WIR SIND DANN WOHL DIE ANGEHÖRIGEN

Kinostart 03. November 2022

Es war ei­ner der spek­ta­ku­lärs­ten Kri­mi­nal­fäl­le Deutsch­lands: Am 25. März 1996 wur­de um 20.20 Uhr der Pu­bli­zist und Mä­zen Jan Phil­ipp Reemts­ma in Ham­burg-Blan­ke­ne­se ent­führt. Erst nach 33 Ta­gen Ge­fan­gen­schaft und ei­ner Lö­se­geld­zah­lung von 30 Mil­lio­nen D‑Mark wur­de er wie­der frei­ge­las­sen. Bis da­hin hiel­ten sich Pres­se, Ra­dio und Fern­se­hen an ei­ne ver­ein­bar­te Nach­rich­ten­sper­re, so­dass die Öf­fent­lich­keit erst im Nach­hin­ein von dem Ver­bre­chen er­fuhr. Die Ent­füh­rer wa­ren aus­nahms­wei­se kei­ne An­ge­hö­ri­gen der RAF, son­dern ganz ge­wöhn­li­che Gangs­ter. Zwei Jah­re spä­ter wur­den sie ge­fasst, vom Groß­teil des Lö­se­gelds fehlt bis heu­te je­de Spur.

Kein Kitsch, kei­ne bil­li­ge Span­nung, kein Schnick­schnack

Über die Er­in­ne­run­gen der un­heil­vol­len Ta­ge des War­tens hat Jo­hann Schee­rer 2018 ein Buch ge­schrie­ben: „Wir sind dann wohl die An­ge­hö­ri­gen – Die Ge­schich­te ei­ner Ent­füh­rung“. Das Dra­ma aus der Per­spek­ti­ve des da­mals erst 13-jäh­ri­gen Sohns Jo­hann. Hans-Chris­ti­an Schmid hat aus die­sem au­to­bio­gra­fi­schen Best­sel­ler jetzt ei­nen Film ge­macht – und was für ei­nen! Kein Kitsch, kei­ne bil­li­ge Span­nung, kein Schnick­schnack. Mit Hans Löw, Jus­tus von Dohnányi, Adi­na Vet­ter und New­co­mer Clau­de Hein­rich in­sze­niert der Re­gis­seur ei­ne Art Kam­mer­spiel (ein Groß­teil der Hand­lung spielt im Haus der Fa­mi­lie Reemtsma/​Scheerer), das die ner­ven­zer­rei­ßen­de An­span­nung, das ban­ge Hof­fen, das stüm­per­haf­te Vor­ge­hen der Po­li­zei und die ge­schei­ter­ten Lö­se­geld­über­ga­ben auf nüch­ter­ne, sach­li­che Art zeigt, oh­ne da­bei emo­ti­ons­los zu sein.

„Wir sind dann wohl die An­ge­hö­ri­gen“ fo­kus­siert sich – der Ti­tel legt es nah – auf Reemts­mas Frau Ann-Kath­rin Schee­rer und den ge­mein­sa­men Sohn Jo­hann. Von ei­ner Se­kun­de auf die an­de­re wird der Fa­mi­li­en­all­tag auf den Kopf ge­stellt, Po­li­zis­ten zie­hen ins Haus ein, Post und Te­le­fon wer­den dau­er­über­wacht. Zwi­schen ge­schei­ter­ten Geld­über­ga­ben er­rei­chen die An­ge­hö­ri­gen die ver­zwei­fel­ten Brie­fe des Ent­führ­ten. In all dem Cha­os muss sich der pu­ber­tie­ren­de Jun­ge zu­recht­fin­den, wäh­rend sei­ne Mut­ter lang­sam zu zer­bre­chen droht.

Der bes­te Tat­ort, der kein Tat­ort ist

Spar­sa­mer Mu­sik­ein­satz (her­vor­ra­gend: The Notwist), punkt­ge­naue Aus­stat­tung und in ru­hi­gen, un­auf­dring­li­chen Bil­dern er­zählt – wenn man ei­nen Kri­mi­nal­film macht, dann bit­te­schön so! Ob­wohl der (gu­te) Aus­gang der Ge­schich­te be­kannt ist, bleibt „Wir sind dann wohl die An­ge­hö­ri­gen“ fes­selnd von der ers­ten bis zur letz­ten Mi­nu­te. Wer sich über die Op­fer­per­spek­ti­ve in­for­mie­ren will, dem sei Jan Phil­ipp Reemts­mas Buch „Im Kel­ler“ emp­foh­len.

INFOS ZUM FILM

Deutsch­land 2022
118 min
Re­gie Hans-Chris­ti­an Schmid

al­le Bil­der © Pan­do­ra Film, 235