie Jes­si­ca Haus­ner
Ki­no­start 09. Ja­nu­ar 2020

Mary Poppins' Rückkehr

Lon­don, 30er Jah­re: die Wirt­schafts­kri­se drückt aufs Ge­müt und auch im Kirsch­baum­weg Num­mer 17 sind die Zei­ten al­les an­de­re als ro­sig. Mi­cha­el Banks ist mitt­ler­wei­le ein er­wach­se­ner Strick­ja­cken­trä­ger und muss sei­ne drei Kin­der als Wit­wer al­lei­ne groß­zie­hen. Nun soll das ge­lieb­te El­tern­haus ge­pfän­det wer­den. Um das zu ver­hin­dern, müs­sen er und sei­ne Schwes­ter Ja­ne bin­nen we­ni­ger Ta­ge be­wei­sen, dass sie die recht­mä­ßi­gen Be­sit­zer sind. Auf­tritt: Ma­ry Pop­pins. Durch die Wol­ken ge­schwebt, über­nimmt sie kur­zer­hand noch ein­mal das Ru­der und ret­tet den Tag.

Mit „Das Dschun­gel­buch“ kam 2016 ei­ne kon­ge­nia­le Re­al­ver­fil­mung des Zei­chen­trick­klas­si­kers in die Ki­nos. Im kom­men­den Jahr star­ten Neu­auf­la­gen von „Dum­bo“, „Ala­din“ und „Der Kö­nig der Lö­wen“: Dis­ney hat das Re­cy­cling ent­deckt. Mitt­ler­wei­le wird das ge­sam­te Port­fo­lio ei­nem Make­over un­ter­zo­gen, nun al­so Ma­ry Pop­pins. Für die Fort­set­zung des Chim Chim Cher-ee-Er­folgs von 1964 sind die Er­war­tun­gen hoch, das Ori­gi­nal hat sei­ner­zeit fünf Os­cars ge­won­nen und mach­te Ju­lie An­drews zum Welt­star.

Erst­mal die gu­te Nach­richt: Der Film sieht toll aus. Die Sets, die Cho­reo­gra­fien, die Kos­tü­me – das ist fan­ta­sie­voll in­sze­niert und bie­tet je­de Men­ge per­fekt ge­mach­tes Au­gen­fut­ter. Be­son­ders die quietsch­bun­ten Re­al­film-Zei­chen­trick­se­quen­zen ma­chen durch ih­ren re­tro „hand­ma­de“ Look gu­te Lau­ne. Die Be­set­zung ist so er­le­sen wie pro­mi­nent: Ben Whis­haw, Ju­lie Wal­ters, Me­ryl Streep, Co­lin Firth. Das Bes­te an Ma­ry Pop­pins' Rück­kehr ist aber oh­ne Zwei­fel Emi­ly Blunt. Die über­zeugt mit der nö­ti­gen Por­ti­on Schräg­heit und je­der Men­ge Charme in der Ti­tel­rol­le des flie­gen­den Kin­der­mäd­chens.

Nun die schlech­te Nach­richt: In Mu­si­cals wird ge­sun­gen, in die­sem be­son­ders viel. Das wä­re nicht wei­ter tra­gisch, wenn die Songs nicht so ba­nal wä­ren. La­la­la, reich­lich be­lang­los plät­schert es von ei­ner nichts­sa­gen­den Num­mer zur nächs­ten. Da fehlt jeg­li­ches Mit­sing- oder Ohr­wurm­po­ten­zi­al. Hät­ten die Ma­cher ge­nau­so viel Lie­be in die Ent­wick­lung der Songs wie in die vi­su­el­le Um­set­zung ge­steckt, Ma­ry Pop­pins’ Rück­kehr hät­te das Zeug zum mo­der­nen Klas­si­ker ge­habt.

FAZIT

Char­man­te Fort­set­zung, mehr fürs Au­ge als fürs Ohr.
Die Hälf­te der Songs, da­für su­per­ca­li­fra­gi­lis­tig ex­pia­li­ge­ti­scher, hät­te es auch ge­tan.

USA, 2018 
Re­gie Rob Mar­shall 
131 min 
Ki­no­start 20. De­zem­ber 2018