BERLINALE 2024 – TAG FÜNF

BERLINALE 2024 – TAG FÜNF

Zeit für Pressetext-Poesie. Diesmal der Forums-Beitrag LA HOJARASCA: „Drei Frauenleben ohne Versorger, körperlich erzählte Lebensstrategien, inszeniert-beobachtend-erinnernd. Ruhe stellt sich ein, im Hintergrund der Vulkan.“ Und weil’s so schön ist, hier noch RESONANCE SPIRAL: „Die Mediateca Onshore in Malafo, einem Dorf in Guinea-Bissau, ist Archiv und Klub agro-poetischer Praxen. Vom Tonband spricht Amílcar Cabral über Feminismus, das Regie-Duo in den Mangroven über die Widersprüche des Außenblicks auf die Gemeinschaft.“ Leider beide Filme verpasst…

Wettbewerb

Architecton

ARCHITECTON

Stein: der Mensch sprengt ihn, ver­ar­bei­tet ihn zu Be­ton, baut Häu­ser da­mit, die er bald dar­auf mit Bom­ben oder Bag­gern zer­stört. Die to­te, ka­put­te Bau­mas­se wird dann auf Schutt­hal­den der Na­tur zu­rück­ge­ge­ben. Über 40 Jah­re nach KOYAA­NIS­QAT­SI be­ein­dru­cken Slow-Mo­ti­on-Bil­der mit dra­ma­ti­scher Mu­sik noch im­mer. Da­zwi­schen lässt sich ein al­ter Zau­sel ei­nen Stein­kreis im Gar­ten le­gen. Am En­de wer­den die ganz gro­ßen Fra­gen ge­stellt: War­um hat die Mensch­heit vor tau­sen­den von Jah­ren Ge­bäu­de er­schaf­fen, die heu­te noch exis­tie­ren, wäh­rend wir in der Mo­der­ne Häu­ser bau­en, die nur 40 Jah­re hal­ten? Da er­hebt sich der Zei­ge­fin­ger: Un­se­re Res­sour­cen sind be­grenzt!

INFOS ZUM FILM

Deutsch­land / Frank­reich / USA 2024
98 min
Re­gie Vic­tor Kos­sa­kovs­ky
Bild © 2024 Ma​.ja​.de. Film­pro­duk­ti­ons GmbH, Point du Jour, Les Films du Ba­li­ba­ri

Wettbewerb

A Traveler's Needs

A TRAVELER’S NEED

Ein Film, für den man ei­ne Be­triebs­an­lei­tung braucht. Wor­um geht‘s? IMDb fasst es per­fekt zu­sam­men: "Ei­ne Fran­zö­sin trinkt in Ko­rea Mak­geol­li, nach­dem sie ih­re Ein­kom­mens­quel­le ver­lo­ren hat, und un­ter­rich­tet dann zwei Ko­rea­ne­rin­nen in Fran­zö­sisch.“ Ge­nau. Die Fran­zö­sin wird von Isa­bel­le Hup­pert ge­spielt. Der in lan­gen, sta­ti­schen Vi­deo­bil­dern ge­dreh­te Film (ei­ne Spe­zia­li­tät des ko­rea­ni­schen Re­gis­seurs Hong Sang-soo) ist nicht frei von Si­tua­ti­ons­ko­mik, lässt aber den un­kun­di­gen Zu­schau­er kom­plett rat­los zu­rück (ei­ne wei­te­re Spe­zia­li­tät des Re­gis­seurs).

Die Ber­li­na­le bringt Hong Sang-soo Glück: Sei­ne letz­ten Fil­me „The Wo­man Who Ran“ (2020), „In­tro­duc­tion“ (2021) und "Die Schrift­stel­le­rin, ihr Film und ein glück­li­cher Zu­fall" wur­den al­le­samt mit dem Sil­ber­nen Bä­ren aus­ge­zeich­net.

INFOS ZUM FILM

Ori­gi­nal­ti­tel „Yeo­haeng­jaui Pi­lyo“
Süd­ko­rea 2024
90 min
Re­gie Hong Sang-soo
Bild © 2024 Je­on­won­sa Film Co.

Wettbewerb

LANGUE ÉTRANGÈRE

LANGUE ÉTRANGÈRE

Un­be­kann­te Krank­hei­ten, Teil 12: Fan­ny lei­det an Pseu­do­lo­gia Phan­ta­sti­ca, das heißt, sie ist ei­ne no­to­ri­sche Ge­schich­ten­er­fin­de­rin. Oder we­ni­ger eu­phe­mis­tisch: Das Mäd­chen lügt. In der Schu­le wird sie nur noch „Bla­bla­bla“ ge­nannt. Das ist Mob­bing und des­halb lei­det die 17-jäh­ri­ge Fran­zö­sin. Gut, dass sie als Aus­tausch­schü­le­rin für ein paar Wo­chen nach Leip­zig darf. Dort wohnt sie bei der gleich­alt­ri­gen, po­li­tisch en­ga­gier­ten Le­na. Um sie zu be­ein­dru­cken, er­fin­det die fa­de Fan­ny ei­ne Schwes­ter, die bei De­mos im schwar­zen Block mit­läuft. Na­tür­lich ver­lie­ben sich die Mäd­chen – Kei­ne Ju­gend­ge­schich­te oh­ne LGBTQ-Ele­ment. Au­ßer­dem sind die Teens für Um­welt­schutz, die An­ti­fa, ge­gen pa­tri­ar­cha­le Struk­tu­ren usw. usf. Gähn.

Clai­re Bur­gers Co­ming-of-age-Sto­ry funk­tio­niert zwi­schen­durch als zar­te Lie­bes­ge­schich­te und so­gar in Ma­ßen als Ko­mö­die. An­sons­ten wä­re die ober­leh­rer­haf­te mdr-Ar­te-Co­pro­duk­ti­on bes­ser in der Sek­ti­on Ge­ne­ra­ti­on 14plus auf­ge­ho­ben. Die auf­re­gen­de­ren Stars sind in den Müt­ter­rol­len zu se­hen: Ni­na Hoss als leicht pa­ra­no­ide Deut­sche und Chia­ra Mastroi­an­ni als von der ei­ge­nen Toch­ter ge­nerv­te Fran­zö­sin. Ei­nen Film mit den bei­den in den Haupt­rol­len hät­te man sich lie­ber an­ge­schaut.

INFOS ZUM FILM

Frank­reich / Deutsch­land / Bel­gi­en 2024
105 min
Re­gie Clai­re Bur­ger
Bild © Les Films de Pierre

Panorama

BETWEEN THE TEMPLES

Ein Mann in der Kri­se: Chor­lei­ter Ben (Ja­son Schwartzman) kämpft mit dem Ver­lust sei­ner Stim­me und mög­li­cher­wei­se sei­nes jü­di­schen Glau­bens. Sei­ne Welt wird voll­ends auf den Kopf ge­stellt, als sei­ne Mu­sik­leh­re­rin aus Grund­schul­zei­ten (Ca­rol Ka­ne) auf­taucht, um sei­ne Bat-Miz­wa-Schü­le­rin zu wer­den.

Mit im­pro­vi­sier­ten Dia­lo­gen und ab­sur­dem Hu­mor er­in­nert BET­WEEN THE TEMP­LES stel­len­wei­se an Lar­ry San­ders’ CURB YOUR EN­THU­SI­ASM. Doch Sil­vers Ko­mö­die funk­tio­niert nicht durch­ge­hend und ver­stol­pert sich öf­ters in ei­nem Misch­masch aus Ideen und Stil­ex­pe­ri­men­ten. Char­mant wird es, wenn sich der Film auf die Be­zie­hung von Ben und Car­la kon­zen­triert, vor al­lem dank der Che­mie zwi­schen Schwartzman und Ka­ne.

INFOS ZUM FILM

USA 2024
112 min
Re­gie Na­than Sil­ver
Bild © Sean Pri­ce Wil­liams

Generation 14plus

COMME LE FEU

COM­ME LE FEU läuft in der Rei­he Ge­ne­ra­ti­on 14plus und wen­det sich so­mit an ein ju­gend­li­ches Pu­bli­kum. Der Film be­ginnt mit ei­ner un­ge­fähr zehn­mi­nü­ti­gen Sze­ne, in der ein Au­to durch die Land­schaft fährt. Da­zu hört man ei­ne auf ei­nem Ton ge­hal­te­ne Mu­sik. Viel in­ter­es­san­ter wird es nicht. Die Ge­schich­te von zwei Fil­me­ma­chern, die sich mit ih­ren Fa­mi­li­en in ei­ner ab­ge­schie­de­nen Block­hüt­te tref­fen, hat viel Dia­log und we­nig Hand­lung. Das Gan­ze dau­ert 155 Mi­nu­ten und man fragt sich, wel­cher Teen­ager sich das frei­wil­lig an­schau­en soll.

INFOS ZUM FILM

Eng­li­scher Ti­tel „Who by Fire“
Ka­na­da / Frank­reich 2024
155 min
Re­gie Phil­ip­pe Le­sa­ge
Bild © Balt­ha­zar Lab

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BERLINALE 2024 – TAG VIER

BERLINALE 2024 – TAG VIER

"Kunst kommt von Kopfschmerz" lautet auch in diesem Jahr das Berlinale-Motto. Selten war so viel Anstrengendes und Freudloses in den Sektionen vertreten. Da kann Panorama-Chef Michael Stütz bei der Vorstellung seines Programms noch so sehr betonen wie „großartig“ dieser Film, "großartig" diese Schauspielerin, "großartig" dieser Regisseur und "großartig" jenes Drehbuch seien – richtig großartig ist in diesem Jahr enttäuschend wenig. Die Ausnahme bestätigt die Regel: Matthias Glasners STERBEN im Wettbewerb und das schräge Berlinale-Comeback von Kristen Stewart in LOVE LIES BLEEDING.

Wettbewerb

Sterben

STERBEN

Mat­thi­as Glas­ner kehrt zum ers­ten Mal seit 2006 in den Ber­li­na­le Wett­be­werb zu­rück. Sein gran­dio­ses Fa­mi­li­en­epos STER­BEN han­delt na­tür­lich ge­nau vom Ge­gen­teil, näm­lich dem Le­ben in all sei­nen furcht­ba­ren und furcht­bar schö­nen Fa­cet­ten. Die über drei­stün­di­ge Dra­ma-Ko­mö­die er­forscht die In­ten­si­tät des Le­bens an­ge­sichts des To­des mit ei­ner Mi­schung aus Zart­heit, Bru­ta­li­tät, ab­sur­der Ko­mik und trau­ri­ger Schön­heit, die die Gren­zen zwi­schen bit­ter und lus­tig ver­schwim­men lässt.

Im Fo­kus der Hand­lung steht Fa­mi­lie Lun­nies: Lis­sy (Co­rin­na Har­fouch) ist Mit­te 70 und froh, dass ihr de­men­ter Mann end­lich im Heim ist. Ihr Sohn Tom (Lars Ei­din­ger), ein Di­ri­gent, ar­bei­tet zu­sam­men mit sei­nem de­pres­si­ven Freund Ber­nard an der Kom­po­si­ti­on "Ster­ben". Toms Schwes­ter El­len (Li­lith Stan­gen­berg) hat ein Al­ko­hol­pro­blem und be­ginnt ei­ne wil­de Lie­bes­ge­schich­te mit dem ver­hei­ra­te­ten Zahn­arzt Se­bas­ti­an (Ro­nald Zehr­feld).

Die in Ka­pi­tel ge­glie­der­te Ge­schich­te hängt zwi­schen­drin ein biss­chen durch: Die Epi­so­de um Toch­ter El­len ist die schwächs­te und fühlt sich an, als sei sie aus ei­nem an­de­ren Film. An­sons­ten ist STER­BEN vol­ler gu­ter Sze­nen – die viel­leicht bes­te zeigt Lars Ei­din­ger und Co­rin­na Har­fouch im schmerz­haft wahrs­ten Mut­ter-Kind-Ge­spräch der Ki­no­ge­schich­te. Wahn­sin­nig ko­misch und tod­trau­rig zu­gleich. Al­lein da­für lohnt es sich. Ne­ben MY FA­VO­RI­TE CA­KE das bis­he­ri­ge Wett­be­werbs-High­light.

INFOS ZUM FILM

Eng­li­scher Ti­tel „Dy­ing“
Deutsch­land 2024
183 min
Re­gie Mat­thi­as Glas­ner
Bild © Ja­kub Be­jn­a­rowicz / Port au Prin­ce, Schwarz­weiss, Se­na­tor

Wettbewerb

L'Empire

L'EMPIRE

In ei­nem klei­nen fran­zö­si­schen Dorf ge­sche­hen selt­sa­me Din­ge. Die Men­schen ver­nei­gen sich vor ei­nem all­mäch­ti­gen Ba­by und Köp­fe wer­den mit La­ser­schwer­tern ab­ge­trennt. Kein Wun­der, ha­ben sich doch Au­ßer­ir­di­sche in die Kör­per der Dorf­be­woh­ner ein­ge­nis­tet. Die ul­ti­ma­ti­ve Schlacht zwi­schen zwei ver­fein­de­ten Ali­en-Spe­zi­es steht kurz be­vor.

Wie be­lie­ben? Na gut, es ist ei­ne Ber­li­na­le in der Car­lo-Cha­tri­an-Ära, aber trotz­dem. Der ob­sku­re Mix aus fran­zö­si­schem Art­house, STAR WARS und Pseu­do-Lars von Trier ist für un­ge­fähr 5 Mi­nu­ten un­ter­halt­sam. Bru­no Du­monts Sci­ence-Fic­tion-Par­odie ist schwer ver­dau­li­che Kost und weird im un­gu­ten Sinn. Mehr WTF als das wird es hof­fent­lich nicht mehr.

INFOS ZUM FILM

Eng­li­scher Ti­tel „The Em­pire“
Frank­reich / Ita­li­en / Deutsch­land / Bel­gi­en / Por­tu­gal 2024
110 min
Re­gie Bru­no Du­mont
Bild © Tes­sa­lit Pro­duc­tions

Berlinale Special Gala

Love lies bleeding

LOVE LIES BLEEDING

Kris­ten Ste­wart is back wi­th a ven­ge­an­ce. Die Ber­li­na­le-Ju­ry­prä­si­den­tin 2023 prä­sen­tiert mit LOVE LIES BLEE­DING ih­ren sehr spe­zi­el­len Bei­trag zum The­ma Girl­power.

Die jun­ge Lie­be zwi­schen Fit­ness­stu­dio­lei­te­rin Lou und Bo­dy­buil­de­rin Ja­ckie steht un­ter kei­nem gu­ten Stern, denn Lous Fa­mi­lie ist ein Hau­fen ge­walt­tä­ti­ger Ver­bre­cher. LOVE LIES BLEE­DING hat von al­lem sehr viel: les­bi­schen Sex, Mus­keln, Blut und hef­ti­ge Che­mie zwi­schen Kris­ten Ste­wart und Ka­ty O’Brian. Re­gis­seu­rin Ro­se Glass pro­vo­ziert ihr Pu­bli­kum, wo sie nur kann – das ist zwar al­les an­de­re als sub­til, be­rei­tet aber bis zur letz­ten Sze­ne gro­ßen Spaß.

INFOS ZUM FILM

USA / GB 2023
104 min
Re­gie Ro­se Glass
Bild © An­na Ko­oris

Panorama

LES PARADIS DE DIANE

End­lich mal was Fröh­li­ches. Aus post­na­ta­ler De­pres­si­on wird bei Dia­ne ei­ne PNF, ei­ne post­na­ta­le Flucht. Kaum hat sie ihr Kind in Zü­rich zur Welt ge­bracht, macht sie sich vom Acker. Sie taucht in Spa­ni­en un­ter, trifft auf die äl­te­re Ro­se. Auch die hat ein Mut­ter-Kind-Pro­blem. „Wenn Du ei­ne Land­schaft wärst, was für ei­ne wä­re das?“ Ja, ge­nau, es ist ei­ner die­ser Fil­me. Da­zu ein Score, der klingt, als hät­te die Alarm­an­la­ge ei­nes Au­tos als In­spi­ra­ti­ons­quel­le ge­dient. Was kommt als nächs­tes? PBS – Post Ber­li­na­le De­pres­si­on?

INFOS ZUM FILM

Eng­li­scher Ti­tel „Pa­ra­di­ses of Dia­ne“
Schweiz 2024
97 min
Re­gie Car­men Ja­quier und Jan Gas­s­mann
Bild © 2:1 Film

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BERLINALE 2024 – TAG DREI

BERLINALE 2024 – TAG DREI

Das Gerücht geht um, dass Andreas Dresens neuer Film ursprünglich in der Sektion Panorama versteckt werden sollte. Sein letzter Berlinale-Film RABIYE KURNAZ GEGEN GEORGE W. BUSH gewann 2022 immerhin zwei Bären. Der Regisseur drohte daraufhin, IN LIEBE, EURE HILDE vom Festival zurückzuziehen. Nun läuft er doch im Wettbewerb. Verdient oder unverdient?

Wettbewerb

In Liebe, eure Hilde

IN LIEBE, EURE HILDE

An­dre­as Dre­sens IN LIE­BE, EU­RE HIL­DE ist der ers­te deut­sche Wett­be­werbs­film in die­sem Jahr. Die be­reits ach­te ge­mein­sa­me Ar­beit des Re­gis­seurs und der Dreh­buch­au­to­rin Lai­la Stie­ler er­zählt ei­ne Lie­bes­ge­schich­te in­mit­ten der Kriegs­zeit 1942. Hil­de (Liv Li­sa Fries) und Hans (Jo­han­nes He­ge­mann) sind ein Paar. Die bei­den be­tei­li­gen sich an den eher harm­lo­sen Ak­tio­nen der Grup­pe, die spä­ter als "Ro­te Ka­pel­le“ be­kannt wur­de. Als Hil­de im ach­ten Mo­nat schwan­ger ist, wer­den sie und ihr Mann ver­haf­tet und zum To­de ver­ur­teilt.

IN LIE­BE, EU­RE HIL­DE er­zählt fast nüch­tern und oh­ne Kitsch die wah­re Ge­schich­te der zwei jun­gen Kom­mu­nis­ten im Wi­der­stand, die vor al­lem in der ehe­ma­li­gen DDR zu Volks­hel­den sti­li­siert wur­den. Da­bei er­fin­det Dre­sen mit sei­nem Bio­pic das Rad nicht neu, fin­det aber ei­ne in­ter­es­san­te Struk­tur: Die Zeit im Ge­fäng­nis ver­knüpft er mit der rück­wärts er­zähl­ten Ge­schich­te der Be­zie­hung von Hans und Hil­de. Es be­ginnt mit dem En­de durch die Ver­haf­tung und schließt mit der ers­ten Be­geg­nung auf ei­nem Som­mer­fest. Viel­leicht ein biss­chen kon­ven­tio­nell ge­macht, aber um Klas­sen bes­ser als vie­les, was sich sonst noch im Wett­be­werb tum­melt – sie­he un­ten.

INFOS ZUM FILM

Eng­li­scher Ti­tel „From Hil­de, wi­th Love“
Deutsch­land 2024
124 min
Re­gie An­dre­as Dre­sen
Bild © Fre­de­ric Ba­tier / Pan­do­ra Film

Wettbewerb

Another End

ANOTHER END

Ein wei­te­rer Film aus der Rei­he "wä­re ei­ne gu­te 45-Mi­nu­ten-Black-Mir­ror-Epi­so­de" ge­wor­den. Die Idee ist nicht neu, aber in­ter­es­sant: In na­her Zu­kunft las­sen sich die Er­in­ne­run­gen und Cha­rak­ter­ei­gen­schaf­ten von Ver­stor­be­nen in so­ge­nann­ten "Hosts" im­plan­tie­ren. Die las­sen sich ih­re Diens­te be­zah­len, ste­hen da­für ei­ne be­grenz­te Zeit lang als Wie­der­gän­ger zur Ver­fü­gung, um so den An­ge­hö­ri­gen ein lang­sa­mes Ab­schied­neh­men zu er­mög­li­chen.

Sal (Ga­el Gar­cía Ber­nal) hat die­se Diens­te bit­ter nö­tig, denn nach dem Ver­lust sei­ner Frau Zoe steckt er in sei­nen Er­in­ne­run­gen an ihr ge­mein­sa­mes Le­ben fest. Dank der neu­en Tech­no­lo­gie fin­det er Zoe auf die­se Wei­se im Kör­per ei­ner an­de­ren Frau wie­der.

Mut­ter oder Hu­re – die­ses Frau­en­bild hält sich auch sie­ben Jah­re nach #Me­Too noch. Und da dies ei­ne ita­lie­ni­sche Pro­duk­ti­on ist, muss na­tür­lich was mit Bun­ga Bun­ga rein. Aus Grün­den, die wahr­schein­lich we­der Re­gie noch Dreh­buch ver­ste­hen, streift Ga­el Gar­cía Ber­nal im Lau­fe der Ge­schich­te mit trau­ri­gem Blick durch Sex­clubs, vor­bei an halb­nack­ten Frau­en (und Män­nern) – Sinn macht das nicht. Aber im­mer noch bes­ser als die dr­ölf­te lang­at­mi­ge Er­klä­rung, wes­halb, wie­so und war­um die Zeit mit den aus dem To­ten­reich zu­rück­ge­kehr­ten Dop­pel­gän­gern be­grenzt ist. Man hat es schon nach dem zwei­ten Mal ka­piert.

INFOS ZUM FILM

Ita­li­en 2024
125 min
Re­gie Pie­ro Mes­si­na
Bild © In­di­go Film

Wettbewerb

Hors du temps

HORS DU TEMPS

Im April 2020 ver­brin­gen der Film­re­gis­seur Eti­en­ne und sein Bru­der Paul, ein Mu­sik­jour­na­list, zu­sam­men mit ih­ren neu­en Part­ne­rin­nen Mor­ga­ne und Ca­ro­le den Lock­down im Haus ih­rer El­tern. Bei dem un­frei­wil­li­gen Ge­mein­schafts­ur­laub wird viel ge­re­det und es pas­siert so gut wie nichts.

Ein Haus auf dem Land mit herr­li­chem Gar­ten? Wäh­rend der Co­ro­nahoch­zeit konn­te es ei­nen schlim­mer tref­fen. Die Be­zie­hungs- und All­tags­pro­blem­chen der Bo­hè­me las­sen dem­entspre­chend kalt. Zwei, drei net­te Sze­nen – das war’s. Oli­vi­er As­say­as' Na­bel­schau ist ein ge­schwät­zi­ges Stück Ki­no aus Frank­reich, bei dem man sich wie­der mal fragt, was das im Wett­be­werb ver­lo­ren hat. Car­lo Cha­tri­ans Ki­no at it’s best. Das Gan­ze wirkt, als hät­te es der spä­te Woo­dy Al­len an ei­nem schlech­ten Tag in­sze­niert. Aus­ge­spro­chen lang­wei­lig.

INFOS ZUM FILM

Eng­li­scher Ti­tel „Sus­pen­ded Time“
Frank­reich 2024
105 min
Re­gie Oli­vi­er As­say­as
Bild © Ca­ro­le Be­thuel

Panorama

THE OUTRUN

No­ra Fing­scheidt bleibt mit ih­rem neu­en Film wei­ter am The­ma „Frau­en un­ter Druck“. Schrie und tob­te sich in SYS­TEM­SPREN­GER noch die neun­jäh­ri­ge Ben­ni durch ei­ne un­ge­rech­te Welt, steht dies­mal ei­ne jun­ge Frau im Mit­tel­punkt der Ge­schich­te. Ro­na ist schwe­re Al­ko­ho­li­ke­rin und könn­te glatt als er­wach­se­ne Ver­si­on von Ben­ni durch­ge­hen. Wie so oft bei Trin­kern ist sie nüch­tern ein lie­bens­wer­tes We­sen, ver­liert aber be­sof­fen je­de Kon­trol­le. 

Die Ver­fil­mung von Amy Liptrots Me­moi­ren macht es den Zu­schau­ern nicht leicht, die Hand­lung springt wild in den Zei­ten zwi­schen Kind­heit, Sucht und Ent­zug. Sao­ir­se Ro­nan stürzt sich kopf­über in die dank­ba­re Rol­le, über­schrei­tet da­bei nie die Gren­ze des Über­spie­lens. No­ra Fing­scheidt ist fünf Jah­re nach SYS­TEM­SPREN­GER wie­der ein star­ker Film ge­lun­gen, der – hät­te er sei­ne Pre­mie­re nicht vor kur­zem beim Sun­dance Film Fes­ti­val ge­fei­ert – bes­ser im Wett­be­werb auf­ge­ho­ben wä­re.

INFOS ZUM FILM

Ori­gi­nal­ti­tel „The Ou­trun“
Ver­ei­nig­tes Kö­nig­reich / Deutsch­land 2024
117 min
Re­gie No­ra Fing­scheidt
Bild © The Ou­trun

Panorama

SEX

Klingt wie der An­fang von ei­nem schlech­ten Witz: Zwei Schorn­stein­fe­ger un­ter­hal­ten sich über Sex. Wenn es in ei­nem zwei­stün­di­gen Film nur zehn un­ter­halt­sa­me Mi­nu­ten gibt, dann kann man si­cher sein, dass es sich um ei­nen Ber­li­na­le-Bei­trag a.d. Koss­lick han­delt. Nichts ge­gen Ge­sprä­che über Ge­schlech­ter­rol­len und das In­fra­ge­stel­len von ge­lern­ter Se­xua­li­tät, doch Re­gis­seur und Dreh­buch­au­tor Hau­ge­rud regt mit sei­nem Film nicht zum Nach­den­ken an, son­dern er­zeugt vor al­lem eins: ge­pfleg­te Lan­ge­wei­le.

INFOS ZUM FILM

Ori­gi­nal­ti­tel „Sex“
Nor­we­gen 2024
125 min
Re­gie Dag Jo­han Hau­ge­rud
Bild © Mot­lys

Panorama

JANET PLANET

Und noch ein Film aus der Sek­ti­on „Muss man nicht ge­se­hen ha­ben“. Der An­fang ist noch ganz lus­tig, weckt die Hoff­nung, es gin­ge um ein bö­ses klei­nes Mäd­chen, das sei­ne Um­welt ter­ro­ri­siert. Doch dann stellt sich her­aus, dass die elf­jäh­ri­ge Lu­cy nur ger­ne Lin­dor-Ku­geln isst (wer tut das nicht?) und aus dem Stan­ni­ol­pa­pier Hü­te für ih­re Pup­pen bas­telt. Ach ja, und ih­rer Mut­ter Ja­net und de­ren wech­seln­den Partner:innen macht sie hin und wie­der das Le­ben schwer. Da nicht ganz klar wird, was der Sinn da­hin­ter ist, soll das Pres­se­heft er­klä­ren: „In ih­rem Film­de­büt be­ob­ach­tet die mit dem Pu­lit­zer­preis aus­ge­zeich­ne­te Dra­ma­ti­ke­rin An­nie Bak­er, wie ein Kind das Ver­ge­hen der Zeit er­lebt, und zeigt den Pro­zess, mit dem ei­ne Toch­ter sich von ih­rer Mut­ter ent­liebt.“ Ach so.

INFOS ZUM FILM

USA / GB 2023
110 min
Re­gie An­nie Bak­er
Bild © A24

Generation Kplus

LOS TONOS MAYORES

Die 14-jäh­ri­ge Ana trägt seit ei­nem Un­fall ei­ne Me­tall­plat­te im Arm. Da­mit emp­fängt sie rät­sel­haf­te Mor­se­si­gna­le. Ih­re Su­che nach dem Ab­sen­der ist ge­nau­so lang­at­mig, wie die Auf­lö­sung lang­wei­lig. Wel­chen Ju­gend­li­chen soll das in ra­sen­den Tik­Tok-Zei­ten hin­ter dem Han­dy her­vor­lo­cken? Schnarch.

INFOS ZUM FILM

Eng­li­scher Ti­tel „The Ma­jor To­nes “
Ar­gen­ti­ni­en / Spa­ni­en 2023
101 min
Re­gie In­grid Po­kro­pek
Bild © Gong Ci­ne / 36 Ca­bal­los

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BERLINALE 2024 – TAG ZWEI

BERLINALE 2024 – TAG ZWEI

Hat ein Wahnsinniger die Absperrungen am Potsdamer Platz aufgestellt? Nirgendwo geht’s rein, nirgendwo geht’s raus. Wenn schon nicht das Wegeleitsystem, dann doch zumindest das Design gelobt: Der hochelegante Bär, der mal mit lächelndem Gesicht, mal mit angehobener Tatze die Berlinale-Plakate ziert, ist eine riesige Verbesserung gegenüber der 80er-Jahre Frisörwerbung vom letzten Jahr. Fell ist nämlich immer ganz gut …

Wettbewerb

A DIFFERENT MAN

Schau­spie­ler Ed­ward lei­det un­ter ei­ner star­ken Ge­sichts­de­for­ma­ti­on. Dank ei­nes neu­en Me­di­ka­ments sieht er bald wie Hol­ly­wood­star Se­bas­ti­an Stan aus. Äu­ßer­lich än­dert sich ei­ni­ges in sei­nem Le­ben, und doch bleibt im Grun­de al­les gleich.

A DIF­FE­RENT MAN hat ein paar hüb­sche schrä­ge Ideen, mit Adam Pear­son ei­nen sehr char­man­ten sce­ne-stealer und ei­ne gan­ze Rei­he Pro­ble­me. Die plat­te Mes­sa­ge „Was nützt die schöns­te Fas­sa­de, wenn die in­ne­ren Wer­te nicht stim­men“ wird mit dem Holz­ham­mer trans­por­tiert. Da­zu führt das un­aus­ge­wo­ge­ne Tem­po zu lang­at­mi­gen Sze­nen, wäh­rend der Wech­sel zwi­schen Psycho-Dra­ma und Möch­te­gern-Thril­ler auf Dau­er an­strengt. Re­gis­seur Aa­ron Schim­berg prä­sen­tiert dem Zu­schau­er hau­fen­wei­se In­die-Kli­schees und we­nig Sub­ti­li­tät.

INFOS ZUM FILM

USA 2023
112 min
Re­gie Aa­ron Schim­berg
Bild © Faces Off LLC

Wettbewerb

LA COCINA

Wer beim Ti­tel LA CO­CI­NA ei­nen Film übers Ko­chen er­war­tet, liegt gründ­lich falsch. Der me­xi­ka­ni­sche Wett­be­werbs­bei­trag spielt zwar zu gro­ßen Tei­len in der Kü­che ei­nes New Yor­ker Re­stau­rants, doch ums Zu­be­rei­ten von Spei­sen geht es nur am Ran­de. Nein, LA CO­CI­NA ist ei­ne shake­spear­sche Tra­gö­die mit al­lem Drum und Dran: Lie­be, Ver­rat, das ganz gro­ße Dra­ma. Und wie es sich für ein Dra­ma ge­hört, wird über zwei Stun­den lang lei­den­schaft­lich ge­lit­ten und ge­strit­ten.

Die Ge­schich­te spielt hin­ter den Ku­lis­sen der Tou­ris­ten­fal­le „The Grill“ am Times Squa­re. Der me­xi­ka­ni­sche Koch Pe­dro (Raúl Brio­nes Car­mo­na), ein Il­le­ga­ler, ist schwer in die Kell­ne­rin Jui­lia (Ron­ney Ma­ra) ver­liebt. Als er er­fährt, dass sie von ihm schwan­ger ist und ab­trei­ben will, sieht er rot. Be­zie­hungs­wei­se grau, denn LA CO­CI­NA ist in stren­gem Schwarz-Weiß ge­dreht. Dass Dia­lo­ge, Rhyth­mus und In­sze­nie­rung thea­ter­haft wir­ken, kommt nicht von un­ge­fähr: Der Film ba­siert auf dem gleich­na­mi­gen Büh­nen­stück von Ar­nold Wes­ker. Kein Wun­der, dass man sich wie beim Ta­ble­read zu ei­nem Off-Broad­way-Stück fühlt.

Die Kü­che als Höl­le auf Er­den. All das Ge­schreie und Ge­flu­che mag zwar au­then­tisch sein, zerrt aber auf Dau­er nicht nur an den Ner­ven der Prot­ago­nis­ten. LA CO­CI­NA ist so an­stren­gend wie ei­ne Dop­pel­schicht in der Groß­raum­kü­che.

INFOS ZUM FILM

Me­xi­ko / USA 2024
139 min
Re­gie Alon­so Ruiz­pa­la­ci­os
Bild © Ju­an Pa­blo Ramí­rez / Film­a­do­ra

Wettbewerb

My favorite cake

MY FAVORITE CAKE

Ma­hin (70) lebt al­lein, ih­re Kin­der sind ins Aus­land weg­ge­zo­gen. Ei­nes schö­nen Ta­ges be­schließt sie, dass es ge­nug mit der Ein­sam­keit ist und ihr Lie­bes­le­ben ei­nen Neu­start braucht. Die Spon­tan­ro­man­ze mit ei­nem Ta­xi­fah­rer ent­wi­ckelt sich rasch zu ei­nem in vie­ler­lei Hin­sicht un­ver­gess­li­chen Abend.

Schon Ma­ryam Mog­had­dams und Beh­tash Sanae­e­has vor­he­ri­ger Film BAL­LAD OF A WHITE COW wur­de nicht nur bei Frame­ra­te in den höchs­ten Tö­nen ge­lobt und ent­wi­ckel­te sich schnell zum Pu­bli­kums­lieb­ling der Ber­li­na­le 2021. Auch KEY­KE MAH­BOO­BE MAN läuft im Wett­be­werb und es wä­re ein Wun­der, wenn es nicht ir­gend­ei­nen Bä­ren da­für gä­be. Die zar­te Lie­bes­ge­schich­te zwi­schen zwei Rent­nern in Te­he­ran hat al­les, was Ki­no braucht: Tra­gik, ei­ne gu­te Sto­ry, zwei her­aus­ra­gen­de Dar­stel­ler (Li­ly Far­had­pour & Es­mail Mehrabi) und vor al­lem viel Hu­mor.

Gar nicht lus­ti­ger sad-fact: Ge­gen das ira­ni­sche Au­toren- und Re­gie-Duo Ma­ryam Mog­had­dam und Beh­tash Sanae­e­ha wur­de ein Rei­se­ver­bot ver­hängt. Ih­re Päs­se wur­den kon­fis­ziert und ih­nen droht in Be­zug auf ih­re Ar­beit als Fil­me­ma­cher ein Ge­richts­ver­fah­ren.

INFOS ZUM FILM

Ori­gi­nal­ti­tel „Key­ke Mah­boo­be Man“
Iran / Frank­reich / Schwe­den / Deutsch­land 2024
97 min
Re­gie Ma­ryam Mog­had­dam und Beh­tash Sanae­e­ha
Bild © Ha­mid Ja­ni­pour

Panorama

BRIEF HISTORY OF A FAMILY

Der 15-jäh­ri­ge Wai­sen­jun­ge Yan Shuo wanzt sich in die Fa­mi­lie sei­nes Mit­schü­lers Tu Wei. Die wohl­ha­ben­den El­tern neh­men ihn schnell als zwei­ten Sohn an. Ein Plä­doy­er für die Wie­der­ein­füh­rung der Ein-Kind-Po­li­tik? Man weiß es nicht. Der stil­vol­le, aber span­nungs­ar­me Thril­ler be­sticht im­mer­hin durch un­ter­schwel­lig be­droh­li­che At­mo­sphä­re, doch am En­de ist man so schlau wie zu Be­ginn.

INFOS ZUM FILM

Ori­gi­nal­ti­tel „Jia ting ji­an shi“
Volks­re­pu­blik Chi­na / Frank­reich / Dä­ne­mark / Ka­tar 2024
99 min
Re­gie Lin Jian­jie
Bild © First Light Films, Films du Mi­lieu, Tam­bo films

Panorama

PENDANT CE TEMPS SUR TERRE

Ei­nes Ta­ges wird El­sa von ei­ner au­ßer­ir­di­schen Le­bens­form kon­tak­tiert, die be­haup­tet, sie kön­ne den im Welt­raum ver­schol­le­nen Bru­der der jun­gen Frau zur Er­de zu­rück­brin­gen. Doch der Preis da­für ist hoch. Re­gis­seur Jé­ré­my Cla­pin will uns mit PEN­DANT CE TEMPS SUR TERRE wahr­schein­lich et­was über Trau­er und Ver­lust er­zäh­len. Da­zu nutzt er ei­ne Mi­schung aus Bo­dy-Hor­ror, Sci­ence Fic­tion, Zei­chen­trick und fran­zö­si­schem Art­house-Ki­no. Kunst halt. Se­hens­wert nur we­gen der tol­len Haupt­dar­stel­le­rin Me­gan Nort­ham.

INFOS ZUM FILM

Eng­li­scher Ti­tel „Me­an­while on Earth“
Frank­reich 2024
88 min
Re­gie Jé­ré­my Cla­pin
Bild © Ma­nu­el Mou­tier

Generation Kplus

SIEGER SEIN

Mo­na ist mit ih­rer kur­di­schen Fa­mi­lie aus Sy­ri­en ge­flüch­tet und lan­det im Ber­li­ner Wed­ding, dem Be­zirk, der seit 30 Jah­ren kommt. In ih­rer neu­en Schu­le ist sie „voll das Op­fer“, bis sie beim Fuss­ball­spie­len be­wei­sen kann, was in ihr steckt. Ganz er­staun­lich, dass es sich bei SIE­GER SEIN um ei­nen De­büt­film han­delt. Denn es wim­melt nur so von Kli­schees. Re­gis­seu­rin So­leen Yu­sef will es al­len recht ma­chen: Der jun­gen Ziel­grup­pe eben­so, wie den ver­eul­ten Re­dak­teu­ren der Öf­fent­lich-Recht­li­chen. Be­son­ders ner­vig sind da­bei die di­dak­ti­schen An­sät­ze. Ein biss­chen Zu­wen­dung und schon hebt der ge­ra­de noch re­spekt­lo­se Rotz­löf­fel im Un­ter­richt brav die Hand und fragt mit gro­ßen Au­gen „Was ist Dik­ta­tur?“ Er­klä­rung folgt, wie­der was ge­lernt – Bru­da, isch schwö­re!

INFOS ZUM FILM

Eng­li­scher Ti­tel „Win­ners“
Deutsch­land 2024
119 min
Re­gie So­leen Yu­sef
Bild © Ste­phan Bur­chardt / DCM

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BERLINALE 2024 – TAG EINS

BERLINALE 2024 – TAG EINS

„Menschen, die in metaphorischen Käfigen gefangen sind“ – unter diesem Gute-Laune-Motto steht laut künstlerischem Leiter Carlo Chatrian die diesjährige Auswahl der Wettbewerbsfilme. Und damit welcome, bienvenue und herzlich willkommen zu einer neuen Runde Berlinale. Für das glücklose Führungsduo Mariëtte & Carlo ist es die vorläufig letzte. Ab 2025 übernimmt Tricia Tuttle (keine name-jokes) und weckt schon bei ihrem ersten Auftritt die leise Hoffnung, dass das größte Publikumsfestival in Zukunft wieder etwas zugänglicher wird und weniger sperriges Kopfkino präsentiert. Aber jetzt erst mal Kaffee in den Körper und los geht’s mit dem Eröffnungsfilm:

Wettbewerb

SMALL THINGS LIKE THESE

Die ban­ge Fra­ge: Ist der Er­öff­nungs­film in die­sem Jahr wie­der be­son­ders schlecht? Ganz im Sin­ne Cha­tri­ans geht’s mit schwe­rer Kost los. Als Lie­fe­rant für ent­setz­li­che Ge­schich­ten ist die Kir­che stets ein ver­läss­li­cher Quell: In SMALL THINGS LI­KE THE­SE geht es nicht um He­xen­ver­bren­nung oder Kin­des­miss­brauch, son­dern um ein un­be­kann­te­res Ver­bre­chen. Das Dra­ma be­schäf­tigt sich mit den iri­schen „Mag­da­le­nen-Wä­sche­rei­en“. Das wa­ren Hei­me, die zwi­schen 1820 und Mit­te der 1990er-Jah­re von rö­misch-ka­tho­li­schen In­sti­tu­tio­nen be­trie­ben wur­den. Vor­geb­lich soll­ten dort „ge­fal­le­ne jun­ge Frau­en“ re­for­miert wer­den, in Wahr­heit wur­den sie miss­han­delt, aus­ge­beu­tet und ih­rer Kin­der be­raubt. Der Koh­le­händ­ler Bill Fur­long (Cil­li­an Mur­phy) kommt eher un­frei­wil­lig hin­ter die kor­rup­ten Ma­chen­schaf­ten des Klos­ters und weckt da­bei Er­in­ne­run­gen an sei­ne ei­ge­ne trau­ma­ti­sche Kind­heit.

Zu­ge­ge­be­ner­ma­ßen fällt es schwer, sich auf den Film zu kon­zen­trie­ren, wenn ne­ben­dran ein dau­er­kau­gum­mi­kau­en­der, han­dy­brum­men­der, reiß­ver­schluß­au­f­und­zu­ma­chen­der Zu­schau­er sitzt. Da wünscht man sich den stil­len Brü­ter Cil­li­an Mur­phy als Platz­nach­barn, der weint so­gar laut­los. Ist es zu früh zu pro­phe­zei­en, dass er den Bä­ren als bes­ter Schau­spie­ler be­kom­men könn­te?

SMALL THINGS LI­KE THE­SE ist er­wach­se­nes, erns­tes Ki­no, mit leich­ter Ten­denz ins Zä­he. Düs­ter und oh­ne je­de Leich­tig­keit, aber her­aus­ra­gend ge­spielt und in­sze­niert. Es gab bei Gott schon schlech­te­re Ber­li­nal­estarts.

INFOS ZUM FILM

Deut­scher Ti­tel „Klei­ne Din­ge wie die­se“
Ir­land / Bel­gi­en 2024
96 min
Re­gie Tim Mie­lants
Bild © Shane O’Connor

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PAST LIVES

PAST LIVES

Ab 17. August 2023 im Kino

Was wäre, wenn? Simple Entscheidungen können das Leben in dramatisch andere Richtungen wenden. Celine Songs zarte Liebesgeschichte über verpasste Chancen war der Publikumsliebling bei der Berlinale 2023.

Das kennt man aus der ei­ge­nen Kind­heit: El­tern zie­hen um, und schwups ver­schwin­det der bes­te Freund oder die bes­te Freun­din aus dem Le­ben. So geht es auch Hae Sung und No­ra, als de­ren Fa­mi­lie aus Süd­ko­rea in die USA emi­griert. 20 Jah­re spä­ter tref­fen sich die Kind­heits­freun­de in New York wie­der, wo No­ra in­zwi­schen mit ih­rem ame­ri­ka­ni­schen Mann lebt.

Das Fes­ti­val-Pu­bli­kum liebt PAST LI­VES

Mit PAST LI­VES – IN EI­NEM AN­DE­REN LE­BEN gibt Ce­li­ne Song ihr Ki­no­de­büt als Re­gis­seu­rin und Dreh­buch­au­to­rin und geht den schick­sal­haf­ten „Was wä­re, wenn…“-Fra­gen des Le­bens klug und be­rüh­rend auf den Grund. In den Haupt­rol­len spie­len die wun­der­ba­re Gre­ta Lee, Teo Yoo und John Ma­ga­ro.

Das Fes­ti­val-Pu­bli­kum liebt PAST LI­VES – in Ber­lin wie in Sun­dance. Und tat­säch­lich, beim The­ma ver­pass­te Chan­cen kann sich wohl je­der wie­der­fin­den … wä­re der Ju­gend­freund viel­leicht doch der bes­se­re Ehe­part­ner ge­we­sen? Aber nie­mand ist um­sonst da, wo er ist und hat den Men­schen ge­hei­ra­tet, den er ge­hei­ra­tet hat – so das Fa­zit des Films. Am En­de der be­rüh­ren­den Le­bens- und Lie­bes­ge­schich­te flie­ßen die Trä­nen. So­wohl auf der Lein­wand – als auch im Pu­bli­kum.

INFOS ZUM FILM

Ori­gi­nal­ti­tel „Past Li­ves“
USA 2022
106 min
Re­gie Ce­li­ne Song

al­le Bil­der © STU­DIO­CA­NAL

DAS LEHRERZIMMER

DAS LEHRERZIMMER

Ab 04. Mai 2023 im Kino

Zum Schreien: Horrorberuf Lehrer

Bun­des­kanz­ler Scholz warnt: „Das Land muss sich auf ei­nen zu­neh­men­den Leh­rer­man­gel vor­be­rei­ten. Das wird uns in den nächs­ten zehn Jah­ren um­trei­ben."

Der ge­ra­de auf der Ber­li­na­le ge­zeig­te Film DAS LEH­RER­ZIM­MER wird an die­sem Miss­stand we­nig än­dern. Im Ge­gen­teil. Schu­le und be­son­ders der Be­ruf des Leh­rers schei­nen der pu­re Hor­ror zu sein. İlk­er Ça­taks Film ist nä­her an ei­nem Psy­cho­thril­ler als ei­ner mun­te­ren So­zi­al­stu­die.

Je­der ge­gen je­den

„Was im Leh­rer­zim­mer pas­siert, bleibt im Leh­rer­zim­mer“, sagt Car­la No­wak (Leo­nie Be­nesch) in ei­nem In­ter­view mit der Schü­ler­zei­tung. Auch wenn das für die jun­ge Päd­ago­gin zu die­sem Zeit­punkt schon nur noch rei­ne Wunsch­vor­stel­lung ist. Ei­ni­ge ih­rer Kol­le­gen schau­en mit Ar­gus­au­gen auf ih­re al­ter­na­ti­ven Un­ter­richts­me­tho­den und ge­ben ihr zu ver­ste­hen, dass sie noch zu un­er­fah­ren für die Ar­beit mit pu­ber­tie­ren­den Kin­dern ist. Als es in der Schu­le zu ei­ner Rei­he von Dieb­stäh­len kommt und ei­ner ih­rer Schü­ler ver­däch­tigt wird, ist Car­la em­pört und be­schließt, der Sa­che selbst auf den Grund zu ge­hen.

Es wird düs­ter. Und dann noch düs­te­rer. Bald kämpft je­der ge­gen je­den. Schuld­zu­wei­sun­gen dro­hen Exis­ten­zen zu ver­nich­ten. Schü­ler wer­den in Ver­hö­ren „freund­lich“ auf­ge­for­dert, ih­re Mit­schü­ler zu de­nun­zie­ren. Die em­pör­ten El­tern to­ben, die Si­tua­ti­on es­ka­liert. Wer schon mal ei­nen Abend mit auf­ge­brach­ten He­li­ko­pter­el­tern ver­brin­gen muss­te, weiß: Über­trie­ben ist das nicht. Fle­cki Fle­cken­stein kann da­von ein Lied sin­gen. Ob al­ler­dings Schü­ler der­art wort­ge­wandt und cle­ver Er­wach­se­ne vor­füh­ren kön­nen, wie hier ge­zeigt, sei da­hin­ge­stellt. Da tut das Dreh­buch viel­leicht schlau­er als die Rea­li­tät.

Fa­zit: Nach dem Film ist man dank­bar, dass die Schul­zeit lan­ge vor­bei ist und höchs­tens in Alb­träu­men wie­der­kommt.

INFOS ZUM FILM

Deutsch­land 2022
98 min
Re­gie İlk­er Ça­tak

al­le Bil­der © Ala­mo­de Film

ROTER HIMMEL

ROTER HIMMEL

Ab 20. April 2023 im Kino

Der neue Petzold – nur auf den ersten Blick eine leichte Komödie

Die Ber­li­na­le 2023 war mal wie­der ein durch­wach­se­nes Ver­gnü­gen. Doch Chris­ti­an Pet­zold sei Dank, gab es mit RO­TER HIM­MEL ei­nen deut­schen Bei­trag, der mehr als nur okay war. Im ex­tra trü­ben Wett­be­werb leuch­te­te sein Film be­son­ders hell. 

Bei der Ber­li­na­le ge­wann Pet­zolds Film den Gro­ßen Preis der Ju­ry

Zwei Freun­de, der ei­ne Fo­to­graf, der an­de­re Schrift­stel­ler, ma­chen ein paar Ta­ge Ur­laub an der Ost­see. In ih­rem Fe­ri­en­haus tref­fen sie Nad­ja, die sich nachts mit Devid (im Os­ten gab es nicht nur Maiks), dem ört­li­chen Ret­tungs­schwim­mer ver­gnügt. Vier jun­ge Men­schen, von de­nen drei Spaß ha­ben, nur Le­on, der Schrift­stel­ler, quält sich. Die gu­te Lau­ne der an­de­ren lässt ihn im­mer mür­ri­scher wer­den, zu­mal ihm sein Ver­le­ger im Na­cken sitzt. Es ist Som­mer, um das Haus her­um brennt der Wald, der Him­mel färbt sich rot, bald reg­net es Asche.

RO­TER HIM­MEL ist der zwei­te Teil ei­ner Tri­lo­gie. Wie schon in UN­DI­NE plat­ziert Pet­zold mo­der­ne Cha­rak­te­re in ein mär­chen­haf­tes Set­ting. Dies­mal ins deut­sches­te al­ler deut­schen Mär­chen­set­tings: den Wald. Die Sym­bo­lik des al­les ver­schlin­gen­den Feu­ers für die lo­dern­den Ge­füh­le der vier jun­gen Men­schen er­drückt da­bei nicht. Das viel­schich­ti­ge Dra­ma wech­selt meis­ter­haft von leich­ter Ko­mö­die zu tief­grün­di­ger Tra­gö­die. Da­zu ei­ne aus­ge­zeich­ne­te Be­set­zung, vor al­lem Pau­la Beer als le­bens­fro­he Nad­ja und Tho­mas Schu­bert als mie­se­pe­tri­ger Le­on. Bei der Ber­li­na­le ge­wann Pet­zolds Film den Gro­ßen Preis der Ju­ry.

INFOS ZUM FILM

Deutsch­land 2023
102 min
Re­gie Chris­ti­an Pet­zold

al­le Bil­der © Piffl Me­di­en

IRGENDWANN WERDEN WIR UNS ALLES ERZÄHLEN

IRGENDWANN WERDEN WIR UNS ALLES ERZÄHLEN

Ab 13. April 2023 im Kino

Emily Atefs Berlinale-Beitrag: Es gibt ihn noch, den typisch deutschen Problemfilm.

Som­mer 1990. Ein Bau­ern­hof an der ehe­ma­li­gen deutsch-deut­schen Gren­ze. Jo­han­nes hat für sei­ne Freun­din Ma­ria und sich den Dach­bo­den bei sei­nen El­tern zum klei­nen Idyll ge­macht. Ma­ria liest Dos­to­jew­ski, streift durch die Wie­sen und wid­met sich auch sonst dem sü­ßen Nichts­tun. Ih­re Be­geg­nung mit Hen­ner, dem um ei­ni­ges äl­te­ren Nach­barn, macht der Be­schau­lich­keit ein En­de. Ei­ne tra­gi­sche Lie­be nimmt ih­ren Lauf.

IR­GEND­WANN WER­DEN WIR UNS AL­LES ER­ZÄH­LEN ge­hört in die Ka­te­go­rie Fil­me, bei de­nen schon nach we­ni­gen Mi­nu­ten klar ist, dass man sich we­der für die Fi­gu­ren noch ih­re de­pri­mie­ren­den Pro­ble­me in­ter­es­siert. Das höl­zern ge­spiel­te Dra­ma von der ver­bo­te­nen Lie­be ver­läuft er­eig­nis­los und zieht sich über 129 Mi­nu­ten wie Kau­gum­mi. Von der Dra­ma­tik des Trai­lers ist im Film we­nig zu spü­ren. Se­hens­wert sind in die­sem deut­schen Ber­li­na­le-Wett­be­werbs­bei­trag ein­zig die som­mer­li­chen Land­schaf­ten Ost­deutsch­lands. Er­nüch­tern­des Fa­zit: Es gibt ihn noch, den ty­pisch deut­schen Pro­blem­film.

INFOS ZUM FILM

Deutsch­land 2023
129 min
Re­gie Emi­ly Atef

al­le Bil­der © Pan­do­ra Film

SISI UND ICH

SISI UND ICH

Kinostart 30. März 2023

Si­si hier, Si­si da, Si­si wo man hin­schaut. Ih­re kai­ser­li­che Om­ni­prä­senz gibt sich schon wie­der die Eh­re. Ne­ben di­ver­sen Net­flix- und RTL-Se­ri­en war zum The­ma zu­letzt der ös­ter­rei­chi­sche Os­c­ar­bei­trag COR­SA­GE im Ki­no zu se­hen.

Wil­de Neu­in­ter­pre­ta­ti­on des viel­erzähl­ten My­thos

Ir­ma Grä­fin von Sz­tá­ray be­wirbt sich als Hof­da­me von Kai­se­rin Eli­sa­beth von Ös­ter­reich-Un­garn. Doch das Cas­ting ist nicht oh­ne: Erst schlägt ihr die ge­stren­ge Mut­ter die Na­se blu­tig, dann wird sie wie ein Stück Vieh un­ter­sucht und ver­hört. End­lich aus­er­wählt, kom­men sich die Grä­fin und die Kai­se­rin auf Sis­is Som­mer­sitz auf Kor­fu schnell nah.

SI­SI UND ICH ist all das, was COR­SA­GE ger­ne ge­we­sen wä­re. Ei­ne wil­de Neu­in­ter­pre­ta­ti­on des viel­erzähl­ten My­thos. Gro­tesk und sehr ko­misch. Su­san­ne Wolff und San­dra Hül­ler sind schlicht­weg gran­di­os, Lo­ca­ti­ons und Kos­tü­me er­le­sen, und das Gan­ze wird von ei­nem über­ra­schend mo­der­nen Sound­track zwi­schen Ni­co und Port­is­head be­glei­tet. Sehr ge­lun­gen.

INFOS ZUM FILM

Deutsch­land / Schweiz / Ös­ter­reich 2023
132 min
Re­gie Frau­ke Fins­ter­wal­der

al­le Bil­der © DCM

DIE FABELMANS

DIE FABELMANS

Kinostart 09. März 2023

Ste­ven Spiel­berg ist in Hoch­form und kei­ner will es se­hen. Wie schon zu­letzt sei­ne Neu­ver­fil­mung der WEST SI­DE STO­RY ist auch DIE FA­BEL­MANS an den ame­ri­ka­ni­schen Ki­no­kas­sen ge­floppt. Fil­me für Er­wach­se­ne funk­tio­nie­ren nicht mehr, unkt die US-Pres­se. Da­bei soll­te man ge­ra­de Fil­me wie DIE FA­BEL­MANS im Ki­no auf der gro­ßen Lein­wand se­hen. Nicht nur we­gen Ja­nusz Ka­mińskis ma­gi­schen Bil­dern, son­dern weil die 151 Mi­nu­ten lan­ge Kind­heits- und Ju­gend­er­in­ne­rung Spiel­bergs ei­nen Sog ent­fal­tet, dem man sich oh­ne Ab­len­kung hin­ge­ben muss.

Mi­chel­le Wil­liams wird als Kan­di­da­tin für den Os­car ge­han­delt

Ce­cil B. De­Mil­les THE GREA­TEST SHOW ON EARTH öff­net dem klei­nen Sam die Au­gen, be­son­ders ei­ne Kol­li­si­ons­sze­ne mit zwei Zü­gen und ei­nem Au­to. Zu Hau­se stellt er das Un­glück mit Spiel­zeug nach. Sei­ne Mut­ter bringt ihn auf die Idee, das Gan­ze zu fil­men, da­mit er es sich so oft an­se­hen kann, wie er will. Voi­là. Das ers­te Werk des Jung­re­gis­seurs ist fer­tig. In im­mer auf­wän­di­ge­ren Pro­duk­tio­nen setzt er bald sei­ne Schwes­tern und Freun­de in Sze­ne. Wäh­rend sich sei­ne El­tern mehr und mehr aus­ein­an­der­le­ben, hat Sam Fa­bel­man sei­ne Be­stim­mung ge­fun­den: das Fil­me­ma­chen.

Groß­ar­tig: Ga­bri­el La­Bel­le als jun­ger Sam­my Fa­bel­man aka Ste­ven Spiel­berg und Judd Hirsch in ei­ner Gast­rol­le als schrä­ger On­kel Bo­ris. Mi­chel­le Wil­liams, die die Mut­ter spielt, wird als Kan­di­da­tin für den Os­car ge­han­delt. Für ih­re Ge­samt­leis­tung hät­te sie es ver­dient, ob­wohl sie in man­chen Sze­nen der­ma­ßen über­dreht spielt, dass man sich fragt: Ist das noch Schau­spiel­kunst oder schon Over­ac­ting?

Im Ja­nu­ar die­sen Jah­res ge­wann THE FA­BEL­MANS den Gol­den Glo­be als bes­tes Dra­ma. Er ha­be sich lan­ge nicht ge­traut, so ei­ne per­sön­li­che Ge­schich­te zu er­zäh­len, sagt der Re­gis­seur bei der Preis­ver­lei­hung. Quatsch, denn den viel per­sön­li­che­ren Film über die Ängs­te sei­ner Kind­heit hat er schon vor 40 Jah­ren ge­dreht: ET.

INFOS ZUM FILM

Ori­gi­nal­ti­tel „The Fa­bel­mans“
USA 2022
151 min
Re­gie Ste­ven Spiel­berg

al­le Bil­der © Uni­ver­sal Pic­tures In­ter­na­tio­nal Ger­ma­ny

SONNE UND BETON

SONNE UND BETON

Kinostart 02. März 2023

Ber­lin, Som­mer 2003: Lu­kas, Ju­li­us, Gi­no und San­chez – vier Jungs, die je­de Men­ge Scheiß bau­en und de­nen je­de Men­ge Scheiß wi­der­fährt. Muss das sein, die­se vul­gä­re Spra­che? Ja, denn in "Gro­pi­us" auf­zu­wach­sen ist nichts für Weich­ei­er. Gangs­ter oder Op­fer. Hier gilt: Der Klü­ge­re tritt nach. An Dro­gen und Schlä­ge­rei­en kommt kei­ner vor­bei. Die Spra­che ist so rau wie die vier min­der­jäh­ri­gen Klein­gangs­ter, die drin­gend 500 € klar ma­chen müs­sen, sonst gibts Schlä­ge von den Ara­bern.

Ir­gend­wo zwi­schen EIS AM STIEL und 4 BLOCKS

Dig­ger, ich schwö­re, ich zer­fi­cke dir dein Ge­sicht. Her­zi­ge Dia­lo­ge wie die­ser wer­fen die in­ter­es­san­te Fra­ge auf: Ha­ben Ju­gend­li­che in den Nuller-Jah­ren wirk­lich schon der­art pe­ne­trant ge­dig­gert wie heu­te? Dass mitt­ler­wei­le 10-Jäh­ri­ge „Dig­gi“ schwa­felnd durch die Stra­ßen lau­fen, schlimm ge­nug. Aber vor 20 Jah­ren? Man kann sich bei der Ge­le­gen­heit oh­ne­hin fra­gen, wes­halb Re­gis­seur Da­vid Wn­endt die Ge­schich­te nicht in die Jetzt­zeit ver­legt hat. Alt­mo­di­sche Han­dys und ein paar Nach­rich­ten­bil­der von Kanz­ler Schrö­der sind die ein­zi­gen Hin­wei­se auf die An­fang-Tau­sen­der und ha­ben kei­nen ech­ten Mehr­wert.

Fe­lix Lo­b­recht zählt zu den ge­fei­ertsten Co­me­di­ans des Lan­des, füllt mit sei­nen Shows die größ­ten Sta­di­en und „Ge­misch­tes Hack“ hat so­wie­so je­der schon ein­mal ge­hört, der sich für Pod­casts in­ter­es­siert. Die mas­sen­kom­pa­ti­ble Ver­fil­mung sei­nes Best­sel­lers SON­NE UND BE­TON liegt ir­gend­wo zwi­schen EIS AM STIEL und 4 BLOCKS für Ju­gend­li­che. Biss­chen doof, biss­chen ner­vig, trotz­dem lus­tig und sehr kurz­wei­lig.

INFOS ZUM FILM

Deutsch­land 2023
119 min
Re­gie Da­vid Wn­endt

al­le Bil­der © Con­stan­tin Film Ver­leih

WANN WIRD ES ENDLICH WIEDER SO SEIN, WIE ES NIE WAR

WANN WIRD ES ENDLICH WIEDER SO SEIN, WIE ES NIE WAR

seit 23. Februar 2023 im Kino

Ei­ne et­was an­de­re Kind­heit: Jos­se wächst auf dem Ge­län­de ei­ner psych­ia­tri­schen Kli­nik auf. Für den jüngs­ten Sohn von Di­rek­tor Mey­er­hoff (Devid Strie­sow) ge­hö­ren die kör­per­lich und geis­tig Be­hin­der­ten qua­si zur Fa­mi­lie. Am bes­ten schläft er, wenn er nachts die Schreie der Pa­ti­en­ten hört. Viel­leicht weil er selbst im­mer wie­der Tob­suchts­an­fäl­le be­kommt. Dann set­zen ihn die El­tern auf die Wasch­ma­schi­ne. Das Schleu­dern be­ru­higt den hy­per­sen­si­blen Jun­gen.

Er­grei­fend und voll ab­sur­der Mo­men­te

Kann man die mitt­ler­wei­le fünf au­to­bio­gra­fi­schen Ro­ma­ne Joa­chim Mey­er­hoffs über­haupt ver­fil­men? Ja, man kann. Ko­misch, er­grei­fend und voll ab­sur­der Mo­men­te: Son­ja Heiss hat die 70er-Jah­re Stim­mung des zwei­ten Bands der Le­bens­er­in­ne­run­gen des Schau­spie­lers punkt­ge­nau ein­ge­fan­gen. Da­bei sind die Fi­gu­ren nicht ein­mal so be­setzt, wie man sich das viel­leicht beim Le­sen vor­stellt. Aber dank der stim­mi­gen In­sze­nie­rung und dem her­vor­ra­gen­den Spiel taucht man schnell in die Welt der schrä­gen Fa­mi­lie ein.

Joa­chim Mey­er­hoff er­zählt in sei­nen Bü­chern kei­ne klas­sisch auf­ge­bau­te Ge­schich­te, son­dern reiht Er­in­ne­run­gen und Be­ge­ben­hei­ten lo­se an­ein­an­der. Klei­ner Wer­muts­trop­fen: Der Stoff hät­te lo­cker für ei­ne Fern­seh­se­rie ge­reicht. Gan­ze vier­mal wech­selt der Schau­spie­ler des Jos­se: vom Kind zum Teen­ager bis zum jun­gen Mann. Das geht dann doch ein biss­chen zu schnell. Trotz­dem: WANN WIRD ES END­LICH WIE­DER SO, WIE ES NIE WAR ist die ge­lun­ge­ne Ver­fil­mung ei­nes un­ver­film­ba­ren Buchs, hof­fent­lich mit Fort­set­zung.

INFOS ZUM FILM

Deutsch­land 2023
116 min
Re­gie Son­ja Heiss

al­le Bil­der © War­ner Bros. Pic­tures Ger­ma­ny

BERLINALE 2023 – FINALE

BERLINALE 2023 – FINALE

Zeit für ein Fa­zit:
Frau­en rau­chen im Ki­no wie die Schlo­te (Gol­da, In­ge­borg, etc.).
THE PLAY­CE ist ab­scheu­lich.
Die S‑Bahn fährt wie­der.
Statt Schnee war Re­gen.
Bau­stel­len sind kein Er­satz für Gla­mour.
Der dies­jäh­ri­ge Wett­be­werb hat­te so viel an­stren­gen­des Art­house­ki­no wie noch nie.
Frame­ra­te hät­te TÓ­TEM oder RO­TER HIM­MEL den gol­de­nen Bä­ren ge­gönnt.
Und tat­säch­lich ge­won­nen ha­ben:

Goldener Bär FILM

Nicolas Philibert – SUR L'ADAMANT

Auch ein Do­ku­men­tar­film un­ter­liegt ge­wis­sen dra­ma­tur­gi­schen Ge­set­zen und steht und fällt mit sei­nem Cast. Und der ist auf der Ada­mant lei­der nicht be­son­ders in­ter­es­sant. Phi­li­berts schlicht ge­mach­ter Film über das Nar­ren­schiff bie­tet we­nig Er­hel­len­des für den Zu­schau­er. Der viel bes­se­re Film mit (ech­ten) Ver­rück­ten lief in der Sek­ti­on Ge­ne­ra­ti­on: WANN WIRD ES END­LICH WIE­DER SO SEIN, WIE ES NIE WAR

Silberner Bär GROSSER JURYPREIS

Christian Petzold – ROTER HIMMEL

Im ex­tra trü­ben Wett­be­werb leuch­tet RO­TER HIM­MEL be­son­ders hell. Wie schon in UN­DI­NE plat­ziert Pet­zold mo­der­ne Cha­rak­te­re in ein mär­chen­haf­tes Set­ting. Leich­te Ko­mö­die mit Tief­gang.

Silberner Bär JURYPREIS

João Canijo – MAL VIVER

In dem 127 Mi­nu­ten lan­gen Film­ju­wel aus Por­tu­gal gif­ten sich fünf un­sym­pa­thi­sche Frau­en in ei­nem leer ste­hen­den Ho­tel an. Am En­de sind al­le tot. Lei­der ganz oh­ne Witz oder we­nigs­tens Camp er­zählt.

Silberner Bär REGIE

Philippe Garrel – LE GRAND CHARIOT

Schon in­ter­es­sant, wie man nach ein paar Ta­gen Ber­li­na­le ei­nen Film über ein Pup­pen­thea­ter als bei­na­he main­strea­mig wahr­nimmt. Ge­ball­tes Art­house in all sei­nen Schat­tie­run­gen hin­ter­lässt eben sei­ne Spu­ren im Hirn.

Silberner Bär HAUPTROLLE

Sofía Oter – 20.000 SPECIES OF BEES

Das Fea­ture­de­büt der Spa­nie­rin Es­ti­ba­liz Ur­re­so­la So­la­gu­ren ist ein net­ter Kin­der­film mit rei­zen­der Be­set­zung und lo­bens­wer­tem An­lie­gen. Die Nicht­hand­lung vom Jun­gen, der ein Mäd­chen sein möch­te, hät­te sich lo­cker in ei­nem Drit­tel der Zeit we­ger­zäh­len las­sen.

Silberner Bär NEBENROLLE

Thea Ehre – BIS ANS ENDE DER NACHT

Die be­müh­te Lie­bes­ge­schich­te zwi­schen schwu­lem Cop und Trans­frau bleibt von der ers­ten bis zur letz­ten Mi­nu­te un­glaub­wür­dig. Thea Eh­res lai­en­haf­tes Spiel wur­de mit dem Sil­ber­nen Bä­ren aus­ge­zeich­net.

Silberner Bär DREHBUCH

Angela Schanelec – MUSIC

Ech­tes Kopf­ki­no. Im Sin­ne von: to­tal ver­kopft. Der sil­ber­ne Bär für das bes­te Dreh­buch. Aus­ge­rech­net für ei­nen Film, den wirk­lich nie­mand ver­steht.

Silberner Bär KAMERA

Hélène Louvart – DISCO BOY

DIS­CO BOY ist ein ver­film­ter Fie­ber­traum. Es ist al­les selt­sam im Lang­film­de­büt des ita­lie­ni­schen Re­gis­seurs Gi­a­co­mo Ab­bruz­ze­se. Aber selt­sam heißt in die­sem Fall gut.

BERLINALE 2023 – TAG 9

BERLINALE 2023 – TAG 9

Frei nach He­ri­bert Faß­ben­der: „Sie soll­ten die Ber­li­na­le nicht zu früh ab­schal­ten. Es kann noch schlim­mer wer­den.“ Ma­chen wir uns nicht län­ger was vor, Car­lo Cha­tri­an ver­folgt als künst­le­ri­scher Lei­ter ei­nen per­fi­den Plan: Er will aus dem ehe­ma­li­ge A‑Festival ein Au­toren­film­fes­ti­val ma­chen. Wie er das an­stellt? Ganz ein­fach: Fil­me, die bis­her in der un­schau­ba­ren Sek­ti­on Fo­rum lie­fen, wer­den jetzt im Wett­be­werb ge­zeigt. Man kann nur hof­fen, dass der all­ge­mei­ne Frust­auf­schrei über die fort­schrei­ten­de Ver­kop­fung nicht un­ge­hört bleibt. Ret­tet die Un­ter­hal­tung!

WETTBEWERB

BIS ANS ENDE DER NACHT

Der Pres­se­text macht Angst: "Ein ge­wief­ter Plot, der pu­res Os­zil­lie­ren ist. Ein geist­rei­ches Ve­xier­bild des Emo-In­tel­lekts. Ein Film wie ei­ne Mö­bi­us­schlei­fe aus Gen­re- und Au­toren­ki­no."
Kom­pli­zier­te Wor­te für ei­ne ein­fa­che Ge­schich­te: Ro­bert ist ver­deck­ter Er­mitt­ler. Über die fin­gier­te Be­zie­hung mit der Trans­frau Le­ni soll er das Ver­trau­en ei­nes In­ter­net-Dro­gen­händ­lers ge­win­nen.

BIS ANS EN­DE DER NACHT ent­täuscht auf meh­re­ren Ebe­nen. Die be­müh­te Lie­bes­ge­schich­te zwi­schen dem schwu­len Cop und Le­ni bleibt von der ers­ten bis zur letz­ten Mi­nu­te un­glaub­wür­dig. Es mag an der man­geln­den Che­mie oder dem lai­en­haf­ten Spiel von Thea Eh­re lie­gen. Auch als Kri­mi ist es nur durch­schnitt­li­che Tat­ort­wa­re. Ein paar wit­zi­ge Dia­lo­ge ge­hen in pein­li­chen, tief­sin­nig ge­mein­ten Be­zie­hungs­ge­sprä­chen un­ter. Po­si­tiv zu ver­mer­ken an Chris­toph Hoch­häus­lers os­zil­lie­ren­der Mö­bi­us-Emo-Schlei­fe: Sie hat mehr Hand­lung als al­le an­de­ren Wett­be­werbs­fil­me zu­sam­men und Ti­mo­cin Zieg­ler ist sehr über­zeu­gend als har­ter Bul­le mit wei­chem Kern.

Deutsch­land 2023
123 min
Re­gie Chris­toph Hoch­häus­ler 
Bild © Hei­mat­film

WETTBEWERB

ART COLLEGE 1994

Die Kraft der Sug­ges­ti­on: Wenn al­le, die ihn schon ge­se­hen ha­ben, be­haup­ten, ART COL­LEGE 1994 sei der schlech­tes­te Film im Wett­be­werb, dann sind die Er­war­tun­gen in den Kel­ler ge­schraubt. Aber Über­ra­schung: Liu Ji­ans 2D-Zei­chen­trick­film über ein paar Sla­cker im Chi­na der frü­hen 90er-Jah­re ist bes­ser als ge­dacht.

Es ist der zwei­te Zei­chen­trick­film in die­sem Wett­be­werb. Wäh­rend SU­ZU­ME ein ech­ter crowd plea­ser mit bun­ten Bil­dern und über­wäl­ti­gen­der Ton­spur ist, er­in­nert ART COL­LEGE 1994 eher an ei­ne Fin­ger­übung des Sla­cker­spe­zia­lis­ten Ri­chard Link­la­ter, nur eben auf Chi­ne­sisch.

Der Fil­me­ma­cher und Ma­ler Liu Ji­an er­zählt von sei­ner ei­ge­nen Ju­gend zu ei­ner Zeit, als sich das Reich der Mit­te lang­sam dem Wes­ten öff­net. Ein Film von ei­nem ehe­ma­li­gen Kunst­stu­den­ten über Kunst­stu­den­ten? Klar, das ist schon sehr selbst­re­fe­ren­zi­ell. Und nach ei­ner Stun­de be­ginnt sich die er­eig­nis­lo­se Hand­lung mit Dia­lo­gen über Exis­ten­zia­lis­mus, das Le­ben und Mäd­chen zu zie­hen. Zum Glück wur­de ART COL­LEGE 1994 im un­ge­müt­li­chen Ber­li­na­le Pa­last ge­zeigt und nicht im herr­lich be­que­men Ci­ne­ma­xX. Sonst wä­re man viel­leicht doch noch weg­ge­ratzt.

Chi­na 2023
118 min
Re­gie Liu Ji­an
Bild © Nez­ha Bros. Pic­tures Com­pa­ny Li­mi­t­ed, Bei­jing Mo­dern Sky Cul­tu­re De­ve­lo­p­ment Co., Ltd

WETTBEWERB

SUR L’ADAMANT

Do­ku­men­tar­fil­me ha­ben im Wett­be­werbs­pro­gramm Tra­di­ti­on, 2018 ge­wann TOUCH ME NOT so­gar den Gol­de­nen Bä­ren. Im bes­ten Fall ent­lässt ei­ne gut ge­mach­te Do­ku den Zu­schau­er ein biss­chen schlau­er in die Welt. Dass seit 2010 mit­ten in Pa­ris ein Schiff auf der Sei­ne an­kert, auf dem psy­chisch Kran­ke be­han­delt wer­den – wer hät­te es ge­wusst? In sei­ner Lang­zeit­be­ob­ach­tung lässt Re­gis­seur Ni­co­las Phi­li­bert die Pa­ti­en­ten der Ta­ges­kli­nik zu Wort kom­men.

Auch ein Do­ku­men­tar­film un­ter­liegt ge­wis­sen dra­ma­tur­gi­schen Ge­set­zen und steht und fällt mit sei­nem Cast. Und der ist auf der Ada­mant lei­der nicht be­son­ders in­ter­es­sant. Phi­li­berts schlicht ge­mach­ter Film über das Nar­ren­schiff bie­tet we­nig Er­hel­len­des für den Zu­schau­er. Wem der Sinn nach ech­tem Wahn­sinn steht, dem sei ein Spa­zier­gang durch Ber­lins Stra­ßen an je­dem x‑beliebigen Tag emp­foh­len.

Frank­reich / Ja­pan 2022
109 min
Re­gie Ni­co­las Phi­li­bert
Bild © TS Pro­duc­tion / Lon­gri­de

BERLINALE 2023 – TAG 8

BERLINALE 2023 – TAG 8

Vor­letz­ter Tag! Ist es nur Ein­bil­dung, oder dau­ert die Ber­li­na­le in die­sem Jahr län­ger als ir­gend­ei­ne Ber­li­na­le je­mals zu­vor. Viel­leicht liegt es auch an der Wett­be­werbs­aus­wahl. We­nigs­tens hat RO­TER HIM­MEL ges­tern et­was Hoff­nung ge­macht. Heu­te gibts drei Fil­me mit drei Ster­nen. Ein durch­schnitt­li­cher Tag auf ei­ner durch­schnitt­li­chen Ber­li­na­le.

WETTBEWERB

LIMBO

Nein, das ist kei­ne Fort­set­zung von BREA­KING BAD und das ist auch nicht Wal­ter White, der da in den aus­tra­li­schen Out­backs an sei­nem Wa­gen lehnt. Tra­vis Hur­ley heißt der Dop­pel­gän­ger und macht sich dar­an, den Fall ei­ner vor 20 Jah­ren er­mor­de­ten Ab­ori­gi­nes-Frau neu auf­zu­rol­len. Er stößt auf ei­ne Mau­er des Schwei­gens, denn Hur­ley ist weiß und die Wahr­heit kom­pli­ziert.

Zum Ein­schla­fen braucht er abends ei­ne Sprit­ze He­ro­in. Si­mon Bak­er spielt den stoi­schen Cop als ge­bro­che­ne Fi­gur. Kno­chen­tro­cken, wie die Land­schaft, in der er er­mit­telt. Re­gis­seur Ivan Sen hat die kar­ge, von Opal-Mi­nen zer­klüf­te­te Wüs­te in stren­gen Schwarz-Weiß-Bil­dern wir­kungs­voll in Sze­ne ge­setzt. LIM­BO funk­tio­niert als hu­mor­be­frei­te Ver­si­on ei­nes Coen-Brot­hers-Films, als Cop-Mo­vie und als Por­trät ei­ner ver­lo­re­nen Ge­sell­schaft.

Aus­tra­li­en 2023
95 min
Re­gie Ivan Sen
Bild © Bu­nya Pro­duc­tions

WETTBEWERB

PAST LIVES

Das kennt man aus der Kind­heit: El­tern zie­hen um, und schwupps ver­schwin­det der bes­te Freund oder die bes­te Freun­din aus dem Le­ben. So geht es auch Hae Sung und No­ra, als de­ren Fa­mi­lie aus Süd­ko­rea emi­griert. 20 Jah­re spä­ter tref­fen sich die Kind­heits­freun­de in New York wie­der, wo No­ra mit ih­rem ame­ri­ka­ni­schen Mann lebt.

Das Pu­bli­kum liebt PAST LI­VES – in Ber­lin wie in Sun­dance. Und tat­säch­lich, beim The­ma ver­pass­te Chan­cen kann sich wohl je­der wie­der­fin­den… wä­re der Ju­gend­freund viel­leicht doch der bes­se­re Ehe­part­ner ge­we­sen? Aber nie­mand ist um­sonst da, wo er ist und hat den Men­schen ge­hei­ra­tet, den er ge­hei­ra­tet hat – so das la­pi­da­re Fa­zit des Films. Für ei­ni­ge Trä­nen reich­te es am En­de. So­wohl auf der Lein­wand – als auch im Pu­bli­kum.

USA 2022
105 min
Re­gie Ce­li­ne Song
Bild © Jon Pack

SPECIAL GALA

TÁR

#Me­Too an­ders­rum: TÁR er­zählt die fik­ti­ve Ge­schich­te von Ly­dia Tár (Ca­te Blan­chett), die als ers­te Chef­di­ri­gen­tin der Ber­li­ner Phil­har­mo­ni­ker das Vor­spie­len weib­li­cher Ta­len­te mit ih­ren pri­va­ten In­ter­es­sen ver­mischt. Die­ser Macht­miss­brauch scha­det auf Dau­er so­wohl ih­rer Ehe als auch ih­rer Kar­rie­re.

Die an­spruchs­vol­le Rol­le ist Ca­te Blan­chett auf den Leib ge­schrie­ben, sie do­mi­niert den Film. Gan­ze 158 Mi­nu­ten lang. TÁR ist in vie­ler­lei Hin­sicht an­zu­mer­ken, dass Todd Field in sei­ner drit­ten Re­gie­ar­beit nach 16-jäh­ri­ger Schaf­fens­pau­se ein im­menses Mit­tei­lungs­be­dürf­nis hat: Künst­ler­por­trät, #Me­Too, kon­zer­tan­tes Ma­king-of, Selbst­mord, Schul­hof­mob­bing, Al­ters­ar­mut – um nur ei­ni­ge The­men zu nen­nen. Ein in­tel­lek­tu­ell an­spruchs­vol­ler Film, der be­acht­li­chen Er­folg bei der Kri­tik, mut­maß­lich we­ni­ger beim un­ter­hal­tungs­af­fi­nen Pu­bli­kum ha­ben dürf­te.

USA 2022
158 min
Re­gie Todd Field
Bild © Uni­ver­sal Pic­tures In­ter­na­tio­nal Ger­ma­ny

WETTBEWERB

SUZUME

Ein jun­ges Mäd­chen, ei­ne spre­chen­de Kat­ze und ein gel­ber Ho­cker sind die Stars von Ma­ko­to Shin­kais Wett­be­werbs­film. Die 17-jäh­ri­ge Su­zu­me öff­net ver­se­hent­lich die Tür zu ei­ner an­de­ren Welt. Über­all in Ja­pan öff­nen sich dar­auf­hin wei­te­re Tü­ren, hin­ter de­nen sich ein tod­brin­gen­der Rie­sen­wurm ver­birgt.

Nach Ta­gen des Ge­me­ckers über zu in­tel­lek­tu­el­les Kunst­ki­no im Wett­be­werb nun die­ser ani­mier­te Ac­tion­kra­cher aus Ja­pan. Mit Schau­spie­lern aus Fleisch und Blut könn­te das auch die neu­es­te Pro­duk­ti­on der Mar­vel-Stu­di­os sein. Ani­me­fans wer­den be­geis­tert sein, für nor­ma­le Zu­schau­er er­schließt sich der Reiz der rie­sen­äu­gi­gen, na­sen­lo­sen Zei­chen­trick­fi­gu­ren nur be­dingt. SU­ZU­ME ist gro­ßer Kitsch, schön bunt, hat Hu­mor und be­ein­druckt mit epi­schen Bil­dern. Was das al­les mit der Su­se zu tun hat, bleibt ein Rät­sel.

Suse

Ja­pan 2022
121 min
Re­gie Ma­ko­to Shin­kai
Bild © 2022 "Su­zu­me" Film Part­ners

BERLINALE 2023 – TAG 7

BERLINALE 2023 – TAG 7

Mor­gens auf dem Weg zum Pots­da­mer Platz beng­lisht die Tram­fah­re­rin die Fahr­gäs­te an: "Wir krie­jen die Tür nich zu, wenn­se am Hal­te­push klebn!“ Hal­te­push für Stop-Knopf! Das hat sich be­stimmt die BVG-Mar­ke­ting­ab­tei­lung aus­ge­dacht. Nie war Ber­lin in­ter­na­tio­na­ler!

WETTBEWERB

ROTER HIMMEL

Chris­ti­an Pet­zold sei Dank – end­lich ein Film, der mehr als nur okay ist. Im ex­tra trü­ben Wett­be­werb leuch­tet RO­TER HIM­MEL be­son­ders hell. Ein Top-Fa­vo­rit für den Gol­de­nen Bä­ren.

Zwei Freun­de, der ei­ne Fo­to­graf, der an­de­re Schrift­stel­ler, ma­chen ein paar Ta­ge Ur­laub an der Ost­see. In ih­rem Fe­ri­en­haus tref­fen sie Nad­ja, die sich nachts mit Devid (im Os­ten gab es nicht nur Maiks), dem ört­li­chen Ret­tungs­schwim­mer ver­gnügt. Vier jun­ge Men­schen, von de­nen drei Spaß ha­ben, nur Le­on, der Schrift­stel­ler quält sich. Die gu­te Lau­ne der an­de­ren lässt ihn im­mer mür­ri­scher wer­den. Es ist Som­mer, um das Haus her­um brennt der Wald, der Him­mel färbt sich rot, bald reg­net es Asche.

RO­TER HIM­MEL ist der zwei­te Teil ei­ner Tri­lo­gie. Wie schon in UN­DI­NE plat­ziert Pet­zold mo­der­ne Cha­rak­te­re in ein mär­chen­haf­tes Set­ting. Dies­mal ins deut­sches­te al­ler deut­schen Mär­chen­set­tings: den Wald. Die Sym­bo­lik des al­les ver­schlin­gen­den Feu­ers für die Qua­len des Au­tors er­drückt da­bei nicht, der Ton bleibt leicht. Da­zu ei­ne aus­ge­zeich­ne­te Be­set­zung, vor al­lem Pau­la Beer als le­bens­fro­he Nad­ja und Tho­mas Schu­bert als mie­se­pe­tri­ger Le­on.

Deutsch­land 2023
102 min
Re­gie Chris­ti­an Pet­zold
Bild © Chris­ti­an Schulz / Schramm Film

WETTBEWERB

20.000 SPECIES OF BEES

Der acht­jäh­ri­ge Ai­tor ist ge­nervt. Stän­dig wird es mit sei­nem Na­men an­ge­re­det. Viel lie­ber hät­te er ei­nen Mäd­chen­na­men. Im Som­mer­ur­laub auf dem Land ver­traut sich das Kind sei­ner bie­nen­züch­ten­den Tan­te an.

Die Ber­li­na­le neigt sich lang­sam ih­rem En­de ent­ge­gen und es gab bis­her noch kei­nen gen­der­flui­den Film im Wett­be­werb! Auf­tritt der 20.000 Bie­nen. Das Fea­ture­de­büt der Spa­nie­rin Es­ti­ba­liz Ur­re­so­la So­la­gu­ren ist ein net­ter Kin­der­film mit rei­zen­der Be­set­zung und lo­bens­wer­tem An­lie­gen. Die Nicht­hand­lung vom Jun­gen, der ein Mäd­chen sein möch­te, hät­te sich lo­cker in ei­nem Drit­tel der Zeit we­ger­zäh­len las­sen.

Ori­gi­nal­ti­tel „20.000 espe­ci­es de abe­jas“
Spa­ni­en 2023
125 min
Re­gie Es­ti­ba­liz Ur­re­so­la So­la­gu­ren
Bild © Ga­ri­za Films, Ini­cia Films

WETTBEWERB

MAL VIVER

MAL VI­VER heißt auf Deutsch über­setzt „Kaum Le­ben“. Das ist es auch, was der Zu­schau­er schon nach we­ni­gen Mi­nu­ten emp­fin­det, der die­sen Wett­be­werbs­bei­trag se­hen darf. Wor­um gehts? Um Müt­ter, die nicht fä­hig sind, ih­re Töch­ter zu lie­ben, die wie­der­um nicht fä­hig sind, Müt­ter zu sein.

In dem 127 Mi­nu­ten lan­gen Film­ju­wel aus Por­tu­gal gif­ten sich fünf un­sym­pa­thi­sche Frau­en in ei­nem leer ste­hen­den Ho­tel an. Am En­de sind al­le tot. Lei­der ganz oh­ne Witz oder we­nigs­tens Camp er­zählt.

Por­tu­gal / Frank­reich 2023
127 min
Re­gie João Ca­ni­jo
Bild © Mi­das Fil­mes

BERLINALE SPECIAL

GOLDA

Kip­pen und Kaf­fee. Die no­to­ri­sche Ket­ten­rau­che­rin Gol­da Meir war die ers­te Frau im is­rae­li­schen Mi­nis­ter­prä­si­di­al­amt. GOL­DA er­zählt vom Jom-Kip­pur-Krieg 1973. Un­ter Meirs Füh­rung ge­wann Is­ra­el zwar ge­gen Ägyp­ten und Sy­ri­en, doch Tau­sen­de be­zahl­ten da­für mit ih­rem Le­ben.

Ein or­dent­lich ge­mach­tes Ge­schichts­dra­ma, wie es sie dut­zend­fach gibt. GOL­DA ist ein klas­si­scher Fak­ten­film, oh­ne all­zu viel Ex­pe­ri­men­tier­freu­de in­sze­niert. Die größ­te Kri­tik: Re­gis­seur Guy Nat­tiv ver­traut nicht auf He­len Mir­rens Schau­spiel­kunst und ver­gräbt ihr Ge­sicht un­ter ei­ner di­cken La­tex­schicht. Als ob sich die Zu­schau­er auf Gol­da Meirs Kampf um Is­ra­el nur dann ein­las­sen könn­ten, wenn die Schau­spie­le­rin das Aus­se­hen des Ori­gi­nals bis in die letz­te Fal­te imi­tiert. Hö­he­punkt des Mum­men­schan­zes ist ei­ne FOR­REST GUMP-ar­ti­ge Sze­ne, in der die ver­klei­de­te He­len Mir­ren mit ech­ten Ar­chiv­auf­nah­men ver­schmilzt. Gum­mi­na­se und tech­ni­sche Spie­le­rei­en len­ken von der ei­gent­lich span­nen­den Ge­schich­te ab.

GB 2022
100 min
Re­gie Guy Nat­tiv
Bild © Jas­per Wolf

BERLINALE 2023 – TAG 6

BERLINALE 2023 – TAG 6

Selt­sam: Seit Ta­gen ver­schickt die Pres­se­ab­tei­lung der Ber­li­na­le Mails, in de­nen de­zi­diert die An­kunfts­zei­ten di­ver­ser Ber­li­na­le-VIPs auf­ge­lis­tet sind. Der und der Schau­spie­ler lan­det mit Flug so­und­so um 10.10 Uhr am BER. Der und der Re­gis­seur kommt um 16.50 Uhr mit dem Zug am Haupt­bahn­hof an. Feh­len nur das Gleis und die Wa­gen­num­mer. Ist es ei­ne Auf­for­de­rung, die VIPs ab­zu­ho­len, da­mit sie sich nicht in der S- und U‑­Bahn-ge­stör­ten Stadt ver­lie­ren? Bei der Qua­li­tät des dies­jäh­ri­gen Wett­be­werbs wä­re Pro­mis durch Ber­lin fah­ren wahr­schein­lich un­ter­halt­sa­mer.

WETTBEWERB

LE GRAND CHARIOT

Der Gro­ße Wa­gen ist nicht nur ein Stern­bild, er ist auch ein klei­nes Thea­ter. Phil­ip­pe Gar­rel er­zählt die Ge­schich­te ei­ner Fa­mi­lie von Pup­pen­spie­lern: die er­wach­se­nen Ge­schwis­ter Lou­is, Mar­tha und Le­na, ihr Va­ter, der die Trup­pe lei­tet, und die Groß­mutter, die die Pup­pen­kos­tü­me näht. Ei­nes Ta­ges stirbt der Va­ter wäh­rend ei­ner Auf­füh­rung. Sei­ne Kin­der müs­sen ent­schei­den, ob und wie es mit dem Pup­pen­thea­ter wei­ter­geht.

Schon in­ter­es­sant, wie man nach ein paar Ta­gen Ber­li­na­le ei­nen Film über ein Pup­pen­thea­ter als bei­na­he main­strea­mig wahr­nimmt. Ge­ball­tes Art­house in all sei­nen Schat­tie­run­gen hin­ter­lässt eben sei­ne Spu­ren im Hirn. Re­gis­seur Phil­ip­pe Gar­rel steht nicht nur selbst vor der Ka­me­ra, er hat auch gleich sei­ne ei­ge­nen drei Kin­der als eben die­se be­setzt. Ei­ne Fa­mi­li­en­ge­schich­te von ei­ner ech­ten Fa­mi­lie ge­spielt. LE GRAND CHA­RI­OT er­fin­det das Rad nicht neu, ist aber ein lie­bens­wer­ter Blick auf Kunst und Künst­ler­see­len.

Frank­reich / Schweiz 2022
95 min
Re­gie Phil­ip­pe Gar­rel
Bild © Ben­ja­min Bal­ti­more / 2022 Rec­tang­le Pro­duc­tions – Clo­se Up Films – Ar­te France Ci­né­ma – RTS Ra­dio Té­lé­vi­si­on Su­is­se – Tour­non Films

WETTBEWERB

MUSIC

Ech­tes Kopf­ki­no. Im Sin­ne von: to­tal ver­kopft. Ach­tung, jetzt wirds an­spruchs­voll: An­ge­la Scha­nelecs Film rät­selt sich el­lip­tisch durch den ver­puz­zel­ten My­thos des Ödi­pus (steht je­den­falls so im Pres­se­heft). Es geht von den 1980er-Jah­ren bis ins Heu­te, von den Strän­den Grie­chen­lands bis an die Seen um Ber­lin. Da­zu spielt der Kas­set­ten­re­kor­der Ba­rock­mu­sik.

Bit­te je­mand an­de­ren nach seiner/​ihrer Mei­nung fra­gen. Frame­ra­te muss sich we­gen er­wie­se­ner Igno­ranz ent­hal­ten. 2019 wur­de hier An­ge­la Scha­nelecs letz­ter Ber­li­na­le-Film ICH WAR ZU­HAU­SE, ABER… kom­plett ver­ris­sen und ge­wann an­schlie­ßend den Sil­ber­nen Bä­ren für die bes­te Re­gie.

Deutsch­land / Frank­reich / Ser­bi­en 2023
108 min
Re­gie An­ge­la Scha­nelec
Bild © fak­tu­ra film / Shel­lac

HOMMAGE

DIE FABELMANS

Ce­cil B. De­Mil­les THE GREA­TEST SHOW ON EARTH öff­net dem klei­nen Sam die Au­gen, be­son­ders ei­ne Kol­li­si­ons­sze­ne mit zwei Zü­gen und ei­nem Au­to. Zu Hau­se stellt er das Un­glück mit Spiel­zeug nach. Sei­ne Mut­ter bringt ihn auf die Idee, das Gan­ze zu fil­men, da­mit er es sich so oft an­se­hen kann, wie er will. Voi­là. Das ers­te Werk des Jung­re­gis­seurs ist fer­tig.

Ste­ven Spiel­berg er­zählt sei­ne ei­ge­ne Kind­heit und Ju­gend, in­klu­si­ve ge­schei­ter­ter Ehe sei­ner El­tern. Im Ja­nu­ar die­sen Jah­res ge­wann THE FA­BEL­MANS den Gol­den Glo­be als bes­tes Dra­ma. Er ha­be sich lan­ge nicht ge­traut, so ei­ne per­sön­li­che Ge­schich­te zu er­zäh­len, sagt der Re­gis­seur bei der Preis­ver­lei­hung. Quatsch, denn den viel per­sön­li­che­ren Film über die Ängs­te sei­ner Kind­heit hat er schon vor 40 Jah­ren ge­dreht: ET.

DIE FA­BEL­MANS wur­de ges­tern als Deutsch­land­pre­mie­re im Rah­men der Hom­mage zu Eh­ren Ste­ven Spiel­bergs ge­zeigt. Die aus­führ­li­che Frame­ra­te-Kri­tik er­scheint zum Ki­no­start am 8. März.

Ori­gi­nal­ti­tel „The Fa­bel­mans“
USA 2022
151 min
Re­gie Ste­ven Spiel­berg
Bild © Uni­ver­sal Pic­tures In­ter­na­tio­nal Ger­ma­ny

PANORAMA

SAGES FEMMES

Es ist fast, als hät­te es zu SA­GES FEMMES meh­re­re Dreh­bü­cher ge­ge­ben. Zum ei­nen zeigt das Dra­ma den hy­per­rea­lis­tisch in­sze­nier­ten All­tag auf ei­ner Ent­bin­dungs­sta­ti­on in Frank­reich. Zwi­schen über­füll­ten Flu­ren, Kreiß­sä­len und Mo­ni­to­ren ha­ben die bei­den Neu­en, So­fia und Loui­se ei­nen holp­ri­gen Start. In der zwei­ten Hälf­te des Films er­zählt Re­gis­seu­rin Léa Feh­ner dann die recht kon­ven­tio­nel­le Ge­schich­te ei­ner ob­dach­lo­sen jun­gen Mut­ter, die von den Heb­am­men in ih­re WG auf­ge­nom­men wird. Die­ser Teil ist weit­aus we­ni­ger in­ter­es­sant als die Ar­beits­höl­le im Kreiß­saal.

Nichts für schwa­che Ner­ven: Zwi­schen ech­ter Ge­burt, Kai­ser­schnitt und Tod flie­ßen nicht nur auf der Lein­wand die Trä­nen. Am En­de dann rea­le Auf­nah­men von Heb­am­men, die für bes­se­re Ar­beits­be­din­gun­gen und mehr Lohn de­mons­trie­ren. Vor al­lem in der star­ken ers­ten Hälf­te zeigt SA­GES FEMMES die Aus­wüch­se ei­nes völ­lig un­ter­fi­nan­zier­ten Ge­sund­heits­sys­tems – un­be­schö­nigt und mit­rei­ßend.

Frank­reich 2023
99 min
Re­gie Léa Feh­ner
Bild © Ge­ko Films

PANORAMA

ALL THE COLOURS OF THE WORLD ARE BETWEEN BLACK AND WHITE

Ei­ne der vie­len Far­ben zwi­schen Schwarz und Weiss ist Grau. Und da­von gibt es ja be­kann­ter­ma­ßen vie­le Schat­tie­run­gen. Grau in al­len Ab­stu­fun­gen kann es dem Ge­müt auch bei die­sem gut ge­mein­ten, aber freud­lo­sen Pan­ora­ma-Bei­trag wer­den.

Halb zog es ihn, halb sank er hin. Bam­bi­no las­sen die Avan­cen sei­ner Nach­ba­rin kalt, denn sein Herz schlägt für den cha­ris­ma­ti­schen Ba­wa. Ge­fähr­lich, denn in Ni­ge­ria ist Ho­mo­se­xua­li­tät ein Ta­bu. ALL THE CO­LOURS… ist ein wich­ti­ger Film mit An­lie­gen, doch lei­der ist die Ge­schich­te von der ver­bo­te­nen Män­ner­lie­be un­be­hol­fen in­sze­niert und auch nicht be­son­ders gut ge­spielt. Eher quä­lend.

Ni­ge­ria 2023
93 min
Re­gie Bab­atun­de Apa­lowo
Bild © Po­ly­math Pic­tures

PANORAMA

PERPETRATOR

Die Zu­ta­ten für ein ech­tes C‑Movie sind al­le da: 80er-Jah­re Syn­thie-Mu­sik à la John Car­pen­ter, Over­ac­ting plus ab­stru­se Sto­ry: Die toug­he Jon­ny be­kommt von ih­rer Tan­te zum 18. Ge­burts­tag ei­nen Ku­chen nach ma­gi­schem Fa­mi­li­en­re­zept und macht nach Ver­zehr ei­ne ra­di­ka­le Me­ta­mor­pho­se durch.

Hät­te man das al­les nicht ge­fühlt schon hun­dert Mal in bes­ser ge­se­hen, wä­re man viel­leicht ge­schockt. So aber ist Jen­ni­fer Ree­ders Film nur ein mü­der Auf­guss von Da­vid Cro­nen­bergs Bo­dy Hor­ror ge­mischt mit so­a­pi­gen CHIL­LING AD­VEN­TURES OF SA­BRI­NA-Ele­men­ten.

USA 2023
100 min
Re­gie Jen­ni­fer Ree­der
Bild © WTFilms

BERLINALE 2023 – TAG 5

BERLINALE 2023 – TAG 5

Am Pots­da­mer Platz hat nach vier­hun­dert­jäh­ri­ger Um­bau­zeit THE PLAY­CE er­öff­net. Die Vor­kriegs­ge­nera­ti­on wird sich er­in­nern, da wa­ren mal die Ar­ka­den, ei­ne Shop­ping­mall mit den üb­li­chen Ver­däch­ti­gen von H&M bis Me­dia­Markt, die so auch in Gel­sen­kir­chen hät­te ste­hen kön­nen. Nun al­so THE PLAY­CE. Ei­ne Wort­schöp­fung aus Play und Place: ein Spiel­platz. Da­zu passt, dass sich im 1. OG ei­ne „Ar­ca­de“ be­fin­det, ei­ne lär­men­de Spiel­hal­le, als hät­te man sich di­rekt ins Ame­ri­ka der 1980er-Jah­re zu­rück­ge­be­amt. Auch der Sinn des gi­gan­ti­schen NBA-Stores im Erd­ge­schoss er­schließt sich wohl nur ech­ten Bas­ket­ball-Fans. Vie­le gibts da­von schein­bar nicht – bis­her über­wiegt die Ver­käu­fer­zahl die der Kund­schaft. Da­ne­ben er­öff­net dem­nächst ein Bar­bie-Mat­tel-Store. Hin­ter der Ame­ri­ka­ni­sie­rung scheint Sys­tem zu ste­cken. Haupt­an­zie­hungs­punkt soll der gi­gan­ti­sche Food-Hub sein, er­dacht und um­ge­setzt von – rich­tig – ei­nem Ame­ri­ka­ner, der mit dem glei­chen Kon­zept in Prag an­geb­lich Er­folg fei­ert. Man mag es kaum glau­ben. Wenn es in der Höl­le ei­ne Kan­ti­ne gibt, dann sieht sie so aus. Ein rie­si­ges, fens­ter­lo­ses Ver­lies mit 22 Re­stau­rants und dem Charme ei­ner Tief­ga­ra­ge. Was das al­les mit der Ber­li­na­le zu tun hat? Ei­ni­ges, denn die Zeit zwi­schen den Fil­men will ge­füllt wer­den, am liebs­ten mit Nah­rungs­auf­nah­me. Nur kann ei­nem bei all der neu­en Trost­lo­sig­keit der Ap­pe­tit ver­ge­hen.

WETTBEWERB

TÓTEM

To­na hat Ge­burts­tag, es wird wohl sein letz­ter sein. Der jun­ge Va­ter ist tod­krank. Fa­mi­lie und Freund tref­fen sich zu ei­nem Ab­schieds­fest. Mit­ten­drin: To­nas sie­ben­jäh­ri­ge Toch­ter Sol.

Der me­xi­ka­ni­schen Au­torin und Re­gis­seu­rin Li­la Avilés ge­lingt das Kunst­stück, ih­ren Film und vor al­lem die jun­ge Schau­spie­le­rin Naí­ma Sen­tí­es ab­so­lut au­then­tisch und mit gro­ßer Na­tür­lich­keit in Sze­ne zu set­zen.

TÓ­TEM ist ei­ne Lie­bes­er­klä­rung an die Fa­mi­lie, das Le­ben und den Tod. Kei­ne ganz leich­te Kost, aber wer sich dar­auf ein­lässt, wird mit ei­nem spi­ri­tu­el­len, be­rüh­ren­den und oft ko­mi­schen Film be­lohnt. Bis jetzt der stärks­te Wett­be­werbs­bei­trag.

Me­xi­ko / Dä­ne­mark / Frank­reich 2023
95 min
Re­gie Li­la Avilés
Bild © Li­me­ren­cia

PANORAMA

PASSAGES

Rai­ner Wer­ner Fass­bin­der is back! In kör­per­lich bes­se­rer Ver­fas­sung zwar, aber mit ähn­lich un­aus­steh­li­chem Ver­hal­ten hin­ter der Ka­me­ra. RWF heißt hier To­mas (Franz Ro­gow­ski) und ist ein deut­scher Re­gis­seur in Pa­ris. Schwul. Ei­gent­lich. Denn nach dem letz­ten Dreh­tag ver­bringt er die Nacht mit ei­ner jun­gen Frau (Adè­le Ex­ar­cho­pou­lous). Er beich­tet den Sei­ten­sprung am nächs­ten Mor­gen sei­nem Ehe­mann (Ben Whis­haw). Doch dann wird aus der Af­fä­re mehr. Nicht nur To­mas muss sich ent­schei­den, wie es wei­ter­ge­hen soll.

Fa­mos, mit wel­chem Tem­po Re­gis­seur Ira Sachs durch die Ge­schich­te saust. Es wird zwar gen­re­be­dingt viel ge­re­det, aber nie zu viel. Kein Tod­la­bern – wenn das Nö­tigs­te ge­sagt ist, prescht die Hand­lung wei­ter. Das macht PAS­SA­GES ex­trem kurz­wei­lig. Wo Ben Whis­haw drauf­steht, ist sel­ten was Schlech­tes drin. So auch hier. Der Bri­te ist ein Ga­rant für gu­te Fil­me, von PAD­DING­TON bis BOND (er spielt in der Da­ni­el Craig-Ära den Q). Glän­zend auch, wie Franz Ro­gow­ski ab­so­lut glaub­wür­dig zwi­schen un­sym­pa­thi­schem Kotz­bro­cken, sen­si­blem Mann und ge­nerv­ter Zi­cke wech­selt.

Frank­reich 2023
91 min
Re­gie Ira Sachs
Bild © SBS Po­duc­tions

PERSPEKTIVE DEUTSCHES KINO

GERANIEN

Schau­spie­le­rin Ni­na kehrt in ih­re Hei­mat­stadt zu­rück, um ih­re ge­lieb­te Groß­mutter zu be­er­di­gen. Trotz or­ga­ni­sa­to­ri­scher Pro­ble­me und emo­tio­na­ler Schwie­rig­kei­ten mit ih­rer ent­frem­de­ten Mut­ter fin­det die Fa­mi­lie in ih­rer un­ter­schied­lich aus­ge­leb­ten Trau­er (fast) zu­ein­an­der. Und dann muss sich Ni­na noch ent­schei­den: Cha­rak­ter­schau­spie­le­rin blei­ben oder doch ei­ne gut be­zahl­te Rol­le im TRAUM­SCHIFF an­neh­men?

GE­RA­NI­EN ist ein kon­ven­tio­nell ge­mach­ter, aber durch­aus lie­bens­wer­ter Film. Re­gis­seu­rin Tan­ja Eden hat die ehr­li­che Art der Ruhr­pott­ler in­klu­si­ve Trink­hal­len und spie­ßi­ger Rei­hen­haus­kul­tur glaub­wür­dig ein­ge­fan­gen. Durch­weg gut ge­spiel­tes Dra­ma mit ko­mi­schen Ele­men­ten.

Deutsch­land 2023
84 min
Re­gie Tan­ja Eden
Bild © Clau­dia Schroe­der

PANORAMA

HEROICO

Un­ter­ge­be­ne an­schrei­en, nach oben bu­ckeln und nach un­ten tre­ten. Die­se Ver­hal­tens­mus­ter kennt man sonst nur von der Un­ter­neh­mens­kul­tur ei­nes gro­ßen Au­to­mo­bil­kon­zerns, in HE­ROI­CO ist es der All­tag in ei­ner Ka­ser­ne. Der 18-jäh­ri­ge Lu­is ver­pflich­tet sich als Sol­dat, haupt­säch­lich we­gen der Kran­ken­ver­si­che­rung für sich und sei­ne kran­ke Mut­ter. Sein neu­es Le­ben an der na­tio­na­len Mi­li­tär­aka­de­mie Me­xi­kos wird zur Qual.

Re­gis­seur Da­vid Zona­nas Film be­ginnt als klas­si­sches Sol­da­ten-Aus­bil­dungs­dra­ma, wie man es seit FULL ME­TAL JA­CKET schon oft ge­se­hen hat. Doch nach und nach ent­wi­ckelt sich die Ge­schich­te zu ei­nem Hor­ror­trip. Was ist wahr, was ist Ein­bil­dung? Alp­traum und Rea­li­tät ver­mi­schen sich im­mer mehr. Gu­ter Film und ein wei­te­rer Be­weis, dass am Sol­da­ten­le­ben rein gar nichts schön ist.

Me­xi­ko / Schwe­den 2023
88 min
Re­gie Da­vid Zona­na
Bild © Teo­re­ma

BERLINALE 2023 – TAG 4

BERLINALE 2023 – TAG 4

Ech­te Fans be­haup­ten, nur im Ber­li­na­le-Pa­last kä­me wah­res Fes­ti­val­fe­e­ling auf. Ihr Ah­nungs­lo­sen. Im frisch re­no­vier­ten Ci­ne­ma­xX gibt es neue, wun­der­bar wei­che Le­der­ses­sel, die sich fast in Lie­ge­po­si­ti­on fah­ren las­sen. Herr­lich! Fast wünscht man sich, der nächs­te Film mö­ge schön lang­wei­lig sein, um sich ei­nem er­qui­cken­den Schlum­mer hin­zu­ge­ben.

WETTBEWERB

DISCO BOY

Gar nicht zum Ein­schla­fen, aber trotz­dem traum­haft: DIS­CO BOY.

Al­ek­s­ei, ein jun­ger Be­la­rus­se auf der Flucht, schließt sich der Frem­den­le­gi­on an, um die fran­zö­si­sche Staats­bür­ger­schaft zu be­kom­men. Ir­gend­wo im Ni­ger­del­ta ver­tei­digt Jo­mo als Ak­ti­vist im be­waff­ne­ten Kampf sein Dorf. Al­ek­s­ei ist Sol­dat, Jo­mo Gue­ril­la­kämp­fer. In ei­nem wei­te­ren sinn­lo­sen Krieg ver­flech­ten sich ih­re Schick­sa­le.

Wer zu den Glück­li­chen (oder Un­glück­li­chen) zählt, die nachts leb­haft träu­men, dürf­te das ken­nen: Al­les wirkt re­al, nichts macht Sinn und trotz­dem er­gibt al­les ei­nen Sinn. DIS­CO BOY ist ein ver­film­ter Fie­ber­traum. Es geht um Männ­lich­keit (wie so oft bei die­ser Ber­li­na­le), Trau­ma­ta, geis­ti­ge Ver­schmel­zung und Tanz. Die frag­men­ta­risch er­zähl­te Ge­schich­te wird von ei­nem groß­ar­ti­gen Franz Ro­gow­ski ge­tra­gen, schon sein zwei­ter be­ein­dru­cken­der Auf­tritt bei die­ser Ber­li­na­le. Da­zu ein eben­so be­fremd­li­cher wie gran­di­os pas­sen­der Elek­tro­score. Es ist al­les selt­sam im Lang­film­de­büt des ita­lie­ni­schen Re­gis­seurs Gi­a­co­mo Ab­bruz­ze­se. Aber selt­sam heißt in die­sem Fall gut.

Frank­reich / Ita­li­en / Bel­gi­en / Po­len 2023
91 min
Re­gie Gi­a­co­mo Ab­bruz­ze­se
Bild © Films Grand Huit

PANORAMA

SISI UND ICH

Si­si hier, Si­si da, Si­si wo man hin­schaut. Ih­re kai­ser­li­che Om­ni­prä­senz gibt sich schon wie­der die Eh­re. Ne­ben di­ver­sen Net­flix- und RTL-Se­ri­en war zum The­ma zu­letzt der ös­ter­rei­chi­sche Os­c­ar­bei­trag COR­SA­GE im Ki­no zu se­hen.

Ir­ma Grä­fin von Sz­tá­ray be­wirbt sich als Hof­da­me von Kai­se­rin Eli­sa­beth von Ös­ter­reich-Un­garn. Doch das Cas­ting ist nicht oh­ne: Erst schlägt ihr die ge­stren­ge Mut­ter die Na­se blu­tig, dann wird sie wie ein Stück Vieh un­ter­sucht und ver­hört. End­lich aus­er­wählt, kom­men sich die Grä­fin und die Kai­se­rin auf Sis­is Som­mer­sitz auf Kor­fu schnell nah.

SI­SI UND ICH ist all das, was COR­SA­GE ger­ne ge­we­sen wä­re. Ei­ne wil­de Neu­in­ter­pre­ta­