Escape Room

Nerd­alarm: wer weiß, was so­ge­nann­te "Es­cape Room"-Computerspiele sind? 
Das geht so: Ein Raum, nur ei­ne Tür – und die ist ver­schlos­sen. Der Spie­ler muss durch das Lö­sen von Rät­seln den Schlüs­sel zur Tür fin­den, um wei­ter­zu­kom­men und am En­de zu ge­win­nen. Wem das zu vir­tu­ell ist, der kann die­sen Ner­ven­kit­zel auch re­al er­le­ben, nur dass man da­zu nicht mit Chips­tü­te und Jog­ging­bu­xe vorm PC sitzt. Wie beim Com­pu­ter­spiel wer­den auch hier meh­re­re Per­so­nen in "The­men­räu­me" ein­ge­sperrt (z.B. Se­ri­en­kil­ler oder Rus­sen­ma­fia – oder ist das das­sel­be?), aus de­nen sie dann in vor­ge­ge­be­ner Zeit her­aus­fin­den müs­sen. 
Der Film Es­cape Room geht nun wie­der ei­nen Schritt zu­rück in die Le­thar­gie – zu­schau­en, statt da­bei sein.
Sechs Per­so­nen, die schein­bar nichts mit­ein­an­der ver­bin­det, müs­sen un­ter­schied­lich kniff­li­ge Rät­sel lö­sen, um am En­de 10.000 $ zu kas­sie­ren. Da das al­lei­ne ein biss­chen zu fad wä­re, gibt's an­stel­le von Punk­te­ab­zug Le­bens­ab­zug. Wer falsch re­agiert, zu lang­sam oder schlicht zu doof ist, stirbt. Ei­ner nach dem an­de­ren, in gu­ter al­ter "Zehn klei­ne Jägermeister"-Tradition. Ge­stal­te­risch ei­ni­ger­ma­ßen fan­ta­sie­voll um­ge­setz­ter Thril­ler, das of­fe­ne En­de droht mit un­nö­ti­ger Fort­set­zung.

FAZIT

Wen Lo­gik nicht schert, der kann hier sei­nen Spaß ha­ben. Al­bern, aber un­ter­halt­sam.

USA 2019
99 min
Re­gie Adam Ro­bi­tel
Ki­no­start 28. Fe­bru­ar 2019 

Wie gut ist deine Beziehung?

Ste­ves bes­ter Freund Bob wur­de ge­ra­de von sei­ner Freun­din ver­las­sen. Und das we­gen ei­nes äl­te­ren Zau­sels, der sich als Tan­tra­leh­rer ver­dingt. Bei Ste­ve schril­len die Alarm­glo­cken. Was, wenn auch sei­ne Le­bens­ge­fähr­tin Ca­ro­la plötz­lich Au­gen für an­de­re Män­ner hät­te und ihm un­treu wer­den wür­de?
Hät­te, wür­de, könn­te: Weil er sonst nichts zu tun hat, kon­stru­iert Ste­ve kur­zer­hand sei­ne ei­ge­nen Be­zie­hungs­pro­ble­me. Schlech­te Idee, die Ers­te: Er bit­tet aus­ge­rech­net den an al­lem Un­glück schul­di­gen Tan­tra­leh­rer Ha­rald, Ca­ro­la sei­ne Te­le­fon­num­mer zu­zu­ste­cken, um dann zu tes­ten, ob sie auf den Flirt­ver­such ein­steigt. Die wie­der­um wur­de von ih­rer bes­ten Freun­din Anet­te an­ge­hal­ten, Ste­ve ei­fer­süch­tig zu machen...usw....usf....hört sich kon­stru­iert an? 

Wie gut ist dei­ne Be­zie­hung? ist ei­ner der Fil­me, bei de­nen man als Zu­schau­er stän­dig die Au­gen ver­dreht, weil sich die Fi­gu­ren be­neh­men, wie man das im wah­ren Le­ben nie tun wür­de. Die selbst er­fun­de­nen "Pro­ble­me" könn­ten sich mit ei­ner kla­ren Ant­wort im Nu aus der Welt schaf­fen las­sen, aber dann wä­re der Film nach ei­ner hal­ben Stun­de vor­bei. Ja, da ist der Wunsch der Va­ter des Ge­dan­kens.

FAZIT

Laut Wer­bung „Ei­ne Ko­mö­die in bes­ter Screw­ball-Ma­nier“.
In Wahr­heit ist Wie gut ist dei­ne Be­zie­hung? seich­te, im Ti­ming oft da­ne­ben lie­gen­de Stan­dard­wa­re. Der ei­gen­wil­li­ge Sound­track, der wie aus ei­ner "Die Sen­dung mit der Maus“-Episode klingt, macht die Sa­che auch nicht bes­ser.

Deutsch­land 2019
111 min
Re­gie Ralf West­hoff
Ki­no­start 28. Fe­bru­ar 2019 

Hard Powder

Ar­mer Liam Nee­son. So wie der Bä­cker, der je­den Tag die glei­chen fünf Bro­te backt, oder die Al­di Kas­sie­re­rin, die tag­aus, tag­ein im grel­len Ne­on­licht Wa­ren über den Scan­ner zieht, muss auch der iri­sche Su­per­star Lan­ge­wei­le ver­spü­ren. Seit Jah­ren spielt er den "Rä­cher mit dem gu­ten Her­zen" im im­mer glei­chen Film. Es scha­det al­so nichts, wenn nach Ta­ken 1 – 3, The Com­muter, Non-Stop (und wie sie al­le hei­ßen) mal Ab­wechs­lung ins Spiel kommt.

Hard Pow­der ist tat­säch­lich nicht die üb­li­che Fließ­band­wa­re und um ei­ni­ges ori­gi­nel­ler in­sze­niert, als die Zug/​Flugzeug/​Autojagden, bei de­nen Liam sonst sei­ne Fein­de platt macht. Un­ge­wöhn­lich schon die Lo­ca­ti­on­wahl: ein im Tief­schnee ver­sin­ken­der Ski­ort in den Ro­cky Moun­ta­ins. Hier pfeift von früh bis spät ei­ne stei­fe Bri­se, das hat bei­na­he Shi­ning-haf­te At­mo­sphä­re. Nels Cox­man (Liam Nee­son) ist der ört­li­che Schnee­pflug­fah­rer und sorgt ver­läss­lich für freie Stra­ßen. Sein har­mo­ni­sches Fa­mi­li­en­le­ben mit Frau und Kind wird jäh un­ter­bro­chen, als Dro­gen­gangs­ter sei­nen Sohn er­mor­den. Ge­nau­so sto­isch wie den Schnee be­sei­tigt er dar­auf­hin die bö­sen Bu­ben und löst ne­ben­bei noch ei­nen blu­ti­gen Ban­den­krieg aus – Blut auf Schnee macht sich im­mer gut.

Sein tro­cke­ner, schwar­ze Hu­mor hebt Hard Pow­der wohl­tu­end von der sons­ti­gen 08/15-Kon­fek­ti­ons­wa­re ab. Viel­leicht liegt es ja tat­säch­lich, wie Liam Nee­son im In­ter­view ver­mu­tet, am eu­ro­päi­schen Re­gis­seur. Der Nor­we­ger Hans Pet­ter Mo­land be­weist mit dem US-Re­make sei­nes ei­ge­nen Films Ei­ner nach dem An­de­ren (2014), dass es doch noch klei­ne Über­ra­schun­gen im aus­ge­lutsch­ten Rä­cher­gen­re zu ent­de­cken gibt.

FAZIT

Bes­ser als er­war­tet. Und macht neu­gie­rig aufs Ori­gi­nal, das im Nor­we­gi­schen den hüb­schen Ti­tel „Kraft­idio­ten“ trägt.

USA, 2018
119 min
Re­gie Hans Pet­ter Mo­land
Ki­no­start 28. Fe­bru­ar 2019

Der goldene Handschuh

Im Ham­burg, St. Pau­li der 1970er-Jah­re treibt ein Frau­en­mör­der sein Un­we­sen: Fritz Hon­ka, ein er­schre­ckend häss­li­cher Mann, der über Jah­re hin­weg äl­te­re Pro­sti­tu­ier­te und Alkoholiker*innen aus der Kiez­knei­pe "Zum Gol­de­nen Hand­schuh" ab­schleppt, um sie dann in sei­ner Woh­nung ab­zu­murk­sen. Die zer­stü­ckel­ten Lei­chen ver­steckt er nach ge­ta­ner Ar­beit hin­ter der Wand­ver­klei­dung. Ge­gen den Ver­we­sungs­ge­ruch wirft er Duft­bäum­chen auf die Lei­chen­tei­le. Wah­re Ge­schich­te – nicht schön.

Im Ge­gen­satz zum Ber­li­na­le­ge­win­ner "Ge­gen die Wand" (2004) ist Re­gis­seur Fa­tih Akin mit der Ver­fil­mung des Heinz Strunk Best­sel­lers kein gu­ter Film ge­glückt. Die Dar­stel­ler über­zeu­gen, doch die In­sze­nie­rung wirkt selt­sam thea­ter­haft-künst­lich und hat zwi­schen­durch ganz schön Län­gen. Der gol­de­ne Hand­schuh ist un­ap­pe­tit­lich wie ein Splat­ter­mo­vie an­zu­se­hen, doch für sein The­ma er­staun­lich un­span­nend er­zählt.
Dass dem Film Frau­en­feind­lich­keit vor­ge­wor­fen wird, ist al­bern, denn kei­nes­falls wer­den hier die weib­li­chen Fi­gu­ren schlech­ter als die männ­li­chen dar­ge­stellt. Das Le­ben al­ler Prot­ago­nis­ten ist glei­cher­ma­ßen freud­los. Ge­nau­so freud­los, wie die­sen Film an­zu­se­hen.

FAZIT

Gars­ti­ge Men­schen ma­chen gars­ti­ge Din­ge in gars­ti­ger Um­ge­bung.

Deutsch­land / Frank­reich 2019 
115 min
Re­gie Fa­tih Akin
Ki­no­start 21. Fe­bru­ar 2019

Mein Bester & Ich

Der stein­rei­che Phil­ip (Bryan Cran­s­ton) ist nach ei­nem Pa­ra­gli­ding­un­fall vom Hals ab­wärts ge­lähmt. Von sei­nen bis­he­ri­gen Gut­mensch-Pfle­ge­kräf­ten hat er die Na­se gründ­lich voll, des­halb en­ga­giert er spon­tan den Ex-Gangs­ter Dell (Ke­vin Hart) als neue Kran­ken­schwes­ter – ob­wohl der kom­plett un­qua­li­fi­ziert ist und ei­gent­lich kei­ne Lust auf den Job hat. Doch die Be­zah­lung ist sen­sa­tio­nell und als Sah­ne­häub­chen gibt es so­gar noch ein Zim­mer im Lu­xus­ap­part­ment oben­drauf. Wer kann da­zu schon Nein sa­gen?
Ge­gen­sät­ze zie­hen sich an: Nach den üb­li­chen an­fäng­li­chen Kab­be­lei­en ler­nen sich die Män­ner schnell zu schät­zen und wer­den (ziem­lich bes­te) Freun­de.

Die Vor­la­ge lie­fert ei­ner der er­folg­reichs­ten fran­zö­si­schen Fil­me der letz­ten Jah­re. Das nun in den Ki­nos star­ten­de US-Re­make schim­melt schon seit zwei Jah­ren im Re­gal, das könn­te zu den­ken ge­ben. Mein Bes­ter & Ich ist trotz­dem halb­wegs okay, was vor al­lem an sei­nem Haupt­dar­stel­ler liegt: Bryan Cran­s­ton ist ei­ner der Schau­spie­ler, die das viel zi­tier­te Te­le­fon­buch vor­le­sen könn­ten. Ke­vin Hart da­ge­gen neigt zum over­ac­ting und hat bei Wei­tem nicht das Cha­ris­ma des fran­zö­si­schen Ori­gi­nal­dar­stel­lers Omar Sy. Und weil sie ge­ra­de sonst nichts zu tun hat­te, wird Ni­co­le Kid­man in ei­ner un­dank­ba­ren Ne­ben­rol­le ver­heizt.

FAZIT

Zwi­schen tra­gi­ko­misch und al­bern chan­gie­rend, haupt­säch­lich we­gen Bryan Cran­s­ton se­hens­wert.
Über­flüs­si­ge Neu­ver­fil­mung – Ziem­lich bes­te Freun­de von 2011 bleibt der bes­se­re Film.

USA 2017
126 min
Re­gie Neil Bur­ger
21. Fe­bru­ar 2019 

Top & Flop ● Marighella ● Amazing Grace

Per­sön­li­che Ge­win­ner- und Ver­lie­rer­lis­te: 
TOP 
Di jiu ti­an chang (So long, my son) ★★★★★
Sys­tem­spren­ger ★★★★
La par­an­za dei bam­bi­ni ★★★★
Grâce à Dieu ★★★★
God Exists, Her Na­me Is Pe­tr­uni­ja ★★★★

FLOP
Ich war zu­hau­se, aber 

Das war's mit der Ber­li­na­le 2019!
Am 20. Fe­bru­ar geht es bei frame​ra​te​.one mit der Be­spre­chung zu "Mein Bes­ter & Ich" wei­ter.

Marighella

Es le­be die Re­vo­lu­ti­on! Das Ti­ming könn­te kaum bes­ser sein: Ge­ra­de sorgt sich die Welt, was aus Bra­si­li­en un­ter der Füh­rung des ul­tra­rech­ten Prä­si­den­ten Ja­ir Bol­so­n­a­ro wer­den soll, da zeigt die Ber­li­na­le die­ses Bio­pic über die Ge­fah­ren ei­ner Dik­ta­tur.
Auf den Putsch 1964 ge­gen die de­mo­kra­tisch ge­wähl­te Re­gie­rung folg­ten in Bra­si­li­en 21 Jah­re Mi­li­tär­dik­ta­tur. Die Pres­se wur­de zen­siert, Op­po­si­tio­nel­le ver­haf­tet, ge­fol­tert und ge­tö­tet. Mit­te der 1960er-Jah­re grün­de­te Car­los Ma­rig­hel­la ei­ne be­waff­ne­te Wi­der­stands­grup­pe, die in den kom­men­den Jah­ren den Kampf ge­gen den Staat auf­nahm.
Die Rol­len sind klar ver­teilt: hier die in­tel­lek­tu­el­len, auf­rech­ten Re­vo­lu­tio­nä­re, da die sa­dis­ti­schen, dau­er­flu­chen­den Put­schis­ten. Für Zwi­schen­tö­ne in­ter­es­siert sich Re­gis­seur Wag­ner Mou­ra we­ni­ger. 
Auch wenn's ein biss­chen schwarz-weiß ge­malt ist, der Film ist ein sehr ein­dring­li­ches Por­trät, das klar Stel­lung be­zieht. Mit viel Em­pa­thie setzt sich das Dra­ma mit den per­sön­li­chen Schick­sa­len der Re­vo­lu­tio­nä­re und der Op­fer, die sie im Kampf ge­gen die Dik­ta­tur brin­gen muss­ten, aus­ein­an­der. Der Schrift­stel­ler und über­zeug­te Mar­xist Ma­rig­hel­la wur­de zum Staats­feind Nr. 1 er­klärt. Sein Le­ben en­de­te 1969 mit der Er­mor­dung durch die bra­si­lia­ni­sche Mi­li­tär­jun­ta.

Bra­si­li­en 2019 
155 min
Re­gie Wag­ner Mou­ra

Amazing Grace

Er­fri­schend, in Zei­ten, in de­nen je­der Te­le­fon­be­sit­zer per­fekt sta­bi­li­sier­te und farb­kor­ri­gier­te 4K-Fil­me pro­du­zie­ren kann, ei­ne so roug­he, hand­ge­mach­te Do­ku auf der gro­ßen Lein­wand zu se­hen. 
Are­tha Frank­lin nahm 1972 ge­mein­sam mit dem Sou­thern Ca­li­for­nia Com­mu­ni­ty Choir in Los An­ge­les ihr le­gen­dä­res Al­bum „Ama­zing Grace“ auf. Es wur­de zum er­folg­reichs­ten Gos­pel­al­bum al­ler Zei­ten.
Dass die­ser Film fast 50 Jah­re nach sei­ner Ent­ste­hung doch noch in die Ki­nos kommt und jetzt auf der Ber­li­na­le sei­ne Pre­mie­re fei­ert, grenzt an ein Wun­der. Nach den Dreh­ar­bei­ten lie­ßen sich die Ton- und Bild­auf­nah­men nicht syn­chro­ni­sie­ren. Die tech­ni­schen Mög­lich­kei­ten wa­ren An­fang der 1970er-Jah­re be­grenzt. Spä­ter folg­te ein Rechts­streit mit Are­tha Frank­lin. Die nun vor­lie­gen­de Ver­si­on ist ge­nau so, wie sie von Re­gis­seur Syd­ney Pol­lack sei­ner­zeit ge­plant war. Kei­ne nach­träg­lich ein­ge­füg­ten In­ter­views, kein Ma­king-of, kein Schnick­schnack – nur Bil­der von ei­nem mit­rei­ßen­den Kon­zert.
Für Fans ein Muss.

USA 2019 
87 min
Re­gie Syn­ey Pol­lack

Di jiu tian chang ● Photograph ● Lampenfieber

Der Fluss der Zeit ist re­la­tiv: Mit Fort­schrei­ten der Ber­li­na­le wer­den die Fil­me im­mer län­ger – so fühlt es sich je­den­falls an. Man schaut auf die Uhr und er­schreckt – ge­ra­de erst 45 Mi­nu­ten sind ver­gan­gen. Dies­be­züg­li­cher Hö­he­punkt: Cel­le que vous croyez mit Ju­li­et­te Bi­no­che. Nach knapp ei­ner Stun­de hat die Ge­schich­te ein be­frie­di­gen­des En­de ge­fun­den, gleich muss der Ab­spann kommen...doch dann geht's erst rich­tig los!
Ki­no­zeit läuft al­so lang­sa­mer.
Ei­ner­seits.
An­de­rer­seits war der nar­ko­lep­ti­sche Se­kun­den­schlaf wäh­rend Ön­döng so er­fri­schend, wie sonst nur ein drei­stün­di­ger Mit­tags­schlaf sein kann.

Di jiu tian chang (So Long, My Son)

Na al­so! Am vor­letz­ten Tag hat die Ber­li­na­le 2019 noch ein­mal ei­nen rich­tig gu­ten Film im Pro­gramm. Das drei­stün­di­ge Me­lo­dram von Wang Xia­o­shuai er­zählt mit be­ein­dru­cken­der Bei­läu­fig­keit und gro­ßer Ru­he ei­ne Fa­mi­li­en­ge­schich­te, die sich über 30 Jah­re er­streckt.
Der Weg vom Glück ins bo­den­lo­se Un­glück dau­ert oft nur ei­nen Au­gen­blick. Für Yao­jun und sei­ne Frau Li­y­un ist es der Mo­ment, in dem sie ih­ren Sohn Xin­gxing ver­lie­ren. Der Jun­ge er­trinkt beim Spie­len am Ufer ei­nes Stau­sees. Nach die­ser Tra­gö­die zieht das Paar in die süd­chi­ne­si­sche Pro­vinz und ad­op­tiert dort ei­nen Jun­gen, so­zu­sa­gen als Er­satz­kind. Doch die un­aus­ge­spro­che­nen Schuld­ge­füh­le und die be­täu­ben­de Trau­er las­sen auch die­ses neue Le­ben bei­na­he schei­tern.
Di jiu ti­an chang ist ein ver­schach­telt er­zähl­tes Por­trät chi­ne­si­scher Ge­schich­te, von den 1980er-Jah­ren bis zum an­stren­gen­den Tur­bo­ka­pi­ta­lis­mus der Ge­gen­wart rei­chend. Ge­konnt wird hier die pri­va­te Tra­gö­die der El­tern mit der gi­gan­ti­schen ge­sell­schaft­li­chen Ver­än­de­rung Chi­nas ver­knüpft. Ein klei­ner gro­ßer Film, der zu­tiefst be­rührt.

Volks­re­pu­blik Chi­na 2019
180 min
Re­gie Wang Xia­o­shuai

Photograph

Der neue Film von Ri­tesh Ba­tra. Im ver­gan­ge­nen Jahr über­zeug­te der Re­gis­seur mit der sehr ge­lun­ge­nen Ro­man­ver­fil­mung "A sen­se of an en­ding", sei­nem zwei­ten eng­lisch­spra­chi­gen Film nach "Lunch­box" (2013). Mit Pho­to­graph kehrt er nun zu sei­nen in­di­schen Wur­zeln zu­rück. Stra­ßen­fo­to­graf Ra­mi soll von sei­ner Groß­mutter zwangs­ver­hei­ra­tet wer­den. Als er ei­nes Ta­ges zu­fäl­lig die jun­ge Mi­lo­ni trifft, fragt er sie, ob sie sich als sei­ne Freun­din aus­ge­ben könn­te. Das schüch­ter­ne Mäd­chen wil­ligt ein.
Pho­to­graph ist ei­ne bit­ter­sü­ße, aber recht harm­lo­se Ro­man­ze über zwei Men­schen von un­ter­schied­li­cher Her­kunft. Ge­wöh­nungs­be­dürf­tig ist die Be­set­zung der bei­den Haupt­dar­stel­ler: "Ra­fi" Na­wa­zuddin Sid­di­qui, sonst in In­di­en eher als Ac­tion­star be­kannt, könn­te lo­cker als Va­ter von Sanya Mal­ho­tras "Mi­lo­ni" durch­ge­hen.

In­di­en / Deutsch­land / USA 2019 
110 min
Re­gie Ri­tesh Ba­tra

Lampenfieber

Da, wo man so un­be­quem wie nir­gends sonst bei der Ber­li­na­le sitzt, spielt der neue Do­ku­men­tar­film von Ali­ce Agnes­kirch­ner: im Ber­li­ner Fried­rich­stadt-Pa­last. Die Fil­me­ma­che­rin wirft ei­nen Blick hin­ter die Ku­lis­sen der größ­ten Thea­ter­büh­ne der Welt. (Der Welt! Is so, isch schwö­re!)
Lam­pen­fie­ber ist ein sehr kon­ven­tio­nell ge­mach­ter Film, der die Her­aus­for­de­run­gen bei der Ar­beit mit Kin­dern ar­tig ab­ar­bei­tet: das ers­te Cas­ting, die in­ten­si­ve Pro­ben­zeit, die be­ju­bel­te Pre­mie­re der Kin­der- und Ju­gend­show „Spiel mit der Zeit“. Da­zwi­schen ge­streut gibt's die üb­li­chen Be­su­che zu Hau­se und ein paar In­ter­views. "Rhythm is it!" oder die Lang­zeit­do­ku "Adri­ans gro­ßer Traum" hat­ten da deut­lich mehr Tie­fe und wa­ren mu­ti­ger ge­macht. Im­mer­hin sind die sechs an­ge­hen­den Kin­der­stars, de­ren per­sön­li­che Ent­wick­lung, Frust und Freu­de der Film zeigt, gut aus­ge­wählt. Von un­be­darft über herz­er­wär­mend bis alt­klug ist al­les da­bei. Heim­li­cher Star ist je­doch die Tanz­leh­re­rin Chris­ti­na Tar­el­kin – so pa­tent, mit der möch­te man abends mal ein Bier trin­ken ge­hen.

Deutsch­land 2019 
92 min
Re­gie Ali­ce Agnes­kirch­ner 

Varda par Agnès ● Elisa y Marcela ● Synonymes

Bes­ter Platz im Ber­li­na­le­ki­no am Pots­da­mer Platz: Rei­he 17, Mit­te rechts, viel Bein­frei­heit.
Schlech­tes­ter Platz: Fried­rich­stadt­pa­last, egal wo. Fol­ter.

Varda par Agnès (Varda by Agnès)

Spiel­film­re­gis­seu­rin, Do­ku­men­tar­fil­me­rin, Fo­to­gra­fin, Künst­le­rin: Ag­nès Var­da ist ei­ne ech­te Lot­te und wird oft als Schlüs­sel­fi­gur des mo­der­nen Ki­nos be­zeich­net. Die­ses kurz­wei­li­ge Por­trait er­laubt tie­fe Ein­bli­cke in ihr Schaf­fen und il­lus­triert, wie sie zur In­sti­tu­ti­on des fran­zö­si­schen Ki­nos wur­de. Von den ana­lo­gen Zei­ten der Nou­vel­le Va­gue bis zum di­gi­ta­len Ki­no 2018 – die ge­bür­ti­ge Bel­gie­rin ist als Re­gis­seu­rin schon seit 1954 im Ge­schäft. Var­da par Ag­nès, die be­we­gen­den Le­bens­er­in­ne­run­gen ei­ner fas­zi­nie­ren­den und neu­gie­rig ge­blie­be­nen Frau, die sich im­mer mehr für an­de­re als für sich selbst in­ter­es­siert hat.

Frank­reich 2018
115 min
Re­gie Ag­nès Var­da 

Elisa y Marcela (Elisa und Marcela)

"Zärt­li­che Cou­si­nen" in schwarz-weiß. Die neue Net­flix-Pro­duk­ti­on Eli­sa y Mar­ce­la er­regt ge­ra­de die Ge­mü­ter, weil der Strea­ming-Rie­se es mal wie­der (nach "Ro­ma") ge­wagt hat, ei­nen Ki­no­film zu pro­du­zie­ren, der dann nicht im Ki­no läuft. Aber eben auf der Ber­li­na­le – und dann im Wett­be­werb! Skan­dal!
"Meh­re­re Ki­no­be­trei­ber ha­ben den Aus­schluss des Films aus dem Wett­be­werb der Ber­li­na­le ge­for­dert."
(Ta­ges­spie­gel vom 11.02.2019)
Wor­um geht's? Les­bi­sche Lie­be im erz­ka­tho­li­schen Spa­ni­en des an­ge­hen­den 20. Jahr­hun­derts. Mar­ce­la (Gre­ta Fernán­dez) und Eli­sa (Na­ta­lia de Mo­li­na) fei­er­ten 1901 die ers­te gleich­ge­schlecht­li­che Hei­rat in Eu­ro­pa. Na­tür­lich nicht ein­fach so als Braut und Braut – Mar­ce­la nahm die Iden­ti­tät ei­nes Man­nes an, um ih­re Freun­din zu hei­ra­ten. Auch die­ser Film ba­siert auf ei­ner wah­ren Ge­schich­te.
Wenn Ro­ma Kunst ist, dann ist Eli­sa y Mar­ce­la bes­ten­falls Kunst­hand­werk. Die Bild­kom­po­si­tio­nen er­in­nern oft an kit­schi­ge Ka­len­der­fo­tos. Und vie­les, was er­grei­fend ge­meint ist, wirkt un­frei­wil­lig ko­misch. Das Pres­se­pu­bli­kum kom­men­tier­te vor al­lem die soft­por­no­gra­fi­schen Lie­bes­sze­nen, bei de­nen ein to­ter Ok­to­pus, Al­gen und na­tür­lich die un­ver­meid­li­che, über den Kör­per rin­nen­de Milch ei­ne Rol­le spie­len, mit hä­mi­schem Ge­läch­ter. Bei all der Auf­re­gung um Net­flix vs. Ki­no hat es doch ei­nen gro­ßen Vor­teil, den Film on­line schau­en zu kön­nen: Ein­fach vor­spu­len zur ge­lun­ge­ne­ren zwei­ten Hälf­te von Eli­sa y Mar­ce­la.

Spa­ni­en 2018
113 min
Re­gie Isa­bel Coixet

Synonymes (Synonyme)

Dies ist die Ge­schich­te ei­nes jun­gen Is­rae­lis in Pa­ris. Yo­av will sei­ne Wur­zeln ab­schla­gen, nichts soll mehr an sei­ne Ver­gan­gen­heit er­in­nern. Er wei­gert sich, auch nur ein ein­zi­ges he­bräi­sches Wort zu spre­chen. Wie er mit sei­nem nied­lich-de­bil-gei­len Ge­sichts­aus­druck, fran­zö­si­sche Vo­ka­beln brab­belnd, durch die Stra­ßen von Pa­ris irrt, er­in­nert er fast ein biss­chen an Joey Heind­le, der den Weg zum Dschun­gel­te­le­fon sucht. Syn­ony­mes ist ei­ner der Fil­me, bei de­nen man sich zwi­schen­durch fragt: Was ge­nau soll das? Es ist mehr ei­ne An­ein­an­der­rei­hung von Be­ge­ben­hei­ten, als ein struk­tu­rier­ter Film. Doch ge­nau das hat ei­nen schrä­gen Un­ter­hal­tungs­wert.

Frank­reich / Is­ra­el / Deutsch­land 2019 
123 min
Re­gie Na­dav La­pid

Ich war zuhause, aber ● La paranza dei bambini ● L'adieu à la nuit ● O Beautiful Night

Jetzt re­gen sich Jour­na­lis­ten und Zu­schau­er auf, Fa­tih Ak­ins' neu­er Film sei frau­en­feind­lich.
Mei­ne Gü­te, es geht um Frau­en­mor­de – frau­en­feind­li­cher geht's ja schon per De­fi­ni­ti­on nicht!
Dass "Der gol­de­ne Hand­schuh" kein gu­ter Film ist, ist dann noch mal ein an­de­res The­ma.

Al­ter Gag: der Prot­ago­nist geht über die Stra­ße, man ahnt nichts Bö­ses, und wird RUMMS über­fah­ren. Die Sze­ne kommt ge­fühlt in je­dem zwei­ten Ber­li­na­le-Film vor.

Ich war zuhause, aber

Seit Ta­gen parkt ein Mi­ni­bus von ZDF­neo am Pots­da­mer Platz. Ist Jan Böh­mer­mann vor Ort und plant ei­nen Coup? Will er die Ber­li­nale­ver­ant­wort­li­chen bloß­stel­len und sich über den Kul­tur­be­trieb lus­tig ma­chen? Wie hat er es nur ge­schafft, "Ich war zu Hau­se, aber" in den Wett­be­werb zu schleu­sen?
An­ders ist es nicht zu er­klä­ren, dass die­se Per­si­fla­ge (als sol­che ist sie doch ge­meint, oder???) ernst­haft als Bei­trag auf der Ber­li­na­le läuft. Som­nam­bu­le Schau­spie­ler tra­gen mit hoh­ler Stim­me Sät­ze vor wie: "Dann er­kann­te ich, dass er ein Heiz­kör­per ist. (Pau­se) Aber Heiz­kör­per se­hen an­ders aus...(Pause) Ich bin froh, dass Sie sein Leh­rer sind...". Nein, das muss man nicht ver­ste­hen. Es könn­te sich aber auch um ein Lehr­vi­deo für Sprach­stu­den­ten han­deln. Die über­ar­ti­ku­lier­ten Sät­ze blei­ben hal­lend in der Luft hän­gen, ge­ra­de lan­ge ge­nug, so­dass die Schul­klas­se die ent­spre­chen­de Über­set­zung im Chor auf­sa­gen kann: "I rea­li­zed, he was a ra­dia­tor". Au­weia.

Deutsch­land / Ser­bi­en 2019
105 min
Re­gie An­ge­la Scha­nelec

La paranza dei bambini (Piranhas)

Der ge­ra­de mal 15-jäh­ri­ge Ni­co­la über­nimmt mit sei­ner Jung­sgang die Herr­schaft im Vier­tel Sa­ni­tà in Nea­pel. Koh­le, De­si­gner­kla­mot­ten und die neu­es­ten Snea­k­er: das ist es, was zählt. Vom schnel­len Reich­tum ge­blen­det, ver­lie­ren sie bald jeg­li­che Skru­pel. Was ist schon ein Men­schen­le­ben wert? In ih­rer Welt geht es al­lein um Geld und Macht. La par­an­za dei bam­bi­ni zeigt das hoff­nungs­lo­se Bild ei­ner Ju­gend mit den fal­schen Wer­ten. Be­son­ders be­ein­dru­cken die Lai­en­dar­stel­ler, die ih­re Rol­len als Mi­ni­ma­fio­si mehr als über­zeu­gend spie­len. Der Krieg der Knöp­fe ist trotz sei­nes so­zi­al­kri­ti­schen The­mas aus­ge­spro­chen un­ter­halt­sa­mes Ki­no. Gu­ter Film!

Ita­li­en 2018
110 min
Re­gie Clau­dio Gio­van­ne­si

L'adieu à la nuit (Farewell to the Night)

Wie schön kann das Le­ben sein? Mu­ri­el hat ei­ne Reit­schu­le, be­treibt ei­ne Kirsch­baum­plan­ta­ge und sieht aus wie Ca­the­ri­ne De­neuve. Ei­nes Ta­ges kommt ihr En­kel Alex zu Be­such, der sich an­geb­lich auf dem Weg nach Ka­na­da be­fin­det. Schon bald be­merkt Mu­ri­el, dass Alex sich ver­än­dert hat. Er ist zum Is­lam kon­ver­tiert und ver­hält sich ihr ge­gen­über selt­sam di­stan­ziert. Nach und nach er­kennt sie sei­ne wah­ren Ab­sich­ten.
Die Ge­schich­te von der Oma, die zu dras­ti­schen Mit­teln greift, um die IS-Kar­rie­re ih­res En­kels zu ver­hin­dern, ist nicht frei von Kli­schees: hier die fröh­li­chen, Rot­wein trin­ken­den Fran­zo­sen, da die ver­bis­se­nen Mos­lems, im­mer­zu am Pre­di­gen. Der Film ist in Ka­pi­tel un­ter­teilt: 1. Früh­lings­tag, 2. Früh­lings­tag usw., das zieht sich zwi­schen­durch et­was und man fragt sich, wie­vie­le Ta­ge hat so ein Früh­ling ei­gent­lich? Pro­ble­ma­tisch ist auch die Fi­gur des Alex. Er bleibt zu un­sym­pa­thisch, wes­halb man der ele­gan­ten Ca­the­ri­ne nur halb­her­zig die Dau­men für ih­re Ret­tungs­mis­si­on drückt. Na­ja.

Frank­reich / Deutsch­land 2019 
104 min
Re­gie An­dré Té­chi­né

O Beautiful Night

Wong Kar-Wai meets Him­mel über Ber­lin: Das Spiel­film­de­büt des Il­lus­tra­tors Xa­ver Böhm er­zählt die un­ge­wöhn­li­che Ge­schich­te von Ju­ri, ei­nem jun­gen Mann, der je­der­zeit mit dem plötz­li­chen Herz­still­stand rech­net. Ein klas­si­scher Hy­po­chon­der.
Ei­nes Nachts, die Brust schmerzt mal wie­der, trifft er in ei­ner Flip­per­knei­pe auf ei­nen trink­fes­ten Rus­sen. Der be­haup­tet, der TOD höchst­per­sön­lich zu sein und stellt Ju­ri vor die Wahl: "Willst Du so­fort ster­ben oder vor­her noch ein biss­chen Spaß ha­ben?" Das mit dem Herz­in­farkt kann dann doch noch war­ten und so be­ge­ben sich die Bei­den auf ei­ne schrä­ge Tour durch das nächt­li­che Ber­lin.
Kom­pli­ment an Ka­me­ra­frau Jie­un Yi und die Post­pro­duc­tion­fir­ma LUGUND­TRUG: So schön men­schen­leer und kunst­voll sti­li­siert hat man die Stadt sel­ten ge­se­hen.
Un­ge­wöhn­li­cher, hu­mor­vol­ler, vi­su­ell her­aus­ra­gen­der Film. Se­hens­wert.

Deutsch­land 2019 
89 min
Re­gie Xa­ver Böhm


Répertoire des villes disparues ● Vice ● Skin ● Gospod postoi, imeto i’e Petrunija

Die Ber­li­na­le-Göt­ter aus­ge­trickst! Koss­lick sei Dank, gibt's ja meh­re­re Chan­cen, die Wett­be­werbs­fil­me zu se­hen: in der Wie­der­ho­lung dann doch den ges­tern ver­säum­ten Gos­pod postoi, ime­to i'e Pe­tr­uni­ja ge­schaut!
Da­für heu­te Kız Kar­deş­ler (A Ta­le of Th­ree Sis­ters) ver­passt. Dann ge­winnt halt der.
Schnee, Frost, Win­ter – nicht bei der Ber­li­na­le, aber im­mer­hin im Ki­no, zum Bei­spiel bei:

Répertoire des villes disparues (Ghost Town Anthology)

"Wenn in der Höl­le kein Platz mehr ist, wer­den die To­ten auf der Er­de wan­dern." So rei­ße­risch wie die Wer­bung 1978 zu Ge­or­ge A. Rome­ros "Dawn of the Dead" ist die­ser ka­na­di­sche Low-Bud­get-Film nicht ge­wor­den. Da­für um­so un­gru­se­li­ger. Man kann den Ti­tel "Ghost Town An­tho­lo­gy" durch­aus wört­lich neh­men: Die klei­nen Käf­fer auf dem Land sind so ver­las­sen, dass sie zu Geis­ter­städ­ten wer­den. Da­mit es nicht ganz so leer ist, kom­men im­mer­hin die To­ten zu­rück, ste­hen dann aber nur in der Ge­gend rum und schau­en. Das er­in­nert sehr an die ers­te Staf­fel der fran­zö­si­schen Se­rie "Les Re­venants". Im Ge­gen­satz zur bril­lan­ten Se­rie wirkt Ré­per­toire des vil­les disparues mit sei­nem hand­ge­mach­ten Kris­sel­look sehr un­fer­tig, mehr wie das Lay­out zu ei­nem Ki­no­film. Pas­sen­der­wei­se auf 16mm ge­dreht, da lacht das Ci­ne­as­ten­herz.

Ka­na­da 2018
96 min
Re­gie De­nis Côté

Vice (Vice – Der zweite Mann)

Vice er­zählt die Ge­schich­te von Dick Che­ney, der vom klei­nen Bü­ro­kra­ten zu ei­nem der ein­fluss­reichs­ten Män­ner der Welt auf­stieg. Als ers­ter US-Vi­ze­prä­si­dent hat­te er fast mehr Macht als der Prä­si­dent selbst. Vice ist vor al­lem ein Chris­ti­an Ba­le-Film. In gu­ter al­ter Me­thod-Tra­di­ti­on hat sich der Schau­spie­ler für die Ti­tel­rol­le et­li­che Pfun­de an­ge­fut­tert und sieht dem Ori­gi­nal – Dank aus­ge­zeich­ne­ter Mas­ke – ver­blüf­fend ähn­lich. Ver­dien­ter­wei­se gab's da­für schon den Gol­den Glo­be als Haupt­dar­stel­ler in ei­ner Ko­mö­die. Vice ist ein selt­sa­mer Zwit­ter­film. Ei­ner­seits nicht span­nend ge­nug für ein Dra­ma und an­de­rer­seits in sei­nem Hu­mor zu un­ent­schlos­sen, um als bis­si­ge Sa­ti­re durch­zu­ge­hen. Das kä­me wohl da­bei her­aus, wür­de man Mi­cha­el Moo­re ein Big Bud­get-Mo­vie an­ver­trau­en und ihm dann zu viel rein quat­schen.

USA 2019
132 min
Re­gie Adam McK­ay

Skin

Tat­toos sind Schei­ße. Das Ste­chen tut weh, das Ent­fer­nen noch mehr. Die­se Wahr­heit muss Bryon am ei­ge­nen Leib er­fah­ren. Nach sei­nem Ent­schluss, sich von sei­nen ras­sis­ti­schen White-Su­pre­ma­cy-Freun­den los­zu­sa­gen, war­tet ei­ne schmerz­haf­te Ent­tin­tungs­pro­ze­dur auf ihn. Bei sei­nem Weg ins neue Le­ben hel­fen ihm aus­ge­rech­net schwar­ze Men­schen­rechts­ak­ti­vis­ten und na­tür­lich die Lie­be, denn Freun­din Ju­lie hat mit dem Na­zi­pack eben­so ab­ge­schlos­sen. Die Ge­schich­te vom Mons­ter, das sich be­frei­en will und es kaum schafft, sei­ne Ver­gan­gen­heit los­zu­wer­den, ist span­nend er­zählt und geht un­ter die Haut (ha­ha). Her­vor­ra­gend be­setzt, vor al­lem Ja­mie Bell (ja, der aus "Bil­ly El­li­ot") über­zeugt als be­kehr­ter Ras­sist. Skin ba­siert auf der wah­ren Le­bens­ge­schich­te von Bryon Wid­ner.

USA 2019
117 min
Re­gie Guy Nat­tiv 

Gospod postoi, imeto i’e Petrunija (God Exists, Her Name Is Petrunya)

Pe­tr­uni­ja ist kom­plett über­qua­li­fi­ziert – aber wer ist das heut­zu­ta­ge nicht? Ein ab­ge­schlos­se­nes Stu­di­um der Ge­schich­te in­ter­es­siert nie­mand, die Job­su­che bleibt er­folg­los. Ihr Le­ben än­dert sich schlag­ar­tig, als am Drei­kö­nigs­tag, wie je­des Jahr, die jun­gen Män­ner nach dem hei­li­gen Kreuz tau­chen, das der Pfar­rer in den ei­si­gen Fluss ge­wor­fen hat. Pe­tr­uni­ja macht spon­tan mit, ist schnel­ler als al­le an­de­ren und holt sich die Tro­phäe. Aber sie hat nicht mit dem ver­letz­ten Stolz der Ver­lie­rer ge­rech­net. Die Machomeu­te tobt!
Macht die­se In­halts­an­ga­be Lust den Film zu se­hen? Nein? Zu Art­house?
Über­ra­schung: Te­nor Stru­gar Mievs­ka ist ei­ne teils me­lan­cho­li­sche, teils wü­ten­de Sa­ti­re über den heu­ti­gen Zu­stand der ma­ze­do­ni­schen Ge­sell­schaft ge­lun­gen. Und da­mit ein rich­tig gu­ter Film – lus­tig, trau­rig und nach­denk­lich ma­chend. Zum Glück doch noch ge­se­hen!

Ma­ze­do­ni­en / Bel­gi­en / Slo­we­ni­en / Kroa­ti­en / Frank­reich 2019
100 min
Re­gie Teo­na Stru­gar Mit­evs­ka

The Operative ● Mr. Jones

Schlapp ge­macht, den ers­ten Film des Ta­ges sau­sen­las­sen. Na­tür­lich wird ge­nau der den Gol­de­nen Bä­ren ge­win­nen. Al­so, hier die Pro­phe­zei­ung – the win­ner will be: Gos­pod postoi, ime­to i' e Pe­tr­uni­ja
Heu­te wie­der Re­gen, kein Schnee. Nicht mal das kriegt der Se­nat hin.

The Operative (Die Agentin)

Leip­zig, Te­he­ran und Köln sind die exo­ti­schen Schau­plät­ze die­ses me­dio­kren Spio­na­ge­thril­lers.
Ra­chel wird im Auf­trag des Mos­sad für ei­ne Un­der­co­ver­mis­si­on nach Te­he­ran ent­sandt. Dort ver­liebt sie sich in Far­had, den sie ei­gent­lich aus­spä­hen soll. Der Job wird im­mer ge­fähr­li­cher, des­halb be­schließt sie, aus­zu­stei­gen. Ihr Kon­takt­mann Tho­mas soll sie nun schnellst­mög­lich fin­den (und ge­ge­be­nen­falls kalt­stel­len), be­vor sie den Is­rae­lis ge­fähr­lich wer­den kann.
The Ope­ra­ti­ve ist ei­ne ei­ni­ger­ma­ßen span­nend er­zähl­te Spio­na­ge­ge­schich­te, die fast kom­plett aus Rück­blen­den be­steht. Um­so un­be­frie­di­gen­der das En­de, da sich die zwei Stun­den bis da­hin wie ein lan­ges Vor­spiel an­füh­len. Doch dann ist mit­ten in der Auf­lö­sung plötz­lich Schluss. Es wird an­sons­ten viel ge­re­det und die kom­pli­zier­te Hand­lung er­klärt, aber das scha­det nichts, denn Nah­ost-Spio­na­ge­fil­me ver­steht man ja so­wie­so nie so rich­tig. Dia­ne Kru­ger über­zeugt als un­durch­schau­ba­re Spio­nin und Mar­tin Free­man sieht man so­wie­so im­mer ger­ne. Home­land fürs Ki­no. Al­ler­dings war die Se­rie um ei­ni­ges mu­ti­ger ge­macht (we­nigs­tens in den ers­ten drei Staf­feln).

Deutsch­land / Is­ra­el / Frank­reich / USA 2019
120 min
Re­gie Yu­val Ad­ler

Mr. Jones

Der jun­ge Jour­na­list Ga­reth Jo­nes fährt auf ei­ge­ne Faust 1933 in die Ukrai­ne. Bei sei­ner Rei­se durchs Land er­lebt er die Schre­cken ei­ner ge­wal­ti­gen Hun­gers­not. Die­se hu­ma­ni­tä­re Ka­ta­stro­phe soll nicht an die Öf­fent­lich­keit drin­gen, denn sie ist Fol­ge von Sta­lins Zwangs­kol­lek­ti­vie­rung der Land­wirt­schaft. Trotz der Dro­hung, sei­ne in­haf­tier­ten Lands­män­ner zu er­mor­den, pu­bli­ziert Jo­nes nach sei­ner Rück­kehr in den Wes­ten sei­ne er­schüt­tern­den Ent­de­ckun­gen und rüt­telt da­mit die Welt­öf­fent­lich­keit auf.
Agnieszka Hol­land er­zählt die­se wah­re Ge­schich­te in drei Ka­pi­teln. Auch wenn's schön ge­dreht und in­sze­niert ist, der An­fang von Mr. Jo­nes ist re­la­tiv zäh und lang­at­mig. Doch dar­auf folgt der Mit­tel­teil und es ist bei­na­he so, als hät­te ein neu­er Film be­gon­nen. Die Rei­se des Wal­li­ser Jour­na­lis­ten durch die Ukrai­ne ist ei­ne pa­cken­de Ge­schichts­lek­ti­on: sei­ne Ent­de­ckun­gen sind er­schüt­ternd, denn die hun­gern­den Men­schen wa­ren ge­zwun­gen, so­gar ih­re To­ten zu es­sen. Sei­nen Kampf, die­se Ge­schich­te über­haupt pu­bli­zie­ren zu dür­fen, zeigt dann der drit­te Teil des Films. Ge­or­ge Or­well soll durch die Ent­hül­lun­gen zu sei­nem Buch "Die Farm der Tie­re" in­spi­riert wor­den sein. Wä­re es kein Ki­no­film, der Stoff hät­te lo­cker für ei­ne 10-teil­i­ge Net­flix-Se­rie ge­reicht.

Po­len / Groß­bri­tan­ni­en / Ukrai­ne 2019
141 min
Re­gie Agnieszka Hol­land

Der Boden unter den Füßen ● Ut og stjæle hester ● Der goldene Handschuh ● Celle que vous croyez

Zwei Be­ob­ach­tun­gen: Frau­en wer­den in Ber­li­nal­e­fil­men mehr­fach beim Uri­nie­ren auf den Bo­den ge­zeigt. Und Män­ner ha­ben pro­ble­ma­ti­sche Pe­nis­se. Hof­fent­lich kein Trend.
Im­mer noch kein Schnee.

Der Boden unter den Füßen 

Lo­la, En­de 20, hat ihr Le­ben ver­meint­lich fest im Griff. Kar­rie­re geht ihr über al­les, die Ar­beit hat höchs­te Prio­ri­tät. Mit der glei­chen Dis­zi­plin wie ih­ren Job ver­wal­tet sie auch ihr Pri­vat­le­ben. Des­halb soll mög­lichst kei­ner von der Exis­tenz ih­rer psy­chisch ge­stör­ten Schwes­ter Con­ny wis­sen. Als die ei­nen Selbst­mord­ver­such un­ter­nimmt, droht auch Lo­las Le­ben aus den Glei­sen zu ge­ra­ten. Denn die Pa­ra­noia ih­rer Schwes­ter schleicht sich lang­sam auch in ihr ei­ge­nes Le­ben.
In­ter­es­san­te Ge­schich­te – und er­fri­schend, dass es in ei­nem ös­ter­rei­chi­schen Film mal nicht um im Kel­ler weg­ge­sperr­te Kin­der geht. At­mo­sphä­re und Span­nung sind in die­sem Fall wich­ti­ger als ei­ne simp­le Auf­lö­sung. So bleibt das En­de of­fen und lässt ein we­nig rat­los zu­rück: War das al­les nur in ih­rem Kopf? 

Ös­ter­reich 2019
108 min
Re­gie Ma­rie Kreut­zer

Ut og stjæle hester (Out Stealing Horses)

Nor­we­gen, 1999: Wit­wer Trond hat sich aus der Stadt zu­rück­ge­zo­gen und lebt ab­ge­schie­den auf dem Land. Ei­ne Be­geg­nung mit ei­nem Nach­barn, in dem er ei­nen al­ten Kind­heits­ge­fähr­ten wie­der­erkennt, löst Er­in­ne­run­gen an sei­ne Ju­gend aus. 1948 ver­brach­te er ge­mein­sam mit sei­nem Va­ter ei­nen ganz be­son­de­ren Som­mer in den Wäl­dern na­he der schwe­di­schen Gren­ze. Lan­ge Nach­mit­ta­ge, Holz­ha­cken, Du­schen im Som­mer­re­gen. Die Lieb­lich­keit wird je­doch jäh von ei­nem bru­ta­len Un­fall zer­ris­sen. Re­gis­seur Hans Pet­ter Mo­land er­zählt ein Dra­ma um Lie­be, Ver­lust und le­bens­lan­ge Schuld­ge­füh­le. In ers­ter Li­nie blei­ben aber die be­ein­dru­cken­den Na­tur­auf­nah­men und vor al­lem das aus­ge­zeich­ne­te Sound­de­sign hän­gen. Es kracht, knirscht, krab­belt und summt, als wä­re man selbst Teil des Wal­des.
Wald – der Film. So schön die Bil­der und der Sound, so zäh die Er­zähl­wei­se. Nach ei­ner Stun­de setzt ers­te Er­mü­dung ein. Das Le­ben ist ein lan­ger, har­zi­ger Fluß.

Nor­we­gen / Schwe­den / Dä­ne­mark 2019
122 min
Re­gie Hans Pet­ter Mo­land

Der goldene Handschuh 

St. Pau­li war mal ein har­tes Pflas­ter, be­vor es zur harm­lo­sen Amü­sier­mei­le auf­ge­räumt wur­de. In den 1970er-Jah­ren trieb dort ein Frau­en­mör­der sein Un­we­sen: Fritz Hon­ka, ein er­schre­ckend häss­li­cher Mann, der über Jah­re äl­te­re Pro­sti­tu­ier­te und Alkoholiker*innen aus der Kiez­knei­pe "Zum Gol­de­nen Hand­schuh" ab­schlepp­te, um sie dann in sei­ner Woh­nung ab­zu­murk­sen. Die zer­stü­ckel­ten Lei­chen ver­steck­te er nach ge­ta­ner Ar­beit hin­ter der Wand­ver­klei­dung. Nicht schön.
Zur letz­ten Koss­lick-Ber­li­na­le gibt sich Fa­tih Akin noch ein­mal die Eh­re. Nur ist dem Re­gis­seur dies­mal mit der Ver­fil­mung des Heinz Strunk-Buchs von 2016 kein zwei­ter Bä­ren­kan­di­dat ge­glückt. Trotz über­zeu­gen­der Dar­stel­ler wirkt die In­sze­nie­rung selt­sam thea­ter­haft und künst­lich und hat ganz schön Län­gen. Der gol­de­ne Hand­schuh ist zwar un­ap­pe­tit­lich wie ein Splat­ter­film, aber trotz­dem er­staun­lich un­span­nend er­zählt. So freud­los wie das Le­ben der Prot­ago­nis­ten, so freud­los ist es auch, den Se­ri­en­mor­den zu­zu­se­hen.

Deutsch­land / Frank­reich 2019 
115 min
Re­gie Fa­tih Akin

Celle que vous croyez (Who You Think I Am)

Wo ist mein iPho­ne? Nicht nur Teen­ager ver­lie­ren sich zu­se­hends in der vir­tu­el­len Welt der So­cial Net­works, auch rei­fe­re Se­mes­ter sind vor dem Ab­sturz ins di­gi­ta­le Nir­wa­na nicht ge­feit. Clai­re, 50, be­freun­det sich auf Face­book mit Alex, 29. Im Pro­fil gibt sie sich als 24-Jäh­ri­ge aus, Alex zeigt sich in­ter­es­siert. Aber nach ein paar Wo­chen hin- und herg­echat­te will er sei­ne Traum­frau end­lich tref­fen. Clai­re ver­sucht, ihn auf Ab­stand zu hal­ten, ver­liert sich aber zu­se­hends im Sog der Par­al­lel­welt, bis ein Un­glück ge­schieht.
Die Ge­schich­te (bzw. die Ge­schich­ten, denn es wer­den gleich meh­re­re Va­ri­an­ten er­zählt) schwankt zwi­schen be­lang­los, er­grei­fend, ko­misch und kit­schig. Mit leich­ter Hand in­sze­niert, aber nichts Welt­be­we­gen­des. Ju­ry­prä­si­den­tin Ju­li­et­te Bi­no­che ist der Haupt­grund, die­sen sanf­ten Thril­ler-Lie­bes­film an­zu­schau­en, denn die ist fa­bu­leux! 

Frank­reich 2018
101 min
Re­gie Safy Neb­bou

Systemsprenger ● Grâce à Dieu ● Öndög ● ACID

Na­tür­lich stin­ken nicht al­le Fes­ti­val­be­su­cher. Aber vie­le. An­ders ist der Ge­ruch nach un­ge­lüf­te­ter Bett­wä­sche, der sich in den Ber­li­na­le­ki­nos aus­brei­tet, nicht zu er­klä­ren. Dan­ke auch an die Frau, die ei­ne sehr rei­fe Ba­na­ne im Ki­no ver­spei­sen muss­te. Da über­la­gert ein üb­ler Ge­ruch den an­de­ren.
Die­ses Jahr kein Schnee zur Ber­li­na­le?

Systemsprenger

MA­MAAAAA!!! AAAAAHHHHH! Kreisch, Stram­pel, Tob: der Film zum Prenz­l­pan­ther. Ben­ni ist ein „Sys­tem­spren­ger“. So nennt man Kin­der, die durch al­le Ras­ter der deut­schen Kin­der- und Ju­gend­hil­fe fal­len. Die Neun­jäh­ri­ge schreit und prü­gelt sich schon nach kur­zer Zeit aus je­der Pfle­ge­ein­rich­tung raus. Und ge­nau das will sie auch, denn sie möch­te viel lie­ber bei ih­rer Mut­ter le­ben.
No­ra Fing­scheidt ist ein ex­trem in­ten­si­ver Film mit ei­ner her­aus­ra­gen­den Haupt­dar­stel­le­rin ge­lun­gen. Als Zu­schau­er schwankt man zwi­schen Mit­leid, Ge­nervt­heit und Hass. Das Dau­er-Ge­schrei, aber auch die Un­ge­rech­tig­keit der Welt, geht an die Gren­zen des Er­trag­ba­ren. Gu­ter Film, groß­ar­ti­ge Schau­spie­ler, vor al­lem die jun­ge Haupt­dar­stel­le­rin He­le­na Zen­gel ist jetzt schon ei­ne wür­di­ge Bä­ren­kan­di­da­tin.

Deutsch­land 2019
118 min
Re­gie No­ra Fing­scheidt

Grâce à Dieu – Gelobt sei Gott

Und noch mal lei­den­de Kin­der: Fran­çois Ozons neu­er Film er­zählt von den Op­fern des Pa­ters Ber­nard Prey­nat, der 2016 we­gen se­xu­el­ler Über­grif­fe auf rund 70 Jun­gen an­ge­klagt wur­de. Die meis­ten der Fäl­le sind mitt­ler­wei­le ver­jährt. Stell­ver­tre­tend er­zählt Grâce à Dieu vom Schick­sal drei­er er­wach­se­ner Män­ner, die es erst nach vie­len Jah­ren schaf­fen, sich ih­rem Dä­mon zu stel­len. Sie lei­den bis heu­te un­ter den Ver­let­zun­gen, die ih­nen der Pa­ter un­ge­hin­dert zu­fü­gen konn­te. Und das trotz zahl­rei­cher Hin­wei­se und Be­schwer­den von El­tern. Der Film pran­gert nicht nur den Pries­ter, son­dern vor al­lem das Schwei­gen der Kir­che ins­ge­samt an. Sou­ve­rän in­sze­nier­ter, un­auf­ge­reg­ter – da­durch um­so ein­dring­li­cher – er­zähl­ter Film zu ei­nem lan­ge ver­schwie­ge­nen The­ma. 

Frank­reich 2019
137 min
Re­gie Fran­çois Ozon

Öndög

Der ers­te "klas­si­sche" Ber­li­nal­e­film in die­sem Jahr. So was gibt es au­ßer­halb des Fes­ti­vals höchs­tens im Spät­pro­gramm bei 3sat zu se­hen. Ent­schleu­ni­gung pur, fast zwei Stun­den pas­siert so gut wie nichts. In ei­ne Ein­stel­lung von Ön­dög hät­ten an­de­re Fil­me­ma­cher drei­ßig Schnit­te ge­setzt.
Das Pro­gramm­heft schreibt: "Im Zen­trum des Films steht ei­ne starr­sin­ni­ge Frau in men­schen­lee­rer Wei­te. Ih­ren für­sorg­li­chen Nach­barn dul­det die an­sons­ten aut­ark le­ben­de Hir­tin, die von al­len „Di­no­sau­ri­er“ ge­nannt wird, nur, wenn es Pro­ble­me mit ih­rer Her­de gibt. Für sich und ih­re Zu­kunft hat sie ei­nen ganz ei­ge­nen Plan, der mit der ein­sa­men Land­schaft und de­ren My­then in Be­zie­hung steht."
Wer da­für die nö­ti­ge Ge­duld auf­bringt, wird mit la­ko­ni­schem Hu­mor und un­ge­wöhn­li­chen Ein­bli­cken in ei­ne frem­de Kul­tur be­lohnt.

Mon­go­lei 2019
100 min
Re­gie Wang Quan’an

ACID (KISLOTA)

"Wenn Du sprin­gen willst, spring!"
Kei­ne gu­te Idee, das zu ei­nem split­ter­nack­ten Freund zu sa­gen, der ge­ra­de über das Bal­kon­ge­län­der im fünf­ten Stock ge­klet­tert ist. Aber Pe­te sagt es und Vanya springt in den Tod. Auf sei­ne Be­er­di­gung folgt ei­ne wil­de Club­nacht und die Be­geg­nung mit dem Künst­ler Va­si­lik. Der taucht nicht nur die Skulp­tu­ren sei­nes Va­ters in Acid/​Säure, son­dern hat auch In­ter­es­se, den frisch be­schnit­te­nen Pe­nis von Pe­tes Freund Sa­sha zu fo­to­gra­fie­ren. Das kann na­tür­lich nur un­ter Dro­gen­ein­fluss ge­sche­hen, und weil die Fla­sche mit der Säu­re ge­ra­de so ver­füh­re­risch rum­steht, trinkt Pe­te auch noch ei­nen kräf­ti­gen Schluck dar­aus. Selbst zu­ge­füg­te Schmer­zen hel­fen ge­gen die Wat­te im Kopf.
Die un­glück­li­chen jun­gen Män­ner, die im Mit­tel­punkt des Re­gie­de­büts von Alex­an­der Gor­chi­lin ste­hen, ha­ben die glei­chen Pro­ble­me wie an­de­re Ju­gend­li­che ir­gend­wo sonst auf der Welt auch. Ver­lo­ren und auf der ewi­gen Su­che nach Per­spek­ti­ve und Ori­en­tie­rung im Le­ben.
ACID – ein stre­cken­wei­se an­stren­gen­des, aber nicht un­in­ter­es­san­tes Por­trät ei­ner (wei­te­ren) "lost ge­ne­ra­ti­on", dies­mal aus Russ­land.

Russ­land 2018 
98 min
Re­gie Alex­an­der Gor­chi­lin

The Kindness of Strangers ● Gully Boy ● Heimat ist ein Raum aus Zeit

Wenn im Ki­no ge­hus­tet wird, als hät­ten die Ber­li­ner Sym­pho­ni­ker ei­ne Pau­se zwi­schen zwei Sät­zen ge­macht, Eu­len ih­re Ther­mos­kan­nen aus­pa­cken und ge­räusch­voll Stul­len ver­spei­sen, dann ist es wie­der so­weit: Die Ber­li­na­le hat be­gon­nen!

The Kindness of Strangers

Mit­ten in der Nacht packt Cla­ra ih­re bei­den Söh­ne ins Au­to und flieht vor ih­rem ge­walt­tä­ti­gen Mann nach New York. Dort an­ge­kom­men, wird sie di­rekt be­klaut. Will­kom­men in der Groß­stadt!
The Kind­ness of Stran­gers ist ge­nau das, was der Ti­tel ver­spricht: ein Film über grund­gü­ti­ge Mit­men­schen, wie es sie im wah­ren Le­ben sel­ten bis nie gibt. Bei ih­rer Odys­see be­geg­net die mit­tel­lo­se Cla­ra der Kran­ken­schwes­ter Ali­ce, die ihr selbst­los zwei Bet­ten in ih­rem Bü­ro über­lässt. Und als Cla­ra we­nig spä­ter für sich und ih­re hung­ri­gen Kin­der im rus­si­schen Re­stau­rant Win­ter Pa­lace ein paar Häpp­chen klaut, lernt sie den Ex-Häft­ling Marc ken­nen, der dort als Re­stau­rant­lei­ter ar­bei­tet. Auch er nimmt sich selbst­los der Klein­fa­mi­lie an und ver­liebt sich na­tür­lich ne­ben­bei in Cla­ra.
Ein biss­chen er­in­nert das Gan­ze an ei­ne New York-Ver­si­on von Love Ac­tual­ly. Nur dass hier statt rei­chem Mit­tel­stand Ob­dach­lo­se und ge­schei­ter­te Exis­ten­zen die Sze­ne­rie be­völ­kern. Auch Hugh Grant spielt nicht mit, da­für we­nigs­tens Bill Nig­hy in ei­ner Ne­ben­rol­le.
Mit­tel­maß. Passt in die Rei­he der miss­glück­ten Ber­li­na­le-Er­öff­nungs­fil­me.

Dä­ne­mark / Ka­na­da / Schwe­den / Deutsch­land / Frank­reich 2019
112 min
Re­gie Lo­ne Scher­fig

Gully Boy

Hier spricht die pu­re Igno­ranz: In In­di­en gibt es ei­ne blü­hen­de Rap-Sze­ne! Wer hät­te das ge­dacht?
Das Kli­schee vom mil­den, im­mer lä­cheln­den In­der wird hier (we­nigs­tens teil­wei­se) auf den Kopf ge­stellt. Har­te Jungs (und Mäd­chen), die Ka­pu­ze tief ins Ge­sicht ge­zo­ge­nen, brül­len zor­ni­ge Batt­le-Raps ins Mic. Nicht auf Eng­lisch, son­dern Hin­di.
Haupt­fi­gur ist Mu­rad, 22. Der ver­sucht sich sei­nem kom­pli­zier­ten Fa­mi­li­en­le­ben mit­tels Can­na­bis und Mu­sik zu ent­zie­hen. Als er ei­nem be­rühm­ten Rap­per be­geg­net, er­mun­tert der ihn, sein Hob­by zu pro­fes­sio­na­li­sie­ren. Mu­rad be­ginnt ei­ge­ne Songs zu pro­du­zie­ren. Das ver­än­dert sein gan­zes Le­ben.

Ist das nun ein­fach mo­dern in­sze­niert oder ex­trem den west­li­chen Seh­ge­wohn­hei­ten an­ge­passt? 
Zwi­schen­durch hat man das Ge­fühl, den neus­ten Mat­thi­as Schweig­hö­fer-Film zu se­hen. So werb­lich glit­zert da die Son­ne in die Op­tik, wäh­rend sich jun­ge Men­schen auf al­ten So­fas auf dem pit­to­res­ken Haus­dach lüm­meln. Da­zu klim­pert ein seich­ter, aber ein­gän­gi­ger Gi­tar­ren-Pia­no Score.
Egal, Gul­ly Boy ist ziem­lich un­ter­halt­sam und für sei­ne Lauf­län­ge von über zwei Stun­den er­staun­lich kurz­wei­lig.

In­di­en 2018
148 min
Re­gie Zoya Akhtar

Heimat ist ein Raum aus Zeit 

Ist es et­wa das, was Ha­rald Mar­ten­stein vom Ta­ges­spie­gel als "Kunst­schei­ße" be­zeich­net hat? Viel­leicht. Auf je­den Fall ist es kein "Film" im her­kömm­li­chen Sin­ne. Eher so et­was wie ei­ne Kunstin­stal­la­ti­on. Bes­ser, man könn­te die teil­wei­se mi­nu­ten­lan­gen Ein­stel­lun­gen in ei­nem Mu­se­um an­schau­en, da­zu ei­nen Kopf­hö­rer auf- und ge­ge­be­nen­falls wie­der ab­set­zen und so den Er­zäh­lun­gen des Dok-Fil­mers Tho­mas Hei­se lau­schen. Der liest mit ge­tra­ge­ner Stim­me Brie­fe und Ta­ge­buch­auf­zeich­nun­gen vor und er­zählt so die Ge­schich­te Deutsch­lands an­hand sei­ner ei­ge­nen Fa­mi­li­en­ge­schich­te. Als Lang­film im Ki­no (und hier liegt die Be­to­nung auf LANG, denn es sind 218 Mi­nu­ten) funk­tio­niert das nur sehr be­dingt. Die in Scha­ren flie­hen­den Zu­schau­er sind be­stimmt kein Qua­li­täts­in­diz, aber auch mit gu­tem Wil­len: Ka­pi­tu­la­ti­on nach 90 Mi­nu­ten. Viel­leicht wur­de es in der drit­ten Stun­de noch auf­re­gen­der...

Das Pres­se­heft der Ber­li­na­le sagt: "Ein gro­ßer Film, der bleibt."

Deutsch­land / Ös­ter­reich 2019 
218 min
Re­gie Tho­mas Hei­se 

Sweethearts

Fran­ny stol­pert ver­peilt durchs Le­ben und lei­det au­ßer­dem un­ter hef­ti­gen Pa­nik­at­ta­cken. Mel – wie Gib­son – ist das kom­plet­te Ge­gen­teil: ei­ne toug­he, al­lein­er­zie­hen­de Mut­ter, die weiß, wo’s lang geht. Mit dem Raub ei­ner Dia­man­ten­ket­te will sie sich und ih­rer Toch­ter end­lich ein bes­se­res Le­ben er­mög­li­chen. Doch der Über­fall geht schief: Aus ei­ner Not­si­tua­ti­on her­aus nimmt Mel aus­ge­rech­net die durch­ge­knall­te Fran­ny als Gei­sel. An­fangs noch schwer ge­nervt, ge­wöh­nen sich die Frau­en bald an­ein­an­der und wer­den so­gar Freun­din­nen. Stock­holm­syn­drom heißt das wohl. Doch zum Girl­bon­ding bleibt nicht viel Zeit: Von der Po­li­zei und ei­ner Hor­de Gangs­ter ge­jagt, wird die Si­tua­ti­on für die bei­den im­mer brenz­li­ger.

Re­gis­seu­rin Ka­ro­li­ne Her­furths zwei­ter Lang­film. Steht sie dann noch un­ter Wel­pen­schutz? Am sehr, sehr, sehr kon­stru­ier­ten Dreh­buch trägt sie je­den­falls Mit­schuld. Das un­aus­ge­go­re­ne Werk hat sie zu­sam­men mit Mo­ni­ka Fäß­ler ver­fasst.

Swee­the­arts will/​soll wohl ei­ne Hom­mage an Thel­ma und Loui­se sein. Ge­glückt ist das nicht, denn der Film wirkt wie ei­ne harm­lo­se, et­was un­be­hol­fen in­sze­nier­te Fol­ge ei­ner ZDF-Vor­abend­se­rie. Da­zu passt der un­in­spi­rier­te TV-Look. Im Jahr 2019 darf man sich wun­dern: Ha­ben Ba­by­lon Ber­lin, Bad Banks, Dark und an­de­re vi­su­ell auf­re­gen­de deut­sche Pro­duk­tio­nen denn gar kei­ne Spu­ren hin­ter­las­sen?

FAZIT

Bei al­lem Ge­me­cke­re: Ka­ro­li­ne Her­furth kann rich­tig gut Schau­spie­ler in­sze­nie­ren, je­den­falls an­de­re. Sie selbst nervt mit ih­rer schnapp­at­men­den Über­dreht­heit ge­hö­rig. Han­nah Herz­sprung, Fre­de­rick Lau, An­ne­ke Kim Sar­nau, Ro­nald Zehr­feld, Kat­rin Sass – tol­le Schau­spie­ler in ei­ner mit­tel­mä­ßi­gen Ko­mö­die.

Deutsch­land 2018
107 min
Re­gie Ka­ro­li­ne Her­furth
Ki­no­start 14. Fe­bru­ar 2019 

Bird Box

Bird Box er­zählt von ei­ner – wie­der mal – dys­to­pi­schen Zu­kunft: Ei­ne un­be­kann­te Macht treibt al­le Men­schen, die sie zu Ge­sicht be­kom­men, in den spon­ta­nen Selbst­mord. Die­se Macht ist über­all, nie­mand kann ihr ent­kom­men. Nur In­nen­räu­me mit zu­ge­kleb­ten Fens­tern bie­ten Schutz, oder ein­fach die Au­gen zu ma­chen. Das ist zwar nicht un­be­dingt lo­gisch, aber Lo­gik ist so­wie­so nicht die Stär­ke von Bird Box.

Zu Be­ginn des Films be­steigt Mal­orie, ge­spielt von San­dra Bul­lock, die im­mer mehr Mi­cha­el Jack­son in sei­ner aus­ope­rier­ten End­pha­se äh­nelt, mit zwei Kin­dern ein Boot (al­le mit ver­bun­den Au­gen, um sich vor dem An­blick der tod­brin­gen­den Macht zu schüt­zen). Die klei­ne Trup­pe pad­delt blind ei­nen Fluss her­un­ter, denn Mal­orie hat­te zu­vor über Funk er­fah­ren, dass es ein paar Ta­ges­rei­sen ent­fernt ei­nen si­che­ren Zu­fluchts­ort ge­be. Mit an Bord ist ein Papp­kar­ton mit zwei Sit­ti­chen dar­in, ei­ne Bird Box eben (wie sich her­aus­stellt, sind Vö­gel so ei­ne Art Früh­warn­sys­tem für die un­heim­li­che Macht).

Die Sze­nen mit den drei un­frei­wil­lig Blin­den auf dem en­gen Boot bil­den die Rah­men­hand­lung des Films und sind von Re­gis­seu­rin Su­san­ne Bier ge­konnt um­ge­setzt. Das ist schön klaus­tro­pho­bisch, be­klem­mend und un­ter­schwel­lig be­droh­lich. Wenn nur der Rest des Films ge­nau­so span­nend wä­re.

Die Par­al­lel­hand­lung, fünf Jah­re vor­her: Mal­orie ist hoch­schwan­ger. Von ei­ner Vor­sor­ge­un­ter­su­chung kom­mend, bricht um sie her­um plötz­lich das ab­so­lu­te Cha­os aus: Men­schen ver­lie­ren von ei­ner Se­kun­de auf die an­de­re den Ver­stand und be­ge­hen Mas­sen­selbst­mord (wer M. Night Shya­mal­ans The Hap­pe­ning ge­se­hen hat, dem wird das be­kannt vor­kom­men). Mal­orie kann sich in ein Haus ret­ten, wo sich be­reits ein ste­reo­ty­per Hol­ly­wood-Cast ver­sam­melt hat: ein zy­ni­scher Al­ter (ge­wohnt sou­ve­rän: John Mal­ko­vich), ein Dro­gen­dea­ler, ein gut­mü­ti­ger Schwar­zer, noch ei­ne Schwan­ge­re, usw. Nach ein paar Ta­gen mit den er­wart­ba­ren zwi­schen­mensch­li­chen Span­nun­gen und lahm an­bah­nen­den Lie­bes­ge­schich­ten stößt ein wei­te­rer, zu­nächst harm­los wir­ken­der Mann zu der Grup­pe der Über­le­ben­den. Vor al­lem Mal­ories Sit­ti­che re­agie­ren ner­vös auf den Neu­an­kömm­ling. Nicht lan­ge dar­auf es­ka­liert die Si­tua­ti­on, das vor­her­seh­ba­re Un­heil nimmt sei­nen Lauf...

Wer kennt das nicht: Man läuft se­hen­den Au­ges mit nack­ten Fü­ßen ge­gen den Bett­pfos­ten und reißt sich da­bei bei­na­he den klei­nen Zeh ab. Mit ver­bun­de­nen Au­gen wür­de man wahr­schein­lich schon im Roll­stuhl sit­zen. Folg­lich sind die „Ver­bun­de­ne-Au­gen-Chal­lenges“, die durch den Hype um Bird Box aus­ge­löst wur­den (80 Mio Ab­ru­fe in den ers­ten vier Wo­chen bei Net­flix), nicht emp­feh­lens­wert – Net­flix warn­te so­gar auf Twit­ter vor den Ver­let­zungs­ri­si­ken.

FAZIT

A Quiet Place ist der bes­se­re Film über ein­ge­schränk­te Sin­nes­or­ga­ne. Zu To­de rie­chen wä­re dann die nächs­te na­he­lie­gen­de Film­idee. Bird Box ist für ei­nen Hor­ror­thril­ler über lan­ge Stre­cken über­ra­schend lang­wei­lig. Nur am En­de wird’s dann doch noch­mal rich­tig gru­se­lig: Da sieht der Film plötz­lich wie ein kit­schi­ger Zeu­gen-Je­ho­va-Wer­be­spot aus.

USA, 2018
124 min
Re­gie Su­san­ne Bier
Net­flix