REMINISCENCE

REMINISCENCE

Hier mal ei­ne fres­he Film­idee: Ein coo­ler Pri­vat­de­tek­tiv nimmt sich ei­ner ver­füh­re­ri­schen Da­me in Not an und ge­rät bei der Lö­sung des Falls selbst in Ge­fahr. „Bla­de Run­ner“, „Chi­na­town“, „Fal­sches Spiel mit Ro­ger Rab­bit“, „To­te tra­gen kei­ne Ka­ros“ – schon oft wur­de die­se klas­si­sche Film­idee va­ri­iert und per­si­fliert. Neu an „Re­mi­nis­cence“ ist nur das Set­ting in der na­hen Zu­kunft: Mi­ami steht nach dem An­stieg des Mee­res­spie­gels un­ter Was­ser. Wohl dem, der ei­ne Dach­ter­ras­se hat.

Weil frü­her al­les bes­ser war, kön­nen zah­len­de Kun­den bei Nick Ban­nis­ter (Hugh Jack­man) noch ein­mal die schöns­ten Mo­men­te aus ih­rer Ver­gan­gen­heit er­le­ben. Er­in­nern un­ter Hyp­no­se im Was­ser­tank. Weil an­de­ren Leu­ten beim Träu­men zu­schau­en lang­wei­lig ist, kann Nick die Er­in­ne­run­gen sei­ner Kund­schaft in ei­ner Art Ho­lo­deck sicht­bar ma­chen. Das ist zwar kom­plett sinn­frei, sieht aber hübsch aus. Als ei­nes Ta­ges Mae (Re­bec­ca Fer­gu­son) auf­taucht und be­haup­tet, sie ha­be ih­ren Schlüs­sel ver­lo­ren und müs­se des­halb in die Ver­gan­gen­heit ein­tau­chen, um ihn wie­der­zu­fin­den (kein Witz – das ist tat­säch­lich die Sto­ry), ahnt Nick nicht, dass er bald Teil ei­ner kom­ple­xen Ver­schwö­rungs­ge­schich­te wird.

Phil­ip Mar­lo­we meets In­cep­ti­on: Re­gis­seu­rin Li­sa Joy, die auch das Dreh­buch ge­schrie­ben hat, ver­bin­det in „Re­mi­nis­cence“ die Gen­res Film Noir und Sci­ence-Fic­tion, kann dar­aus aber kei­ne Fun­ken schla­gen. Der ak­tu­el­le um­welt­po­li­ti­sche Be­zug spielt für den Fort­gang der Hand­lung kei­ne Rol­le, ist nur ein vi­su­el­les Gim­mick. Ein paar hüb­sche CGI-Flü­ge über die halb im Meer ver­sun­ke­ne Stadt – das war's aber auch schon. In­halt­lich bleibt die ein­zig ori­gi­nel­le Idee des Films da­mit un­ge­nutzt. Schau­spie­le­risch und tech­nisch auf ge­wohnt ho­hem US-Ni­veau ent­täuscht „Re­mi­nis­cence“ mit der sich selbst viel zu ernst neh­men­den In­ter­pre­ta­ti­on ei­ner all­zu be­kann­ten Ge­schich­te.

INFOS ZUM FILM

Ori­gi­nal­ti­tel „Re­mi­nis­cence“
USA 2021
116 min
Re­gie Li­sa Joy
Ki­no­start 26. Au­gust 2021

al­le Bil­der © War­ner Bros. Pic­tures

MOTHERLESS BROOKLYN

Li­o­nel Essrog (Ed­ward Nor­ton) ist ein Pri­vat­de­tek­tiv, der un­ter dem Tour­et­te Syn­drom lei­det. Ei­ne Krank­heit, die im­mer für ei­nen schnel­len La­cher TIT­TEN! FI­CKEN! gut ist. „Mo­ther­less Brook­lyn“ folgt Essrog bei sei­nem ris­kan­ten Vor­ha­ben, den Mord an sei­nem Men­tor und Freund Frank Min­na (Bruce Wil­lis) auf­zu­klä­ren. Beim Kampf ge­gen Gangs­ter und Kor­rup­ti­on deckt Li­o­nel streng ge­hü­te­te Ge­heim­nis­se der New Yor­ker Po­lit­sze­ne auf.

Die simp­le For­mel lau­tet: Die bes­ten Chan­cen, ei­nen Os­car zu ge­win­nen, ha­ben Schau­spie­ler in der Rol­le ei­nes Tod­kran­ken oder Be­hin­der­ten. „Mo­ther­less Brook­lyn“ wä­re ger­ne ein coo­ler Film noir im Sti­le von „L.A. Con­fi­den­ti­al“. Doch all die Mu­sik-Sze­nen in ver­rauch­ten Jazz­clubs und all die läs­si­gen, Hut tra­gen­den De­tek­ti­ve nüt­zen nichts – her­aus­ge­kom­men ist nur ein um Stil be­müh­ter, stel­len­wei­se un­frei­wil­lig ko­mi­scher, ver­murks­ter Ego­trip Ed­ward Nor­tons. Denn statt zu vie­ler Kö­che hat hier ein ein­zi­ger Koch in zu vie­len Rol­len den Brei ver­dor­ben. Der Os­car-Kan­di­dat fun­giert als Re­gis­seur, Haupt­dar­stel­ler, Pro­du­zent und Dreh­buch­au­tor. Und schein­bar hat Re­gis­seur Nor­ton ei­nen Nar­ren an sei­nem Haupt­dar­stel­ler Nor­ton ge­fres­sen. So blei­ben Sze­nen ganz ver­liebt im­mer ein biss­chen zu lan­ge auf sei­nem Ge­sicht ge­schnit­ten. Das tut dem Film nicht gut, denn das gan­ze Ge­zu­cke und Ge­schimp­fe nervt schon nach we­ni­gen Mi­nu­ten. Auch die an­de­ren Schau­spie­ler sind nicht in Höchst­form. Wil­lem Da­foe gibt mal wie­der den am Ran­de des Wahn­sinns Wan­deln­den und Alec Bald­win schafft es nicht, als ober­kor­rup­ter Po­li­ti­ker sei­ne Fi­gu­ren als SNL-Trump oder Jack Do­nag­hy aus „30 Rock“ ver­ges­sen zu ma­chen. Re­gis­seur Nor­ton lässt sich und sei­ne Schau­spie­ler an der zu lan­gen Lei­ne, was zu gna­den­lo­sem Over­ac­ting führt.

FAZIT

Ein paar gu­te Mo­men­te hat der Film. An­sons­ten ist „Mo­ther­less Brook­lyn“ ei­ne lang­at­mi­ge, eit­le Os­car­be­wer­bung.

Ori­gi­nal­ti­tel "Mo­ther­less Brook­lyn"
USA 2019
145 min
Re­gie Ed­ward Nor­ton
Ki­no­start 12. De­zem­ber 2019

Under The Silver Lake

Sam (An­drew Gar­field) ist ein Nichts­nutz. Er wohnt in ei­nem klei­nen Apart­ment in Sil­ver La­ke, Los An­ge­les und hegt kei­ner­lei Am­bi­tio­nen, ir­gend­et­was aus sei­nem Le­ben zu ma­chen. Meist ver­bringt er den Tag mit der Su­che nach ver­steck­ten Codes und Bot­schaf­ten in sei­ner Um­ge­bung. So ist er zum Bei­spiel fest da­von über­zeugt, dass Van­na White – die ame­ri­ka­ni­sche Ma­ren Gil­zer – wäh­rend der Sen­dung "Wheel of For­tu­ne" dem Zu­schau­er per Zwin­kern ge­hei­me Si­gna­le gibt. Man könn­te sa­gen, Sam ist ein biss­chen pa­ra­no­id.
Ei­nes Ta­ges trifft er die at­trak­ti­ve Sa­rah (Ri­ley Ke­ough) und die bei­den ver­brin­gen ei­nen net­ten Abend mit­ein­an­der. Als sie sich am nächs­ten Tag wie­der­se­hen wol­len, ist nicht nur Sa­rah, son­dern auch ih­re kom­plet­te Woh­nungs­ein­rich­tung ver­schwun­den. Sam wit­tert ei­ne Ver­schwö­rung und macht sich auf die Su­che.

Ein Hun­de­kil­ler, ei­ne mör­de­ri­sche Eu­len­frau, ein auf mys­te­riö­se Art ver­schwun­de­ner Mil­lio­när: un­ter der son­ni­gen Ober­flä­che Ka­li­for­ni­ens tun sich Ab­grün­de auf.
Zeig­te „La La Land“ im ver­gan­ge­nen Jahr die eher be­schwing­te, fröh­li­che Sei­te von Los An­ge­les, so ist Un­der The Sil­ver La­ke ein fie­ber­haf­ter Film noir über die auf Alp­träu­men ge­bau­te Stadt ge­wor­den. Un­ter­halt­sam ist das al­le­mal. All die ver­steck­ten Tri­bu­te an an­de­re Re­gis­seu­re und klei­nen An­spie­lun­gen auf an­de­re Fil­me zu ent­de­cken ist sehr ver­gnüg­lich. Da­vid Ro­bert Mit­chell hat sei­ne Vor­bil­der ge­nau stu­diert: hier ein biss­chen Al­fred Hitch­cock, da ein we­nig Bri­an de Pal­ma (selbst ein Meis­ter des Zi­tats) und viel Da­vid Lynch.
Ob­wohl Un­der The Sil­ver La­ke mit­un­ter an ei­nen sehr am­bi­tio­nier­ten Stu­den­ten­film er­in­nert, macht es doch Spaß, Sam bei sei­ner schrä­gen Odys­see durch das la­by­rin­thi­sche Los An­ge­les zu fol­gen. Die ver­steck­ten Codes, un­ge­lös­ten Rät­sel und hid­den mes­sa­ges füh­ren zwar auch hier, wie so oft in der mo­der­nen Pop­kul­tur (sie­he „Lost“), am En­de nicht zu ei­ner be­frie­di­gen­den Auf­lö­sung: aber egal – der Weg ist das Ziel.

FAZIT

Ei­ni­ge Zu­schau­er wer­den das Ki­no mit ei­nem gro­ßen Fra­ge­zei­chen im Ge­sicht ver­las­sen. Am bes­ten gar nicht dar­über nach­den­ken, was das al­les soll, son­dern ein­fach auf die Stim­mung ein­las­sen und ne­ben­bei den tol­len Ber­nard-Herr­mann-in­spi­rier­ten Sound­track ge­nie­ßen.

USA, 2018
Re­gie Da­vid Ro­bert Mit­chell
139 min
Ki­no­start 06. De­zem­ber 2018