Das passt ja: Mor­gens am Nord­bahn­hof scheint die Son­ne, 10 Mi­nu­ten spä­ter am Ber­li­na­le Pa­last grau­er Him­mel, es reg­net. Der Pots­da­mer Platz hat sich in ei­ne Ghost Town ver­wan­delt. Meist ge­hör­ter Satz: „Al­so, ich war ges­tern in den Ar­ka­den, das ist ja geis­ter­haft…“ Hier ist mitt­ler­wei­le we­ni­ger los als zu Mau­er­zei­ten. Des­halb die Auf­for­de­rung an al­le Fil­me­ma­cher, be­vor der gro­ße Um­bau los­geht: Nutzt die Ku­lis­se und dreht ei­ne End­zeit-Zom­bie­apo­ka­lyp­se! Oder ei­nen Ge­spens­ter­film? Der kann nur bes­ser als der deut­sche Bei­trag „Schlaf“ wer­den…

DOMANGCHIN YEOJA

(Wett­be­werb)

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Das kommt da­von, wenn man um 7 Uhr beim bat­te­rie­schwa­chen We­cker zu oft die Snoo­ze-Tas­te drückt...verschlafen!
Da­bei klingt der Text im Pres­se­heft viel­ver­spre­chend, wie ei­ne fil­mi­sche Fort­set­zung des köst­li­chen Schlum­mers:
„Lan­ge Ein­stel­lun­gen und ein dia­log- und zoom­las­ti­ger Stil re­du­zie­ren al­les auf die Es­senz. Auch der Ti­tel "Die Frau, die rann­te" bleibt mys­te­ri­ös: Wer ge­nau ist die Frau, die rann­te? Wo­vor rennt sie weg und war­um?“
War das nun aus­ge­rech­net das lang er­sehn­te High­light des schwa­chen Wett­be­werbs 2020? Wir wer­den es erst bei der Preis­ver­lei­hung er­fah­ren...

Eng­li­scher Ti­tel "The Wo­man Who Ran"
Ko­rea 2019
77 min
Re­gie Hong Sangsoo

FAVOLACCE

(Wett­be­werb)

"Kin­der an die Macht!" Der For­de­rung von Her­bert Grö­ne­mey­er möch­te man un­ein­ge­schränkt zu­stim­men, denn die Er­wach­se­nen in "Fa­vo­l­ac­ce" sind dau­er­frus­triert und zu nichts zu ge­brau­chen. Die Müt­ter ge­schei­ter­te Exis­ten­zen, selt­sam ab­we­send, sei es men­tal oder phy­sisch. Die Vä­ter al­le­samt un­fä­hi­ge Ego­ma­nen, de­nen das Hirn in die Ho­se ge­rutscht ist. Nur die Kin­der ha­ben Ver­stand, strah­len so et­was wie Freu­de und Un­be­schwert­heit aus. Doch das trügt, denn in der sen­gen­den Som­mer­hit­ze ei­ner Rei­hen­haus­sied­lung am Ran­de Roms ent­fal­tet sich ei­ne Ka­ta­stro­phe in Zeit­lu­pe.

Der zwei­te Spiel­film der Brü­der D’Innocenzo ent­wi­ckelt ei­ne star­ke Sog­kraft, es wird bö­se en­den, das ist zu spü­ren, und doch hofft man bis zu­letzt auf Ka­thar­sis. Der Er­zäh­ler aus dem Off ent­schul­digt sich am En­de für das düs­te­re Mär­chen – er hät­te ger­ne von we­ni­ger de­pri­mie­ren­den Er­eig­nis­sen be­rich­tet. Ver­stö­rend.

Eng­li­scher Ti­tel "Bad Ta­les"
Ita­li­en / Schweiz 2020
98 min
Re­gie Fa­bio + Da­mi­a­no D’Innocenzo

NEVER RARELY SOMETIMES ALWAYS

(Wett­be­werb)

Und noch mehr aus der to­xi­schen Män­ner­welt: Die 17-jäh­ri­ge Autumn ist schwan­ger und will ei­ne Ab­trei­bung. Da das in ih­rem Hei­mat­kaff nur mit Ein­wil­li­gung der El­tern geht, fährt sie mit ih­rer Cou­si­ne nach New York.

Never, Ra­re­ly, So­me­ti­mes, Al­ways – al­so: nie­mals, sel­ten, manch­mal, im­mer – zwi­schen die­sen Ant­wort­mög­lich­kei­ten soll Autumn bei ei­nem Mul­ti­ple-Choice-Test in der Ab­trei­bungs­kli­nik wäh­len. Ei­ne be­klem­men­de, star­ke Sze­ne, in der man zu ver­ste­hen be­ginnt, wes­halb das Mäd­chen so schlecht ge­launt durchs Le­ben geht.

Eli­za Hitt­mans Film folgt der in­zwi­schen gän­gi­gen The­se, dass (fast) al­le Män­ner Schwei­ne und Frau­en pri­ma sind. Bis auf ei­ne Fi­gur ver­hal­ten sich die Män­ner in "Never Ra­re­ly So­me­ti­mes Al­ways" über­grif­fig und fies. Und selbst der ein­zi­ge sym­pa­thi­sche Kerl lässt sich ge­borg­tes Geld mit ei­ner Knut­sche­rei ver­gel­ten.

Trotz des schwarz-weiß ge­zeich­ne­ten Welt­bilds schaut man dem gut be­ob­ach­te­ten, la­ko­nisch er­zähl­ten Teen­ager­dra­ma ge­spannt zu.

USA 2020
101 min
Re­gie Eli­za Hitt­man

SCHLAF

(Per­spek­ti­ve Deut­sches Ki­no)

Schon Tes­sa Ho­rakh wuss­te: „Frau­en kön­nen das eben nicht!“ In die­sem Fall muss es rich­ti­ger­wei­se heis­sen: „Deut­sche kön­nen das eben nicht!“ Näm­lich ge­schei­te Hor­ror­fil­me dre­hen. Es ist schon ei­ne Kunst, ei­nen Brei zu ver­sal­zen und gleich­zei­tig fa­de schme­cken zu las­sen. Das heil­los über­frach­te­te Dreh­buch be­dient sich groß­zü­gig bei al­ler­lei Gen­re­klas­si­kern wie „The Con­jou­ring“ und „The Shi­ning“, oh­ne et­was Auf­re­gen­des dar­aus zu ma­chen.

Flug­be­glei­te­rin Mar­le­ne lei­det un­ter wie­der­keh­ren­den Alb­träu­men. Ir­gend­wann schnappt sie über und ver­fällt in ei­ne Art Schock­star­re. Ih­re Toch­ter Mo­na macht sich auf die Su­che und fin­det ir­ri­tie­ren­de Ant­wor­ten in ei­nem 70er-Jah­re Dorf­ho­tel na­mens Son­nen­hü­gel.

In die­sem Film wird viel ge­würgt. Män­ner wür­gen Frau­en, Frau­en wür­gen Män­ner und manch­mal wür­gen sich Men­schen auch ganz al­lei­ne selbst. Klingt ein biss­chen wie ein Ed­gar-Wal­lace-Strei­fen aus den 60ern. Für das ver­schwur­bel­te ZDF-Klei­ne-Fern­seh­spiel ent­schä­di­gen nur die Schau­spie­ler: San­dra Hül­ler als Mar­le­ne ist wie im­mer gut, hat hier je­doch fast nichts zu tun. Gro Swant­je Kohl­hof über­zeugt als Toch­ter am Ran­de des Ner­ven­zu­sam­men­bruchs. Und Au­gust Schmöl­zer spielt den Ho­tel­be­sit­zer zwar schön zwie­lich­tig, scheint sich aber aus ei­nem ganz an­de­ren Film hier­her ver­irrt zu ha­ben.

Eng­li­scher Ti­tel "Sleep"
Deutsch­land 2020
102 min
Re­gie Mi­cha­el Ve­nus

Eine Meinung zu “DOMANGCHIN YEOJA ● FAVOLACCE ● NEVER RARELY SOMETIMES ALWAYS ● SCHLAF

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