„Wer un­ter 30 nicht links ist, der hat kein Herz. Und wer mit über 30 noch links ist, der hat kei­nen Ver­stand.“ Ge­treu die­sem Mot­to schließt sich die zwan­zig­jäh­ri­ge Lui­sa ei­ner An­ti­fa-Grup­pe in Mann­heim an – ja, auch in der ver­schla­fe­nen Schach­brett-Stadt gibt es po­li­ti­schen Kampf. Lui­sa und ih­re Freun­de Al­fa und Len­or ha­ben Gro­ßes vor: Un­ter ei­ner Re­vo­lu­ti­on ge­gen das herr­schen­de Sys­tem ma­chen sie’s nicht. Schließ­lich steht im 20. Ar­ti­kel des Grund­ge­set­zes: „Die Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land ist ein de­mo­kra­ti­scher und so­zia­ler Bun­des­staat. Ge­gen je­den, der es un­ter­nimmt, die­se Ord­nung zu be­sei­ti­gen, ha­ben al­le Deut­schen das Recht zum Wi­der­stand, wenn an­de­re Ab­hil­fe nicht mög­lich ist.“ Al­so al­les Aus­le­gungs­sa­che. Die kla­ren Fein­de sind die „Fa­schos“ – in die­sem spe­zi­el­len Fall ein Schlä­ger­trupp, der für Wahl­kampf­ver­an­stal­tun­gen ei­ner fik­ti­ven, aber klar der AfD nach­emp­fun­de­nen Par­tei als Wach­schutz an­ge­heu­ert wird. Lui­sa zö­gert zu­nächst, doch Al­fa und Len­or hal­ten auch den Ein­satz von Ge­walt für ein le­gi­ti­mes Mit­tel. Was als Farb­ei­er-wer­fen­der Spaß be­ginnt, läuft bald aus dem Ru­der.

Al­fa, Len­or und Lui­sa: Das klas­si­sche Trio aus Herz, Hirn und Faust. Doch Lui­sas Auf­ruf zu im­mer bru­ta­le­ren Ak­tio­nen geht den Jungs bald zu weit. Das bra­ve Mäd­chen aus gu­tem Haus mu­tiert zur rück­sichts­lo­sen Kämp­fe­rin im be­waff­ne­ten Wi­der­stand. Dass sich Lui­sa in den coo­len Al­fa ver­liebt, der wie ei­ne ju­gend­li­che An­dre­as-Baa­der-Ko­pie da­her­kommt, reicht kaum als Er­klä­rung für ih­re zu­neh­men­de Ra­di­ka­li­sie­rung aus. Ih­re kom­pro­miss­lo­se Ent­wick­lung bleibt schwer nach­voll­zieh­bar und ih­re Mo­ti­va­ti­on, zur Waf­fe zu grei­fen und auf Na­zi­köp­fe zu zie­len, dif­fus.

Was wie ein bri­san­ter Po­lit­thril­ler be­ginnt, ver­pufft am En­de oh­ne gro­ßen Er­kennt­nis­ge­winn. Im­mer­hin taugt „Und mor­gen die gan­ze Welt“ zur Be­stä­ti­gung des ei­ge­nen Welt­bilds: Die Lin­ken sind die Gu­ten, die Rech­ten sind die Bö­sen – aber das wuss­te man auch schon vor­her.

Über­ra­schen­der­wei­se lief der Film als ein­zi­ger deut­scher Bei­trag bei den in­ter­na­tio­na­len Film­fest­spie­len von Ve­ne­dig. Der „Ta­ges­spie­gel“ frag­te ganz be­sorgt, ob es ver­hält­nis­mä­ßig sei, „dass sich Ju­lia von Heinz im Ram­pen­licht des Wett­be­werbs be­haup­ten“ müs­se – ganz so, als sei die Re­gis­seu­rin ein zar­tes Pflänz­chen, das es vor der bö­sen Rea­li­tät zu schüt­zen gel­te. Ei­ne un­be­grün­de­te Sor­ge, denn Haupt­dar­stel­le­rin Ma­la Em­de ge­wann im Sep­tem­ber den Preis der un­ab­hän­gi­gen Film­kri­tik Bi­sato d’Oro als bes­te Haupt­dar­stel­le­rin.

FAZIT

Äs­the­tisch nä­her am klei­nen Fern­seh­spiel als am gro­ßen Po­lit­ki­no.

Nach­trag: "Und mor­gen die gan­ze Welt" geht 2021 für Deutsch­land ins Ren­nen um den Os­car für den bes­ten aus­län­di­schen Film und sticht da­mit Fa­vo­ri­ten, wie "Un­di­ne" und "Ber­lin Alex­an­der­platz" aus. Sehr er­staun­lich...

Deutsch­land / Frank­reich 2020
111 min
Re­gie Ju­lia von Heinz
Ki­no­start 29. Ok­to­ber 2020
und dann wie­der ab 03. De­zem­ber 2020

al­le Bil­der © Ala­mo­de

2 Meinungen zu “UND MORGEN DIE GANZE WELT

  1. Ich lie­be die­se kurz und knap­pen Film­kri­ti­ken. Ge­nau das rich­ti­ge Zeit­fens­ter beim E‑­mail-Ab­ar­bei­ten. Trotz Kri­tik macht mich die Be­schrei­bung und das Fa­zit ein biß­chen neu­gie­rig. Viel­leicht schaue ich mir den Film an.

    Ge­bo­ren und auf­ge­wach­sen in der ver­schla­fe­nen Schach­brett-Stadt,
    C.B.

    1. Jetzt be­ju­beln al­le den Film, ich fand ihn eher mau...alldieweil Fil­me über Mann­heim na­tür­lich im­mer wel­co­me sind!

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