HIGHLIGHTS BERLINALE 2020 ● IRRADIÉS ● SHEYTAN VOJUD NADARAD

Das hat Frame­ra­te im Wett­be­werbs­pro­gramm 2020 am bes­ten ge­fal­len:
"Ber­lin Alex­an­der­platz"
"First Cow"
"Schwes­ter­lein" (schau­spie­le­risch)
Und im Pan­ora­ma:
"Shir­ley"
"Exil"

Der all­ge­mei­ne Kri­ti­ker­lieb­ling "Never Ra­re­ly So­me­ti­mes Al­ways" war auch nicht schlecht, wenn­gleich die Rol­len­ver­tei­lung in grund­bö­se Män­ner und gü­ti­ge Frau­en ein we­nig zu plump war.

Das Fa­zit zur Ber­li­na­le: gleich­blei­ben­der Puls mit leich­ten Aus­schlä­gen nach un­ten und nach oben.

Und sonst?
Auf­grund ei­nes Be­triebs­aus­flugs ist es der Frame­ra­te-Re­dak­ti­on lei­der nicht mög­lich, die letz­ten bei­den Wett­be­werbs­bei­trä­ge* zu sich­ten. Der Voll­stän­dig­keit hal­ber gibt es we­nigs­tens ei­nen Co­py­/­Pas­te-Aus­zug aus dem wie im­mer ly­ri­schen Pres­se­text.
(*Nach­trag: NA­TÜR­LICH hat "Sheytan Vo­jud Na­darad" den gol­de­nen Bä­ren ge­won­nen, war ja klar...)

Schon am Mon­tag, den 2. März geht's bei Frame­ra­te mit "Der Un­sicht­ba­re" wei­ter, ei­nem sehr ge­lun­ge­nen Hor­ror­thril­ler mit Eli­sa­beth Moss.

IRRADIÉS

(Wett­be­werb)

Pres­se­text: "Je­de Tra­gö­die ist ein­zig­ar­tig, doch die Wie­der­ho­lung er­zeugt je­nes dump­fe Rau­schen, vor dem es kein Ent­rin­nen gibt. "Ir­ra­diés" ist ge­macht von Men­schen, die kör­per­li­che und psy­chi­sche Ir­ra­dia­tio­nen von Krieg über­lebt ha­ben, und je­nen ans Herz ge­legt, die glau­ben, ge­gen sol­che im­mun zu sein.
"Ir­ra­diés" ist kein Opus für die Kunst­ga­le­rie, son­dern ein ex­tre­mer, not­wen­di­ger Film, der mit un­nach­gie­bi­ger Wucht in Au­ge und Herz dringt."

Eng­li­scher Ti­tel "Ir­ra­dia­ted"
Frank­reich / Kam­bo­dscha 2020
88 min
Re­gie Rithy Panh

SHEYTAN VOJUD NADARAD

(Wett­be­werb)

Pres­se­text: "Die vier Ge­schich­ten, aus de­nen "Sheytan vo­jud na­darad" be­steht, sind Va­ria­tio­nen über die The­men mo­ra­li­sche Kraft und To­des­stra­fe. Sie fra­gen da­nach, bis zu wel­chem Grad in­di­vi­du­el­le Frei­heit un­ter ei­nem des­po­ti­schen Re­gime und schein­bar un­ent­rinn­ba­ren Be­dro­hun­gen mög­lich ist. Mo­ham­mad Ra­sou­l­of ver­knüpft sie nar­ra­tiv nur lo­se, den­noch sind sie auf un­er­schüt­ter­li­che und tra­gi­sche Art mit­ein­an­der ver­bun­den. An­ge­sichts der or­ga­ni­sier­ten Un­ter­drü­ckung scheint es nur ei­ne Wahl zu ge­ben: zwi­schen Wi­der­stand und Über­le­ben. Trotz­dem for­dert uns je­de der ab­rupt ab­bre­chen­den Ge­schich­ten auf, dar­über nach­zu­den­ken, wie Män­ner und Frau­en auch in sol­chen Si­tua­tio­nen ih­re Frei­heit be­haup­ten kön­nen."

Eng­li­scher Ti­tel "The­re Is No Evil"
Deutsch­land / Tsche­chi­sche Re­pu­blik / Iran 2020
150 min
Re­gie Mo­ham­mad Ra­sou­l­of

RIZI ● CHARLATAN

Meist ist es ein äl­te­rer, kor­pu­len­ter Herr im dunk­len Man­tel. Die Haa­re grau me­liert, Schup­pen auf den Schul­tern, Bril­le. Man steht vor dem noch ver­schlos­se­nen Ci­ne­ma­Xx, ein­ge­klemmt zwi­schen hun­dert War­ten­den. Es riecht nach un­ge­lüf­te­tem Woll­pul­li. So­bald sich die Tü­ren öff­nen, schiebt, drückt und drän­gelt der Mann, bis der Weg ab­ge­schnit­ten ist. Auf der Trep­pe zum Saal be­wegt er sich dann plötz­lich zeit­lu­pen­lang­sam – ver­ständ­lich, denn die sms muss ge­nau jetzt be­ant­wor­tet wer­den. Das Gan­ze gibt es noch als Va­ria­ti­on mit klein­wa­gen­gro­ßem Ruck­sack auf dem Rü­cken.

RIZI

(Wett­be­werb)

Apro­pos äl­te­rer Herr: Ach­tung, SPOI­LER! Es folgt die kom­plet­te Hand­lung des Films "Ri­zi".
Ein Mann hat Schmer­zen. Er starrt in den Re­gen, nimmt ein Bad, geht zur Aku­punk­tur. Ein jün­ge­rer Mann be­rei­tet in ei­nem spar­ta­nisch ein­ge­rich­te­ten Raum Spei­sen zu. Er putzt das Ge­mü­se, heizt die Koh­len an.
Das al­les wird in mi­nu­ten­lan­gen Ein­stel­lun­gen in Echt­zeit ge­zeigt. Nach et­was 45 Mi­nu­ten kommt Be­we­gung in die Sa­che. Al­ler­dings nicht auf der Lein­wand, son­dern im Ki­no. Zu­schau­er flüch­ten aus dem Saal.
Der äl­te­re Mann liegt in­zwi­schen nackt auf ei­nem Ho­tel­bett. Der jün­ge­re Mann mas­siert ihn. Man fragt sich be­sorgt, ob es ei­ne 30- oder 90-Mi­nu­ten-Be­hand­lung wird. Dann, nach wei­te­ren 10 Mi­nu­ten der er­lö­sen­de Schnitt. Ach nein, die Ein­stel­lungs­grö­ße hat sich nur ge­än­dert, die Mas­sa­ge geht wei­ter, wird zum Hap­py End ge­bracht. Die bei­den Män­ner ge­hen noch ei­ne Klei­nig­keit in ei­nem Ro­te-Lam­pen-La­den es­sen. Das Le­ben geht wei­ter. Der Jun­ge kocht Sup­pe, der Al­te fo­to­gra­fiert Fi­sche und schläft.

Nach 127 Mi­nu­ten ein mü­der In­ter­pre­ta­ti­ons­ver­such: Ein­sam­keit in der Groß­stadt? Lie­be ist käuf­lich?

Eng­li­scher Ti­tel "Days"
Tai­wan 2019
127 min
Re­gie Tsai Ming-Liang

CHARLATAN

(Ber­li­na­le Spe­cial Ga­la)

Ein biss­chen Urin in ei­nem Glas (trans­pa­rent muss es sein!) ge­gen das Licht ge­hal­ten – und schon kann Jan Mi­kolá­šek ei­ne Dia­gno­se stel­len. Ein paar Kräu­ter­mi­schun­gen zum Tee auf­ge­braut, Pa­ti­ent ge­sund, fer­tig! So ein Wun­der­hei­ler wür­de heut­zu­ta­ge Mil­lio­nen ver­die­nen, Mi­kolá­šek hat das Pech, in der Tsche­cho­slo­wa­kei zur fal­schen Zeit zu le­ben. In den Jah­ren des Post­sta­li­nis­mus ist er den Macht­ha­bern ein Dorn im Au­ge, we­gen ei­nes kon­stru­ier­ten Ver­bre­chens wer­den er und sein As­sis­tent Fran­tišek vor Ge­richt ge­stellt.

"Char­la­tan" er­zählt zum ei­nen die Le­bens­ge­schich­te ei­nes Wun­der­hei­lers oder eben Schar­la­tans – kommt auf den Stand­punkt an – und zum an­de­ren ei­ne Lie­bes­ge­schich­te. Mi­kolá­šek und Fran­tišek wa­ren bei­de mit Frau­en ver­hei­ra­tet, führ­ten aber jah­re­lang ei­ne heim­li­che, ho­mo­se­xu­el­le Be­zie­hung.

Agnieszka Hol­lands Film ist ein kon­ven­tio­nell ge­mach­tes aber lehr­rei­ches und halb­wegs span­nen­des Bio­pic.

Tsche­chi­sche Re­pu­blik / Ir­land / Po­len / Slo­wa­ki­sche Re­pu­blik 2020
118 min
Re­gie Agnieszka Hol­land

BERLIN ALEXANDERPLATZ ● THE ROADS NOT TAKEN ● DAU. NATASHA ● SUK SUK

Liebs­tes Fo­to­ob­jekt bei der Ber­li­na­le ist we­der Si­gour­ney Wea­ver noch John­ny Depp, son­dern (Tusch!) der ge­schlos­se­ne Vor­hang im Ki­no. Be­vor er sich ver­läss­lich zur nächs­ten Pre­mie­re öff­net, wer­den Hun­der­te Han­dys im Saal ge­zückt, um den wahl­wei­se ro­ten oder wei­ßen Stoff­lap­pen di­gi­tal zu ver­ewi­gen. Die Bil­der wer­den dann um­ge­hend auf den üb­li­chen so­zia­len Platt­for­men ge­pos­tet, schließ­lich sol­len die Fol­lower nei­disch wer­den. Aber auf was ge­nau? Jetzt mal ehr­lich: Fo­tos von ge­schlos­se­nen Vor­hän­gen will kei­ner se­hen! Dann doch lie­ber hüb­sche Da­ckel­bil­der...

BERLIN ALEXANDERPLATZ

(Wett­be­werb)

„Ber­lin Alex­an­der­platz“ ist ein Film mit Ei­ern! Wä­re Rai­ner Wer­ner Fass­bin­der noch am Le­ben und wür­de Al­fred Dö­b­lins Ro­man zum zwei­ten Mal ver­fil­men – viel­leicht kä­me et­was ähn­lich Auf­re­gen­des da­bei her­aus.

In fünf Ka­pi­teln (plus Epi­log) er­zählt das Dra­ma die düs­te­re Ge­schich­te vom Flücht­ling Fran­cis aus West­afri­ka. Im heu­ti­gen Ber­lin trifft er auf den durch­ge­knall­ten Dro­gen­dea­ler Rein­hold und die Le­ben der bei­den Män­ner ver­bin­den sich zu ei­ner ver­häng­nis­vol­len Schick­sals­ge­mein­schaft. Im­mer wie­der ver­sucht Rein­hold, Fran­cis für sei­ne Zwe­cke ein­zu­span­nen, im­mer wie­der wi­der­steht er. Als sich Franz (so hat ihn Rein­hold in­zwi­schen zwecks „Ger­ma­ni­sie­rung“ ge­tauft) in das Es­cort-Girl Mie­ze ver­liebt, ver­spürt er seit Lan­gem so et­was wie Glück.

„Ber­lin Alex­an­der­platz“ wird spal­ten. Re­gis­seur Qur­ba­ni wen­det sich mit sei­ner Ver­fil­mung nicht an die brei­te Mas­se. So wie es Men­schen gibt, die Freu­de an ei­ner 3‑stündigen Volks­büh­nen-In­sze­nie­rung ha­ben, so wird es (hof­fent­lich) auch Zu­schau­er ge­ben, die die­sen Film lie­ben. An­de­re, die nach 20 Mi­nu­ten ent­nervt aus dem Ki­no flie­hen, ver­pas­sen ei­nen der in­ter­es­san­tes­ten deut­schen Fil­me der letz­ten Zeit.

Wel­ket Bun­gué, Jel­la Haa­se, Joa­chim Król – durch­weg groß­ar­ti­ge Schau­spie­ler. Aber vor al­lem Al­brecht Schuch als Rein­hold stiehlt mit sei­ner Prä­senz je­de Sze­ne. Der Film glänzt: Ka­me­ra, Schnitt, Mu­sik, Aus­stat­tung – das ist al­les ge­konnt, von höchs­ter Qua­li­tät und pa­ckend in­sze­niert. Selbst an die in der Jetzt­zeit be­fremd­lich wir­ken­den Dia­lo­ge – Qur­ba­ni lässt sei­ne Fi­gu­ren im­mer wie­der Ori­gi­nal­sät­ze aus dem Ro­man spre­chen – hat man sich rasch ge­wöhnt. 

„Ber­lin Alex­an­der­platz“ ist Kunst, film­ge­wor­de­nes Thea­ter, kraft­strot­zen­des Ki­no. Ein ernst zu neh­men­der An­wär­ter auf den Gol­de­nen Bä­ren.

Deutsch­land / Nie­der­lan­de 2020
183 min
Re­gie Bur­han Qur­ba­ni

THE ROADS NOT TAKEN

(Wett­be­werb)

Life is not fair. Wenn man wo­chen­lang täg­lich meh­re­re künst­le­risch wert­vol­le Art­house-Fil­me sieht, wird man zwangs­läu­fig ir­gend­wann mü­de. Wä­re Sal­ly Pot­ters am­bi­tio­nier­ter Film doch nur zu An­fang der Ber­li­na­le ge­lau­fen!

Leo hin­ge­gen ist am En­de – hilf­los, sprach­los, apa­thisch. Er weiß nicht, wer er ist, sei­ne sich lie­be­voll küm­mern­de Toch­ter Mol­ly er­kennt er auch nicht mehr. Plötz­lich springt die Hand­lung: Leo ist mit Do­lo­res in Me­xi­ko ver­hei­ra­tet, bei­de trau­ern um ih­ren to­ten Sohn. Dann wie­der ein Sprung: Leo als Schrift­stel­ler auf ei­ner grie­chi­schen In­sel, der kein En­de für sei­nen Ro­man fin­det.

„The Roads Not Ta­ken“ ist ei­ne Mon­ta­ge ver­schie­de­ner Par­al­lel­ent­wür­fe ei­nes Le­bens, die Leo in sei­nem Kopf durch­wan­dert. Sal­ly Pot­ter ver­mischt die ver­schie­de­nen Ver­sio­nen, die Leo in sich trägt, mit der ent­glit­te­nen Rea­li­tät sei­nes Da­seins. Klingt ver­kopft? Ist es auch. Aber Ja­vier Bar­dem spielt – was auch sonst? – gran­di­os.

GB 2020
85 min
Re­gie Sal­ly Pot­ter

DAU. NATASHA

(Wett­be­werb)

DAU? Was issn das ei­gent­lich? Laut Goog­le „die scherz­haf­te Ab­kür­zung für dümms­ter anzu­neh­men­der Besu­cher“ Nein, das kann es nicht sein. Damen Arm­band Uhr? Das klingt auch nicht nach Kunst. 
Die ZEIT er­klär­te im Herbst 2018: „DAU ist der Ti­tel ei­nes Kunst-Grö­ßen­wahn-Pro­jek­tes, das aus 700 Stun­den Film­roh­ma­te­ri­al be­steht, aber weit mehr ist als ein Film, näm­lich ei­ne Le­bens­form, ein Re­al­ex­pe­ri­ment, ei­ne Liv­e­instal­la­ti­on.“

DAU ist al­so so ei­ne Art gi­gan­ti­sches „Big Brother“-Projekt. Im Fal­le des Wett­be­werbs­bei­trags „DAU. Na­ta­sha“ ei­ne Si­mu­la­ti­on des to­ta­li­tä­ren Sys­tems un­ter Sta­lin: Na­ta­sha und Ol­ga ar­bei­ten in der Kan­ti­ne ei­nes ge­hei­men so­wje­ti­schen For­schungs­in­sti­tuts. Hier tref­fen sich die An­ge­stell­ten des In­sti­tuts und aus­län­di­sche Gäs­te wie Luc Bi­gé. Mit ihm be­ginnt Na­ta­sha ei­ne Af­fä­re – das hat Kon­se­quen­zen.

Ech­te Schlä­ge, ech­ter Sex, ech­te Kot­ze – mit ei­nem her­kömm­li­chen Spiel­film hat Ilya Khrzha­novs­kiys DAU-Pro­jekt we­nig zu tun. Die im­pro­vi­sie­ren­den Lai­en­dar­stel­ler ge­ben ei­nen un­ge­schön­ten Ein­blick in die mensch­li­che Psy­che. Das ist we­ni­ger spek­ta­ku­lär als er­war­tet, aber auch nicht un­in­ter­es­sant.

Deutsch­land / Ukrai­ne / GB / Russ­land 2020
145 min
Re­gie Ilya Khrzha­novs­kiy + Je­ka­te­ri­na Oer­tel

SUK SUK

(Pan­ora­ma)

Pak steht am En­de sei­nes Be­rufs­le­bens. Bei der Su­che nach an­ony­mem Sex trifft der Ta­xi­fah­rer auf Hoi. Mit dem Pen­sio­när be­ginnt er ei­ne zärt­li­che Lie­bes­af­fä­re.

Alt, ver­hei­ra­tet, Groß­va­ter und schwul. Und das in Chi­na, wo Ho­mo­se­xua­li­tät von Sei­ten der Fa­mi­lie und Ge­sell­schaft im­mer noch stig­ma­ti­siert wer­den.

„Suk Suk“ ba­siert auf Oral-Histo­ry-Auf­zeich­nun­gen. Die Dis­kri­mi­nie­rung und Iso­la­ti­on äl­te­rer Men­schen wird fein­füh­lig und hu­mor­voll dar­ge­stellt. Ei­ne sub­ti­le, gut be­ob­ach­te­te Stu­die, die nur von ih­rem kit­schi­gen Sound­track un­ter­mi­niert wird.

Hong­kong / Chi­na 2019
92 min
Re­gie Ray Yeung

DOMANGCHIN YEOJA ● FAVOLACCE ● NEVER RARELY SOMETIMES ALWAYS ● SCHLAF

Das passt ja: Mor­gens am Nord­bahn­hof scheint die Son­ne, 10 Mi­nu­ten spä­ter am Ber­li­na­le Pa­last grau­er Him­mel, es reg­net. Der Pots­da­mer Platz hat sich in ei­ne Ghost Town ver­wan­delt. Meist ge­hör­ter Satz: „Al­so, ich war ges­tern in den Ar­ka­den, das ist ja geis­ter­haft…“ Hier ist mitt­ler­wei­le we­ni­ger los als zu Mau­er­zei­ten. Des­halb die Auf­for­de­rung an al­le Fil­me­ma­cher, be­vor der gro­ße Um­bau los­geht: Nutzt die Ku­lis­se und dreht ei­ne End­zeit-Zom­bie­apo­ka­lyp­se! Oder ei­nen Ge­spens­ter­film? Der kann nur bes­ser als der deut­sche Bei­trag „Schlaf“ wer­den…

DOMANGCHIN YEOJA

(Wett­be­werb)

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Das kommt da­von, wenn man um 7 Uhr beim bat­te­rie­schwa­chen We­cker zu oft die Snoo­ze-Tas­te drückt...verschlafen!
Da­bei klingt der Text im Pres­se­heft viel­ver­spre­chend, wie ei­ne fil­mi­sche Fort­set­zung des köst­li­chen Schlum­mers:
„Lan­ge Ein­stel­lun­gen und ein dia­log- und zoom­las­ti­ger Stil re­du­zie­ren al­les auf die Es­senz. Auch der Ti­tel "Die Frau, die rann­te" bleibt mys­te­ri­ös: Wer ge­nau ist die Frau, die rann­te? Wo­vor rennt sie weg und war­um?“
War das nun aus­ge­rech­net das lang er­sehn­te High­light des schwa­chen Wett­be­werbs 2020? Wir wer­den es erst bei der Preis­ver­lei­hung er­fah­ren...

Eng­li­scher Ti­tel "The Wo­man Who Ran"
Ko­rea 2019
77 min
Re­gie Hong Sangsoo

FAVOLACCE

(Wett­be­werb)

"Kin­der an die Macht!" Der For­de­rung von Her­bert Grö­ne­mey­er möch­te man un­ein­ge­schränkt zu­stim­men, denn die Er­wach­se­nen in "Fa­vo­l­ac­ce" sind dau­er­frus­triert und zu nichts zu ge­brau­chen. Die Müt­ter ge­schei­ter­te Exis­ten­zen, selt­sam ab­we­send, sei es men­tal oder phy­sisch. Die Vä­ter al­le­samt un­fä­hi­ge Ego­ma­nen, de­nen das Hirn in die Ho­se ge­rutscht ist. Nur die Kin­der ha­ben Ver­stand, strah­len so et­was wie Freu­de und Un­be­schwert­heit aus. Doch das trügt, denn in der sen­gen­den Som­mer­hit­ze ei­ner Rei­hen­haus­sied­lung am Ran­de Roms ent­fal­tet sich ei­ne Ka­ta­stro­phe in Zeit­lu­pe.

Der zwei­te Spiel­film der Brü­der D’Innocenzo ent­wi­ckelt ei­ne star­ke Sog­kraft, es wird bö­se en­den, das ist zu spü­ren, und doch hofft man bis zu­letzt auf Ka­thar­sis. Der Er­zäh­ler aus dem Off ent­schul­digt sich am En­de für das düs­te­re Mär­chen – er hät­te ger­ne von we­ni­ger de­pri­mie­ren­den Er­eig­nis­sen be­rich­tet. Ver­stö­rend.

Eng­li­scher Ti­tel "Bad Ta­les"
Ita­li­en / Schweiz 2020
98 min
Re­gie Fa­bio + Da­mi­a­no D’Innocenzo

NEVER RARELY SOMETIMES ALWAYS

(Wett­be­werb)

Und noch mehr aus der to­xi­schen Män­ner­welt: Die 17-jäh­ri­ge Autumn ist schwan­ger und will ei­ne Ab­trei­bung. Da das in ih­rem Hei­mat­kaff nur mit Ein­wil­li­gung der El­tern geht, fährt sie mit ih­rer Cou­si­ne nach New York.

Never, Ra­re­ly, So­me­ti­mes, Al­ways – al­so: nie­mals, sel­ten, manch­mal, im­mer – zwi­schen die­sen Ant­wort­mög­lich­kei­ten soll Autumn bei ei­nem Mul­ti­ple-Choice-Test in der Ab­trei­bungs­kli­nik wäh­len. Ei­ne be­klem­men­de, star­ke Sze­ne, in der man zu ver­ste­hen be­ginnt, wes­halb das Mäd­chen so schlecht ge­launt durchs Le­ben geht.

Eli­za Hitt­mans Film folgt der in­zwi­schen gän­gi­gen The­se, dass (fast) al­le Män­ner Schwei­ne und Frau­en pri­ma sind. Bis auf ei­ne Fi­gur ver­hal­ten sich die Män­ner in "Never Ra­re­ly So­me­ti­mes Al­ways" über­grif­fig und fies. Und selbst der ein­zi­ge sym­pa­thi­sche Kerl lässt sich ge­borg­tes Geld mit ei­ner Knut­sche­rei ver­gel­ten.

Trotz des schwarz-weiß ge­zeich­ne­ten Welt­bilds schaut man dem gut be­ob­ach­te­ten, la­ko­nisch er­zähl­ten Teen­ager­dra­ma ge­spannt zu.

USA 2020
101 min
Re­gie Eli­za Hitt­man

SCHLAF

(Per­spek­ti­ve Deut­sches Ki­no)

Schon Tes­sa Ho­rakh wuss­te: „Frau­en kön­nen das eben nicht!“ In die­sem Fall muss es rich­ti­ger­wei­se heis­sen: „Deut­sche kön­nen das eben nicht!“ Näm­lich ge­schei­te Hor­ror­fil­me dre­hen. Es ist schon ei­ne Kunst, ei­nen Brei zu ver­sal­zen und gleich­zei­tig fa­de schme­cken zu las­sen. Das heil­los über­frach­te­te Dreh­buch be­dient sich groß­zü­gig bei al­ler­lei Gen­re­klas­si­kern wie „The Con­jou­ring“ und „The Shi­ning“, oh­ne et­was Auf­re­gen­des dar­aus zu ma­chen.

Flug­be­glei­te­rin Mar­le­ne lei­det un­ter wie­der­keh­ren­den Alb­träu­men. Ir­gend­wann schnappt sie über und ver­fällt in ei­ne Art Schock­star­re. Ih­re Toch­ter Mo­na macht sich auf die Su­che und fin­det ir­ri­tie­ren­de Ant­wor­ten in ei­nem 70er-Jah­re Dorf­ho­tel na­mens Son­nen­hü­gel.

In die­sem Film wird viel ge­würgt. Män­ner wür­gen Frau­en, Frau­en wür­gen Män­ner und manch­mal wür­gen sich Men­schen auch ganz al­lei­ne selbst. Klingt ein biss­chen wie ein Ed­gar-Wal­lace-Strei­fen aus den 60ern. Für das ver­schwur­bel­te ZDF-Klei­ne-Fern­seh­spiel ent­schä­di­gen nur die Schau­spie­ler: San­dra Hül­ler als Mar­le­ne ist wie im­mer gut, hat hier je­doch fast nichts zu tun. Gro Swant­je Kohl­hof über­zeugt als Toch­ter am Ran­de des Ner­ven­zu­sam­men­bruchs. Und Au­gust Schmöl­zer spielt den Ho­tel­be­sit­zer zwar schön zwie­lich­tig, scheint sich aber aus ei­nem ganz an­de­ren Film hier­her ver­irrt zu ha­ben.

Eng­li­scher Ti­tel "Sleep"
Deutsch­land 2020
102 min
Re­gie Mi­cha­el Ve­nus

EFFACER L’HISTORIQUE ● SCHWESTERLEIN ● SIBERIA ● EXIL ● PALAZZO DI GIUSTIZIA

Die dä­ni­sche Gas­tro­no­min Vic­to­ria Elí­as­dót­tir lädt am En­de der Ber­li­na­le zu ge­mein­sa­men Abend­essen in ih­rem Pop-up-Re­stau­rant. Dies­mal kre­iert sie ihr Din­ner zum The­ma Ome­ga-3-Fett­säu­ren und De­pres­sio­nen.
„At kin­der­gar­ten we we­re (force)fed a ta­b­les­poon of li­quid fi­sh oil every mor­ning. In a stu­dy they found that peo­p­le who con­su­med mo­re fi­sh we­re less li­kely to ex­pe­ri­ence the sym­ptoms of de­pres­si­on.“
Ei­ne hilf­rei­che Er­kennt­nis: Nach dem düs­te­ren De­pri­film "Exil“ möch­te man gleich be­herzt in ein gro­ßes Fisch­bröt­chen bei­ßen.

EFFACER L’HISTORIQUE

(Wett­be­werb)

End­lich gib's mal was zu La­chen auf der Ber­li­na­le. Der fran­zö­sisch-bel­gi­sche Wett­be­werbs­bei­trag "Ef­facer l’historique" – was über­setzt "Lö­sche den Ver­lauf" be­deu­tet – ist ei­ne sehr ko­mi­sche Lie­bes­er­klä­rung an die ana­lo­ge Welt. Pas­sen­der­wei­se auf kör­ni­gem 16mm Film ge­dreht, macht sich die in­tel­li­gen­te Ko­mö­die über die über­bor­den­de Di­gi­ta­li­sie­rung un­se­res All­tags lus­tig. Da­bei schre­cken die Re­gis­seu­re (zum Glück) auch nicht vor Al­bern­hei­ten zu­rück. Drei fa­bel­haf­te Hauptdarsteller*innen (Blan­che Gar­din, De­nis Po­da­ly­dès und Co­rin­ne Ma­sie­ro) spie­len in den fein be­ob­ach­te­ten, epi­so­den­haf­ten Sze­nen er­wach­se­ne Men­schen, die mit den Tü­cken der So­cial-Me­dia-Welt kon­fron­tiert wer­den. "Ef­facer l’historique" wirkt auf den ers­ten Blick wie die sehr ge­lun­ge­ne Fol­ge ei­ner Sketch Show und ist in Sum­me da­her viel­leicht kein "rich­ti­ger Spiel­film", macht aber da­für ei­nen Hei­den­spaß.

Eng­li­scher Ti­tel "De­le­te Histo­ry"
Frank­reich / Bel­gi­en 2019
110 min
Re­gie Be­noît Delé­pi­ne + Gust­ave Ker­vern

SCHWESTERLEIN

(Wett­be­werb)

Was soll da noch kom­men? Ni­na Hoss wird den sil­ber­nen Bä­ren für die bes­te weib­li­che Haupt­rol­le ge­win­nen. Als Schwester(lein) des krebs­kran­ken Thea­ter­schau­spie­lers Sven ent­fal­tet sie ei­ne gro­ße Kraft, der gan­ze Film kreist um sie. Ih­re Fi­gur, die Au­torin Li­sa, muss sich ge­gen ei­ne schier un­end­li­che Flut an Dra­men und Pro­ble­men stem­men: Ih­re Mut­ter ist ei­ne ge­fühls­kal­te Ego­is­tin, ihr Ehe­mann will lie­ber Kar­rie­re in der Schweiz ma­chen und der Re­gis­seur ih­res Bru­ders zwei­felt an des­sen Ge­ne­sung und plant schon mal die nächs­te Spiel­zeit oh­ne ihn. Ein Stich ins Herz je­des Künst­lers.

Nach "Un­di­ne" noch ein Mär­chen: "Hän­sel und Gre­tel" zieht sich als ro­ter Fa­den durch den Film. Li­sa schreibt ih­rem Bru­der ei­ne Neu­in­ter­pre­ta­ti­on der Grimm'schen Ge­schich­te auf den Leib, gleich­zei­tig sind die ver­lo­re­nen Kin­der in der Ge­walt der He­xe ein all­zu of­fen­sicht­li­ches Sym­bol für den Kampf der Ge­schwis­ter ge­gen den Krebs.

"Schwes­ter­lein" chan­giert zwi­schen Il­lu­si­on und über­höh­tem Rea­lis­mus. Tho­mas Os­ter­mei­er spielt – was sonst ? – den Re­gis­seur, Lars Ei­din­ger ei­ne ster­bens­kran­ke Ver­si­on des Schau­spie­lers Lars Ei­din­ger. Über so viel Na­bel­schau muss man erst mal hin­weg­se­hen. Die Sta­ti­on des Ster­bens wer­den fast ar­tig ab­ge­hakt: der letz­te be­sof­fe­ne Tech­notanz, der ver­meint­lich frei­heits­brin­gen­de Pa­ra­gli­ding-Flug, die häss­li­chen Kran­ken­haus­sze­nen mit viel Blut und piep­sen­den Ma­schi­nen. Das sind be­kann­te Bil­der, da be­wegt sich das Dra­ma auf aus­ge­tre­te­nen Pfa­den.

"Schwes­ter­lein" ist har­te Kost. Als Film eher Mit­tel­maß, als De­mons­tra­ti­on schau­spie­le­ri­schen Kön­nens ei­ne Wucht.

Eng­li­scher Ti­tel "My Litt­le Sis­ter"
Schweiz 2020
99 min
Re­gie Sté­pha­nie Chuat + Vé­ro­ni­que Rey­mond

SIBERIA

(Wett­be­werb)

Ei­ne di­cke nack­te Frau tanzt in ei­ner Höh­le im Kreis und ruft da­bei "I need a Doc­tor!"

Und noch ein Schau­spie­ler­film. Dies­mal kann man Wil­lem Da­foe als ge­bro­che­nen Mann bei sei­ner Rei­se ins Ich zu­schau­en. Muss man aber nicht. "Si­be­ria" ist ein an­stren­gen­der Wett­be­werbs­bei­trag, der bes­ser im Fo­rum auf­ge­ho­ben wä­re. Ein­zi­ger Licht­blick: Land­schaf­ten mit je­der Men­ge Schnee. So was gab's in Ber­lin ge­fühlt das letz­te Mal vor 10 Jah­ren zu se­hen.

Ita­li­en / Deutsch­land / Me­xi­ko 2020
92 min
Re­gie Abel Fer­ra­ra

EXIL

(Pan­ora­ma)

Deutsch­land im Som­mer. Die Ka­me­ra klebt am ver­schwitz­ten Hemd­kra­gen von Xha­fer. Der Ko­so­vo-Al­ba­ner lebt mit Frau und Töch­tern in ei­nem Rei­hen­haus, ar­bei­tet als Phar­ma­in­ge­nieur. Könn­te al­les so bie­der-schön in­te­griert sein, wür­de sich Xha­fer nicht ge­mobbt füh­len. Mails wer­den „ver­se­hent­lich“ nicht wei­ter­ge­lei­tet, die oft an­ge­mahn­ten Test­ergeb­nis­se blei­ben aus, es wird ge­tu­schelt, ei­nes Ta­ges hängt ei­ne Rat­te an sei­nem Gar­ten­tor. Sein dif­fu­ses Miss­trau­en ge­gen Kol­le­gen, sei­ne Frau und ge­gen sich selbst wächst, er stei­gert sich im­mer mehr in sei­nen Ver­fol­gungs­wahn. Doch bald stellt sich die Fra­ge: Ist Xha­fer der Ver­folg­te oder ist er selbst die Be­dro­hung?

Haupt­dar­stel­ler Mišel Ma­tiče­vić ge­lingt es, den Cha­rak­ter die­ses zu­tiefst ver­un­si­cher­ten Man­nes glaub­haft her­aus­zu­schä­len. San­dra Hül­ler spielt eben­so über­zeu­gend sei­ne ge­pei­nig­te Ehe­frau. Nach „To­ni Erd­mann“ wür­de man der hoch­ka­rä­ti­gen Schau­spie­le­rin ger­ne mal wie­der ei­ne et­was leich­te­re Rol­le wün­schen, denn ko­mö­di­an­ti­sches Ta­lent be­sitzt sie zwei­fel­los. 

„Exil“ tut weh. Gif­ti­ge Ocker­tö­ne und Düs­ter­nis er­zeu­gen ei­ne ste­te Be­klem­mung. Das Se­zie­ren der Psy­che des Prot­ago­nis­ten muss man aus­hal­ten kön­nen. Ver­lo­re­ne Hei­mat, aus­ge­schlos­sen sein, In­te­gra­ti­on – „Exil“ be­rührt vie­le The­men und hängt noch lan­ge nach. Ei­ne düs­te­rer Alp­traum, Pa­ra­noia als Film.

Eng­li­scher Ti­tel "Exi­le"
Deutsch­land / Bel­gi­en / Ko­so­vo 2020
121 min
Re­gie Vi­sar Mo­ri­na

PALAZZO DI GIUSTIZIA

(Ge­ne­ra­ti­on 14plus)

Chia­ra Bel­los kommt ei­gent­lich aus der Dok-Film­sze­ne, das merkt man ih­rem Spiel­film­de­but deut­lich an. Die Re­gis­seu­rin ist we­ni­ger an ei­ner strin­gen­ten Ge­schich­te, als viel­mehr an Be­ob­ach­tun­gen ih­rer Fi­gu­ren in­ter­es­siert. Die­ser fast do­ku­men­ta­ri­sche An­satz schafft In­ti­mi­tät und macht den Reiz von „Pa­laz­zo di Giu­s­ti­zia“ aus.

Im Flur vor ei­nem Ge­richts­saals sit­zen sich zwei Mäd­chen ge­gen­über. Der Va­ter der klei­nen Luce ist ein Räu­ber, der Va­ter der äl­te­ren Do­me­ni­ca hat den Kum­pel des Räu­bers auf der Flucht er­schos­sen. Wäh­rend drin­nen der Pro­zess läuft, lang­wei­len sich die Mäd­chen zu­se­hends. Luce be­ginnt ih­re Um­ge­bung zu er­for­schen. 

Der Ge­ne­ra­ti­on 14­plus-Bei­trag ist ei­ne lang­sam er­zähl­te, fast sach­li­che Mi­schung aus Cha­rak­ter­stu­die, Ge­richts- und Ju­gend­film.

Eng­li­scher Ti­tel "Or­di­na­ry Ju­s­ti­ce“
Ita­li­en / Schweiz 2020
84 min
Re­gie Chia­ra Bel­los

THE ASSISTANT ● UNDINE ● TODOS OS MORTOS ● FUTUR DREI ● LAS NIÑAS ● LUA VERMELLA ● SHIRLEY

Ein Hin­weis an al­le Eu­len und Uhus in Rei­he 1 bis 10: Lau­tes Flüs­tern nervt! Egal in wel­cher Spra­che. Es nervt in der Sau­na, im Ki­no noch mehr. Und: Auch wenn ihr eu­re Han­dys noch so nah vors Ge­sicht hal­tet, das Licht stört die an­de­ren trotz­dem. Da­her: Han­dy aus, Schna­bel zu.

THE ASSISTANT

(Pan­ora­ma)

Nach "My Sa­lin­ger Year" ein wei­te­rer Film über die stil­len Lei­den der As­sis­ten­ten. Dies­mal geht es je­doch we­ni­ger ku­sche­lig zu, "The As­sistant" ist har­ter Rea­lis­mus. Har­vey Wein­stein wird zwar na­ment­lich nie er­wähnt, doch es ist re­la­tiv schnell klar, auf wen Re­gis­seu­rin Kit­ty Green hier an­spielt.

Ja­ne ist mor­gens die Ers­te und abends die Letz­te im Bü­ro ei­nes mäch­ti­gen Me­di­en­mo­guls. Rei­sen or­ga­ni­sie­ren, Ter­mi­ne bu­chen, das Bü­ro auf­räu­men, die wü­ten­de Gat­tin am Te­le­fon be­ru­hi­gen – Ja­nes Tag ist voll­ge­packt. Als im­mer wie­der jun­ge Frau­en bei ih­rem Chef ein- und aus­ge­hen, will sie nicht län­ger weg­schau­en, sie ver­mu­tet Miss­brauch. Sie ver­traut sich ei­nem Kol­le­gen an, doch der bü­gelt ih­re Be­den­ken ab. Das Sys­tem funk­tio­niert. Die (männ­li­chen) Mit­ar­bei­ter dik­tie­ren ihr so­gar den Wort­laut ei­ner Ent­schul­di­gungs­mail in den Com­pu­ter. 

Die­ser Film ge­hört Haupt­dar­stel­le­rin Ju­lia Gar­ner. Wie sie mit re­du­zier­ter Mi­mik Angst, Zwei­fel und stil­le Wut aus­drückt, ist be­ein­dru­ckend. "The As­sistant" er­zählt in streng kom­po­nier­ten Bil­dern ei­ne Ge­schich­te vom Weg­schau­en und von Re­pres­si­on am Ar­beits­platz. Die Hand­lung spielt vor #Me­Too – ob sich in­zwi­schen viel ge­än­dert hat, ist frag­lich.

USA 2019
90 min
Re­gie Kit­ty Green

UNDINE

(Wett­be­werb)

So, jetzt wird mal mit an­ge­le­se­nen Hin­ter­grund­in­for­ma­ti­on ge­protzt: Un­di­ne ist ei­ne my­tho­lo­gi­sche Fi­gur, ei­ne Nym­phe, die mit ih­rem Ge­sang die Men­schen ver­zau­bert. Ei­ne See­le er­langt sie nur, wenn sie sich mit ei­nem Men­schen ver­mählt. Der Ha­ken an der Sa­che: Un­treue Gat­ten bringt sie um.

Die­ses Wis­sen hilft, Chris­ti­an Pet­zolds neu­en Film "Un­di­ne" bes­ser zu ver­ste­hen. Der Re­gis­seur dich­tet den My­thos von der ge­heim­nis­vol­len Was­ser­frau zum mo­der­nen Mär­chen im heu­ti­gen Ber­lin um. Das funk­tio­niert er­staun­lich gut. Der Film hat zu­gleich et­was Mär­chen­haf­tes und Rea­lis­ti­sches. Pau­la Beer ver­leiht der Fi­gur Un­di­ne mit was­ser­ge­well­ten Lo­cken ei­ne som­nam­bu­le Au­ra. Und kei­ner kann so über­zeu­gend den leicht tum­ben und gleich­zei­tig sen­si­blen Ar­bei­ter spie­len wie Franz Ro­gow­ski.

"Un­di­ne" ist eher ei­ne Fin­ger­übung, ein in­ter­es­san­tes Ex­pe­ri­ment, der et­was an­de­re Ber­lin­film. Re­gis­seur Pet­zold übertreibt's zwi­schen­durch ein we­nig mit der plat­ten Sym­bo­lik – ins­ge­samt ist ihm zwar ein zar­ter Lie­bes­film aus dem Hier und Jetzt ge­lun­gen, es bleibt aber selt­sam sprö­de.

Deutsch­land 2020
90 min
Re­gie Chris­ti­an Pet­zold 

TODOS OS MORTOS

(Wett­be­werb)

Frau­en ste­hen im Mit­tel­punkt des bra­si­lia­ni­schen Films "To­dos os mor­tos". Bra­si­li­en 1899, kurz nach Ab­schaf­fung der Skla­ve­rei. Die drei Frau­en der Soares-Fa­mi­lie ste­hen am Rand des Ru­ins und ver­su­chen, sich müh­sam an die neu­en Ver­hält­nis­se an­zu­pas­sen. Die Mut­ter ist vom al­ten Schlag, lässt sich im­mer noch ger­ne be­die­nen. Ih­re bei­den Töch­ter, die ei­ne Non­ne, die an­de­re ei­ne ver­wirr­te Pia­nis­tin, sind auch kei­ne gro­ße Stüt­ze. Par­al­lel wird die Ge­schich­te der Na­sci­men­to-Fa­mi­lie er­zählt, ehe­mals Skla­ven der Soares.

Das hät­te was wer­den kön­nen, denn das The­ma ist ei­gent­lich in­ter­es­sant. Scha­de nur, dass der Film wie ei­ne lang­at­mi­ge Te­le­no­ve­la für In­tel­lek­tu­el­le wirkt. Fehlt nur noch die dra­ma­ti­sche Mu­sik kurz vor der Wer­be­pau­se. "To­dos os Mor­des" läuft rät­sel­haf­ter­wei­se im Wett­be­werb und ge­winnt be­stimmt den gol­de­nen Bä­ren.

Eng­li­scher Ti­tel "All the Dead Ones"
Bra­si­li­en / Frank­reich 2020
120 min
Re­gie Caet­a­no Go­tar­do

FUTUR DREI

(Pan­ora­ma)

4 Ster­ne für die Sto­ry plus 2 Ster­ne für die künst­le­ri­sche Am­bi­ti­on = 3 Ster­ne für „Fu­tur Drei“
Par­vis ist der Sohn ira­ni­scher Ein­wan­de­rer in Nie­der­sach­sen. Er ver­bum­melt sein Le­ben zwi­schen Tan­zen ge­hen, job­ben und an­ony­men Grin­dr-Dates (dem Gay-Equi­va­lent zu Tin­der). Als er in ei­nem Flücht­lings­heim So­zi­al­stun­den ab­leis­ten muss, ver­liebt er sich in Amon, der mit sei­ner Schwes­ter aus dem Iran ge­flüch­tet ist. Die drei ver­bin­det bald ei­ne in­ten­si­ve Freund­schaft und Be­zie­hung.

Wie vie­le Pan­ora­ma-Bei­trä­ge in die­sem Jahr er­zählt auch „Fu­tur Drei“ von Hei­mat und Aus­gren­zung, dies­mal im quee­ren Mi­lieu. Ob­wohl Par­vis' Fa­mi­lie seit vie­len Jah­ren in Deutsch­land lebt, hat sie sich nie wirk­lich in­te­griert. Par­vis da­ge­gen fühlt sich deutsch und nicht als Ira­ner – ein in­ter­es­san­ter Zwie­spalt. 

Die ers­ten zwei Drit­tel des Films sind span­nend und ge­ben ei­nen an­ge­nehm un­kli­sche­ei­gen Ein­blick. Ge­gen En­de hat dann wohl ir­gend­wer be­schlos­sen, dass es „künst­le­risch“ wer­den muss. Die­se eher wahl­los ein­ge­streu­ten Vi­gnet­ten hät­ten für sich ge­nom­men viel­leicht ei­nen am­bi­tio­nier­ten Kurz­film er­ge­ben. Doch das ge­wollt Ex­pe­ri­men­tel­le fügt sich nicht in die bis da­hin prä­zi­se und ge­rad­li­ni­ge Er­zäh­lung. Scha­de, es wä­re sonst ein rich­tig gu­ter Film ge­wor­den. 

Eng­li­scher Ti­tel "No Hard Fee­lings"
Deutsch­land 2020
92 min
Re­gie Fa­raz Sha­ri­at

LAS NIÑAS

(Ge­ne­ra­ti­on Kplus)

Ce­lia muss schwei­gen. Im Chor darf sie nur die Lip­pen be­we­gen, ih­re Mut­ter hat kei­nen Nerv für die Fra­gen und Nö­te der Toch­ter und in der kon­ser­va­ti­ven Non­nen­schu­le soll sie auch schön ar­tig sein. Erst Bri­sa, die neue Mit­schü­le­rin aus Bar­ce­lo­na, weckt die Re­bel­lin in Ce­lia. Das bis­her so ar­ti­ge Mäd­chen be­ginnt, un­be­que­me Fra­gen zu stel­len.

Nicht um­sonst läuft Pi­lar Pa­lo­me­ros De­but im Rah­men der Ge­ne­ra­ti­on Kplus. „Las Ni­ñas“ ver­langt sei­nen Zu­schau­ern ab, sich ganz und gar auf die Welt der Her­an­wach­sen­den ein­zu­las­sen. Lan­ges, stil­les Brü­ten, Schmink­ver­su­che mit den Freun­din­nen, un­be­hol­fe­ne Flirts mit ei­nem Jun­gen oder die ers­te Zi­ga­ret­te. Für Men­schen jen­seits der 18 gibt es ein paar ge­lun­ge­ne Mo­men­te und quä­len­de Er­in­ne­run­gen an die ei­ge­ne Ju­gend, aber wie bei der Pu­ber­tät wünscht man sich bald, dass das Gan­ze ein En­de hat.

Eng­li­scher Ti­tel "School­girls"
Spa­ni­en 2020
97 min
Re­gie Pi­lar Pa­lo­me­ro

LUA VERMELLA

(Fo­rum)

Auch für an­stren­gen­de Ex­pe­ri­men­tal­fil­me ist auf der Ber­li­na­le Platz: Ein Stau­see, ei­ne schrof­fe Küs­ten­land­schaft, to­sen­des Was­ser. Men­schen wie zu Säu­len er­starrt, den Blick nach un­ten ge­rich­tet. Ih­re Ge­dan­ken als in­ne­rer Mo­no­log ge­spro­chen. Nach und nach wer­den sie mit wei­ßen Tü­chern ab­ge­deckt, ver­stum­men. Wie Ge­spens­ter ste­hen die Be­woh­ner ei­nes ga­li­cis­chen Küs­ten­or­tes in der Ge­gend her­um. Der Pres­se­text er­klärt: „Die frag­men­ta­ri­sche Er­zäh­lung lo­tet das Ver­hält­nis zwi­schen Mensch und Um­welt aus.“ Aha. Das gan­ze Spek­ta­kel dau­ert ge­schla­ge­ne 84 Mi­nu­ten und ist wohl Kunst. Er­mü­dend.

Eng­li­scher Ti­tel "Red Moon Ti­de"
Spa­ni­en 2019
84 min
Re­gie Lois Pa­ti­ño

SHIRLEY

(En­coun­ters)

Noch schnell ein Nach­schlag, jetzt mal wirk­lich kurz und knapp:
1964, Hor­ror­au­torin Shir­ley Jack­son und ihr Ehe­mann, der Li­te­ra­tur­kri­ti­ker und Col­lege­pro­fes­sor Stan­ley Hy­man be­her­ber­gen ein jun­ges Ehe­paar, Fred und Ro­se Nem­ser. Was sich zwi­schen den vier Per­so­nen ent­wi­ckelt und ent­lädt, kann man am ehes­ten als "Wer hat Angst vor Vir­gi­nia Woolf?" mit Ver­zö­ge­rung be­schrei­ben. Die Schau­spie­ler sind al­le gran­di­os, mit ei­ner her­aus­ra­gen­den Eli­sa­beth Moss – ein­dring­lich und mit er­schre­cken­dem Mut zur Häss­lich­keit.

USA 2020
106 min
Re­gie Jo­se­phi­ne De­cker

FIRST COW ● LES SEL DES LARMES ● DEATH OF NINTENDO ● SEMINA IL VENTO ● SUNE – BEST MAN

"Wie ist die­ses Jahr ei­gent­lich das Mot­to der Ber­li­na­le?" Fragt ein auf­müp­fi­ger rbb-Re­por­ter bei der ers­ten Pres­se­kon­fe­renz im Ja­nu­ar „Un­ter Koss­lick hat sie im­mer eins ge­habt!“. Kein Wun­der, dass Car­lo Cha­tri­an pat­zig wird: „Wenn Sie un­be­dingt ein Mot­to brau­chen, bit­te, dann über­le­gen wir uns eins, nur für Sie!“ Bis jetzt ist keins erkennbar...vielleicht "Ki­no trotz Co­ro­na"? Über­all hus­tet und schneuzt es im Saal. Das must have in die­sem Jahr: Mund­schutz mit Ber­li­na­le-Bär.

FIRST COW

(Wett­be­werb)

"First Cow" – Was wie der CIA-Code­na­me für Me­la­nia Trump klingt, ist in Wahr­heit die hei­te­re Ge­schich­te von Coo­kie, dem sen­si­blen Koch und sei­nem Freund, dem Chi­ne­sen King-Lu. Im 19. Jahr­hun­dert kom­men die bei­den auf die glor­rei­che Idee, im Wil­den Wes­ten Schmalz­ge­bäck zu ver­kau­fen. Ein ga­ran­tier­ter Hit. Blöd nur, dass sie die Haupt­zu­tat für den Teig nachts bei der ein­zi­gen Kuh im Ort heim­lich ab­mel­ken müs­sen. Die Kuh ge­hört aus­ge­rech­net dem Bür­ger­meis­ter, ein Dieb­stahl mit fa­ta­len Fol­gen...

Je­de Ber­li­na­le hat ih­ren ei­ge­nen "Das Le­ben ist ein lan­ger ru­hi­ger Fluss"-Film. Im ver­gan­ge­nen Jahr war das "Out Ste­al­ing Hor­ses", in die­sem Jahr heißt er "First Cow". Re­gis­seu­rin Reich­art hat ei­ne au­then­ti­sche Wild-West-Ge­schich­te ge­dreht, weit ent­fernt von jeg­li­cher "Bonanza"-Romantik. Hier geht's dre­ckig, un­ge­wa­schen und mat­schig zu. Lässt man sich auf die lang­sa­me Er­zähl­wei­se ein und flieht nicht aus dem Ki­no (wie ei­ni­ge Zu­schau­er wäh­rend der ers­ten hal­ben Stun­de), so wird man mit ei­nem sanf­ten, fast me­di­ta­ti­ven Wett­be­werbs­bei­trag be­lohnt. Die zärt­li­chen Ge­sprä­che, die Coo­kie wäh­rend des Mel­kens mit der Kuh führt, ge­hö­ren zum bis­he­ri­gen Hö­he­punkt der Ber­li­na­le.

USA 2019
122 min
Re­gie Kel­ly Rei­chardt

LES SEL DES LARMES

(Wett­be­werb)

Es müss­te schon mit dem Teu­fel zu­ge­hen, wenn "Les sel des lar­mes" nicht ir­gend­ei­nen Preis ab­räu­men wür­de. Schließ­lich hat letz­tes Jahr "Ich war zu­hau­se, aber" den sil­ber­nen Bä­ren für die bes­te Re­gie be­kom­men – und der war ähn­lich furcht­bar.

Luc kommt nach Pa­ris, um Kunst­schrei­ner zu wer­den. Er be­geg­net ei­nem Mäd­chen, die bei­den ha­ben ei­ne un­schul­di­ge Af­fä­re. Dann trifft er in sei­nem Hei­mat­dorf auf ei­ne Ex-Freun­din, sie wird schwan­ger. Wie­der zu­rück in Pa­ris be­ginnt er ei­ne Be­zie­hung mit ei­ner wei­te­ren Frau. Das al­les wird von ei­ner stoi­schen Er­zäh­ler­stim­me zu­sam­men­ge­hal­ten, man könn­te der schlich­ten Ge­schich­te aber auch mü­he­los oh­ne die­sen Kunst­griff fol­gen. Ach ja, Lucs Va­ter spielt auch noch ir­gend­wie mit.

"Das Salz der Trä­nen" – da soll­te der Ti­tel schon zu den­ken ge­ben. Da­mit der Zu­schau­er er­kennt, dass dies Kunst ist, wur­de in Schwarz-Weiß ge­dreht. Ha­ben die bei der Nou­vel­le Va­gue da­mals ja auch so ge­macht. Ab der Hälf­te setzt bei der Vor­füh­rung (ver­mut­lich) hä­mi­sches Ge­läch­ter ein. Der spär­li­che Schluss­ap­plaus muss iro­nisch ge­meint sein. 

Eng­li­scher Ti­tel "The Salt of Te­ars"
Frank­reich / Schweiz 2019
100 min
Re­gie Phil­ip­pe Gar­rel

DEATH OF NINTENDO

(Ge­ne­ra­ti­on Kplus)

Ob sich 10-Jäh­ri­ge von der et­was zä­hen Ge­schich­te um drei Jungs und ein Mäd­chen aus­rei­chend un­ter­hal­ten füh­len? Bei der in den 1990er-Jah­ren ver­or­te­ten Co­ming-of-Age-Ge­schich­te geht es gen­re­ge­recht um die Nö­te der Pu­ber­tät, ers­te Lie­be und ner­vi­ge, über­für­sorg­li­che El­tern. 

Der Fi­gu­ren­rei­gen be­steht aus den üb­li­chen Ver­däch­ti­gen: Der Spiel­en­erd, das an­ge­him­mel­te Mäd­chen, der Bul­ly und der Di­cke. Sze­nen­wei­se er­in­nert „De­ath of Nin­ten­do“ an die NET­FLIX-Se­rie „Stran­ger Things“, nur auf phil­ip­pi­nisch und oh­ne Sci-Fi-Ele­men­te. Lei­der aber auch oh­ne all­zu gro­ße Span­nung. Plät­schert so da­hin.

Phil­ip­pi­nen / USA 2020
99 min
Re­gie Ra­ya Mar­tin

SEMINA IL VENTO

(Pan­ora­ma)

Bäu­me sind in! Dies­mal ist der heim­li­che Star kein deut­scher Laub­wald, son­dern ein ita­lie­ni­scher Oli­ven­hain in Apu­li­en. Der ist von blau­en Kä­fern be­fal­len und soll nach Wil­len des Be­sit­zers ab­ge­holzt wer­den. Als des­sen Toch­ter Ni­ca nach Jah­ren in ihr Hei­mat­dorf zu­rück­kehrt, ist sie er­schüt­tert. Ge­gen den Wil­len ih­res Va­ters kämpft sie für den Er­halt des Oli­ven­hains und das Fort­set­zen der Fa­mi­li­en­tra­di­tio­nen.

Die kran­ken Bäu­me ma­chen Ge­räu­sche wie un­ser­eins, wenn er sich mor­gens ein Glas eis­kal­ten Oran­gen­saft auf nüch­ter­nen Ma­gen rein­kippt. Glucks. Da­ni­el Ca­pu­to un­ter­schei­det in sei­nem sanf­tem Öko­dra­ma klar in gut und bö­se: Die Stu­den­tin der Agrar­wis­sen­schaft Ni­ca, fast noch im Gre­ta-Thun­berg-Al­ter, be­gehrt ge­gen die Bö­sen auf. Ihr geld­gie­ri­ger Va­ter ist be­ra­tungs­re­sis­tent und hunds­ge­mein (er ser­viert das Es­sen auf Plas­tik­ge­schirr!). Die Nach­barn, ech­te Um­welt­säue, wer­fen gro­ße Müll­sä­cke acht­los aus dem Au­to, das kennt man ja aus Bran­den­burg. Und zu al­lem Über­fluss gibt es noch ein gro­ßes Stahl­werk, das nicht nur die Luft ver­pes­tet, son­dern nachts gif­ti­ge Gül­le in dem idyl­li­schen Oli­ven­wald ver­klappt.

Das ist al­les ein biss­chen mit dem Holz­ham­mer, aber we­nigs­ten vi­su­ell ganz hübsch.

Eng­li­scher Ti­tel "Sow the Wind"
Ita­li­en / Frank­reich / Grie­chen­land 2020
91 min
Re­gie Da­ni­lo Ca­pu­to

SUNE – BEST MAN

(Ge­ne­ra­ti­on Kplus)

Schon wie­der was ge­lernt: Sune ist in Schwe­den so was wie ein Na­tio­nal­held. Sei­ne Bü­cher kennt je­der und der 2018 er­schie­ne­ne Film „Sune vs Sune“ war wo­chen­lang auf Platz 1 der schwe­di­schen Ki­no­charts. Nun fei­ert die Fort­set­zung „Sune – Best Man“ auf der Ber­li­na­le Welt­pre­mie­re.

Der stroh­blon­de Ti­tel­held ist ein pfif­fi­ges Kerl­chen, kann sich je­doch nie für ir­gend­was ent­schei­den. Das liegt in der Fa­mi­lie, denn sei­ne Mut­ter und sein Groß­va­ter lei­den an der glei­chen ewi­gen Un­ent­schlos­sen­heit. Als sich Sune zwi­schen ei­ner be­vor­ste­hen­den Klas­sen­fahrt mit sei­ner Freun­din und der Hoch­zeit sei­nes Opas ent­schei­den soll, ist er hin- und her­ge­ris­sen und ge­rät des­halb in zu­neh­mend kom­pli­zier­te Ver­stri­ckun­gen. Klas­si­scher Fall von FO­MA.

Lo­bens­wert: Die Er­wach­se­nen sind aus­nahms­wei­se mal kei­ne zwei­di­men­sio­na­len Ka­ri­ka­tu­ren, wie sonst so oft in Kin­der­fil­men, son­dern Men­schen aus Fleisch und Blut. „Sune – Best Man“ hat Herz und Hu­mor. Das macht ihn auch für Zu­schau­er jen­seits der 10 zu ei­nem Seh­ver­gnü­gen. Sehr put­zig!

Schwe­den 2019
88 min
Re­gie Jon Holm­berg

ONWARD ● EL PRÓFUGO ● VOLEVO NASCONDERMI ● SA-NYANG-EUI-SI-GAN ● KIDS RUN ● H IS FOR HAPPINESS ● KØD & BLOD ● CIDADE PÁSSARO

Heu­te gibt's acht (!!) Fil­me bei frame­ra­te. Wer soll das bit­te al­les le­sen? Ganz ehr­lich, das ist doch UN­MENSCH­LICH! Aber an­de­re ha­ben auch Sor­gen, zum Bei­spiel Ma­ri­et­te Ris­sen­beek und Car­lo Cha­tri­an. Das Un­heil be­ginnt mit der Wahl des Ju­ry­prä­si­den­ten. Statt ei­ner Frau oder we­nigs­tens ei­ner hip­pen Per­son of Co­lour wird es doch nur wie­der ein al­ter wei­ßer Mann. Als nächs­tes schließt ei­ner der Haupt­spiel­or­te, das Ci­ne­star im So­ny-Cen­ter, sei­ne Pfor­ten. Das Cu­bix am Alex­an­der­platz ist da nur un­zu­rei­chen­der Er­satz. Dann wer­den die Ar­ka­den ent­kernt, nix mehr mit Shop­pen oder ei­nem Fischmäc zwi­schen den Vor­füh­run­gen. Und zur Krö­nung kommt auch noch raus, dass der ers­te Ber­li­na­le-Chef Al­fred Bau­er ein Na­zi war. Bit­te Mil­de und Nach­se­hen mit der neu­en Fes­ti­val­lei­tung, die bei­den haben's wirk­lich nicht leicht.

ONWARD: KEINE HALBEN SACHEN

(Ber­li­na­le Spe­cial)

„On­ward“ wirkt, als wür­de man ein Glas kal­te Co­la trin­ken, oder (ge­sün­der) ei­nen tie­fen Zug fri­scher Luft tan­ken. Der Film läuft bei der Ber­li­na­le au­ßer Kon­kur­renz und ist ei­ne ech­te Er­fri­schung zwi­schen all dem ver­kopf­ten Kunst­ki­no.

Wie in ei­nem gro­ßen Topf (oder hier pas­sen­der: Kes­sel) hat Re­gis­seur Dan Sc­an­lon die Zu­ta­ten aus so ziem­lich je­dem er­folg­rei­chen Fan­ta­sy-Film der letz­ten Jahr­zehn­te zu­sam­men­ge­rührt: Har­ry Pot­ter, Herr der Rin­ge, Grem­lins, Dra­chen­zäh­men leicht ge­macht, da­zu ein biss­chen Ava­tar und ei­ne Pri­se Trans­for­mers. Aber was er aus die­sem Brei ge­macht hat, ist über­ra­schend ori­gi­nell und schmeckt! Wie im­mer bei Pix­ar-Pro­duk­tio­nen legt das Dreh­buch gro­ßen Wert auf lie­be­voll aus­ge­ar­bei­te­te Fi­gu­ren. Die Va­ter-Sohn-Fa­mi­li­en-Ge­schich­te punk­tet be­son­ders mit selbst­iro­ni­schen Sei­ten­hie­ben auf die über­trie­be­ne Kom­mer­zia­li­sie­rung, wie sie Dis­ney in sei­nen di­ver­sen The­men­parks be­treibt. Der Film hat Herz, gu­ten Hu­mor und na­tür­lich ei­ne Bot­schaft. Die ist zwar auch re­cy­celt – sei Du selbst, dann kannst Du al­les schaf­fen – aber wie das prä­sen­tiert und in­sze­niert wird, ist aus­ge­macht un­ter­halt­sam.

Ori­gi­nal­ti­tel "On­ward"
USA 2019
112 min
Re­gie Dan Sc­an­lon

EL PRÓFUGO

(Wett­be­werb)

In­és lei­det un­ter Alb­träu­men. Kein Wun­der, dass sie ge­stresst ist. Nach dem Selbst­mord ih­res Freun­des be­ginnt sie Stim­men – nein – nicht zu hö­ren, son­dern zu er­zeu­gen. Schlecht, wenn man als Syn­chron­spre­che­rin ar­bei­tet. Die Geis­ter­stim­men ver­hun­zen je­den Ta­ke im Auf­nah­me­stu­dio. Doch da­bei bleibt es nicht. Bald neh­men die Stim­men Ge­stalt an und drin­gen im­mer mehr in In­és Le­ben ein, Rea­li­tät und Ein­bil­dung ver­schwim­men. Der Psycho-Thril­ler um Selbst- und Fremd­wahr­neh­mung stellt die Fra­ge, ob es zwi­schen Him­mel und Er­de viel­leicht mehr gibt, als mit blos­sem Au­ge zu se­hen ist.

"El Pró­fu­go" hät­te man mehr Mut zum Wahn­sinn ge­wünscht. Die in­ter­es­san­te Idee vom Ein­drin­gen der Alb­träu­me in die Rea­li­tät ha­ben an­de­re Fil­me schon deut­lich span­nen­der um­ge­setzt. Am En­de fragt man sich: Was hät­te wohl Da­vid Cro­nen­berg aus so ei­nem Stoff ge­macht?

Eng­li­scher Ti­tel "The In­tru­der"
Ar­gen­ti­ni­en / Me­xi­ko 2020
90 min
Re­gie Na­ta­lia Me­ta

VOLEVO NASCONDERMI

(Wett­be­werb)

Maunz! Fauch! Kreisch! Theo ist ka­putt im Kopf. Als Kind von ei­nem Leh­rer als le­bens­un­wür­dig ab­ge­wer­tet, von den Mit­schü­lern ge­quält und ver­spot­tet, wächst die Wai­se zu ei­nem ge­stör­ten, bei­na­he ani­ma­li­schen Mann her­an. Kein Wun­der, dass er sich mit Tie­ren bes­ser ver­steht als mit Men­schen. Von Ner­ven­heil­an­stal­ten zu Ar­men­häu­sern durch­ge­reicht, fin­det er erst spät zu sei­ner künst­le­ri­schen Be­ru­fung als Ma­ler.

Re­gis­seur Gi­or­gio Di­rit­ti schert sich we­nig um kon­ven­tio­nel­les Fil­me­ma­chen. "Vo­le­vo Nas­con­der­mi" springt et­was zu epi­so­disch durch das Le­ben des ita­lie­ni­schen Aus­nah­me­künst­lers An­to­nio Li­ga­bue, des­sen wah­res Kön­nen (wie so oft) erst nach sei­nem Tod rich­tig ge­wür­digt wur­de. Die Stim­mung des Films folgt den Lau­nen des Künst­lers: zwi­schen Ner­ven­sä­ge und Ge­nie wech­selnd. Auf Dau­er ist das mal an­stren­gend, mal groß­ar­tig, mal quä­lend und mal ko­misch. So ge­se­hen ein ech­ter Fes­ti­val­film.

Eng­li­scher Ti­tel "Hid­den Away"
Ita­li­en 2019
118 min
Re­gie Gi­or­gio Di­rit­ti

SA-NYANG-EUI-SI-GAN

(Ber­li­na­le Spe­cial Ga­la)

Ein ko­rea­ni­scher Film auf der Ber­li­na­le? Da er­war­ten na­tür­lich al­le gleich ei­nen zwei­ten „Pa­ra­si­te“.

Aber "Sa-Nyang-Eui-Si-Gan" – für den Le­se­fluss im Fol­gen­den der eng­li­sche Ti­tel "Time to Hunt" – ist dann doch nur gut ge­mach­tes Ac­tion-Ki­no.

Ko­rea in der na­hen Zu­kunft: Geld ist nichts mehr wert, die Stra­ßen ver­sin­ken im Müll. Jun-seok, ge­ra­de aus dem Knast ent­las­sen, plant mit sei­nen drei Kum­pels, ei­ne il­le­ga­le Spiel­bank aus­zu­rau­ben. Dumm nur, dass ih­nen nach dem ge­glück­ten Raub ein eis­kal­ter Be­rufs­kil­ler auf den Fer­sen ist.

Im ers­ten Drit­tel ein He­ist-Mo­vie, ent­wi­ckelt sich "Time to Hunt" an­schlie­ßend zu ei­ner ex­trem span­nen­den Katz- und Maus-Jagd. Doch wie so vie­le neue­re Fil­me weiß auch die­ser nicht, wann es ge­nug ist. Nach ei­ner ner­vi­gen, un­end­lich lan­gen Schie­ße­rei im letz­ten Drit­tel hört und hört die Ge­schich­te nicht auf. Da hät­ten gut 30 Mi­nu­ten ge­kürzt wer­den kön­nen. Scha­de, denn bis da­hin ist "Time to Hunt" rich­tig gut.

Nur ei­ne Fra­ge der Zeit, bis Hol­ly­wood ein Re­make da­von macht.

Eng­li­scher Ti­tel "Time to Hunt"
Ko­rea 2020
134 min
Re­gie Yoon Sung-hy­un

KIDS RUN

(Per­spek­ti­ve Deut­sches Ki­no)

Oh weh. De­pri­mie­ren­der geht’s kaum. Das Mo­dell der dys­funk­tio­na­len Fa­mi­lie wird hier auf die Spit­ze ge­trie­ben. Es ist ein­fach al­les schreck­lich – ein Le­ben nicht am Ran­de des Ab­grunds, son­dern am Bo­den.

An­di ist ein Loo­ser, der sei­ne Emo­tio­nen nicht im Griff hat und es nur mit Mü­he und Not schafft, sei­ne drei Kin­der durch­zu­brin­gen. Mor­gens hetzt er sie oh­ne Früh­stück zum Schul­bus, um an­schlies­send wie­der­mal aus ei­nem sei­ner Ta­ge­löh­ner­jobs zu flie­gen. So han­gelt er sich von ei­ner schlecht be­zahl­ten Ar­beit zur nächs­ten, das Ba­by wird zwi­schen­durch mit Erd­nuss­flips ge­füt­tert. An­di wit­tert ei­ne letz­te Chan­ce, als bei ei­nem Ama­teur-Box­tur­nier ein Preis­geld von 5.000 € aus­ge­schrie­ben wird.

Ge­gen „Kids Run“ sind Ken Loach-Fil­me ge­ra­de­zu Feel-Good Mo­vies. Ge­tra­gen wird die­se düs­te­re Stu­die in As­si von ih­ren her­aus­ra­gen­den Dar­stel­lern: Jan­nis Nie­wöh­ner ist auch als ka­put­ter Fa­mi­li­en­va­ter hot und sei­ne bei­den Film­kin­der spie­len er­schre­ckend über­zeu­gend.

Deutsch­land 2020
104 min
Re­gie Bar­ba­ra Ott

H IS FOR HAPPINESS

(Ge­ne­ra­ti­on Kplus)

Al­les so süß und bunt hier. Can­di­ce Phee hat ro­te Haa­re und das Ge­sicht vol­ler Som­mer­spros­sen. Die 12-jäh­ri­ge ist auf­ge­weckt und hilfs­be­reit, doch hin­ter der fröh­li­chen Fas­sa­de ver­birgt sich ei­ne Fa­mi­li­en­tra­gö­die. Dass sie kei­ne Wie­der­ge­burt von Pip­pi Lang­strumpf ist, wird schnell klar. Mit Hil­fe ih­res neu­en Freun­des Dou­glas, der von sich glaubt, aus ei­ner an­de­ren Di­men­si­on zu kom­men, ver­sucht Can­di­ce das Glück in ih­re Fa­mi­lie zu­rück­zu­ho­len. 

Auf Ba­sis des Er­folgs­ro­mans „My Life as an Al­pha­bet“ von Bar­ry Jons­berg nä­hert sich Re­gis­seur John Shee­dy be­hut­sam den The­men Tod und Trau­er an.

Aus­tra­li­en 2019
103 min
Re­gie John Shee­dy

KØD & BLOD

(Pan­ora­ma)

Die deut­sche und die dä­ni­sche Spra­che sind sich näm­lich gar nicht so ähnlich…was auf den ers­ten Blick wie der Ti­tel ei­nes Fe­tisch-SM-Films klingt, heisst wört­lich über­setzt ganz harm­los Fleisch + Blut.

Fleisch und Blut, das ist Fa­mi­lie. Die 17-jäh­ri­ge Ida lebt seit dem Un­fall­tod ih­rer Mut­ter bei ih­rer Tan­te und de­ren drei er­wach­se­nen Söh­nen. Schnell ent­puppt sich die über­für­sorg­li­che Ma­tri­ar­chin als kri­mi­nel­les Ober­haupt, das ge­mein­sam mit ih­ren Jungs so ei­ne Art Mi­ni­ma­fia be­treibt. Als der Clan mit der Po­li­zei in Kon­flikt ge­rät, muss sich Ida zwi­schen Loya­li­tät und ih­rem ei­ge­nen Wohl ent­schei­den.

Der Film fängt ziem­lich gut an: klar ge­zeich­ne­te Fi­gu­ren, mit we­ni­gen Ein­stel­lun­gen wer­den Si­tua­tio­nen und Ge­füh­le skiz­ziert. Doch je län­ger es dau­ert, des­to mehr über­trägt sich die mür­risch läh­men­de Hal­tung der Haupt­fi­gur Ida auf den Zu­schau­er. Am En­de kaum zu glau­ben, dass das nur 88 Mi­nu­ten wa­ren.

Eng­li­scher Ti­tel "Was­te­land"
Dä­ne­mark 2019
88 min
Re­gie Be­sir Ze­ci­ri

CIDADE PÁSSARO

(Pan­ora­ma)

Stär­ke liegt nicht in der Iso­la­ti­on, son­dern in der Kom­mu­ni­ka­ti­on. Leich­ter ge­sagt, als ge­tan. Ama­di reist aus Ni­ge­ria nach São Pau­lo, um sei­nen Bru­der Iken­na zu su­chen und bes­ten­falls wie­der mit nach Hau­se zu neh­men. Lei­der spricht er kein Wort Por­tu­gie­sisch, da ge­stal­tet sich die Kom­mu­ni­ka­ti­on mit­un­ter et­was schwie­rig. Dass es die Uni­ver­si­tät, an der das Ma­the­ge­nie an­geb­lich als Pro­fes­sor lehrt, gar nicht gibt, hilft da auch nicht wei­ter. So ent­wi­ckelt sich die Su­che Ama­dis nach sei­nem ver­schol­le­nen Bru­der zu ei­ner Ent­de­ckungs­rei­se durch den Hoch­haus­dschun­gel.

Wah­re Poe­sie gibt es nur in Pres­se­tex­ten: „Der ers­te Spiel­film des bra­si­lia­ni­schen Re­gis­seurs Ma­ti­as Ma­ria­ni ist ei­ne enig­ma­ti­sche, im 4:3‑Format kadrier­te Er­kun­dung auf meh­re­ren Ebe­nen.“

Oder we­ni­ger poe­tisch aus­ge­drückt: „Ci­da­de Pás­s­aro“ ist et­was zäh. Die Ge­schich­te schleppt sich müh­sam vor­an, die Su­che nach dem Bru­der wird zum Selbst­fin­dungs­trip Ama­dis – und das ist kei­ne be­son­ders span­nen­de oder ac­tion­rei­che An­ge­le­gen­heit. 

Eng­li­scher Ti­tel "Shi­ne Your Eyes“
Bra­si­li­en / Frank­reich 2019
102 min
Re­gie Ma­ti­as Ma­ria­ni

MY SALINGER YEAR ● MINAMATA ● LAS MIL Y UNA

Auch wenn das dies­jäh­ri­ge Ber­li­na­le-Pla­kat aus­sieht, als sei ein min­der­be­gab­ter Gra­fi­ker ge­stol­pert und hät­te ei­ne Hand­voll Zah­len und Buch­sta­ben ver­schüt­tet – die Vor­freu­de ist trotz­dem groß:
9 Ta­ge lang Fil­me, Fil­me und noch­mals Fil­me. Los geht's!

MY SALINGER YEAR

(Ber­li­na­le Spe­cial Ga­la)

Der Ber­li­na­le-Er­öff­nungs­film – seit Jah­ren ei­ne Ge­schich­te des Schei­terns. Und dies­mal?

Die Fi­gu­ren­kon­stel­la­ti­on er­in­nert auf den ers­ten Blick an "Der Teu­fel trägt Pra­da": Die ge­stren­ge Che­fin, das nai­ve Mäd­chen, der gü­tig-hilfs­be­rei­te Mit­ar­bei­ter, der ner­vi­ge Boy­fri­end – al­le sind da­bei. Aber „My Sa­lin­ger Year“ er­zählt dann doch ei­ne ganz an­de­re Ge­schich­te. New York, Mit­te der 1990er-Jah­re: Jo­an­na hat ge­ra­de ihr Stu­di­um in Ber­kley ge­schmis­sen, ist in die Groß­stadt ge­zo­gen. Von ih­rem neu­en Job als As­sis­ten­tin der Li­te­ra­tur­agen­tin Mar­ga­ret (Si­gour­ney Wea­ver, wie im­mer toll) hat sie zwar kei­ne Ah­nung, ver­sucht aber ihr Bes­tes. In der Agen­tur dreht sich al­les um den Kult­au­tor J. D. Sa­lin­ger. Jo­an­nas Haupt­auf­ga­be ist es, des­sen Fan­post zu be­ant­wor­ten. Doch ei­gent­lich will sie lie­ber selbst Schrift­stel­le­rin wer­den. Wes­halb sie dann nicht ein­fach schreibt, bleibt rät­sel­haft. Am En­de er­kennt sie, dass sie sich von den Er­war­tungs­hal­tun­gen an­de­rer be­frei­en und ih­ren ei­ge­nen Weg ge­hen muss. Amen.

"My Sa­lin­ger Year" ist ei­ner die­ser be­que­men Ro­mi­ka-Schuh-Fil­me, die man sich am bes­ten Sonn­tag­nach­mit­tags im Ki­no oder noch bes­ser bei ei­ner schö­nen Tas­se Tee auf dem So­fa an­schaut. Tut nicht weh, be­lei­digt nicht die In­tel­li­genz des Zu­schau­ers – net­te Un­ter­hal­tung.

Ka­na­da / Ir­land 2020
101 min
Re­gie Phil­ip­pe Fa­lar­deau

MINAMATA

(Ber­li­na­le Spe­cial Ga­la)

Der Mensch ist bö­se. Schon lan­ge vor Er­in Brock­ovich ha­ben Che­mie­kon­zer­ne aus Pro­fit­gier die Um­welt mit ih­ren Ab­fäl­len ver­gif­tet. "Mi­n­ama­ta" er­zählt von solch ei­nem Fall aus dem Jahr 1971. Der einst ge­fei­er­te Kriegs­fo­to­graf W. Eu­ge­ne Smith (John­ny Depp) hat sei­ne bes­ten Ta­ge hin­ter sich. Erst die Be­geg­nung mit der Ja­pa­ne­rin Ai­leen, die ihm von den ver­hee­ren­den Aus­wir­kun­gen ei­ner Queck­sil­ber­ver­gif­tung im ja­pa­ni­schen Fi­scher­dorf Mi­n­ama­ta er­zählt, weckt sei­nen al­ten Kampf­geist. Er kann den Her­aus­ge­ber des Ma­ga­zins „Life“ über­zeu­gen, ihn nach Ja­pan zu schi­cken, wo er der Ge­schich­te auf den Grund ge­hen soll.

John­ny Depp spielt den von in­ne­ren Dä­mo­nen ge­quäl­ten Fo­to­gra­fen zu­rück­ge­nom­men und glaub­haft. Das An­lie­gen des Films ist lo­bens­wert, die Ka­me­ra­ar­beit her­aus­ra­gend, die Ge­schich­te ei­ni­ger­ma­ßen fes­selnd – und doch bleibt "Mi­n­ama­ta" trotz emo­tio­nal über­bor­den­der Mu­sik über wei­te Stre­cken selt­sam blut­leer und di­stan­ziert. Ge­nies ha­ben auch mal ei­nen schlech­ten Tag: Den ner­vi­gen Sound­track hat Ryūi­chi Saka­mo­to kom­po­niert, ein ech­ter Mi­nus­punkt.

GB 2020
115 min
Re­gie An­drew Le­vi­tas

LAS MIL Y UNA

(Pan­ora­ma)

Iris ist 17, les­bisch und lebt in ei­ner So­zi­al­woh­nungs­sied­lung ir­gend­wo in Ar­gen­ti­ni­en. Wür­de nicht den gan­zen Tag die Son­ne schei­nen und aus den Ra­di­os bra­si­lia­ni­sche Mu­sik quä­ken, könn­te es aber eben­so gut Ber­lin-Mar­zahn sein. Al­le um sie her­um ha­ben Sex, nur Iris nicht. Bis die selbst­be­wuss­te Re­na­ta die Bild­flä­che be­tritt – Iris ver­liebt sich. 
Die Co­ming-out und Co­ming-Of-Age-Ge­schich­te ist lang­at­mig er­zählt, nur in we­ni­gen Mo­men­ten ent­wi­ckelt sich Charme. Re­gis­seu­rin Cla­ri­sa Na­vas hat ih­ren Film fast do­ku­men­ta­risch in­sze­niert. Ein biss­chen er­in­nert "Las Mil Y Una" da­mit an ei­ne ar­gen­ti­ni­sche Ver­si­on von Lar­ry Clarks "Kids", nur noch trüb­sin­ni­ger. Nach ei­ner Stun­de setzt das gro­ße Gäh­nen ein, kann aber auch an der schlech­ten Luft im über­füll­ten Ki­no ge­le­gen ha­ben. Ge­winnt be­stimmt den Ted­dy Award.

Eng­li­scher Ti­tel "One in a Thousand"
Ar­gen­ti­ni­en / Deutsch­land 2020
120 min
Re­gie Cla­ri­sa Na­vas

BRAHMS: THE BOY II

Die­ser Film macht gro­ßen Spaß – wenn auch un­frei­wil­lig.

Ei­ne jun­ge Mut­ter wird Op­fer ei­nes Raub­über­falls. Ihr Sohn muss die bru­ta­le Tat mit­an­se­hen und ist da­nach trau­ma­ti­siert. Er spricht kein Wort mehr, kom­mu­ni­ziert nur noch über Schrift­ta­feln. Beim Abend­brot hält er zum Bei­spiel ein Blatt Pa­pier mit dem Wort „Kar­tof­feln“ in die Luft. Das ist lus­tig, soll aber ei­gent­lich dra­ma­tisch sein.

Die Fa­mi­lie be­schließt, die Groß­stadt zu ver­las­sen und be­zieht aus­ge­rech­net im Gäs­te­haus des Heelshire An­we­sens Quar­tier. Ken­ner wis­sen, da gab es schon un­schö­ne Vor­komm­nis­se im Vor­gän­ger­film „The Boy“ von 2016. Kaum an­ge­kom­men, fin­det der Sohn ei­ne im Wald ver­gra­be­ne Pup­pe na­mens Brahms. Der Por­zel­lan-Jüng­ling über­nimmt die Kon­trol­le über das Men­schen­kind und ter­ro­ri­siert bald die gan­ze Fa­mi­lie.

„Ter­ro­ri­siert“ ist al­ler­dings stark über­trie­ben. Meist sitzt die Pup­pe ein­fach nur im Stuhl und schaut. Bis der Spuk en­det, gibt es im Dau­er-Loop ex­tra lau­te Ge­räu­sche aus­zu­hal­ten – da soll man sich wohl er­schre­cken – und die im­mer glei­chen „Pup­pe hat sich in ei­nem un­be­ob­ach­te­ten Mo­ment bewegt“-Szenen. Das Dreh­buch ist holp­rig, die In­sze­nie­rung un­be­hol­fen und bis zum al­bern-über­sinn­li­chen Schluss will kei­ne Span­nung auf­kom­men.

FAZIT

Sehr schlich­te Fort­set­zung. „An­na­bel­le“ lässt grü­ßen.

Ori­gi­nal­ti­tel "Brahms: The Boy II"
USA 2020
86 min
Re­gie Wil­liam Brent Bell
Ki­no­start 20. Fe­bru­ar 2020

RUSSLAND VON OBEN

Ob es nun der brei­tes­te Fluss, käl­tes­te See, höchs­te Berg, die für­sorg­lichs­te Bä­ren­mut­ter oder der tiefs­te Glet­scher ist – „Russ­land von oben“ geizt nicht mit Su­per­la­ti­ven. Freun­de von schlecht ein­ge­deutsch­ten n‑tv-Do­kuse­r­i­en à la „Su­per­schif­fe – Ko­los­se der Mee­re“ kom­men hier sprach­lich voll auf ih­re Kos­ten.

Er­zäh­ler Ben­ja­min Völz, be­kannt als Syn­chron­stim­me von Ke­a­nu Ree­ves und Ak­te X‑Fox Muld­er, hat sei­ne Stimm­bän­der für den Film auf ei­nen knur­ren­den Bass trai­niert, man er­kennt ihn schier nicht wie­der. Dem frag­men­ta­risch zu­sam­men­ge­schus­ter­ten Off-Text kann er da­mit al­ler­dings auch kei­ne in­halt­li­che Tie­fe ver­lei­hen.

"Russ­land von oben" he­chelt wahl­los von ei­ner Lo­ca­ti­on zur nächs­ten, oh­ne be­son­ders er­hel­len­de Hin­ter­grund­in­for­ma­tio­nen zu ver­mit­teln. Kein Mo­ment der Ru­he, kei­ne Zeit in­ne­zu­hal­ten, schnell wei­ter, die Rei­se ist lang, Russ­land ist groß. Da­zu bret­tert ei­ne schnapp­at­men­de Hol­ly­wood-Plas­tik­mu­sik – bom­bas­tisch von der ers­ten bis zur letz­ten Mi­nu­te. "Fall­hö­he" ist den Ma­chern der Ter­ra-X-Do­ku­men­ta­ti­ons­rei­he of­fen­bar ein Fremd­wort. Der Dau­er­be­schuss er­mü­det schnell und die 120 Mi­nu­ten füh­len sich lo­cker dop­pelt so lang an.

FAZIT

Ob es an der Pro­jek­ti­on lag? Bei der Pres­se­vor­füh­rung sah der Film recht be­schei­den aus. Die Bil­der wirk­ten mat­schig, als sei kom­pri­mier­tes Vi­deo auf Ki­no­for­mat auf­ge­bla­sen wor­den: weich, Farb­säu­me, bei­na­he un­scharf – kein Seh­ver­gnü­gen.

Deutsch­land 2019
120 min
Re­gie Pe­tra Hö­fer und Fred­die Rö­cken­haus
Ki­no­start 27. Fe­bru­ar 2020

THE GENTLEMEN

„Al­ad­din“ war zwar ein an der Ki­no­kas­se er­folg­rei­cher, aber kein be­son­ders gu­ter Film. Die­se Schar­te wetzt Re­gis­seur Guy Rit­chie nun mit „The Gen­tle­men“ wie­der aus. Will­kom­men zu­rück in der Welt der coo­len Gangs­ter und Ga­no­ven! 

Der Ame­ri­ka­ner Mi­ckey Pear­son (Matthew Mc­Co­n­aug­hey) hat in Eng­land ein hoch­pro­fi­ta­bles Ma­ri­hua­na-Im­pe­ri­um auf­ge­baut. Als be­kannt wird, dass er sich aus dem Ge­schäft zu­rück­zie­hen will, über­bie­ten sich sei­ne Kon­kur­ren­ten mit Er­pres­sun­gen, Über­fäl­len und Mord­dro­hun­gen, um sich ih­ren Teil des Ku­chens zu si­chern.

Die Ge­schich­te ist – ty­pisch für die­se Art Film – un­sin­nig kom­pli­ziert. Wer hier wen hin­ter­geht, hat man bis zum Schluss nicht ka­piert. Über­ra­schen­de Hand­lungs­twists, in­ter­es­san­te Cha­rak­te­re und ei­ne sehr dy­na­mi­sche In­sze­nie­rung las­sen die Sto­ry aber oh­ne­hin zur Ne­ben­sa­che wer­den. „The Gen­tle­men“ ist klas­si­scher Guy Rit­chie-Style. Das gab es na­tür­lich so ähn­lich schon vor Jah­ren in „Lock, Stock and Two Smo­king Bar­rels“ oder „Snatch“ – schließ­lich be­dient sich der Re­gis­seur seit den 90ern der mehr oder we­ni­ger glei­chen Bild­spra­che – doch „The Gen­tle­men“ macht trotz­dem Freu­de. Und bei sich selbst zu klau­en ist ja er­laubt. Zwi­schen­durch gibt's ein paar klei­ne­re Durch­hän­ger, aber die Top-Be­set­zung hat­te sicht­lich Spaß beim Dreh und ver­sprüht ei­ne ge­hö­ri­ge Por­ti­on Selbst­iro­nie. Ins­be­son­de­re Col­lin Far­rell und Hugh Grant steh­len dem ei­gent­li­chen Haupt­dar­stel­ler Mc­Co­n­aug­hey die Show.

FAZIT

Nichts welt­be­we­gend Neu­es, da­für aus­ge­spro­chen kurz­wei­lig.

Ori­gi­nal­ti­tel "The Gen­tle­men"
GB 2019
113 min
Re­gie Guy Rit­chie
Ki­no­start 27. Fe­bru­ar 2020

NIGHT LIFE

Geld, Geld, Geld. Im­mer nur Geld. Al­le brau­chen es, oh­ne Geld ist man am Arsch. Die­se leid­vol­le Er­kennt­nis kommt nicht nur den Bar­kee­pern Mi­lo und Ren­zo in „Night Life“ – die bei­den schlit­tern nicht ganz un­ver­schul­det in ei­ne Dro­gen­ge­schich­te mit rach­süch­ti­gen Gangs­tern – son­dern wohl auch den Dar­stel­lern und dem Re­gis­seur die­ses Films. An­ders ist nicht zu er­klä­ren, wes­halb sich sonst brauch­ba­re Mi­men wie Fre­de­rick Lau und Ely­as M’Barek für ei­ne so al­ber­ne Kla­mot­te her­ge­ben. Ob­wohl „Kla­mot­te“ noch zu nett ist, denn das im­pli­ziert ja ei­nen ge­wis­sen Charme. Da wird auf Teu­fel komm raus over­ac­ted, als sei­en die Schau­spie­ler kom­plett von der Lei­ne ge­las­sen wor­den. Re­gis­seur Si­mon Ver­hoe­ven ist – was das Su­jet be­trifft – kein ganz Un­be­kann­ter, hat aber im Lau­fe sei­ner Kar­rie­re schon deut­lich Bes­se­res ab­ge­lie­fert.

„Night Life“ be­wegt sich auf dem Ni­veau ei­ner al­ber­nen, größ­ten­teils un­ko­mi­schen Pro­Sie­ben-Ko­mö­die aus den 90ern. Man war­tet im Ki­no fast un­wei­ger­lich auf den nächs­ten Wer­be­block. Ein­zi­ger Licht­blick: Pa­li­na Ro­jin­ski bringt ei­nen Hauch Charme in die­sen fa­den Kla­mauk.

FAZIT

Ein La­cher al­le 20 Mi­nu­ten ist zu we­nig.

Deutsch­land 2020
110 min
Re­gie Si­mon Ver­hoe­ven
Ki­no­start 13. Fe­bru­ar 2020

BIRDS OF PREY: THE EMANCIPATION OF HARLEY QUINN

Ist „Birds of Prey: The Eman­ci­pa­ti­on of Har­ley Quinn“ so schlecht, dass er schon wie­der gut ist?

Die hy­per­ak­ti­ve Co­mic­ver­fil­mung er­zählt von der Ex-Freun­din des ewi­gen Bat­man-Wi­der­sa­chers Jo­ker (nicht dem gu­ten, von Joa­quin Phoe­nix ge­spiel­ten, son­dern dem fa­den Jared Le­to-Jo­ker). Har­ley Quinn war nach ein­hel­li­ger Zu­schau­er- und Kri­ti­ker­mei­nung noch das Bes­te am Stin­ker „Sui­ci­de Squad“. Des­halb be­kommt sie nun von DC ein Spin-Off spen­diert. Das hät­te man bes­ser ge­las­sen.

Der Film wird von An­fang bis En­de von Har­ley Quinn aus dem Off kom­men­tiert – das nervt und ist seit je­her ein pro­ba­tes Mit­tel, den Zu­schau­er auf Ab­stand zu hal­ten. Die Ac­tion­sze­nen sind un­ter­wäl­ti­gend und die Mu­sik­aus­wahl un­ori­gi­nell. Als Quint­essenz bleibt, dass die ver­meint­lich toug­hen Girls ge­nau­so zy­nisch und bru­tal wie Män­ner sein kön­nen. Juhu.

FAZIT

ADHS als Film. Wer Ge­walt und der­ben Hu­mor schätzt, kommt hier auf sei­ne Kos­ten.

Ori­gi­nal­ti­tel „Birds of Prey: And the Fan­ta­bu­lous Eman­ci­pa­ti­on of One Har­ley Quinn“
USA 2020
109 min
Re­gie Ca­thy Yan
Ki­no­start 06. Fe­bru­ar 2020

DAS FREIWILLIGE JAHR

Jet­te ist 18, hat das Ab­itur in der Ta­sche und steht kurz vor der Ab­rei­se zu ei­nem frei­wil­li­gen so­zia­len Jahr in Cos­ta Ri­ca. Am Flug­ha­fen über­legt sie es sich plötz­lich an­ders, brennt kurz­ent­schlos­sen mit ih­rem Freund durch. Ihr Va­ter Urs macht sich gro­ße Sor­gen um sei­ne wan­kel­mü­ti­ge Toch­ter.

Ächz. „Das frei­wil­li­ge Jahr“ ist ein ech­tes deut­sches Pro­blem-Fern­seh­stück wie aus dem Bil­der­buch. Vi­deo­look, ner­vi­ge Fi­gu­ren, zä­he Sto­ry. Nor­ma­ler­wei­se läuft so­was im Nacht­pro­gramm auf dem Drit­ten, spä­tes­tens nach 10 Mi­nu­ten wür­de man ge­nervt um­schal­ten. Scha­de nur um die gu­ten Schau­spie­ler, vor al­lem der Ös­ter­rei­cher Tho­mas Schu­bert ist ei­ne Ent­de­ckung.

FAZIT

Quä­lend.

Deutsch­land 2019
86 min
Re­gie Ul­rich Köh­ler und Hen­ner Winck­ler
Ki­no­start 06. Fe­bru­ar 2020

21 BRIDGES

Als in New York bei ei­nem Raub­über­fall acht Po­li­zis­ten er­schos­sen wer­den, über­nimmt Po­li­ce De­tec­ti­ve And­re Da­vis (Chad­wick Bo­se­man) die Er­mitt­lun­gen. Um die flüch­ten­den Mör­der auf­zu­hal­ten, greift er zu ei­ner au­ßer­ge­wöhn­li­chen Maß­nah­me: Al­le Zu­gän­ge, in­klu­si­ve der 21 Brü­cken von und nach Man­hat­tan wer­den ge­sperrt. 

„21 Bridges“ ist ein Film der ver­ta­nen Chan­cen. Wer ein „iso­lier­tes Manhattan“-Szenario im Stil von John Car­pen­ters „Die Klap­per­schlan­ge“ er­war­tet, sieht sich ent­täuscht. Für die Ge­schich­te ist es völ­lig egal, ob die In­sel ab­ge­schot­tet wird oder nicht, je­den­falls macht der Film rein gar nichts aus sei­ner Idee. Un­sin­ni­ge Dreh­buch­ein­fäl­le gibt es zu­hauf. So zieht sich bei­spiels­wei­se ei­ner der Mör­der wäh­rend der Flucht um, ra­siert sich den Bart ab und setzt ei­ne Bril­le auf – er will sein mitt­ler­wei­le stadt­be­kann­tes Aus­se­hen ver­än­dern – um nur ei­ne Mi­nu­te spä­ter durch be­son­ders auf­fäl­li­ges Ver­hal­ten den gan­zen Auf­wand zu­nich­te­zu­ma­chen. Da fragt man sich: wo­zu?

Mit Mil­de be­trach­tet, ist „21 Bridges“ aber gar nicht so übel, wie die US-Kri­tik be­haup­tet. Es wim­melt zwar von kon­stru­ier­ten Wen­dun­gen und Zu­fäl­len, doch lässt man das gan­ze im Nichts ver­puf­fen­de Blend­werk weg, bleibt ein so­li­der, durch­aus span­nen­der Po­li­ce-Thril­ler.

FAZIT

Trotz des lieb­los hin­ge­schlu­der­ten Dreh­buchs: ac­tion­rei­che Un­ter­hal­tungs­wa­re.

Ori­gi­nal­ti­tel „21 Bridges“
USA 2019
100 min
Re­gie Bri­an Kirk
Ki­no­start 06. Fe­bru­ar 2020