DER RAUSCH

DER RAUSCH

Al­ko­hol ist ei­ne Lö­sung. Je­den­falls wenn man dem nor­we­gi­schen Phi­lo­so­phen Finn Skår­de­rud glau­ben darf: Nach sei­ner The­se kom­men wir Men­schen mit ei­nem hal­ben Pro­mil­le zu we­nig im Blut auf die Welt. Kon­trol­liert je­den Tag ein, zwei Gläs­chen ver­hel­fen dem­nach zu mehr Le­bens­qua­li­tät und Leis­tungs­fä­hig­keit. So­weit die Theo­rie.

Die Freun­de Mar­tin, Tom­my, Ni­ko­laj und Pe­ter lau­fen wie aus­ge­knipst durchs Le­ben. Ab­ge­stumpft und un­glück­lich – der Job als Leh­rer nervt, zu Hau­se war­ten Mo­no­to­nie oder Streit. Die vier be­schlie­ßen, die Sa­che mit dem Dau­er­schwips mal un­ver­bind­lich aus­zu­pro­bie­ren. Durch den Al­ko­hol ent­hemmt, füh­len sich die Män­ner le­ben­di­ger und mu­ti­ger, trau­en sich Din­ge zu tun, die sie in nüch­ter­nem Zu­stand nie­mals ge­wagt hät­ten. Doch Schnaps ist nicht nur die rei­ne Freu­de. Vom Er­folg an­ge­sta­chelt, be­schlie­ßen sie, das Ex­pe­ri­ment aus­zu­wei­ten und die Do­sis zu er­hö­hen – mit fa­ta­len Fol­gen.

"Druk", so der dä­ni­sche Ori­gi­nal­ti­tel, ist ein nach­denk­lich ma­chen­der und oft ko­mi­scher Film, der sich mit den gro­ßen The­men je­der Mid­life-Cri­sis be­schäf­tigt: Die Ju­gend end­gül­tig vor­bei, was ist der Sinn des Le­bens, wer liebt und braucht ei­nen über­haupt noch? "Fin­dest Du mich lang­wei­lig?“, fragt Mar­tin sei­ne Frau. Ihr Schwei­gen ist Ant­wort ge­nug.

Die be­rüh­ren­de Tra­gi­ko­mö­die des dä­ni­schen Re­gis­seurs Tho­mas Vin­ter­berg ge­wann zu Recht den Os­car für den bes­ten in­ter­na­tio­na­len Film. Aus­ge­zeich­ne­ter Film, tol­le Be­set­zung: Mads Mik­kel­sen lie­fert ei­ne fan­tas­ti­sche Leis­tung ab und be­weist wie­der mal, dass er ei­ner der bes­ten Schau­spie­ler un­se­rer Zeit ist. Her­vor­ra­gend auch Tho­mas Bo Lar­sen, Ma­gnus Mil­lang und Lars Ran­the – ein per­fek­tes En­sem­ble.

FAZIT

Top Film – Prost!

INFOS ZUM FILM

Ori­gi­nal­ti­tel "Druk"
Dä­ne­mark 2020 
117 min
Re­gie Tho­mas Vin­ter­berg
Ki­no­start 22. Ju­li 2021

al­le Bil­der © Welt­ki­no Film­ver­leih GmbH

NEBENAN

NEBENAN

Da­ni­el Brühl ist ein ar­ro­gan­ter, un­sym­pa­thi­scher An­ge­ber, der glaubt, weil er flie­ßend spa­nisch, eng­lisch und deutsch spricht, et­was Be­son­de­res zu sein. Sei­ne Hol­ly­wood­kar­rie­re und sein Mit­wir­ken in Mar­vel-Fil­men sind sei­nem Ego schon gar nicht be­kom­men.

Dass Brühl in sei­nem Re­gie­de­büt mit ge­nau die­ser gän­gi­gen Kri­ti­ker- und Zu­schau­er­mei­nung über sich selbst ge­konnt spielt und ei­ne Art Über-Ver­si­on sei­nes schmal­lip­pi­gen Arsch­loch-Al­ter-Egos er­schaf­fen hat, spricht für sei­nen aus­ge­präg­ten Sinn für Hu­mor. Das Dreh­buch zur Selbst­re­fle­xi­on stammt von Best­sel­ler­au­tor Da­ni­el Kehl­mann, die Idee von Brühl.

Der Schau­spie­ler Da­ni­el hat al­les, was es braucht: Er­folg, Geld und ein schi­ckes Pent­house im Prenz­lau­er Berg. Auf dem Weg zum Flug­ha­fen – ein wich­ti­ges Vor­spre­chen in Lon­don für ei­ne Rol­le in ei­nem Su­per­hel­den­film steht an – macht er kurz Halt in sei­ner Stamm­knei­pe. Nur schnell ei­nen Kaf­fee und su­per­im­portant pho­ne calls mit Eng­land und den USA er­le­di­gen. Am Tre­sen sitzt Bru­no und starrt. Da­ni­el denkt, es han­de­le sich um ei­nen Fan und bie­tet ein Au­to­gramm an. Die bei­den kom­men ins Ge­spräch und Da­ni­el muss schnell fest­stel­len, dass Bru­no ein biss­chen zu gut über ihn Be­scheid weiß. Er ana­ly­siert und be­wer­tet nicht nur al­le Fil­me des Schau­spie­lers, son­dern kennt sich auch er­schre­ckend gut in Da­ni­els Pri­vat­le­ben aus.

Brühl in­sze­niert sein cle­ve­res Kiez­knei­pen-Kam­mer­spiel sou­ve­rän, oh­ne un­nö­ti­gen Schnick­schnack und durch­weg span­nend. Um sei­ne Haupt­fi­gur hat er ein aus­ge­zeich­ne­tes En­sem­ble ge­schart: Be­son­ders Pe­ter Kurth glänzt, spielt sei­ne Wand­lung vom mor­gend­li­chen Stütz­bier­trin­ker zum be­droh­li­chen Schick­sals­gott glaub­haft und fa­cet­ten­reich.

FAZIT

Über­ra­schend gut, viel bes­ser als von der Ber­li­na­le-Kri­tik be­haup­tet.

INFOS ZUM FILM

Deutsch­land 2021
91 min
Re­gie Da­ni­el Brühl
Ki­no­start 15. Ju­li 2021

al­le Bil­der © War­ner Bros. Pic­tures Ger­ma­ny 

MY ZOE

Das Feel-Bad-Mo­vie of the Year kommt die­ses Jahr von Schau­spie­le­rin und Re­gis­seu­rin Ju­lie Del­py.

Die Fran­zö­sin Isa­bel­le (Ju­lie Del­py) ar­bei­tet als Ge­ne­ti­ke­rin in Ber­lin, ir­gend­wann in na­her Zu­kunft. Von ih­rem Ex-Mann Ja­mes lebt sie in herz­li­cher Ab­nei­gung ge­trennt. Die meis­te Zeit strei­ten sich die bei­den um das Sor­ge­recht für ih­re Toch­ter Zoe. Ei­nes Ta­ges ge­schieht die Ka­ta­stro­phe: das Mäd­chen ver­letzt sich am Kopf, fällt ins Ko­ma, stirbt. Isa­bel­le bit­tet ei­nen Re­pro­duk­ti­ons­me­di­zi­ner um Hil­fe. Ei­ne fol­gen­schwe­re Ent­schei­dung.

Klo­nen mal ganz an­ders. Kein Sci­ence-Fic­tion-Ac­tion­kra­cher a la „The Is­land“ oder „Ge­mi­ni Man“, son­dern ein stil­ler, zu­rück­hal­tend in­sze­nier­ter Art­house-Film zum The­ma. Re­gis­seu­rin Ju­lie Del­py ver­steht es, den uni­ver­sel­len Alb­traum al­ler El­tern – den Ver­lust ih­res Kin­des – glaub­haft und ein­dring­lich dar­zu­stel­len. Doch im Fort­gang der Ge­schich­te geht es ihr mehr um die Be­ant­wor­tung der ethi­schen und mo­ra­li­schen Fra­ge: Ist das Klo­nen ei­nes ge­lieb­ten Men­schen nach des­sen Tod rich­tig? Das ist zwar ein in­ter­es­san­tes Ge­dan­ken­spiel, doch die Hand­lung und das Han­deln der Fi­gu­ren wird im­mer abs­trak­ter und un­glaub­wür­di­ger, die Di­stanz des Zu­schau­ers wächst.

FAZIT

Auf­wüh­lend in der ers­ten, zu kon­stru­iert und der zwei­ten Hälf­te. Zwie­späl­tig.

Ori­gi­nal­ti­tel „My Zoe
Eng­land / Deutsch­land / Frank­reich 2019
102 min
Re­gie Ju­lie Del­py
Ki­no­start 14. No­vem­ber 2019